Herkunft und Namen
Der Name „Eru Ilúvatar“ ist quenya und vereint zwei Bestandteile, die je einen anderen Aspekt desselben Wesens beleuchten. „Eru“ bedeutet „der Eine“ oder „der Alleinige“ und betont, dass ursprünglich nichts neben ihm bestand, sondern alles Übrige erst aus ihm hervorging. „Ilúvatar“ wiederum setzt sich aus „Ilú-“, das auf das Weltall oder die Gesamtheit alles Seienden verweist, und „-atar“, dem Wort für „Vater“, zusammen; sinngemäß lässt sich der Name also als „Vater von Allem“ verstehen. Diese Deutung ist keine beiläufige Übersetzung, sondern wird eigens im Namensglossar am Ende des Silmarillion erläutert, das die Bestandteile elbischer Namen aufschlüsselt.
In der Erzähltradition der Ainur ist vor allem der Name Ilúvatar gebräuchlich, da er das Verhältnis eines Vaters zu seinen Geschöpfen ausdrückt: Die Ainur verstehen sich selbst als aus seinem Gedanken hervorgegangen, ehe irgendetwas anderes bestand. Elben und Menschen, die in den Überlieferungen zusammenfassend als „Kinder Ilúvatars“ bezeichnet werden, greifen daneben häufiger auf die kürzere Form „Eru“ zurück, die seine Einzigartigkeit gegenüber allen anderen Mächten unterstreicht. Dieser Name blieb auch unter den Menschen in Gebrauch, wie sich an der Verehrung des Eru bei den Bewohnern Númenors zeigt.
Eru selbst hat im eigentlichen Sinn keine Herkunft: Er entstammt keiner ihm vorausgehenden Macht, sondern besteht aus sich selbst heraus und war bereits, ehe Zeit oder Raum überhaupt bestanden. Damit unterscheidet er sich grundlegend von den Ainur, die von ihm erst ins Dasein gerufen wurden und die zu seinem Wesen gerechnet ihm dennoch nie gleichgestellt sind. Er selbst zählt zu keiner der später aus ihm hervorgegangenen Ordnungen und wird in der Überlieferung nicht als Gestalt unter anderen Gestalten geschildert, sondern als das ihnen allen zugrunde liegende, von ihnen unterschiedene Sein.
Geschichte
Am Anfang, noch bevor die Zeit ihren Lauf nahm, erschuf Eru die Ainur einzeln aus seinem Gedanken und unterwies jeden für sich in der Kunst des Gesangs, sodass sie einander zunächst nicht kannten. Erst als ihre Zahl vollständig war, versammelte er sie und legte ihnen ein großes Thema vor, aus dem heraus sie gemeinsam eine Musik entfalten sollten – jeder nach seinem eigenen Verständnis, doch im Einklang mit den übrigen Stimmen. Dieses Zusammenspiel wird als die Große Musik der Ainur überliefert, mit der die eigentliche Erzählung von Erus Wirken einsetzt.
Im Verlauf dieser Musik erhob Melkor, der mächtigste unter den Ainur, seine eigene Stimme gegen die vorgegebene Ordnung und webte Gedanken ein, die nicht von Eru stammten, wodurch sich Missklang ausbreitete und sich andere Ainur ihm anschlossen oder gegen ihn ansangen. Zweimal griff Eru selbst ein und führte neue Themen ein, die den Aufruhr nicht unterdrückten, sondern in ihre eigene Feierlichkeit und Tiefe aufnahmen, sodass sich zeigte, dass keine Erhebung gegen ihn seinen letztlichen Willen zu vereiteln vermochte. Schließlich beendete Eru die Musik mit einem einzigen gewaltigen Klang.
Anschließend offenbarte Eru den versammelten Ainur eine Schau der Welt, die aus dieser Musik hervorgehen würde, und ließ sie erkennen, wie ihre Themen, den Missklang eingeschlossen, darin Gestalt annahmen. Als sich die Vision wieder auflöste, verlieh Eru dem zuvor nur Erdachten wirkliches Sein und sandte die namenlose Flamme in die Mitte der Welt, sodass diese von einer bloßen Schau zu einer sich selbst entfaltenden Geschichte wurde. Ein Teil der Ainur entschied sich daraufhin, in diese neu geschaffene Welt hinabzusteigen, um sie zu ordnen und über sie zu wachen.
