Herkunft und Namen

Der Hafen trägt im Sindarin den Namen Mithlond, gebildet aus mith, „grau“, und lond, „Anfurt“ oder „Hafen“ – eine Zusammensetzung, die die deutsche Bezeichnung „Graue Anfurten“ ebenso wie das englische Grey Havens unmittelbar wiedergibt. In den erhaltenen Texten stehen die elbische und die verdeutschte Form meist nebeneinander, sodass Mithlond weniger als eigenständiger, konkurrierender Name erscheint denn als sprachlicher Ursprung der geläufigeren Übersetzung, mit der Erzähler und Figuren gleichermaßen auf den Ort verweisen.

Neben der vollen Bezeichnung findet sich im Erzähltext auch die knappere Form „die Anfurten“, sobald aus dem Zusammenhang klar ist, welcher Ort gemeint ist – eine Verkürzung, wie sie für vertraute, oft genannte Stätten typisch ist. Der Plural in beiden Sprachen deutet zugleich an, dass es sich nicht um eine einzelne Kaimauer, sondern um eine ausgedehnte Hafenanlage handelt: Die Bucht, in die der Lune mündet, wird als geräumiger Ankergrund beschrieben, der zahlreiche Schiffe zugleich fasste, und diese Weite dürfte den Namen mitgeprägt haben.

Das Element lond kehrt in der elbischen Namengebung an anderer Stelle wieder: Auch Alqualonde, der Schwanenhafen der Teleri in Aman, trägt es und verweist damit auf eine gemeinsame sprachliche Wurzel für „Hafen“ bei den seefahrenden Elbenvölkern. Anders als viele Orte Mittelerdes ist der Name der Grauen Anfurten somit rein beschreibend gebildet, nicht nach einer Gründerfigur oder einem einzelnen Ereignis: Weder Círdan, der den Ort seit alters hütet, noch ein bestimmtes Geschehen sind sprachlich im Namen selbst verankert.

Lage und Landschaft

Die Grauen Anfurten liegen in Lindon, dem schmalen Küstenland, das sich westlich der Blauen Berge zwischen dem Gebirgsfuß und dem Meer erstreckt. An einer Stelle durchbricht das Gebirge seine sonst geschlossene Linie: Dort mündet der Fluss Lune in einen weiten Meeresarm, den Golf von Lune, der Lindon in einen nördlichen Teil, Forlindon, und einen südlichen Teil, Harlindon, teilt. Am Kopf dieses Golfs, wo Fluss und offenes Meer ineinander übergehen, liegt der Hafen selbst, im Rücken durch die Ausläufer der Blauen Berge geschützt und zugleich unmittelbar dem Meer zugewandt. Das Wasser der Bucht galt als tief und ruhig genug, um zahlreichen Schiffen zugleich sicheren Ankergrund zu bieten, sodass die Anfurten über die Zeitalter hinweg der bedeutendste Flottenstützpunkt der Elben an dieser Küste blieben.

Nach Osten hin führte eine alte Straße vom Hafen landeinwärts, vorbei an einer Hügelkette mit hohen weißen Türmen, bis sie die Grenzen des Auenlands erreichte. Von den westlichen Höhen des Auenlands aus ließ sich das Land um die Anfurten bei klarem Wetter noch erahnen – ein Zeichen dafür, wie nahe die Elbenküste dem Auenland liegt, obwohl sie selbst außerhalb seiner Grenzen bleibt. Weiter nach Westen erstreckt sich jedoch kein bewohntes Land mehr: Die Grauen Anfurten markieren den äußersten Küstensaum Mittelerdes, jenseits dessen sich nur noch das offene Meer auftut.

Dieselbe Straße setzte sich, den Überlieferungen zufolge, weit über das Auenland hinaus fort: Sie führte in alter Zeit durch Eriador ostwärts bis nach Bruchtal und verband die Anfurten so mit den Elbensiedlungen im Landesinneren. Über diesen Weg blieb der Hafen, obwohl er selbst am äußersten Rand der bewohnten Welt lag, mit den übrigen freien Völkern Mittelerdes verbunden, lange bevor Bruchtal oder das Auenland in ihrer bekannten Gestalt bestanden.

