Name und Herkunft

Der Name „Haradrim“ ist sindarinisch und beschreibt eine Himmelsrichtung, keine Abstammung. Sein erster Bestandteil geht auf das elbische Wort für den Süden zurück, das auch im Landesnamen Harad steckt. Die Endung ‑rim bildet eine Sammelbezeichnung für ein ganzes Volk, wie sie ähnlich in „Rohirrim“ begegnet. „Haradrim“ heißt demnach schlicht „die Leute des Südens“. Es ist ein Fremdname aus dem Mund der Elben und der Dúnedain, die ihre südlichen Nachbarn nach der Lage ihres Landes benannten. Wie diese Menschen sich selbst nannten, überliefern die Quellen nicht.1

In der Umgangssprache Gondors und Rohans heißen sie meist einfach Südländer. So nennen die Männer Faramirs die Krieger, die in Ithilien nach Norden ziehen, und so heißen die Reiterscharen, die später auf den Pelennor-Feldern kämpfen. Die Erzählung macht dabei deutlich, dass der Name kein einheitliches Volk meint. Sie unterscheidet Nah-Harad von Fern-Harad, und aus dem fernen Süden kommen Krieger, die sich in Aussehen und Kampfweise deutlich von ihren nördlicheren Verwandten abheben. „Haradrim“ ist daher eher ein Sammelname für viele Völker und Stämme, die aus der Sicht Gondors jenseits der Südgrenze lebten.2

Über den Ursprung der Haradrim sagen die Werke wenig. Sicher ist nur, dass sie Menschen waren und schon lange die weiten Länder südlich des Anduin und Mordors bewohnten, bevor ihre Geschichte in den Blick der Chronisten Gondors trat. Diese Chronik ist vor allem eine Geschichte von Grenzkriegen. Einer der Könige Gondors erhielt für seinen Sieg über die Südlande den Beinamen Hyarmendacil, „Südsieger“, und der Name zeigt, dass der Süden in Gondors Gedächtnis zuerst als Gegner erschien. Mit dem Hafen Umbar lag zudem eine alte Gründung der Númenórer an der Küste Harads, die das Verhältnis zwischen Nordreich und Südvölkern über Jahrhunderte mitbestimmte.3

  1. 1Das Silmarillion, Anhang: Elements in Quenya and Sindarin Names; Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 4
  2. 2Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 4; Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 6
  3. 3Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv) Gondor and the Heirs of Anárion

Geschichte

Die früheste greifbare Nachricht über die Haradrim stammt aus dem Zweiten Zeitalter und berichtet weniger von ihnen selbst als von fremden Herren, die über sie kamen. Als die Númenórer an den Küsten Mittelerdes Festungen und Häfen anlegten, wandte sich ein Teil von ihnen Sauron zu. Zwei dieser Abtrünnigen, Herumor und Fuinur, gewannen unter den Haradrim große Macht. Sie hatten sich weit im Süden niedergelassen und blieben auch nach dem Untergang Númenors willige Diener Saurons. So geriet das Volk des Südens schon früh unter eine Führung, die es an die Sache Mordors band.1

Im Dritten Zeitalter traten die Haradrim vor allem als Gegner Gondors in Erscheinung, und der Streit entzündete sich immer wieder an Umbar. Nachdem Earnil I. den Hafen erobert hatte, belagerten ihn die Menschen von Harad, und König Ciryandil fiel im Kampf gegen sie. Sein Sohn zahlte ihnen die Niederlage heim, drängte die Könige von Harad in die Botmäßigkeit Gondors und nahm ihre Söhne als Geiseln. Diese Unterwerfung hielt eine Zeit lang, war aber keine dauerhafte Befriedung, sondern ein Kräfteverhältnis, das sich mit jeder Schwäche des Nordreichs wieder verschieben konnte.2

