Herkunft und Name

Der Name, unter dem das Gebirge in der älteren, elbischen Überlieferung erscheint, lautet Hithaeglir. Sein erster Bestandteil, hith, bedeutet „Nebel, Dunst“ und begegnet in gleicher Form auch in Hithlum, dem Namen für das nebelverhangene Land im äußersten Nordwesten von Beleriand; der zweite Bestandteil bezeichnet eine lang gezogene Kette von Gipfeln. In der Bedeutung deckt sich Hithaeglir damit mit der ins Gemeinsprachliche und weiter ins Englische beziehungsweise Deutsche übertragenen Form „Misty Mountains“ und „Nebelgebirge“ — ein schlicht beschreibender Name, der auf die beständige Wolken- und Nebelhülle der Gipfel verweist, nicht auf eine benennende Figur oder ein Gründungsereignis.

Innerhalb der Rahmenfiktion, die den Herrn der Ringe als Übertragung aus dem Roten Buch der Westmark ausgibt, tritt der Name durchweg in seiner verenglischten, sinngemäßen Form auf, während andere geografische Namen elbischen Ursprungs im Erzähltext bewusst unübersetzt neben ihrer Deutung stehen bleiben — etwa der Fluss Bruinen, der als „Bruinen“ genannt und zugleich mit „Lauteswasser“ erläutert wird. Diese uneinheitliche Behandlung erklärt der Erzähler in den Anhängen mit der allgemeinen Übersetzungspraxis: Wo ein elbischer Name den Sprechern des Gemeinsprachlichen selbst geläufig war, blieb er in seiner ursprünglichen Lautgestalt erhalten; wo ein Name längst zu einer schlichten, durchsichtigen Beschreibung eingedeutscht war, erscheint nur noch die Übersetzung.

Innerhalb des Gebirges tragen dagegen einzelne markante Gipfel eigene, mehrfach überlieferte Namen: Die drei Berge, die sich über den Toren Morias erheben, werden im Text sowohl mit ihren zwergischen als auch mit ihren sindarinischen und ins Gemeinsprachliche übertragenen Bezeichnungen benannt. Das zeigt, dass Zwerge, Elben und Menschen einzelne Landmarken jeweils eigenständig benannten, während das Gebirge als Ganzes vor allem in jener einen, elbisch-gemeinsprachlichen Doppelform überliefert ist, die seinen durchgängigen Nebelcharakter festhält.

Land und Lage

Der Gebirgszug erstreckt sich als durchgehende Kette vom äußersten Norden, wo er sich den kahlen, von Orks heimgesuchten Höhen um den Gundabad nähert, bis weit in den Süden, wo eine breite Senke ihn von den Weißen Bergen trennt und den Weg zwischen Eriador und den südlichen Landen offen hält. Über diese ganze Länge bildet er zugleich die Wasserscheide und die kulturelle Grenze zwischen dem besiedelten Westen und dem östlichen Wildland: Wer von Bruchtal oder dem Auenland aus nach Osten will, muss ihn zwingend überqueren, denn ein durchgehender Weg um ihn herum wird in den Erzählungen nirgends beschrieben.

Auf der Westseite steigen die Ausläufer sanfter zu den Hügeln Eriadors ab; dort, in einem verborgenen Taleinschnitt am Fuß des Gebirges, liegt Bruchtal, wo die Große Ost-Straße den Aufstieg zum Hohen Pass beginnt, der Reisende auf die andere Seite in die Ebenen und Wälder am Anduin hinüberführt. Unter dem Gebirge selbst liegt Moria, dessen Tor auf der Westseite dem einstigen Land Hollin zugewandt offensteht, während das Osttor in ein enges Tal beim Spiegelsee mündet, unweit der Grenzen Lothlóriens. So verbindet das Gebirge, so sehr es die beiden Landschaften trennt, sie an dieser einen Stelle zugleich durch einen unterirdischen Weg.

Das Hochgebirge selbst ist von schroffer, meist schneebedeckter Gestalt mit nur wenigen gangbaren Übergängen; der Pass am Caradhras etwa liegt so hoch, dass er auch im Frühjahr von Schnee und Steinschlag bedroht bleibt, wie die Gefährten des Ringes am eigenen Leib erfahren. Vom Gebirge fließen zahlreiche Bäche und Flüsse sowohl nach Eriador als auch in Richtung Anduin ab, darunter jener reißende Wildbach, der bei Bruchtal die Furt bildet, über die Verfolgte einst nur mit knapper Not entkamen. So begegnet einem der Gebirgszug in den Erzählungen weniger als bewohnbares Land denn als Hindernis, das man erdulden, umgehen oder – wie unter Moria – durchqueren muss.

Geschichte

Der Überlieferung des Silmarillion zufolge reicht der Ursprung des Gebirges weit vor die Zeiten zurück, in denen Elben oder Menschen von ihm berichten: Melchor ließ es in einem einzigen gewaltsamen Akt auftürmen, um dem Wagen Oromes den Weg zu versperren, als dieser auf der Suche nach den erwachten Elben durch die östlichen Lande ritt. Das Nebelgebirge zählt damit zu den Formationen, die nicht aus der ursprünglichen Gestaltung Ardas hervorgingen, sondern als Hindernis errichtet wurden, um Bewegung und Botschaft zwischen Ost und West zu erschweren. Diese Herkunft als Schranke, nicht als gewachsenes Land, prägt seinen Charakter durch alle späteren Zeitalter hindurch.

