Was für ein Buch das ist

„The Peoples of Middle-earth“ beschließt 1996 die zwölfbändige Reihe, in der Christopher Tolkien den handschriftlichen Nachlass seines Vaters zugänglich gemacht hat. Der Band ist kein Erzählwerk, sondern eine Edition: Er stellt Textstufen nebeneinander, datiert Manuskripte, verzeichnet Streichungen und Varianten und bindet das alles in einen fortlaufenden Herausgeberkommentar ein. Damit endet ein Unternehmen, das ein gutes Jahrzehnt zuvor mit den frühesten Fassungen der Elbensagen begonnen hatte und sich chronologisch durch Tolkiens Arbeitsleben vorgearbeitet hat; der zwölfte Band kommt folgerichtig bei den spätesten Schichten an. Eine deutsche Ausgabe existiert nicht — von der gesamten Reihe sind allein die beiden Bände der verschollenen Geschichten übersetzt worden, sodass der englische Titel auch im deutschen Gebrauch die korrekte Nennform bleibt.

Der Aufbau folgt vier Teilen. Der erste gilt dem Beiwerk des „Herrn der Ringe“, also dem Prolog und den Anhängen, und zeigt, wie dieser Apparat aus Notizen, Stammtafeln, Kalenderrechnungen und Sprachbemerkungen zu seiner gedruckten Gestalt fand. Es folgen späte Prosastücke und Erörterungen aus Tolkiens letzten Lebensjahren, in denen er weniger erzählt als prüft, ableitet und begründet. Den Schluss bilden zwei Erzählansätze, die Fragment geblieben sind. Zwischen den Texten steht durchgehend die Stimme des Herausgebers, die Herkunft und Reihenfolge der Blätter erklärt und offenlegt, wo eine Entscheidung Auslegung ist.

Die Erzählhaltung ist nüchtern und philologisch: Der Band glättet nicht zu einer lesbaren Endfassung, sondern hält die Widersprüche aus, die zwischen den Schichten stehen bleiben. Angesprochen ist damit ein Publikum, das die veröffentlichten Werke bereits kennt und nach der Entstehung fragt; als Einstieg in Mittelerde taugt das Buch nicht. Innerhalb des Legendariums steht es entsprechend nicht als Erzähltext neben dem „Silmarillion“, sondern als Werkstattbericht daneben — brauchbar vor allem dort, wo Tolkien im Alter sein eigenes Werk deutet, Namen erklärt und Zusammenhänge nachträglich zu ordnen versucht. Was hier steht, ist Entwurf und bleibt es, auch wo es gedruckt vorliegt.

Entstehung und Veröffentlichung

Die Reihe, die der Band beschließt, setzte 1983 ein und wuchs danach in fast jährlichem Abstand weiter; sie folgte dabei der Entstehungsfolge von Tolkiens Arbeit und nicht der inneren Zeitrechnung Mittelerdes. Die vier Bände über die Niederschrift des „Herrn der Ringe“ endeten 1992 mit „Sauron Defeated“, und 1993 sowie 1994 kamen die beiden Bände hinzu, die Tolkiens späte Arbeit am „Silmarillion“ ausbreiten. Was danach noch unveröffentlicht war, ließ sich in dieses Raster nicht mehr einfügen: Texte, deren Entstehungszeiten weit auseinanderliegen und deren einzige Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie in den vorangegangenen Bänden keinen Ort gefunden hatten. Christopher Tolkien legt im Vorwort offen, dass der Band aus dieser Lage hervorgegangen ist, und begründet dort auch die gewählte Anordnung, die mit dem Beiwerk des „Herrn der Ringe“ einsetzt statt mit den zeitlich jüngsten Stücken.