In die Musik der Ainur hatte Eru von Anfang an ein Thema eingewoben, das keiner der Ainur selbst ersonnen hatte und das folglich auch keiner von ihnen vollständig durchschaute: die Erschaffung der Kinder Ilúvatars. Zur von ihm allein bestimmten Stunde ließ Eru die Elben in Cuiviénen erwachen und ließ, an einem anderen, ihm vorbehaltenen Ort und zu späterer Zeit, die Menschen in Hildórien hervortreten, ohne dass die Valar zuvor gewusst hätten, wann und wie dies geschehen würde. Beiden Geschlechtern bestimmte er ein unterschiedliches Los: den Elben Unsterblichkeit innerhalb der Dauer Ardas, den Menschen dagegen den Tod als eine ihnen eigens zugedachte Gabe, die sie aus der Musik der Ainur und ihrem Schicksal herauslöste – eine Gabe, die unter dem Schatten Melkors später vielfach als Fluch empfunden wurde statt als das, was Eru ihr ursprünglich gegeben hatte.
Nach der Erschaffung der Welt trat Eru der Überlieferung nach nur ein einziges Mal noch unmittelbar und sichtbar in ihren Lauf ein: beim Untergang Númenors. Als Ar-Pharazôn, der letzte König der Insel, ein bewaffnetes Heer gegen die Valar nach Aman führte, um den Unsterblichen die Herrschaft zu entreißen, legten die Valar ihre Macht in Erus Hände zurück, und dieser griff selbst ein. Er trennte Aman und Eressëa aus dem Umkreis der Welt heraus, veränderte ihre Gestalt von einer flachen zu einer gekrümmten und ließ Númenor selbst in den Fluten versinken. Von diesem Ereignis abgesehen berichten die Überlieferungen von keinem weiteren Mal, dass Eru nach der Erschaffung der Welt noch einmal offen und unmittelbar in die Geschicke seiner Geschöpfe eingriff.
Rolle und Macht
Innerhalb des Gefüges des Legendariums nimmt Eru eine Stellung ein, die außerhalb jeder Rangordnung liegt, die er selbst geschaffen hat. Die Valar, die mächtigsten unter den Ainur, gestalten und verwalten Arda zwar wie Regenten und tragen darin sichtbare Herrschaft, doch gilt diese Macht in der Überlieferung stets als ihnen von Eru anvertraut und nicht als ursprünglich eigene. Unter ihnen wird Manwe als derjenige beschrieben, der Erus Gedanken und Absichten am unmittelbarsten erkennt und ihm inniger verbunden ist als jeder andere der Valar, ohne dass dies Erus eigene, ungeteilte Autorität schmälern würde. Eru selbst tritt in dieser Ordnung nicht als oberster unter Regierenden auf, sondern als das ihr zugrunde liegende, von ihr kategorial verschiedene Prinzip.
Seine eigentliche, keinem anderen Wesen zugängliche Macht liegt im Besitz dessen, was in der Überlieferung als das Unvergängliche Feuer oder Geheime Feuer bezeichnet wird: die Fähigkeit, aus bloß Erdachtem wirkliches, eigenständiges Sein hervorgehen zu lassen. Selbst Melkor, der mächtigste der Ainur, durchstreifte den Berichten zufolge lange die Leere auf der Suche nach diesem Feuer, in der Hoffnung, damit eigene Geschöpfe ins Dasein rufen zu können, fand es aber nirgends, da es einzig bei Eru verblieb. Wie eng diese Grenze gezogen ist, zeigt sich auch am Wirken Aules, der die Zwerge nach eigenem Entwurf formte, ihnen jedoch aus eigener Kraft keinen selbständigen Willen verleihen konnte; erst Erus nachträglich gewährte Zustimmung machte sie zu wirklich lebendigen, frei handelnden Wesen und nicht zu bloß bewegten Werkstücken ihres Schöpfers.
In der erzählten Geschichte Arda tritt diese uneingeschränkte Macht dennoch nur selten unmittelbar hervor. Nach der Erschaffung der Welt überlässt Eru ihre laufende Gestaltung den Valar und, in geringerem Maß, den Kindern Ilúvatars selbst, ohne fortwährend lenkend einzugreifen oder Gehorsam gewaltsam zu erzwingen; auch Melkors Auflehnung und das Leid, das daraus für Arda erwächst, werden zugelassen, statt von vornherein unterbunden. Diese Zurückhaltung wird in der Überlieferung nicht als Grenze seiner Macht gedeutet, sondern als ihr eigentlicher Ausdruck: Erus Autorität erweist sich weniger in beständigem Handeln als darin, dass ihr auf Dauer kein Widerstand zu entkommen vermag.
