Herkunft und Name
Herumor gehört zu den Menschen von Númenor und tritt in der überlieferten Erzählung nur an einer einzigen Stelle hervor, im Bericht über die Ringe der Macht und die Ereignisse der späten Zweiten Zeit. Der Text zählt ihn nicht zu den Getreuen, sondern zu jenem Teil des Inselvolkes, der sich lange vor dem Untergang von den Elbenfreunden abgewandt hatte: den Seefahrern und Herren, die an den südlichen Küsten Mittelerdes Häfen und Festungen anlegten und die dort ansässigen Menschen eher unterwarfen als unterwiesen. Aus diesem Umkreis erklärt sich seine Stellung. Über Eltern, Haus, Geburtsjahr oder die Umstände seines Fortgangs von der Insel schweigt die Quelle vollständig.
Der Name selbst wird nirgends ausdrücklich gedeutet; er lässt sich jedoch mit Bestandteilen lesen, die anderswo im Werk gesichert sind. Das Element heru bezeichnet den Herrn und begegnet im hochelbischen Namen Herunúmen, den sich einer der Könige von Númenor beilegte; die Silbe mor steht für das Dunkle und kehrt in Mordor und in Morgoth wieder. „Dunkler Herr“ wäre demnach eine naheliegende Auflösung, doch bleibt sie abgeleitet und stammt nicht vom Verfasser selbst. Bemerkenswert ist, dass Herumor niemals allein genannt wird, sondern stets neben Fuinur, dessen Name gleichfalls ein Wort für Finsternis trägt, wie es auch in Taur-nu-Fuin erscheint. Die beiden Namen bilden ein Paar, das die Abkehr, die sie bezeichnen, schon im Klang mitführt.
Das Volk, unter dem er sein Gewicht gewann, sind die Haradrim, von der Erzählung als zahlreich und hart geschildert und in den weiten Ländern südlich von Mordor angesiedelt, jenseits der Mündungen des Anduin. Herumor bleibt damit in doppelter Hinsicht bestimmt: durch die Abstammung, die er hinter sich ließ, und durch die Fremde, in der er aufstieg. Er ist ein Mensch der Zweiten Zeit, kein Wesen anderer Art, und alles, was von ihm mitgeteilt wird, hält sich an diesen einen Satz. Der Namensindex des Werkes fasst ihn entsprechend knapp; weitere Nennungen, Titel oder Bezeichnungen in fremden Zungen sind nicht überliefert.
Geschichte
Alles, was von Herumor berichtet wird, fällt in die späten Jahrhunderte des Zweiten Zeitalters, doch keine der Jahreszahlen, die die Zeittafel für diese Epoche führt, ist mit seinem Namen verknüpft. Sie verzeichnet für das Jahr 3255, dass Ar-Pharazôn das Zepter von Númenor an sich brachte, für 3261 seine Ausfahrt mit gewaltiger Flotte nach Umbar und für 3262 die Verbringung Saurons als Gefangenen auf die Insel. Im Jahr 3319 ging Númenor unter; 3320 richteten die Entronnenen im Nordwesten Mittelerdes ihre Reiche ein, 3429 begann Saurons Angriff auf Gondor, und 3430 trat ihm der Letzte Bund entgegen, bis das Zeitalter 3441 mit Saurons Sturz endete. Zwischen diesen Marken liegt der Raum, in den die Erzählung Herumor stellt, ohne ihn an eine einzige von ihnen zu binden.
Die Entfremdung, aus der sein Fall erwächst, beschreibt die Erzählung vom Untergang Númenors als einen langen Vorgang: die Abkehr der Könige von den Verboten des Westens, die wachsende Furcht vor dem Tod, die Bedrängung der Getreuen und schließlich Saurons Aufstieg zum Ratgeber am Hof, der in der Ausfahrt gegen Aman und in der Vernichtung der Insel endete. Wer in dieser Zeit an den fernen Küsten saß, war von den Entscheidungen der Heimat abhängig und zugleich weit genug entfernt, um eigene Wege zu gehen. Ob Herumors Bruch mit den Seinen noch in die Jahre fiel, als das Königreich stand, oder erst in die Zeit danach, als es die Macht, der die Treue galt, nicht mehr gab, sagt der Text an keiner Stelle. Beide Lesarten bleiben offen, und keine lässt sich aus dem Wortlaut erhärten.