Das älteste der hier ausgebreiteten Materialien gehört zu einem Werk, das noch zu Tolkiens Lebzeiten gedruckt wurde, und dessen eigene Veröffentlichungsgeschichte erklärt, warum so viel liegen blieb. Der Prolog erschien 1954 mit dem ersten Band des „Herrn der Ringe“, die Anhänge dagegen erst 1955 mit dem dritten, und sie mussten für den Druck erheblich zusammengestrichen werden. Tolkien hat im Vorwort zur zweiten Auflage selbst festgehalten, dass vieles ungedruckt blieb, besonders zur Sprachgeschichte, und dass er den Erwartungen seiner Leser damit nicht genügen konnte. Für diese zweite Auflage, 1966, ging er den Text noch einmal durch, schrieb das Vorwort neu und besserte an Prolog und Anhängen nach. Die dabei verworfenen Vorstufen und die weit umfangreicheren Vorarbeiten bilden den Grundstock des ersten Teils.

Die späten Prosastücke entstanden nach 1955 und reichen bis in Tolkiens letzte Lebensjahre; genaue Daten tragen die wenigsten, sodass ihre Einordnung an Papier, Maschinenschrift und Querverweisen hängt und oft nur eine ungefähre Reihenfolge ergibt. Der Erzählansatz „The New Shadow“, der in Gondor gut ein Jahrhundert nach dem Sturz Saurons spielt, geht auf die Jahre kurz nach dem Erscheinen des „Herrn der Ringe“ zurück. Tolkien hat in einem Brief von 1964 erklärt, warum er ihn abgebrochen hat: Die Geschichte sei finster und bedrückend geraten, weil sie von der Unruhe einer satten Nachkriegszeit hätte handeln müssen. Das zweite Fragment, „Tal-Elmar“, ist älteren Ursprungs, steht mit dem ersten in keinem Zusammenhang und blieb ebenfalls liegen. Beide Ansätze sind nie über wenige Seiten hinausgekommen und erscheinen hier zum ersten Mal vollständig.

Gedruckt wurde der Band 1996, in London bei HarperCollins, das den ursprünglichen Verlag Allen & Unwin inzwischen übernommen hatte, und in den Vereinigten Staaten bei Houghton Mifflin. Eine überarbeitete Ausgabe hat es seither nicht gegeben; die späteren Auflagen und die Kassetten, in denen die Reihe gebündelt angeboten wurde, geben den Text von 1996 wieder. Mit dem zwölften Band endete die Reihe, nicht aber die Herausgeberarbeit: Zwischen 2007 und 2018 legte Christopher Tolkien die drei großen Erzählungen des Ersten Zeitalters noch einmal einzeln vor, zusammengesetzt zu einem guten Teil aus Texten, die in den Bänden der Reihe bereits standen. Der zwölfte Band markiert damit den Punkt, an dem die vollständige Vorlage des Nachlasses abgeschlossen war und die Auswahl daraus wieder beginnen konnte.

Aufbau und Inhalt

Der erste und mit Abstand umfangreichste Teil ordnet sich nach dem Beiwerk des „Herrn der Ringe“ und folgt dabei ungefähr dessen gedruckter Reihenfolge. Er setzt mit den Vorstufen des Prologs ein, geht zu den Ausführungen über die Sprachen und Völker des Dritten Zeitalters über und behandelt danach die Stammtafeln der Auenland-Familien sowie die Kalenderrechnungen, die im Buch als eigener Anhang stehen. Es folgen die Entstehung des Berichts vom Untergang Númenors und zwei ausgedehnte Kapitel zur Zeittafel, getrennt nach Zweitem und Drittem Zeitalter. Herausgehoben ist darin „The Heirs of Elendil“, eine Liste der Könige und Statthalter der Reiche in Exil mit Regierungsdaten und knappen Bemerkungen, die weit mehr Namen führt, als der gedruckte Anhang schließlich aufnahm. Den Abschluss bilden die Arbeitsstufen zu jenem Anhang selbst, in dem die Erzählungen von den Königen, vom Haus Eorls und vom Volk Durins zusammenlaufen.

