Was für ein Buch das ist

Der Band ist kein Erzählwerk, sondern eine Edition: Christopher Tolkien legt darin Arbeitspapiere seines Vaters vor, ordnet sie und erläutert sie. Er steht an siebter Stelle der zwölfbändigen Reihe und bildet zugleich das zweite Glied jener vier Bände, die eigens der Entstehung des „Herrn der Ringe“ gewidmet sind; er nimmt den Faden dort auf, wo der Vorgängerband abbrach, und führt ihn bis an die Schwelle des folgenden. Der Titel ist nicht neu erfunden, sondern einer von Tolkiens eigenen Überschriften für die inneren Bücher seines Romans entlehnt — ein Verfahren, das die Reihe auch bei den Nachbarbänden anwendet. Wer den Band aufschlägt, hält damit eine Werkstattdokumentation in der Hand, deren Gegenstand ein bereits abgeschlossenes, längst gedrucktes Buch ist.

Der Aufbau folgt der Handschriftenfolge, nicht der Handlung. Kapitelweise wird ein Entwurfstext abgedruckt oder in Auszügen wiedergegeben, darauf folgt der Kommentar des Herausgebers: Datierungsfragen, Lesarten schwer entzifferbarer Stellen, Verhältnis zu früheren und späteren Fassungen, dazu Anmerkungsapparate mit Einzelnachweisen. Eingeschoben sind Abschnitte, die nicht der Erzählprosa gelten, sondern dem Beiwerk — kartographischen Vorarbeiten, Namenlisten, Schriftzeichen und Zeitrechnungen. Christopher Tolkien spricht durchgehend in der ersten Person und macht seine Beweislage sichtbar: Er scheidet Gesichertes von Vermutetem, benennt Lücken und korrigiert gelegentlich eigene frühere Annahmen. Diese Zurückhaltung ist das eigentliche Kennzeichen der Darstellung; sie erklärt nichts, was die Papiere nicht hergeben.

Das Buch setzt Kenntnis des veröffentlichten Romans voraus. Es richtet sich an Leser, denen der Weg von Bruchtal bis zum Auseinanderbrechen der Gefährten geläufig ist und die wissen wollen, über welche Umwege er gefunden wurde — an philologisch Interessierte, an Übersetzer und an alle, die mit Textgenese umgehen. Für das Legendarium hat der Band deshalb einen klar begrenzten Rang: Was hier steht, sind verworfene Stufen, keine gültigen Auskünfte über Mittelerde. Wo ein Entwurf dem gedruckten Text widerspricht, gilt der gedruckte Text; der Wert der Edition liegt darin, den Weg dorthin nachvollziehbar zu machen, nicht darin, ihn zu ersetzen. Eine deutsche Ausgabe des Bandes gibt es nicht, weshalb auch im deutschen Sprachgebrauch der englische Titel die übliche Nennform bleibt.

Entstehung und Veröffentlichung

Der Stoff, den der Band vorlegt, ist sehr viel älter als der Band selbst. Tolkien nahm die Fortsetzung des „Hobbits“ Ende 1937 in Angriff, wenige Monate nach dessen Erscheinen, und arbeitete mit langen Unterbrechungen daran weiter; nach seiner eigenen Auskunft war die Erzählung erst 1949 abgeschlossen, gedruckt wurde sie 1954 und 1955 in drei Teilbänden. Zwischen dem ersten Ansatz und dem fertigen Buch liegen also gut zwölf Jahre, und in diesen Jahren entstanden die Papiere, die der siebte Band ordnet. Er deckt dabei nicht die ganze Strecke ab, sondern ein mittleres Stück: die Arbeit an dem Weg, der von Bruchtal aus südwärts führt, und an den ersten Kapiteln jenseits der Trennung der Gefährten. Der Abstand zwischen Niederschrift und Edition beträgt damit knapp ein halbes Jahrhundert.