Die einzige Nachricht über ihn steht in dem knappen Bericht, der die weiteren Geschicke der númenórischen Herren in Mittelerde zusammenfasst. Dort heißt es der Sache nach, dass Männer jener Herkunft noch immer Wohnsitze in den weit entfernten Südlanden hatten, und aus dieser Gesamtheit werden zwei herausgehoben, die unter den Haradrim zu Macht gelangten. Der Satz ist als Ausnahme gebaut: Nicht die bloße Anwesenheit dort ist bemerkenswert, sondern der Rang, den zwei Einzelne in einem fremden Volk erreichten. Wie das geschah, ob durch Waffen, durch Heirat, durch Bündnis oder durch die überlegene Kunst, die die Númenórer nach Mittelerde brachten, wird nicht gesagt; ebenso wenig, welchen Titel er trug, über welchen Teil Harads seine Macht reichte und wie lange sie währte. Der Bericht nennt keinen Nachfolger, keine Schlacht und keine Stadt.
Was auf diese Notiz folgt, betrifft nicht mehr ihn, sondern das Land, in dem er aufgestiegen war. Der Süden blieb der Herrschaft Saurons zugewandt, und in den Kriegen, die das Zweite Zeitalter beschlossen und das Dritte durchziehen, erscheinen die Männer Harads immer wieder im Heerbann Mordors. Die Könige von Gondor führten wiederholt Krieg gegen sie, unterwarfen sie zeitweise und verloren die gewonnene Oberhoheit wieder; der Hafen Umbar, den Ar-Pharazôn einst angelaufen hatte, wechselte über Jahrhunderte die Herren und wurde zum Sitz der Feinde Gondors. In keinem dieser Zusammenhänge fällt Herumors Name noch einmal. Ob er die Kämpfe des Letzten Bundes erlebte, ob er in ihnen focht oder ob seine Macht schon vorher zerfallen war, ist nirgends überliefert.
So besteht die Geschichte dieser Gestalt aus zwei Bewegungen und sonst nichts: einer Abwendung und einem Aufstieg, beide ohne Jahr, ohne Ort im Einzelnen und ohne Ausgang. Von einem Tod ist nicht die Rede, von Nachkommen ebenso wenig, und auch der zweite Name, mit dem er stets gemeinsam auftritt, bleibt in derselben Kürze stehen. Die Stelle erfüllt im Aufbau des Berichts eine erkennbare Aufgabe: Sie zeigt, dass die Auflösung Númenors nicht nur Getreue nach Westen und Verlorene in die Knechtschaft trieb, sondern auch Herren hervorbrachte, die sich in fremden Völkern neu einrichteten und deren Kraft dem Feind zuwuchs. Wer über diese Funktion hinaus eine Biografie sucht, findet sie nicht; jede Ausschmückung des Weges von der Insel bis in die Südlande wäre Zutat und nicht Überlieferung.
Rolle und Macht
Die Macht, die der Bericht ihm zuschreibt, wird nirgends beschrieben, sondern nur festgestellt: Er wurde unter den Haradrim groß. Worauf ein solcher Aufstieg sich stützen konnte, lässt sich allein aus dem entnehmen, was die Erzählung vom Untergang Númenors über die Königstreuen an den Küsten Mittelerdes sagt. Sie kamen mit Schiffen, Waffen und Kenntnissen, über die die Menschen jener Länder nicht verfügten, und ihre Lebensspanne überstieg die der übrigen Sterblichen bei weitem; darum begegnete man ihnen mit Furcht, nahm sie für Könige und mehr als Könige und entrichtete ihnen Abgaben. Herumors Rang setzt Vorteile dieser Art voraus, doch nennt die Quelle in seinem Fall keinen einzigen davon. Und was er gewann, war Gewicht innerhalb eines fremden Volkes, nicht Herrschaft über die eigenen.