Eine solche Schwäche brachte der Sippenstreit. Die Nachkommen des unterlegenen Thronräubers Castamir setzten sich in Umbar fest und machten den Hafen zu einem Sitz der Feinde Gondors; von dort aus verbanden sie sich mit dessen Widersachern im Süden. König Telumehtar gewann Umbar zwar zurück, doch in den unruhigen Zeiten danach ging die Stadt erneut verloren und fiel an die Menschen von Harad. Als Gondor später von den Wagenfahrern aus dem Osten bedrängt wurde, rückte zugleich ein Heer aus dem Süden heran, das Earnil in Süd-Ithilien schlug. Die Haradrim erscheinen in diesen Berichten kaum je als eigenständige Macht mit eigenen Zielen, sondern als Kraft, die sich den jeweiligen Gegnern Gondors anschloss.3

Mit dem Wiedererstarken Saurons nahm diese Rolle feste Gestalt an. Von Boten des Dunklen Herrschers aufgewiegelt, überschritten die Haradrim den Poros und griffen Gondor an; in diesem Krieg fielen die Söhne Folcwines von Rohan, die Gondor zu Hilfe gekommen waren. Zur See blieb Umbar eine ständige Bedrohung, bis ein Hauptmann in Diensten des Truchsessen Ecthelion, der sich Thorongil nannte, einen großen Teil der Korsarenflotte im Hafen vernichtete. Die Grenze im Süden kam damit nicht zur Ruhe, sie verlagerte nur ihre Brennpunkte.4

Im Ringkrieg standen die Haradrim geschlossen auf der Seite Mordors. Frodo und Sam sahen Scharen von Südländern nach Norden zum Schwarzen Tor ziehen, und in Ithilien gerieten sie in einen Hinterhalt, den Faramirs Männer einem solchen Zug legten; dabei brach auch einer der gewaltigen Olifanten durch das Gehölz. Auf den Pelennor-Feldern kämpften Reiter und Fußvolk aus Harad mit ihren Mûmakil gegen Gondor und Rohan, und Théoden fällte ihren Anführer, bevor er selbst fiel. Die Schiffe der Korsaren, die Verstärkung heranbringen sollten, fielen dagegen am Anduin in die Hände Aragorns, der mit ihnen nach Minas Tirith fuhr. Auch vor dem Morannon standen am Ende Krieger aus dem Süden neben den Ostlingen im letzten Aufgebot Saurons.5

Der Sturz Saurons vernichtete die Haradrim nicht, sondern löste sie aus seinem Bann. Als König Elessar den Thron bestieg, gewährte er den besiegten Völkern Gnade und schloss Frieden mit den Menschen von Harad. Damit endet, was die Quellen über ihre Geschichte mitteilen: Das Volk bestand fort, doch seine weiteren Geschicke liegen jenseits dessen, was die Chroniken Gondors festhalten. Bezeichnend bleibt, dass die Überlieferung die Haradrim fast nur dort sichtbar macht, wo sie in Krieg oder Vertrag mit dem Norden standen.6

  1. 1Das Silmarillion, Of the Rings of Power and the Third Age
  2. 2Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv) Gondor and the Heirs of Anárion
  3. 3Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv) Gondor and the Heirs of Anárion
  4. 4Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv) Gondor and the Heirs of Anárion
  5. 5Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 3; Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 4; Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 6; Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 9; Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 10
  6. 6Der Herr der Ringe, Buch VI, Kap. 5

Lebensweise und Eigenart

Was über die Lebensweise der Haradrim überliefert ist, stammt fast vollständig aus dem Blick ihrer Gegner, und dieser Blick fällt auf sie beinahe nur im Krieg. Die Waldläufer Faramirs beschreiben die Südländer, die durch Ithilien nach Norden ziehen, als Menschen mit dunkler Haut, gekleidet in leuchtendes Rot und reich mit Gold geschmückt. Ihr schwarzes Haar tragen sie zu Zöpfen geflochten, in die Gold eingearbeitet ist. Auch der gefallene Krieger, den Sam aus nächster Nähe sieht, trägt einen goldenen Halsreif. Solche Züge zeichnen ein Volk, das Wert auf prächtige Erscheinung legte und über Reichtum an Edelmetall verfügte, doch woher dieser Reichtum stammte und wie der Alltag in Harad aussah, sagen die Quellen nicht.1