Wie diese Arbeit vor sich ging, hat Tolkien in Briefen mehrfach beschrieben, und diese Selbstauskünfte bilden den Rahmen, in den der Herausgeber die Manuskripte einpasst. Danach war die Fortsetzung zunächst eine Auftragsarbeit auf Wunsch von Verlag und Leserschaft, wuchs aber unter der Hand zu etwas weit Größerem und Dunklerem, als am Anfang beabsichtigt war. Tolkien betont, dass er ohne Plan vorging: Er habe unterwegs Dinge angetroffen, die ihn selbst überraschten, und als Streicher in der Ecke des Gasthauses auftauchte, habe er so wenig gewusst, wer dort saß, wie Frodo es wusste. Diese Art des Schreibens — vorwärtstastend, mit Rückgriffen und ganzen Neuansätzen — erklärt, warum zu einzelnen Kapiteln mehrere vollständige Fassungen nebeneinander überliefert sind. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass ein Band dieses Zuschnitts überhaupt Material hat.

Zur Chronologie gehören ebenso die Stockungen. Im Vorwort zur zweiten Auflage benennt Tolkien selbst, dass die Erzählung über längere Strecken liegen blieb und dass er sich erst 1944 die Wanderung Frodos nach Mordor vornahm. Die im siebten Band gesammelten Entwürfe fallen in die Jahre davor, in eine Zeit also, in der noch offen war, welche Gestalt die Handlung nach dem Auseinanderbrechen der Gemeinschaft annehmen würde. Geschrieben wurde neben dem akademischen Dienst in Oxford und unter den Bedingungen der Kriegsjahre; die Sprünge und Liegezeiten, die der Manuskriptbefund zeigt, haben hier ihren äußeren Grund. Wer die Datierungen der Edition nachprüfen will, findet in dieser knappen Selbstauskunft den einzigen von Tolkien selbst gesetzten Maßstab.

Der Band erschien 1989 in London bei Allen & Unwin, dessen Programm kurz darauf an HarperCollins überging, und in den Vereinigten Staaten bei Houghton Mifflin. Er folgte dem Vorgängerband von 1988 in kurzem Abstand; 1990 und 1992 kamen die beiden übrigen Bände jener auf den Roman bezogenen Vierergruppe nach, die zusammen auch unter dem Sammeltitel „The History of The Lord of the Rings“ geführt wird. Spätere Auflagen — Taschenbuchausgaben und gebündelte Nachdrucke — geben den Text der Erstausgabe wieder; eine überarbeitete Fassung hat der Band nicht erhalten, was ihn von seinem Gegenstand unterscheidet. Der Roman nämlich erschien zu Tolkiens Lebzeiten noch einmal in durchgesehener Gestalt, und erst deren Vorwort lieferte jene Umrisserzählung der Entstehung, die die Edition dreiundzwanzig Jahre später Blatt für Blatt ausfüllt.

Aufbau und Inhalt

Den Bogen, den der Band beschreibt, liest man am besten am gedruckten Roman ab. Er setzt nicht in Bruchtal ein, sondern ein Stück davor: bei einem erneuten Durchgang durch die schon geschriebenen Anfangskapitel, den Tolkien unternahm, ehe er weiterkam. Von dort folgt er dem Zweiten Buch der Reihe nach — Rat von Elrond, Aufbruch nach Süden, Moria, Lothlórien, die Fahrt auf dem Strom, die Trennung der Gefährten — und reicht noch in die ersten Kapitel des Dritten Buches hinein, bis zur Begegnung mit Baumbart im Fangorn. Wer einen bestimmten Entwurf sucht, schlägt also ungefähr dort nach, wo im Roman das entsprechende Kapitel steht; die Folge der Abschnitte deckt sich weitgehend mit der Kapitelfolge des veröffentlichten Textes. Wo der Band abbricht, nimmt der nächste die Arbeit an denselben Handschriften auf.