Ebenso genau lässt sich benennen, was ihm nicht zugeschrieben wird. Kein Ring der Macht steht in seinem Zusammenhang; von den neun Ringen, die an Menschen gingen, sagt dasselbe Kapitel, dass drei ihrer Träger große Herren númenórischer Herkunft gewesen seien, doch unter den Ringgeistern erscheint sein Name nicht. Auch von Zauberkunst, von einem Heer, von einer Festung oder einem Titel ist keine Rede, und ein Auftrag, in dessen Dienst er gehandelt hätte, wird ihm nicht beigelegt. Er bleibt ein sterblicher Mensch, dem Los seines Geschlechts unterworfen, und seine Stellung hängt daran, dass ein fremdes Volk sie ihm zugestand. Ob er als Herrscher, als Heerführer oder als Ratgeber im Hintergrund wirkte, ist dem Wortlaut nicht zu entnehmen.
Im Gefüge des Ganzen steht er damit auf der Gegenseite jener Númenórer, die im Nordwesten Reiche errichteten; sein Aufstieg vollzieht sich dort, wo der Einfluss des Feindes ungebrochen blieb. Wie eine Macht solcher Herkunft aussieht, wenn sie in späterer Zeit einmal ins Bild rückt, zeigt der Bote, der vor dem Schwarzen Tor mit den Hauptleuten des Westens verhandelt: ein Mann, von dem es heißt, er stamme aus dem Geschlecht der abgefallenen Númenórer, und dessen ganzes Ansehen von dem Herrn herrührt, in dessen Namen er spricht. Für Herumor wird eine derartige Bindung an keiner Stelle ausgesprochen. Was von ihm bleibt, ist ein Rang ohne genanntes Amt, eine Macht ohne überlieferte Tat und ein Name, an dem die Grenze des Berichteten sichtbar wird.
Beziehungen
Die einzige namentlich greifbare Verbindung dieser Gestalt ist Fuinur. Die Erzählung nennt beide in einem Atemzug und behandelt sie als Paar, ohne zu sagen, was sie verband: kein Verwandtschaftsgrad wird angegeben, keine Rangfolge zwischen ihnen, kein Hinweis darauf, ob sie gemeinsam aufbrachen oder einander erst in der Fremde begegneten. Von einem Zerwürfnis ist ebenso wenig die Rede wie von einem Bündnis, das sie ausdrücklich geschlossen hätten. Der Text unterscheidet die zwei in nichts; was von dem einen ausgesagt wird, gilt Wort für Wort auch für den anderen. Eine derart vollständige Gleichbehandlung zweier Namen ist im Werk ungewöhnlich, und sie lässt offen, ob hier zwei Lebenswege wirklich zusammenfielen oder ob die Überlieferung denselben Vorgang nur zweifach besetzt hat.
Die zweite Bindung gilt keinem Einzelnen, sondern einem Volk, und sie ist einseitig beschrieben. Aufgezählt wird, was er unter den Haradrim erlangte; von ihrer Seite tritt niemand hervor. Es fehlt der König, dem er gedient hätte, das Haus, in das er eingeheiratet wäre, die Gefolgschaft, die ihm zugefallen wäre, und der Widersacher, den er in jenem Volk ausgestochen hätte. Damit ist die Beziehung als Aufnahme geschildert und nicht als Herrschaft von außen: Er wird Teil einer Ordnung, die vor ihm bestand und deren Zustimmung sein Rang voraussetzt. Zugleich schließt diese Bindung die andere aus, denn sie tritt an die Stelle der Zugehörigkeit, die er aufgab, und ersetzt Verwandtschaft durch Ansehen im Fremden.
Was nicht überliefert ist, gehört zum Bild dazu. Weder Vater noch Bruder, weder Gattin noch Kind werden genannt, und kein Erbe führt seinen Namen fort. Auch ein Herr wird ihm nirgends beigelegt: Dass die Völker des Südens dem Feind zuneigten, sagt der Bericht von jenen Ländern insgesamt, nicht von ihm persönlich, und eine Huldigung oder ein Auftrag aus dieser Richtung ist für ihn an keiner Stelle bezeugt. Sein Gegensatz besteht deshalb nicht zwischen Personen, die einander begegnet wären, sondern zwischen zwei Wegen, die dasselbe Inselvolk einschlug: Elendil und die Seinen auf der einen Seite, die Herren der Südlande auf der anderen. Herumor hat in der Überlieferung keinen Gegenspieler, dem er je gegenübergestanden hätte; sein Widerpart ist eine Entscheidung.