Am deutlichsten unterscheidet die Haradrim von allen anderen Völkern Mittelerdes der Umgang mit den Mûmakil. Diese gewaltigen Tiere, die in der Sprache der Hobbits Olifanten heißen, dienten ihnen als Kriegstiere; auf ihren Rücken trugen sie turmartige Aufbauten, von denen aus Bogenschützen und Speerwerfer kämpften. Die Pferde der Rohirrim scheuten vor ihnen, und so wurden sie auf offenem Feld zu einer Waffe, der die Reiterei des Nordens wenig entgegenzusetzen hatte. Ihr Anführer vor Minas Tirith zog unter dem Zeichen einer schwarzen Schlange auf rotem Grund in die Schlacht. Die Krieger aus Fern-Harad, die dort ebenfalls auftraten, schildert der Bericht mit auffallend fremdartigen Zügen, doch ist diese Schilderung ganz aus der Sicht der bedrängten Verteidiger gezeichnet.2

Über Sprache, Glauben und Sitten der Haradrim schweigen die Werke fast völlig. Einen schmalen Hinweis gibt Gandalf, der nach Faramirs Bericht erwähnt, man nenne ihn im Süden Incánus; daraus lässt sich schließen, dass der Zauberer diese Länder bereist hat, über die dort gesprochenen Sprachen verrät der Name jedoch kaum etwas. Wie die Haradrim ihre Toten ehrten und wie sie über Vergänglichkeit und Zeit dachten, ist nirgends festgehalten. Gerade diese Leerstelle macht Sams Nachdenken über den gefallenen Südländer bedeutsam. Er fragt sich, wie der Mann hieß, woher er kam, ob er wirklich böse war oder durch Lügen und Drohungen zu dem weiten Marsch gebracht wurde, und ob er nicht lieber daheim in Frieden geblieben wäre. Damit öffnet die Erzählung für einen Augenblick den Blick auf ein Volk, dessen eigenes Leben jenseits des Krieges verborgen bleibt.3

  1. 1Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 4
  2. 2Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 6; Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 4
  3. 3Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 5; Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 4

Stämme, Herrschaften und Abgrenzungen

Einzelne Stämme, Häuser oder Sippen der Haradrim nennen die Werke nicht beim Namen. Die einzige Untergliederung, die der Text selbst vornimmt, ist räumlich: Er trennt die näheren Südländer von denen aus Fern-Harad. Deutlicher als diese innere Gliederung ist die Abgrenzung nach außen. In der Schilderung der Heere auf den Pelennor-Feldern stehen die Variags aus Khand als eigene Gruppe neben den Südländern, ebenso die Ostlinge. Khand gehört demnach nicht zu Harad, obwohl seine Krieger im selben Aufgebot Mordors kämpfen.1

Auch die Korsaren von Umbar sind nicht einfach mit den Haradrim gleichzusetzen. Den Kern ihrer Führung bildeten Nachkommen gondorischer Aufrührer. Diese verbündeten sich zwar mit den Südvölkern, blieben aber als eigene Macht erkennbar, und erst nach dem späteren Verlust Umbars ging die Stadt an die Menschen von Harad über. Über die Herrschaft in Harad selbst berichten die Anhänge stets von Königen in der Mehrzahl, nie von einem einzelnen Herrscher. Das lässt auf mehrere nebeneinander bestehende Herrschaften schließen, doch bleiben diese Könige namenlos. Namenlos bleibt auch der Anführer, der vor Minas Tirith fiel. Eine Herrscherfolge oder ein Geschlecht lässt sich aus diesen Angaben nicht erschließen.2

Für das Zweite Zeitalter zeichnet sich eine andere Trennlinie ab, die nach der Herkunft verläuft. Die abtrünnigen Númenórer, die im Süden zu Macht kamen, waren selbst keine Haradrim. Sie bildeten eine fremde Herrenschicht über einem einheimischen Volk. Ob ihre Linien sich mit den Menschen des Südens vermischten oder als gesonderte Häuser fortbestanden, lässt der Bericht offen.3

  1. 1Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 6
  2. 2Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv) Gondor and the Heirs of Anárion
  3. 3Das Silmarillion, Of the Rings of Power and the Third Age

