Herkunft und Namen
Elendil entstammte dem Hause der Fürsten von Andúnië, jener Linie im Westen Númenors, die dem Geschlecht Elros' entsprang und ihre Verwandtschaft mit den Eldar über die Jahrhunderte hinweg nicht verleugnete. Sein Vater war Amandil, der letzte Herr von Andúnië, und mit ihm zählte Elendil zu den Getreuen — jenem Teil der Númenórer, der an der Freundschaft zu den Elben und an der Ehrfurcht vor den Valar festhielt, während der Hof des Königs sich davon abwandte. Er war ein Mensch, kein Halbelb, doch von langlebigem, hochgewachsenem Schlag, wie ihn die Númenórer reiner Abkunft hervorbrachten. Zwei Söhne wurden ihm geboren, Isildur und Anárion, die später an seiner Seite standen.
Der Name Elendil gehört dem Quenya an und ist auf zwei Weisen deutbar, die einander nicht ausschließen: als „Elbenfreund“ und als „Sternenfreund“ — beides trifft die Sache, denn die Getreuen bewahrten die Sprachen der Eldar ebenso wie den Blick nach Westen zum Stern Earendils. Diese Doppeldeutigkeit ist im Sindarin-Wort für die Elbenfreunde der alten Tage, Elendili, verankert, das seinerseits ein Ehrenname für die Getreuen Númenors wurde. Die Betonung liegt auf der vorletzten Silbe, weil deren Vokal vor der Konsonantenverbindung nd steht: e-LEN-dil. Zu unterscheiden ist der Name von dem gleichlautenden Vorfahren aus früheren Zeitaltern nicht nötig — Tolkien vergibt ihn im Zweiten Zeitalter nur einmal.
Im Munde der Menschen Mittelerdes trug er den Beinamen „der Große“, im Original Elendil the Tall, denn selbst unter den Númenórern überragte er seine Zeitgenossen an Wuchs. In den Geschlechtsverzeichnissen der Anhänge erscheint er als Ahnherr zweier Königslinien und als Träger jener Würde, die man später den Hochkönig über Arnor und Gondor nannte. Seine Nachkommen führten den Namen durch die Zeitalter fort: Die Herrscher von Arnor wie von Gondor rechneten ihre Abstammung auf ihn zurück, und noch die Truchsessen von Gondor beriefen sich auf sein Erbe, ohne es zu beanspruchen.
Geschichte
Elendils Lebenszeit fiel in die letzten Jahrzehnte Númenors, als der Streit zwischen dem Königshof und den Getreuen offen ausbrach. Nachdem Ar-Pharazôn Sauron im Jahr 3262 des Zweiten Zeitalters als Gefangenen nach Númenor gebracht hatte und dieser binnen weniger Jahre zum Ratgeber und heimlichen Herrn des Königs aufgestiegen war, wandte sich die Insel dem Dienst an Melkor zu. Die Elbenfreunde wurden verdächtigt, überwacht und schließlich aus dem Westen der Insel in den Osten verdrängt; Elendil und die Seinen sammelten sich bei Rómenna, wo sie unter Beobachtung standen, aber dem Hafen und damit dem Meer nahe waren. Als Ar-Pharazôn seine große Flotte gegen die Unsterblichen Lande rüstete, fuhr Elendils Vater Amandil heimlich nach Westen, um für sein Volk Fürsprache bei den Valar zu suchen, und kehrte nicht wieder. Elendil folgte seinem Rat: Er hielt Schiffe bereit, brachte seine Leute und die Erbstücke seines Hauses an Bord und wartete vor der Küste.
Im Jahr 3319 traf ein, wovor Amandil gewarnt hatte. Die Flotte des Königs erreichte Aman, das Land wurde erschüttert, und Númenor versank im Meer. Elendil entkam mit neun Schiffen, auf denen sich seine Söhne Isildur und Anárion, ihre Gefolgsleute und die Kostbarkeiten der Getreuen befanden: die sieben Sehenden Steine, ein Geschenk der Eldar an das Haus von Andúnië, und der Schössling des Weißen Baumes, den Isildur zuvor unter Lebensgefahr aus dem Königshof gerettet hatte. Ein Sturm aus dem Westen trieb die Schiffe nach Mittelerde und trennte sie dabei: Elendil wurde an die Küsten Lindons verschlagen, wo Gil-galad ihn aufnahm, seine Söhne dagegen weiter nach Süden an die Mündungen des Anduin. So entstand aus einer Katastrophe die Grundlage zweier Reiche.