Der zweite Teil sammelt die späten Erörterungen. „Of Dwarves and Men“ verfolgt das Verhältnis der Zwerge zu den Menschenvölkern und die Frage, welche Sprachen sie im Verkehr miteinander gebrauchten; „The Shibboleth of Feanor“ nimmt eine lautliche Verschiebung im Quenya zum Anlass, die Namen der Nachkommen Finwes durchzugehen, und trägt einen eigenen Anhang mit ebendiesen Namen bei. Kürzer und stärker aus der Sprachbetrachtung heraus argumentiert „The Problem of Ros“, das ein Namenselement gegen die Lautgeschichte zu retten versucht. Unter „Last Writings“ stehen zuletzt vereinzelte Notizen aus Tolkiens letzten Jahren, darunter Überlegungen zu Glorfindel, zu Círdan und zu den fünf Istari. Ein dritter, deutlich schmalerer Teil stellt zwei Stücke zusammen, die als Belehrung des Weisen Pengoloð aufgezogen sind: eine Antwort auf die Frage, warum sich die Elbensprachen überhaupt wandeln, und einen Text über Herkunft und Bereitung des Wegbrots.

Der vierte Teil steht abseits: Er enthält allein die beiden abgebrochenen Erzählungen, jede nur wenige Seiten lang und mit ausführlicherem Herausgeberkommentar als eigentlichem Text. Um diese vier Teile legt sich der übliche Apparat der Reihe — ein Vorwort, das Herkunft und Anordnung der Papiere erklärt, Anmerkungen im Anschluss an jedes Kapitel und ein Register, das die im Band genannten Namen erschließt. Karten bietet der Band nicht; wo Orte eine Rolle spielen, bleibt es beim Text. An ihre Stelle treten die zahlreichen Stammtafeln und Königslisten, die in Teil eins abgedruckt sind und den einzigen graphischen Bestand darstellen. Wer etwas sucht, geht darum in aller Regel über das Register oder über die Zuordnung zum entsprechenden Anhang des „Herrn der Ringe“, dem der jeweilige Abschnitt des ersten Teils folgt.

Stellung im Legendarium

Der Band hängt sich an ein Werk, das Tolkien selbst zum Druck gegeben hat, und daraus ergibt sich seine besondere Lage innerhalb der Reihe. Vorausgesetzt wird der gedruckte Apparat des „Herrn der Ringe“: die Königsreihen von Arnor und Gondor, die Zeittafel der Jahre, die Stammtafeln und die Bemerkungen über die Sprachen und Völker des Dritten Zeitalters. Wer diese Abschnitte nicht kennt, dem sagen die Vorstufen nichts, denn sie sind durchweg als Abweichung von einem bekannten Endpunkt lesbar. Umgekehrt macht der Band sichtbar, was die Kürzung für den Druck gekostet hat — Herrscherlisten mit Regierungsdaten, sprachgeschichtliche Ableitungen, Namenserklärungen, die am Ende auf einen Satz zusammenschrumpften oder ganz entfielen. Aufgehoben wird der gedruckte Wortlaut dadurch nicht: Was in den Anhängen steht, bleibt der Text, an dem sich alles Übrige messen lassen muss.

Das zweite Bezugsfeld sind die posthum edierten Werke. Die späten Erörterungen greifen in Gebiete ein, die das 1977 erschienene „Silmarillion“ bereits nach älteren Vorlagen geordnet hatte, und stehen deshalb neben diesem Buch, nicht in ihm. Am deutlichsten zeigt sich das an Glorfindel: Im gedruckten „Silmarillion“ fällt der Herr des Hauses der Goldenen Blume beim Untergang von Gondolin im Kampf mit einem Balrog, während der „Herr der Ringe“ einen Glorfindel in Bruchtal auftreten lässt, ohne beide miteinander zu verbinden. Tolkiens späte Notizen erklären sie für dieselbe Person, aus dem Tod zurückgeschickt und im Zweiten Zeitalter nach Mittelerde gesandt. Ähnlich liegt der Fall bei den beiden Zauberern, die im Osten verschwinden: Die Abhandlung über die Istari in den „Nachrichten aus Mittelerde“ gibt ihnen Namen und lässt sie mit den übrigen im Dritten Zeitalter eintreffen, die späte Notiz benennt sie anders und schickt sie weit früher mit eigenem Auftrag aus.

