Name und Herkunft
Die Königsleute waren kein eigenes Volk, sondern eine Partei innerhalb der Númenórer. Wie ihre Gegenspieler stammten sie von den Edain ab, jenen Menschen der drei Häuser, denen nach dem Ende des Ersten Zeitalters die Insel im Westmeer als Lohn übergeben worden war. Die Trennung vollzog sich nicht durch Abstammung oder Wohnort, sondern durch Haltung. Sie trat offen zutage, als Tar-Ancalimon regierte, der Sohn jenes Tar-Atanamir, unter dem das Murren gegen die Sterblichkeit laut geworden war. Aus dieser Unruhe über den Tod erwuchs die Spaltung, deren größere Hälfte fortan den Namen Königsleute trug.1
Der Name bezeichnet eine Gefolgschaft und keine Herkunft. Die Königsleute verstanden sich als Anhänger der Krone in einem Streit, in dem sich das Königshaus zunehmend von den Eldar und den Valar abwandte. Bemerkenswert ist, dass die Gegenpartei ihre Treue zum König und zum Hause Elros keineswegs aufkündigte. Der Unterschied lag also nicht in der Loyalität zum Thron, sondern im Verhältnis zum Westen. Die Minderheit nannte sich Elendili, Elbenfreunde, und daneben die Getreuen, und gerade vor diesem Hintergrund wird der Name der Mehrheit zur Abgrenzung: Wer zum König hielt, hielt sich von den Elben fern.2
Mit der Zeit schlug sich die Parteinahme auch in der Sprache nieder. Ar-Adûnakhôr war der erste Herrscher, der seinen Königsnamen in der adunaischen Sprache der Menschen annahm, statt in der Hochsprache der Eldar, wie es bis dahin üblich gewesen war. Unter Ar-Gimilzôr wurde der Gebrauch der elbischen Sprachen schließlich untersagt. So spiegeln die Namen der Könige selbst die Haltung der Königsleute wider: Die Abkehr von den Elben zeigt sich nicht nur in der Politik, sondern auch im Wortschatz des Hofes.3
Geschichte
Nach der Spaltung unter Tar-Ancalimon blieb das Verbot der Valar zunächst unangetastet: Kein Schiff der Königsleute nahm Kurs nach Westen, doch umso entschlossener wandten sie sich nach Osten. Zugleich wuchs die Furcht vor dem Tod zu einer beherrschenden Sorge des Volkes. Man errichtete prächtige Grabhäuser, lernte die Leichname kunstvoll zu erhalten und suchte das Leben mit Festen und Reichtum zu füllen, weil man sein Ende nicht annehmen wollte. Die Lebensspanne der Númenórer begann dabei allmählich zu schwinden, ohne dass die neue Gesinnung darauf eine Antwort fand.1
In Mittelerde traten die Königsleute nun nicht mehr als Lehrer und Helfer auf, sondern als Herren. Ihre Anlegeplätze an den Küsten wurden zu befestigten Stützpunkten, und von den Menschen des Landes forderten sie Abgaben ein. Ihr wichtigster Stützpunkt lag im Süden bei Umbar. Die Getreuen dagegen segelten vornehmlich in den Norden, wo sie den Eldar von Lindon nahe blieben, und hielten sich an die Mündung des Anduin bei Pelargir. So spiegelte sich die Teilung der Insel auch in der Geografie der Niederlassungen jenseits des Meeres.2
Mit der Macht der Krone verschärfte sich der Druck auf die Minderheit. Unter Ar-Gimilzôr wurden die Getreuen, die bis dahin vor allem im Westen der Insel gelebt hatten, in den Osten verlegt, wo sie fortan um Rómenna siedelten und unter Beobachtung standen. Eine kurze Umkehr brachte sein Sohn Tar-Palantír, der die alten Bräuche wieder aufnahm und den Weißen Baum erneut in Ehren hielt. Doch die Königsleute folgten ihm darin nicht; an ihrer Spitze stand sein Bruder Gimilkhâd, und dessen Sohn Pharazôn übernahm nach ihm die Führung der Partei.3
Nach dem Tod Tar-Palantírs brachte Pharazôn das Szepter an sich, indem er Míriel, die rechtmäßige Erbin und seine Base, gegen das Gesetz zur Ehe zwang, und nannte sich fortan Ar-Pharazôn. Er zog mit großer Heeresmacht nach Mittelerde, um Sauron die Oberherrschaft streitig zu machen, und landete bei Umbar. Sauron unterwarf sich scheinbar und wurde als Gefangener nach Númenor gebracht. Dort gewann er binnen weniger Jahre das Vertrauen des Königs und wurde dessen erster Ratgeber.4