Im folgenden Jahr, 3320, wurden die Exilreiche gegründet. Elendil nahm den Norden, Arnor, und richtete seinen Sitz in Annúminas am Nenuial ein; Isildur und Anárion errichteten im Süden Gondor und regierten es gemeinsam, mit Osgiliath am Anduin als Hauptstadt und mit Minas Ithil und Minas Anor als ihren beiden Festen zu Seiten des Stromes. Über beiden Reichen stand Elendil als Hochkönig, was in Gondor als Oberherrschaft anerkannt, aber selten ausgeübt wurde, da die Entfernung groß war. Die Sehenden Steine wurden auf die Türme beider Reiche verteilt und schufen eine Verbindung, welche die Wege nicht boten. In dieser Zeit gliederten die Númenórer im Exil ihre Herrschaft den älteren Bewohnern Eriadors und der Gebiete um den Anduin ein, ohne die Verbindung zu Gil-galads Reich abbrechen zu lassen.
Sauron, der den Untergang überlebt hatte und nach Mordor zurückgekehrt war, ließ den Neuankömmlingen etwa ein Jahrhundert Frist. 3429 griff er Gondor an, nahm Minas Ithil und vernichtete den dort gepflanzten Weißen Baum; Isildur entkam über den Anduin und fuhr zur See nach Norden zu seinem Vater, während Anárion Osgiliath und das Westufer hielt. Aus dieser Notlage erwuchs 3430 das Bündnis Elendils mit Gil-galad, das man später das Letzte Bündnis der Elben und Menschen nannte. Vier Jahre vergingen mit Rüstung und Sammlung des Heeres in Imladris und am Anduin, ehe der Heerbann 3434 über das Nebelgebirge zog und Saurons Truppen in der Schlacht von Dagorlad vor den Toren Mordors schlug. Danach begann die Belagerung von Barad-dûr, die sich sieben Jahre hinzog und Elendil den größten Teil seiner verbleibenden Lebenszeit kostete; 3440 fiel Anárion vor der Festung.
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Schicksal
Im Jahr 3441 kam Sauron selbst aus dem Turm herab, und Elendil und Gil-galad stellten sich ihm. Beide überwanden ihn und beide starben dabei; Elendil stürzte, und unter seinem Gewicht zerbrach Narsil in zwei Teile. Isildur nahm den Griff mit der abgebrochenen Klinge auf und schnitt damit Sauron den Herrscherring von der Hand, worauf dessen Gestalt zerfiel und der Zweite Weltalter endete. Elendil war damit der letzte Hochkönig, der über beide Reiche geboten hatte: Arnor ging an Isildur, Gondor an dessen Neffen Meneldil, und die getrennten Linien fanden erst nach dreitausend Jahren wieder zusammen. Die Scherben des Schwertes wurden zum Erbstück des nördlichen Hauses und blieben ungeschmiedet, bis Aragorn sie führte.
Isildur bestattete seinen Vater auf dem Amon Anwar, dem Berg der Ehrfurcht im Weißen Gebirge, den die Rohirrim später Halifirien nannten, und verbarg das Grab so, dass nur der jeweilige König und sein Erbe darum wussten. Der Ort galt fortan als heilig und blieb ungenannt, bis der Truchsess Cirion im Jahr 2510 des Dritten Zeitalters die Truhe mit den Gebeinen nach Minas Tirith überführte und auf dem Gipfel den Eid mit Eorl schwor, der Rohan begründete. Elendils Name überdauerte in anderer Weise als sein Grab: Er wurde zum Feldruf seiner Nachkommen, und die Nachfolgeregelung, die Rechtsformen und selbst der Kalender der beiden Reiche gingen auf Ordnungen zurück, die man auf ihn zurückführte. Sein Leben umfasst damit die Zäsur, an der die númenórische Geschichte abbricht und die Geschichte der Königreiche Mittelerdes beginnt.