Zwischen die Erzählkapitel sind Abschnitte eingeschoben, die einem einzelnen Gegenstand gelten und deshalb aus der Kapitelfolge herausfallen. Einer davon verfolgt das Lied, das Bilbo Beutlin in Bruchtal vorträgt, durch seine Fassungen zurück bis zu einem älteren, ursprünglich für sich stehenden Gedicht, das mit Mittelerde zunächst nichts zu tun hatte. Ein zweiter gilt der ersten großen Karte, die Tolkien für den Roman zeichnete; er steht nicht am Anfang, sondern etwa in der Mitte des Bandes, weil die Frage nach Entfernungen und Tagesmärschen erst auf der Strecke südlich von Lothlórien drängend wurde, und er bildet die besprochenen Blätter mit ab. Ein dritter behandelt die Runen und Schriftzeichen, deren geordnete Darstellung im Roman erst der Anhang über Schrift und Schreibung liefert. Diese Einschübe sind für den Leser die am leichtesten auffindbaren Stellen des Buches, weil sie sich nicht an einer Kapitelnummer, sondern an ihrem Thema orientieren.

Neben der Erzählprosa steht Material, das im fertigen Buch nicht in die Handlung, sondern in den Anhang wanderte oder ganz unsichtbar blieb: Datumsrechnungen und Zeitpläne, mit denen Tolkien die Bewegungen der getrennten Gruppen gegeneinander abglich, und die aus ihnen später die Zeittafel des Anhangs wurde. Solche Stücke stehen jeweils an der Stelle, an der das Problem im Manuskript auftrat, nicht gesammelt am Ende. Beschlossen wird der Band durch ein Namenregister, das die Entwurfsformen und die gedruckten Formen nebeneinanderstellt und damit den einzigen bequemen Zugang bietet, wenn man von einem Namen und nicht von einem Kapitel ausgeht. Ein Glossar oder eine Einführung in den Roman selbst fehlt; der Band verweist statt dessen fortlaufend auf seine Nachbarbände zurück und voraus, sodass ein längerer Handschriftenstrang nur über mehrere Bände hinweg vollständig zu verfolgen ist.

Stellung im Legendarium

Zweierlei setzt der Band voraus, und nur eines davon ist der Roman, dessen Entstehung er dokumentiert. Die Handlung, um deren Ausarbeitung es geht, hängt an einem älteren, bereits gedruckten Buch: Ohne den Fund des Ringes in den Stollen unter dem Nebelgebirge und ohne die Begegnung mit Gollum, von denen der „Hobbit“ berichtet, wäre der Aufbruch der Gefährten nicht denkbar. Hinzu kommt ein zweiter Hintergrund, der damals unveröffentlicht war. Tolkien hat im Vorwort zur zweiten Auflage selbst angedeutet, dass die neue Geschichte in den älteren Sagenkreis hineingezogen wurde, an dem er seit langem arbeitete; die Entwürfe zeigen diesen Sog von der anderen Seite, nämlich als praktisches Arbeitsproblem. Wer den Band ohne Kenntnis beider Bezugspunkte aufschlägt, hält Bruchstücke in der Hand, deren Fluchtlinien fehlen.

Dass diese Verbindung keine nachträgliche Deutung von Herausgeberseite ist, belegt Tolkiens eigener Umgang mit seinen Texten. In einem ausführlichen Brief an einen Verleger stellte er die Ringgeschichte und die ältere Mythologie als ein einziges, wechselseitig aufeinander angewiesenes Werk dar und wollte beides zusammen gedruckt sehen; erst die Weigerung des Verlages trennte, was für ihn zusammengehörte. Von dieser Absicht her erklärt sich, warum in den gesammelten Papieren Namen und Anspielungen aus den älteren Zeitaltern auftauchen, lange bevor der veröffentlichte Roman ihnen in seinen Anhängen eine feste Gestalt gab. Der Band steht deshalb nicht neben dem übrigen Legendarium, sondern an einer seiner Nahtstellen: Er zeigt die Stelle, an der der alte Stoff in ein Buch hineinwuchs, dessen Leser von ihm nichts wussten.