Unter Saurons Einfluss vollzog der Hof den offenen Bruch mit dem Westen. Der Weiße Baum wurde gefällt, nachdem Isildur zuvor heimlich eine Frucht gerettet hatte, und in Armenelos entstand ein Tempel, in dem Melkor verehrt wurde; auf seinem Altar starben vor allem Getreue als Opfer. Als der alternde König schließlich der Einflüsterung erlag, den Tod durch die Eroberung des Westens abwenden zu können, brach er mit einer gewaltigen Flotte das Verbot und betrat den Boden von Aman. Die Folge war der Untergang: Númenor versank im Meer, und mit ihm gingen der König und der Kern seiner Anhänger zugrunde, während Elendil und die Seinen auf ihren Schiffen nach Mittelerde entkamen.5
Ganz verschwunden waren die Königsleute damit nicht. Wer sich zur Zeit des Untergangs in den Festungen Mittelerdes aufhielt, überlebte, und aus diesen Nachfahren gingen die sogenannten Schwarzen Númenórer hervor, die Sauron dienten und ihren Hass auf die Getreuen und deren Reiche weitertrugen. Umbar blieb lange ein Hort dieser Gesinnung. Noch am Ende des Dritten Zeitalters trat mit dem Mund Saurons ein Abkömmling dieses Geschlechts vor das Schwarze Tor, als Unterhändler des Dunklen Herrschers.6
Lebensweise und Werke
Was die Königsleute von den Getreuen trennte, zeigte sich weniger im Handwerk als in der Richtung, die sie ihm gaben. Die Númenórer blieben Schiffbauer und Seefahrer von einzigartiger Kunstfertigkeit, doch unter der Herrschaft der Königspartei diente diese Kunst immer weniger der Erkundung und immer mehr der Macht. Aus Fahrten, die einst Entdeckung und Hilfe gewesen waren, wurden Unternehmungen des Gewinns, und das Schmieden von Waffen und Rüstzeug trat neben den Bau der Schiffe. Reichtum galt als Zeichen des eigenen Ranges. Er wurde nicht mehr als Frucht einer Gabe verstanden, sondern als Anspruch, den man sich selbst verschafft hatte.1
Auch die Frömmigkeit der Alten verlor unter den Königsleuten ihren Platz. Die Darbringung der Erstlinge an Eru auf dem Gipfel des Meneltarma, einst fester Brauch der Könige, wurde von den späteren Herrschern vernachlässigt, und nur noch wenige stiegen zu der heiligen Stätte hinauf. Den Kontakt mit Eressea, dessen Schiffe früher offen in den Häfen der Insel angelegt hatten, suchten die Königsleute nicht mehr. Wo Elben nun noch heimlich an Land kamen, geschah es bei den Getreuen im Westen. Die überlieferte Lehre der Eldar, die das Leben der Insel lange geprägt hatte, wurde so zu einem Erbe der Minderheit, während die Mehrheit sich an einer eigenen, allein menschlichen Größe maß.2
Im Mittelpunkt ihres Denkens stand die Frage nach dem Ende. Die Sterblichkeit, die die Elendili als Gabe Erus anzunehmen suchten, empfanden die Königsleute als ungerechte Beschränkung, die ihnen die Valar auferlegt hätten. Ihre Gelehrten richteten ihr Wissen darauf, das Geheimnis zu ergründen, wie sich Leben zurückrufen oder wenigstens die Jahre der Menschen verlängern ließen. Der Erfolg blieb aus; es gelang ihnen allein, die Hüllen der Toten zu bewahren, nicht aber die Lebenden länger zu halten. In der letzten Zeit, als der Dienst an Melkor die alten Bräuche verdrängt hatte, verkehrte sich die Hoffnung vollends: Krankheit und Wahnsinn griffen um sich, der Tod kam eher statt später, und die Menschen erhoben um geringer Ursachen willen die Waffen gegeneinander.3
Gliederung und führende Häuser
Eine Untergliederung nach Stämmen oder Sippen kennt die Überlieferung für die Königsleute nicht. Die Partei war durch ihre Gesinnung verbunden und nicht durch Blutsbande, und ihre Führung lag bei der Krone selbst. Deutlicher gezeichnet ist die Gegenseite: Als vornehmstes Haus der Getreuen gelten die Herren von Andúnie, die ihre Abkunft über Silmarien, eine Tochter Tar-Elendils, auf Elros zurückführten. Damit verlief der Riss mitten durch das Geschlecht des ersten Königs. Ein Zweig trug das Szepter und stand an der Spitze der Mehrheit, ein Seitenzweig blieb dem Westen zugewandt, ohne dem Thron die Treue aufzukündigen.1
Wie eng beide Lager verflochten waren, zeigt die Ehe Ar-Gimilzôrs. Seine Gemahlin Inzilbêth entstammte dem Hause Andúnie und hing im Stillen der Gesinnung der Getreuen an, während ihr Gatte die Elbenfreunde verfolgte. Die Spaltung setzte sich in der nächsten Generation fort. Der ältere Sohn folgte der Mutter und bestieg später als Tar-Palantír den Thron. Der jüngere, Gimilkhâd, schlug dem Vater nach und übernahm, wie oben erzählt, die Führung der Königsleute. So war die Partei an ihrer Spitze nicht nur eine Sache des Hofes, sondern eine Linie innerhalb der königlichen Familie.2