Rolle in der Erzählung

Im „Herrn der Ringe“ begegnen die Haradrim dem Leser zuerst als Gerücht. Am Schwarzen Tor berichtet Gollum von Menschen, die aus dem Süden heranziehen, und Sam fragt sofort nach Olifanten, die er nur aus einem Reim kennt, den man im Auenland den Kindern aufsagt. Das Fremde erscheint so zunächst im Gewand einer Überlieferung, von der niemand recht weiß, ob sie Märchen oder Weltkunde ist. Wenig später bestätigt die Begegnung in Ithilien den Reim, und Sams Staunen mischt sich mit dem Schrecken des Gefechts. An diesem Übergang zeigt die Erzählung, wie weit die Hobbits sich bereits von allem Vertrauten entfernt haben.1

Im Gefüge des Buches stehen die Haradrim für die Reichweite Saurons. Sein Krieg bleibt nicht auf Mordor und seine Orks beschränkt, sondern zieht Völker aus Ländern heran, die mit dem Ring und seiner Geschichte nichts zu schaffen haben. Mit ihrem Auftreten vor Minas Tirith wird deutlich, dass Gondor nicht nur gegen Geschöpfe der Finsternis kämpft, sondern auch gegen Menschen, die den Verteidigern im Grunde gleichen. Das verleiht dem Sieg auf den Pelennor-Feldern Gewicht und nimmt ihm jede Einfachheit: Wer dort fällt, gehört auf beiden Seiten zum selben Geschlecht.2

Zugleich hält die Erzählung den Süden bewusst im Halbdunkel. Harad bleibt ein Rand der Karte, den der Leser nie betritt und nur durch die Augen der Hobbits, Faramirs Männer und der Reiter Rohans wahrnimmt. Dass das Bild dieser Beobachter begrenzt ist, deutet das Buch an mehreren Stellen selbst an, am eindringlichsten in Sams bereits erwähntem Nachdenken in Ithilien. Folgerichtig endet die Rolle der Haradrim nicht mit ihrer Niederlage, sondern mit dem Frieden, den der neue König ihnen gewährt. Aus dem Gegner an der Grenze wird so ein Nachbar, dessen Geschichte außerhalb des Blickfelds weitergeht.3

  1. 1Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 3; Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 4
  2. 2Der Herr der Ringe, Buch V, Kap. 6
  3. 3Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 4; Der Herr der Ringe, Buch VI, Kap. 5

Verfilmungen und Hörspiele

Sicher fassen lässt sich die Darstellung der Haradrim vor allem in Peter Jacksons Trilogie. Die Südländer treten dort im zweiten und im dritten Film auf, zuerst beim Überfall in Ithilien, später in der Schlacht vor Minas Tirith, und beide Male begleiten sie ihre Mûmakil. Als benannte Einzelfiguren mit eigener Rolle erscheinen sie nicht; wie im Buch bleiben sie ein Heer, dessen Innensicht verschlossen bleibt. Die auffälligste Abweichung betrifft die Überlegung über den gefallenen Südländer, die im Roman Sam gehört. Der Film legt diesen Gedanken Faramir in den Mund und macht ihn damit zu einem Zug seines Charakters. So verschiebt sich die Deutung: Im Buch ist es der Blick eines Hobbits, der fern der Heimat das Fremde als Menschliches erkennt, im Film die Einsicht eines Heerführers von Gondor.1

Eine zweite Abweichung betrifft den Ausgang der Kämpfe auf den Pelennor-Feldern. Im Roman entlässt Aragorn das Heer der Toten, nachdem es die Korsarenschiffe am Anduin gewonnen hat, und mit ihm fahren lebende Männer aus dem Süden Gondors nach Minas Tirith. Jacksons Fassung führt das Totenheer dagegen selbst auf das Schlachtfeld, wo es die Streitmacht Mordors samt ihren Verbündeten aus dem Süden überwältigt. Die Niederlage der Haradrim erscheint damit weniger als Ergebnis des Zusammenwirkens von Gondor und Rohan, das die Buchfassung hervorhebt. Ralph Bakshis Zeichentrickfilm von 1978 reicht nicht bis zu diesen Ereignissen, da er nach der Schlacht um Helms Klamm abbricht; die Südländer spielen in ihm daher keine Rolle.2

  1. 1Der Herr der Ringe (Filmtrilogie), 2001–2003
  2. 2Der Herr der Ringe (Filmtrilogie), 2001–2003; Der Herr der Ringe (Film 1978), 1978