Nach der anderen Seite hin grenzt der Band an Texte, die zeitlich hinter dem Roman liegen. Zu mehreren Gegenständen, die hier erst im Entwurf entstehen — dem Aufenthalt in Lothlórien, der Herkunft Galadriels, der Frage, was für Wesen die Zauberer eigentlich seien —, hat Tolkien nach der Veröffentlichung noch ausgearbeitete Darstellungen verfasst, die posthum in den „Nachrichten aus Mittelerde“ erschienen. Beide Sammlungen sind Editionen aus dem Nachlass, doch sie liegen auf verschiedenen Seiten des gedruckten Buches: Die eine hält fest, wie der Text gefunden wurde, die andere, wie ihr Verfasser ihn später weiterdachte. Wer eine Auskunft über die Vorgeschichte einer Figur sucht und nicht über die Vorgeschichte eines Kapitels, greift zur späteren Sammlung. Die Ähnlichkeit der Buchform verdeckt diesen Unterschied leicht, und er ist der wichtigste, den man beim Nebeneinanderstellen im Auge behalten muss.

Damit ist auch bestimmt, worüber der Band nichts entscheidet. Fragen nach dem, was in Mittelerde geschehen ist, beantworten die Anhänge des Romans: Für Jahreszahlen und die Abfolge der Ereignisse steht dort die durchlaufende Jahresrechnung bereit, für die Geschichte Morias und des Volkes, das es baute, der eigene Abriss über Durins Geschlecht. Wo ein Entwurf eine andere Auskunft gibt, ist das kein Widerspruch zweier Überlieferungen, sondern der Abstand zwischen einer verworfenen und einer beibehaltenen Absicht — die frühere Stufe hat nie Geltung beansprucht. Der Nutzen des Bandes für das Legendarium liegt entsprechend nicht im Zuwachs an Auskünften, sondern im Verständnis dafür, wie fest oder wie zufällig einzelne Züge des veröffentlichten Textes zustande kamen.

Aufnahme und Wirkung

Der Band erreichte nie den Leserkreis des Romans, dessen Entstehung er dokumentiert, und war darauf auch nicht angelegt. Sein Fortleben besteht wesentlich in Nachdrucken: Auf die gebundene Erstausgabe folgten Taschenbuchausgaben in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten, dazu Kassetten, die die vier zum Roman gehörenden Bände zusammenfassen. Der Wortlaut blieb dabei unangetastet. Nachträge und Berichtigungen, wie Christopher Tolkien sie gelegentlich zu bereits erschienenen Bänden vorlegte, stehen deshalb nicht in diesem Band, sondern jeweils im Vorspann des später erschienenen; wer eine Angabe prüfen will, muss die Nachbarbände mit aufschlagen.

In andere Sprachen ist der Band übertragen worden, wenn auch mit großem Abstand zum Erscheinen des Originals. Französisch liegt er bei Christian Bourgois in der Übersetzung von Daniel Lauzon vor, spanisch bei Minotauro; beide Verlage haben die auf den Roman bezogene Vierergruppe geschlossen herausgebracht. Im deutschen Sprachgebiet ist die Lage eine andere: Von der zwölfbändigen Reihe sind allein die beiden Bände des „Buchs der verschollenen Geschichten“ bei Klett-Cotta erschienen, die Bände drei bis zwölf nicht. Wer auf Deutsch über den siebten Band schreibt, arbeitet folglich mit der englischen Ausgabe und übernimmt deren Namenformen, während für den Roman selbst die eingebürgerten deutschen Formen gelten — eine Doppelung, die beim Zitieren auseinandergehalten werden muss.

Für den fachlichen Gebrauch hat sich eine knappe Zitierweise nach Reihenkürzel, Bandnummer und Seite durchgesetzt, die freilich an eine bestimmte Ausgabe gebunden bleibt, weil die Zählung zwischen gebundener und broschierter Fassung auseinanderläuft. Der Band besitzt kein Register, das über ihn hinausreicht; erst nach Abschluss der Reihe wurde ein Gesamtindex nachgereicht, der die Einzelregister aller zwölf Bände zusammenführt und damit die bandübergreifende Suche nach einem Namen oder einer Sache überhaupt erst praktikabel macht. Bis dahin blieb die Benutzung darauf angewiesen, dass der Herausgeber selbst fortlaufend nach vorn und nach hinten verweist.