Nach dem Untergang lässt sich die Gefolgschaft der Königsleute in Mittelerde nur noch an einzelnen Gestalten fassen. Ausdrücklich genannt werden zwei Abtrünnige aus Númenor, Herumor und Fuinur, die unter den Haradrim zu Macht gelangten. Von einem geschlossenen Verband mit eigenen Häuptern berichtet der Text dagegen nichts. Was von der Partei blieb, zerfiel in verstreute Herrschaften im Süden, deren Führer als Nachfahren der alten Königspartei auftraten, sich jedoch keiner gemeinsamen Hausordnung mehr zurechnen lassen.3
Rolle in der Erzählung
In der Akallabêth sind die Königsleute der eigentliche Träger der Handlung. Die Erzählung vom Untergang Númenors kennt zwar einzelne Könige und am Ende Sauron als Verführer, doch sie schildert den Abfall als den Weg eines ganzen Volksteils über viele Generationen. Die Partei bildet damit den kollektiven Gegenpol zu den Getreuen, an dem der Text vorführt, wie ein beschenktes Volk sich Schritt für Schritt von seinem Ursprung löst. Sauron trifft bei seiner Ankunft auf eine Gesinnung, die längst gewachsen ist. Er muss sie nicht erschaffen, sondern nur ausnutzen und zu Ende führen. Gerade darin liegt das Gewicht der Königsleute: Die Katastrophe erscheint nicht als Werk eines einzelnen Bösewichts, sondern als Folge einer geteilten Haltung.1
Tolkien selbst hat den Stoff als zweiten Sündenfall gedeutet, diesmal nicht der Menschheit im Ganzen, sondern eines bereits geläuterten und belohnten Geschlechts. Das Verbot der Valar verstand er als Prüfung, an der sich zeigen sollte, ob die Númenórer ihre Grenzen annehmen. Im Zentrum steht für ihn das Verhältnis zum Tod: Was den Menschen als Gabe zugedacht war, deuten die Königsleute als Strafe, und das Verlangen nach Unsterblichkeit wird zur treibenden Kraft ihres Aufbegehrens. So verkörpert die Partei ein Grundthema seines Werkes, die Versuchung, dem eigenen Maß durch Macht und Besitz zu entkommen.2
Im „Herrn der Ringe“ wirkt dieses Muster als Warnung fort. Faramir erklärt Frodo, dass auch Gondor dem alten Irrweg verfallen sei: Die Könige hätten prächtigere Grabstätten errichtet als Häuser für die Lebenden, alte Stammbäume höher geschätzt als Söhne, und in stillen Hallen hätten kinderlose Greise über Geheimnissen gebrütet, die das Leben verlängern sollten. Die Erben der Getreuen tragen damit selbst den Keim dessen in sich, woran die Königsleute zugrunde gingen. Die Partei ist deshalb nicht bloß Vorgeschichte, sondern ein Spiegel, in dem sich die Gefährdung der Überlebenden erkennen lässt.3
Entwürfe und Varianten
In den frühesten Fassungen der Untergangssage, die Christopher Tolkien zusammen mit dem Romanfragment „The Lost Road“ herausgab, ist die spätere Ordnung zweier fest benannter Parteien noch nicht ausgebildet. Die Entwürfe zum Fall Númenors erzählen den Abfall knapper, als Weg eines Volkes unter seinem König und unter dem Einfluss Saurons. Den Abtrünnigen steht eine kleine Schar von Elbenfreunden um Elendil gegenüber, die sich nicht beugt. Im Romanfragment selbst verläuft der Riss durch eine einzige Familie: Elendil lehnt die neuen Lehren ab, während sein Sohn Herendil sich zur Sache des Königs hingezogen fühlt, der hier Tar-kalion heißt. Der Vater muss dem Sohn die alte Geschichte der Insel erst darlegen, damit dieser begreift, worum es geht. Was die Akallabêth später als Spaltung eines ganzen Volkes schildert, ist in diesem frühen Stadium als Gespräch zweier Generationen angelegt.1
Einen anderen Blickwinkel wählt die spätere Fassung „The Drowning of Anadûnê“, die in „Sauron Defeated“ abgedruckt ist. Sie gibt den Stoff so wieder, wie ihn die Überlieferung der Menschen bewahrt haben könnte, und kleidet die Namen in die adunaische Sprache; die Elbenfreunde heißen dort Nimruzîrim. Das Wissen dieser Erzählstimme über die Valar und den Westen ist trüber und eigenwilliger als das der späteren, von eldarischer Lehre geprägten Darstellung. Die Akallabêth, wie sie im „Silmarillion“ vorliegt, verband schließlich beide Überlieferungsstränge zu einer Erzählung.2