Beziehungen
Eru steht zu keinem der ihm untergeordneten Wesen in einem Verhältnis der Ebenbürtigkeit, doch unter den Valar wird ausdrücklich hervorgehoben, dass Manwe ihm am nächsten steht und seinen Willen am klarsten erkennt, weshalb Manwe als Statthalter Erus in Arda gilt, ohne dass dessen Macht daraus eine ihm eigene wäre. Ein Gegenstück dazu bildet Melkor, der ursprünglich Manwe an Macht am nächsten verwandt war, sich aber gerade deshalb am entschiedensten gegen Erus Ordnung stellte; die Überlieferung deutet dieses Zerwürfnis nicht als Kampf zweier annähernd gleicher Mächte, sondern als das Aufbegehren eines Geschöpfes gegen den, dem es sein Dasein verdankt. Zwischen den übrigen Valar und Eru besteht dagegen ein Verhältnis wechselseitigen Vertrauens: Sie berichten ihm zwar nicht beständig, doch überlassen sie ihm in entscheidenden Momenten, etwa als Manwe das Urteil über die Rückkehr Beren und Lúthiens an Mandos weiterreicht, die letzte Entscheidung.
Zu den Kindern Ilúvatars unterhält Eru kein Verhältnis der Nähe, wie es zwischen Eltern und ihren Kindern in Mittelerde besteht, sondern eines der Fernwirkung: Elben und Menschen erfahren ihn selten unmittelbar, sondern vor allem durch die Valar als seine Boten und Sachwalter. Dennoch bewahrt gerade unter den Menschen eine einzelne Linie eine direktere Bindung an ihn, denn die Könige Númenors, allen voran die frühen unter ihnen, richteten ihre Verehrung unmittelbar auf Eru und nicht auf die Valar, was diese Herrscherlinie von den übrigen Völkern Mittelerdes unterscheidet. Erst mit dem Erstarken des Schattens wandte sich diese Verehrung unter Sauron gegen Eru selbst, was zeigt, wie eng Treue oder Auflehnung gegenüber Eru mit dem moralischen Verfall Númenors verknüpft waren.
Ein besonderes Verhältnis besteht schließlich zwischen Eru und Aule, dem Schöpfer der Zwerge, dessen Geschichte weniger von Auflehnung als von Demut erzählt: Als Aule sein eigenmächtiges Werk vor Eru eingesteht und sich bereit zeigt, es wieder zu vernichten, begegnet ihm Eru nicht mit Strafe, sondern nimmt die Zwerge als eigenständige, freie Geschöpfe an und lässt Aule ihre weitere Erschaffung sogar zu, verlangt jedoch, dass sie erst nach den Erstgeborenen erwachen. In diesem Verhältnis zeigt sich eine Seite Erus, die im übrigen Legendarium selten greifbar wird: die eines Schöpfers, der auf aufrichtige Unterwerfung mit Milde und stillschweigender Gewährung antwortet, statt mit sichtbarer Machtdemonstration.
Entwürfe und Fassungen
In der frühesten Schicht der Mythologie, den Verlorenen Geschichten, trägt der Schöpfergott bereits den Namen Ilúvatar, doch die Erzählung um ihn ist noch anders gerahmt: Die Geschichte von der Musik der Ainur wird dort als eine von mehreren Überlieferungen vorgestellt, die der Elb Rúmil dem Seefahrer Eriol im Rahmen der Cottage of Lost Play erzählt, eingebettet in ein Geflecht von Rahmenerzählungen, das im späteren Werk vollständig entfällt. Auch die Ainur selbst erscheinen in dieser frühen Fassung stärker als eine Schar eigenwilliger „Götter“ mit ausgeprägteren, streitbareren Zügen, während Ilúvatar als ferne, kaum handelnde Gestalt im Hintergrund bleibt; die spätere, konsequent monotheistische Rangordnung, in der alle Macht der Valar unmittelbar auf ihn zurückgeführt wird, entwickelte sich erst in den folgenden Jahrzehnten der Überarbeitung.
Der Name „Eru“ selbst gehört nicht zur ältesten Schicht, sondern trat erst in späteren Überarbeitungen der Ainulindale neben Ilúvatar, wie sich an den verschiedenen, in Morgoth’s Ring versammelten Textfassungen dieser Erzählung ablesen lässt, die Christopher Tolkien dort im Einzelnen nachzeichnet. In eine dieser späten Schichten gehört auch die Athrabeth Finrod ah Andreth, ein Gespräch zwischen dem Elb Finrod und der sterblichen Frau Andreth, in dem als Gedanke der Menschen die sogenannte „Alte Hoffnung“ erwogen wird: die Erwartung, Eru selbst könnte dereinst leibhaftig in Arda eintreten, um den von Melkor angerichteten Schaden an der Welt zu heilen. Dieser Gedanke blieb Bestandteil eines diskutierten, nie endgültig abgeschlossenen Entwurfs und fand keinen Eingang in die erzählte Handlung des veröffentlichten Silmarillion.