Rolle und Vermögen
Im Gefüge des Legendariums ist Elendil weniger der Held einer eigenen Erzählung als ein Angelpunkt: An ihm hängt die Überlieferung, die von Númenor nach Mittelerde hinüberreicht. Was die Getreuen an Sprache, Schrift, Recht und Erbstücken bewahrt hatten, ging durch seine Hand an die Königreiche der Menschen über, und seine Herrschaft gründete nicht auf Eroberung, sondern auf Herkunft und Treuhandschaft. Sichtbares Zeichen dieser Stellung war das Zepter von Annúminas, das zuvor der Stab der Fürsten von Andúnië gewesen war und als das älteste von Menschenhand gefertigte Werk galt, das die Fahrt nach Osten überstand. Die Anhänge behandeln ihn dementsprechend weniger als Krieger denn als Rechtsquelle: Ansprüche späterer Jahrhunderte werden daran gemessen, ob sie sich auf ihn zurückführen lassen.
Übernatürliche Kräfte schreiben ihm die Quellen nirgends zu. Sein Vermögen war das eines Menschen von reiner númenórischer Abkunft: außergewöhnlicher Wuchs — eine Anmerkung zu den númenórischen Längenmaßen nennt ihn den größten unter denen, die dem Untergang entkamen —, langes Leben, Seemannschaft und Waffenkunde. Was ihm darüber hinaus zu Gebote stand, waren Werkzeuge, nicht Fähigkeiten: die Sehenden Steine, ein Geschenk der Eldar an sein Haus, und das Elendilmir, der weiße Stern, den die Könige des Nordens statt einer Krone auf der Stirn trugen. Vom Stein im Turm Elostirion auf den Turmbergen heißt es, dass Elendil in ihm nach Westen blickte, doch gewährte dieser nur den Anblick des fernen Eressëa, keinen Rat und keine Hilfe; die Steine zeigten Bilder, keine Gedanken, und beantworteten nichts.
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Schicksal
Die Grenzen dieser Macht sind in den Berichten deutlicher gezogen als ihre Reichweite. Elendil konnte den Abfall Númenors nicht aufhalten, seine Leute nicht schützen und den Untergang nicht abwenden; er überstand ihn durch rechtzeitige Vorsicht und durch die Fürsprache anderer, nicht durch eigene Stärke. Die beiden Reiche, die er gründete, hielt er nur locker zusammen, und der Krieg gegen Sauron war kein Feldzug, den er nach Belieben führte, sondern eine Antwort auf einen Angriff, die sieben Jahre Belagerung und das Leben eines Sohnes kostete. Selbst der Sieg vor Barad-dûr entsprang nicht seiner Überlegenheit: Er und Gil-galad warfen den Feind nieder und gingen mit ihm zugrunde, und was danach geschah, lag in der Hand seines Erben. So bleibt Elendil eine Gestalt, deren Wirkung fast ganz auf dem beruht, was sie weitergab.
Verwandte, Verbündete und Widersacher
Die Bindungen, die Elendils Leben bestimmten, verlaufen in den Quellen fast durchweg senkrecht: vom Vater auf ihn, von ihm auf die Söhne. Der Abschied von Amandil ist als Übergabe erzählt, nicht als Trennung — der Vater übernimmt die Fürsprache, die nicht zu erzwingen war, der Sohn die Sorge für die Überlebenden; eine Wiederbegegnung wird nirgends berichtet, und Elendil handelt danach als Erbe eines Auftrags. Gegenüber Isildur und Anárion erscheint er weniger als Vater denn als Haupt eines Hauses: Die Söhne treten als seine Statthalter auf, nicht als seine Untergebenen, und die Aufteilung der Herrschaft geschieht ohne erkennbaren Streit. Persönliche Züge dieser Verhältnisse fehlen; was die Berichte festhalten, sind Pflichten, Ämter und Erbstücke.
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Schicksal
Die Ausnahme ist Gil-galad. Das Verhältnis der beiden ist das einzige in Elendils Leben, das die Quellen als Verbindung unter Gleichen zeichnen: Sie werden regelmäßig in einem Atemzug genannt, keiner befiehlt dem anderen, und die Führung des gemeinsamen Heeres wird nicht geteilt, sondern doppelt ausgeübt. Elrond, der als Herold des Elbenkönigs mitzog, überliefert es Jahrtausende später in dieser Form. Bemerkenswert daran ist die Fragilität: Das Bündnis hing an zwei Personen und überdauerte sie nicht, denn nach ihrem Tod trat kein vergleichbares Einvernehmen zwischen Elben und Menschen mehr an seine Stelle.