Geschichte

Die Geschichte der Grauen Anfurten als eigener Hafen beginnt am Ende des Ersten Zeitalters, im Gefolge des Kriegs des Zorns, der weite Teile Beleriands im Meer versinken ließ. Círdan hatte zuvor an der beleriandischen Küste die Häfen von Brithombar und Eglarest gehütet; mit dem Untergang jenes Landes gingen auch sie verloren. Die Elben jener Küstenvölker zogen sich mit Círdan und Gil-galad ostwärts in das neu entstandene Küstenland Lindon zurück, das vom Zusammenbruch Beleriands verschont geblieben war. Am Golf von Lune, wo der Fluss Lune breit ins Meer mündet, wurde in den ersten Jahren des Zweiten Zeitalters der neue Hafen gegründet, der fortan Mithlond hieß und zum Sitz von Gil-galads Reich wurde.

Im Verlauf des Zweiten Zeitalters wuchsen die Anfurten zum wichtigsten Flottenstützpunkt der Elben Mittelerdes heran. Von hier aus unterhielt Gil-galads Reich Verbindungen zu den Seefahrern Númenors, die in jenen Jahrhunderten regelmäßig an dieser Küste anlegten und mit den Elben Handel und Freundschaft pflegten. Als Sauron in der Mitte des Zeitalters gegen die Elbenreiche Eriadors zog und Gil-galads Land bedrängte, lief zur Rettung eine Flotte aus Númenor in den Hafen ein; ihr Eingreifen wandte das Kriegsglück und bewahrte die Anfurten und Lindon vor dem Fall.

Gegen Ende des Zweiten Zeitalters, nach dem Untergang Númenors, erreichten Elendil und die geretteten Getreuen mit ihren Schiffen die Küste Lindons unweit der Anfurten. Gil-galad nahm die Ankömmlinge auf, und aus dieser Begegnung erwuchs das Bündnis zwischen Elben und Menschen, das kurz darauf als Letztes Bündnis in den Krieg gegen Sauron zog. In Lindon und an den Anfurten wurden die Heere für jenen Feldzug versammelt, ehe sie ostwärts gegen Mordor aufbrachen.

Mit Gil-galads Fall im Jahr 3441 des Zweiten Zeitalters endete die Zeit, in der die Anfurten Sitz eines eigenen Königreichs waren. Círdan blieb jedoch als Hüter des Hafens zurück, ohne selbst ein Reich zu beanspruchen, und wachte während des gesamten Dritten Zeitalters über die Schiffe und Kais von Mithlond. Anders als manch andere Stätte Eriadors blieb der Hafen, soweit überliefert, von unmittelbaren Angriffen verschont und bestand in ruhiger Beständigkeit fort.

Als die Istari zu Beginn des Dritten Zeitalters über das Meer nach Mittelerde kamen, betrat Gandalf als einer der ersten die Anfurten, wo Círdan ihn empfing. Círdan, der selbst seit den Tagen Gil-galads einen der drei Elbenringe verwahrte, erkannte in Gandalf sogleich einen Verbündeten von besonderem Gewicht für den kommenden Kampf gegen den Schatten und übergab ihm dort den Feuerring Narya, den fortan Gandalf trug.

Im Jahr 3021 des Dritten Zeitalters, nach dem Ende des Ringkriegs, wurden die Anfurten noch einmal Schauplatz eines großen Aufbruchs: Bilbo und Frodo Beutlin bestiegen hier gemeinsam mit Gandalf, Elrond und Galadriel eines der weißen Schiffe und verließen die Kreise der Welt auf dem Geraden Weg in die Unsterblichen Lande. In den folgenden Jahrzehnten des Vierten Zeitalters folgten weitere Gefährten desselben Krieges: Sam Gamdschie brach, nachdem er sein Amt und sein Erbe an seine Tochter übergeben hatte, von den Anfurten aus über das Meer auf, und auch Legolas soll nach Aragorns Tod ein Schiff gebaut und zusammen mit Gimli, dem Zwerg, die Anfurten verlassen haben. Mit jedem dieser Aufbrüche verringerte sich die Zahl der Elben, die noch in Mittelerde verweilten, und die Anfurten blieben bis zuletzt der Ort, an dem sich dieser langsame Abschied vollzog.