Die Kanon-Schicht, die der Band trägt, ist damit die äußerste und schwächste. Nichts von dem, was er ausbreitet, hat Tolkien zum Druck freigegeben; die Erörterungen sind Prüfungen, die er für sich anstellte, und sie widersprechen einander gelegentlich schon untereinander. Für die Frage, was in Mittelerde geschah, bleiben die veröffentlichten Erzählwerke maßgeblich; der Band liefert nicht die Fortsetzung der Geschichte, sondern die Auskunft ihres Verfassers über sie. Darin steht er den Briefen näher als den Erzählungen — auch dort erklärt Tolkien Absichten, leitet Namen her und deutet Zusammenhänge, ohne dass daraus Erzähltext würde.

Für einiges ist der Band gleichwohl das erste und einzige Zeugnis. Wo die gedruckten Anhänge schweigen — über Círdans Herkunft und sein hohes Alter, über den Verbleib der beiden östlichen Gesandten, über die Zeit in Gondor nach Aragorns Tod —, gibt es keinen anderen Text, gegen den sich die späte Notiz halten ließe. Ihre Einkleidung als Belehrung eines elbischen Gelehrten knüpft dabei an dieselbe Fiktion überlieferter Quellen an, die der Prolog des „Herrn der Ringe“ mit dem Roten Buch und seinen Abschriften aufgestellt hat. So gelesen ist der Band ein Nachtrag zu beiden Seiten des Legendariums: Dem Leser des „Herrn der Ringe“ erklärt er, woher dessen Anhänge kommen, dem Leser des „Silmarillion“ zeigt er, wie weit Tolkien im Alter noch von dessen Fassung abgerückt ist — ohne die Vollmacht, sie zu ersetzen.

Aufnahme und Wirkung

Als der Band 1996 herauskam, hatte die Reihe dreizehn Jahre hinter sich, und ihr Publikum war mit ihr gewachsen. An einen allgemeinen Buchmarkt wandte sich der zwölfte Band so wenig wie seine Vorgänger: Er setzt die elf vorangegangenen voraus, verweist fortlaufend auf sie zurück und ist ohne den gedruckten Apparat des „Herrn der Ringe“ kaum zu benutzen. Aufgenommen wurde er entsprechend dort, wo die Reihe ohnehin gelesen wurde — in Gesellschaften, Zeitschriften und Nachschlagewerken, die sich mit Tolkiens Werk befassen. Lieferbar blieb er seither durchgehend, gebunden wie broschiert, und weil kein revidierter Text nachfolgte, konnte sich eine feste Zitierweise nach Teil, Kapitel und Seite ausbilden.

Erschlossen war der Band zunächst nur durch sein eigenes Register, das die in ihm genannten Namen verzeichnet, nicht aber die der übrigen elf Bände. Sechs Jahre nach dem Abschluss der Reihe erschien deshalb ein gesonderter Registerband, der die Einzelregister zusammenführt und die zwölf Bände erstmals als ein einziges Nachschlagewerk benutzbar macht. Für die Arbeit mit den späten Erörterungen ist das von einigem Gewicht, denn viele ihrer Namen und Datierungen lassen sich erst im Vergleich mit den früheren Bänden einordnen.

Im deutschen Sprachraum ist die Wirkung dadurch begrenzt, dass die Reihe nach den beiden ersten Bänden nicht weiter übersetzt wurde. Wer sich hierzulande auf die Königslisten, die Namensabhandlungen oder die späten Notizen beruft, zitiert den englischen Wortlaut und die englische Kapitelzählung; deutsche Titelformen für die einzelnen Stücke haben sich nicht durchgesetzt. Fortgewirkt hat der Band vor allem als Fundort: Für Fragen, die die gedruckten Anhänge offenlassen, ist er die Stelle, auf die Handbücher und Aufsätze verweisen, und die dort mitgeteilten Vorstufen sind seither die Grundlage jeder Untersuchung, die den Weg des Beiwerks in seine gedruckte Gestalt nachzeichnet.