Sauron schließlich ist für Elendil kein fremder Feind, sondern ein alter Bekannter. Er hatte ihn als Ratgeber am Hof des Königs erlebt, ehe er ihm als Heerführer gegenüberstand, und diese Vorgeschichte gibt der Gegnerschaft eine Schärfe, die andere Kriege des Zweiten Zeitalters nicht haben: Es geht um dieselbe Insel, dieselben Verluste, dieselbe Schuldfrage. Die Überlieferung schreibt Sauron einen besonderen Hass gegen jene Getreuen zu, die ihm entkommen waren. So ergibt sich ein Bild, in dem Elendil an drei Seiten gebunden ist — an ein Erbe, das er nicht wählte, an eine Freundschaft, die sein Werk trug, und an einen Widersacher, den er aus dem eigenen Untergang mitgebracht hatte.
Entwürfe und Varianten
Elendil tritt in Tolkiens Werkstatt lange vor dem „Herrn der Ringe“ auf, und zwar in einer gänzlich anderen Rolle. Der unvollendete Zeitreiseroman „The Lost Road“, entstanden in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre, beruht auf einem Vater-Sohn-Paar, dessen Namen in jeder Epoche dasselbe bedeuten: Alboin und Audoin in der Gegenwart, Ælfwine und Eadwine in altenglischer Zeit, Elendil und Herendil in Númenor. Der Elendil dieser Fassung ist kein Reichsgründer, sondern ein Gelehrter im Númenor Tar-kalions — so hieß der König, der später den Namen Ar-Pharazôn erhielt —, und der Konflikt ist ein häuslicher: Der Vater legt dem Sohn die Geschichte der Insel und den Abfall von den Valar dar, während dieser sich der Partei des Königs und dem Neuankömmling Sauron zuneigt. Die Erzählung bricht ab, bevor Untergang, Flucht oder Exilreiche erreicht sind; diese Ereignisse liefert nur die knappe Begleitskizze „The Fall of Númenor“, in der Elendil bereits als Anführer der Entkommenen erscheint.
Ein zweiter Anlauf zum selben Stoff entstand Mitte der vierziger Jahre mit den „Notion Club Papers“, deren Rahmenfigur Alwin Lowdham in Träumen Sprachbruchstücke empfängt und dabei zum Widerhall Elendils wird. In den zugehörigen Texten erhält Númenor mit dem Adûnaischen eine eigene Menschensprache, und Elendil trägt dort den Namen Nimruzîr, der wiederum „Elbenfreund“ bedeutet; Sauron heißt Zigûr. Die begleitende Erzählung „The Drowning of Anadûnê“ ist überdies ausdrücklich als menschliche Überlieferung gehalten, in der die Rolle der Elben und der Valar zurücktritt — ein Bericht, der dem später veröffentlichten deutlich widerspricht, ohne von ihm ersetzt zu werden. Am anderen Ende der Entstehungsgeschichte stehen die annalistischen Arbeiten zu den Anhängen: Der Text „The Heirs of Elendil“ verzeichnet die Königsreihen des Nordens und des Südens weit ausführlicher, als die Druckfassung sie zuließ, und weist Elendil und seinen Söhnen Geburtsjahre zu, die in den Anhängen fehlen. Was dort gedruckt wurde, ist der stark gekürzte Rest eines viel dichteren Gerüsts.
Adaptionen
In Peter Jacksons Filmtrilogie tritt Elendil nur in der Vorgeschichte auf, die den ersten Teil eröffnet; gespielt wird er von Peter McKenzie. Die Fassung rafft den Ausgang des Zweiten Zeitalters auf wenige Minuten und verschiebt dabei die Gewichte: Gil-galad, in der Vorlage gleichrangiger Anführer des Letzten Bündnisses, hat am Sturz Saurons keinen Anteil und stirbt dort auch nicht, so dass der Widerstand allein an Elendil und seinem Sohn hängt. Auch die Umstände des Schwertbruchs sind geändert — Narsil zerbricht nicht unter dem stürzenden Elendil, sondern erst danach im Ringen um die Klinge. Anárion fehlt ganz, ebenso jeder Hinweis darauf, dass Elendil zwei Reiche gegründet hatte und Hochkönig über sie war; die Filme kennen ihn im Wesentlichen als Vater Isildurs und fernen Vorfahren Aragorns.