Volk und Herrschaft

Die Bewohner der Grauen Anfurten sind Elben telerischer Abkunft, wie schon jene Küstenelben, die Círdan einst als Fürst der Falas in Beleriand anführte, ehe der Untergang jenes Landes sie nach Lindon trieb. In den Anfurten selbst beansprucht Círdan zu keiner Zeit den Rang eines Königs; er gilt als Herr der Anfurten, der über Werft, Flotte und Hafen wacht, während die Oberhoheit über Lindon als Ganzes während des Zweiten Zeitalters bei Hochkönig Gil-galad liegt. Erst mit dessen Fall bleibt Círdan ohne Lehnsherrn über sich, ohne dass er deshalb selbst einen Königstitel annähme; die Anfurten bleiben unter seiner schlichten Führung ein Ort ohne höfischen Anspruch, ganz auf die Aufgabe des Hafens ausgerichtet.

Über das gesamte Dritte Zeitalter hinweg sind die Anfurten weniger eine dicht besiedelte Stadt als ein Sammelpunkt, zu dem Elben unterschiedlichster Herkunft aus dem ganzen Westen Mittelerdes finden, um von dort über das Meer zu scheiden. So begegnet Frodo im Auenland der Schar Gildor Inglorions, Hochelben, die auf dem Weg zu den Anfurten sind und nach eigener Auskunft im Land bereits als Fremde gelten. Zu den Hobbits selbst unterhalten die Bewohner der Anfurten kaum unmittelbaren Umgang; das Auenland liegt zwar in Reichweite des Hafens, doch abgesehen von solchen durchziehenden Gruppen bleibt der Kontakt beiläufig und ohne engere Bindung.

Politisch bleiben die Anfurten während des gesamten Dritten Zeitalters ein eigenständiges elbisches Gebiet, das auch nach dem Zerfall Arnors in die Nachfolgereiche der Dúnedain nicht eingegliedert wird, sondern unter Círdans Führung unabhängig fortbesteht. Zugleich bleibt der Hafen mit den übrigen freien Völkern verbunden: Als Elrond in Bruchtal den Rat beruft, der über den Einen Ring entscheidet, entsendet Círdan mit Galdor einen eigenen Boten der Anfurten, der dort in seinem Namen spricht. Diese Vertretung zeigt, dass die Anfurten trotz ihrer Randlage am äußersten Westen weiterhin als eigenständige Stimme unter den Reichen und Völkern Mittelerdes gelten.

In der Geschichte

In der Erzählstruktur des Romans markieren die Grauen Anfurten den eigentlichen Schluss: Das letzte Kapitel trägt ihren Namen und bildet damit den erzählerischen Gegenpol zum abenteuerlichen Aufbruch, mit dem die Geschichte begann. Nachdem die vier heimgekehrten Hobbits zuvor das Auenland von Sarumans Nachwirkungen befreit haben, führt der letzte Weg der Erzählung noch einmal aus dem vertrauten Land hinaus an die Küste – nicht zu einem neuen Abenteuer, sondern zu einem endgültigen Abschied. Der Ort steht damit weniger für ein Geschehen als für einen Übergang: Er beschließt die Geschichte des Ringkriegs, ohne selbst Schauplatz von Kampf oder Prüfung zu sein.

Was am Kai der Anfurten geschieht, trägt in der Erzählung durchweg den Ton des Verlusts, nicht des Triumphs. Die Ankunft der Reisenden im Hafen markiert den Punkt, an dem sich die Wege der Gefährten endgültig trennen: Wer aufs Schiff geht, verlässt Mittelerde für immer, wer zurückbleibt, kehrt in eine Welt zurück, aus der mit den Scheidenden zugleich ein Stück Zauber und alte Macht verschwindet. Diese doppelte Bewegung – Abschied auf der einen, Heimkehr auf der anderen Seite – gibt dem Romanende seine eigentümlich gedämpfte Stimmung: Der Sieg über Sauron wird an diesem Ort nicht gefeiert, sondern in seinem Preis bemessen.

Für Frodo insbesondere erfüllt sich an den Anfurten, was ihm lange zuvor, noch in Tom Bombadils Haus, in einem Traumbild erschienen war: eine ferne, licht überflutete Küste jenseits des Meeres. Diese frühe Vision, zum Zeitpunkt ihres Auftretens unverständlich, erweist sich rückblickend als Vorausdeutung auf genau diesen Ort und diese Abfahrt. Zugleich löst der Aufbruch von den Anfurten ein Problem, das die Erzählung seit Frodos Verwundung offenlässt: Seine Wunden und seine Erschöpfung heilen in Mittelerde nicht vollständig, sodass der Weg über See als einzig verbliebener Ausweg aus einem Leid erscheint, das der Sieg über den Ring allein nicht beheben konnte.