Unter dem südlichen Teil des Gebirges gründete Durin, der älteste der sieben Väter der Zwerge, in unvordenklich früher Zeit die Hallen von Khazad-dûm, die später als Moria bekannt wurden. Aus dieser Gründung erwuchs über die Zeitalter hinweg das mächtigste und angesehenste aller Zwergenreiche, dessen Reichtum sich vor allem der Ader des seltenen Silberstahls Mithril verdankte, die tief unter dem Gebirge verlief. Die Überlieferung von Durins Volk führt seine Herrscherlinie ununterbrochen bis in jene frühe Gründungszeit zurück und macht Moria damit zum ältesten dauerhaften Ansiedlungsort im gesamten Gebirgszug.

Im Zweiten Zeitalter blühte an der Westflanke des Gebirges, im Land Hollin, die elbische Schmiedekunst der Gwaith-i-Mírdain, deren Beziehung zu den Zwergen von Moria durch den regen Austausch am Westtor über lange Zeit friedlich und fruchtbar blieb. Als Sauron gegen die Schmiede von Hollin Krieg führte und das Land verwüstete, zog sich Elrond mit den Überlebenden ostwärts zurück und gründete Bruchtal als letzte feste Zuflucht am Westfuß des Gebirges. Moria selbst blieb von diesem Krieg zunächst weitgehend verschont und erreichte im weiteren Verlauf des Zeitalters und in den ersten Jahrhunderten des Dritten Zeitalters seine größte Blüte.

Der Niedergang setzte ein, als die Zwerge unter Durin VI. in ihrer Gier nach Mithril zu tief unter das Gebirge gruben und dabei ein uraltes Wesen der Finsternis weckten, das später als Durins Fluch bekannt wurde. Durin VI. fiel diesem Wesen zum Opfer, sein Sohn Náin I. ein Jahr darauf ebenso, und die überlebenden Zwerge verließen Moria, das fortan verlassen und von der Furcht vor dem, was in der Tiefe hauste, gemieden blieb. Zur gleichen Zeit wuchs im übrigen Gebirge die Zahl der Orks stetig, begünstigt durch die Wirren, die das Reich Angmar im Norden über Eriador brachte, sodass die Pässe des Nebelgebirges für Reisende zunehmend gefährlich wurden.

Die Feindschaft zwischen Zwergen und Orks im Gebirge entlud sich schließlich im Krieg der Zwerge und Orks, der mit der Schlacht von Azanulbizar vor dem Osttor Morias endete: Die Zwerge unter Dáin rächten dort den Tod ihres Königs Thrór, konnten die Hallen selbst aber nicht zurückerobern, da Durins Fluch weiterhin in der Tiefe hauste. Weiter nördlich blieb das Gebirge zugleich Hauptsiedlungsgebiet der Orks unter dem Gundabad; Thorins Gesellschaft geriet auf dem Hohen Pass in ihre Gewalt, und der daraus erwachsene Konflikt gipfelte in der Schlacht der Fünf Heere, die die Orkmacht im Gebirge für einige Zeit erheblich schwächte.

Ein später Versuch, Moria wiederzubesiedeln, unternahm Balin mit einer kleinen Schar von Gefährten; die Kolonie hielt sich einige Jahre, bevor sie unterging und keine Nachricht mehr aus den Hallen drang. Am Vorabend des Ringkriegs versuchte die Gemeinschaft des Ringes zunächst, das Gebirge über den Pass am Caradhras zu überqueren, wurde jedoch von Schnee und einer feindseligen Macht zurückgetrieben und nahm stattdessen den Weg durch Morias verlassene Hallen, wo Gandalf im Kampf gegen Durins Fluch stürzte, ihn aber am Ende bezwang. Mit diesem Kampf endete die jahrhundertelange Herrschaft des Wesens über Moria, während das übrige Gebirge auch danach ein von Orks durchstreiftes, unwirtliches Land blieb.

Volk und Herrschaft

Über das Nebelgebirge als Ganzes herrschte zu keiner Zeit eine einzige Macht. Seine gewaltige Länge verteilte sich auf mehrere voneinander unabhängige Bereiche, in denen unterschiedliche Völker lebten, ohne dass daraus je ein gemeinsames Staatswesen erwuchs. Das einzige dauerhafte Königtum, das dem Gebirge selbst entstammte, war jenes der Zwerge von Durins Volk unter den südlichen Höhen, dessen Werdegang bereits an anderer Stelle geschildert wurde. Kein anderes Volk im Gebirge erreichte je eine vergleichbar gefestigte, über Generationen bewahrte Herrschaft; was sonst in Gipfeln und Schluchten hauste, blieb lose, wandernd und ohne Anspruch auf ein festes Reich.

Nach dem Untergang der zwergischen Herrschaft setzten sich Orkscharen in den verlassenen Hallen Morias fest. Ihr Anführer Azog, der zuvor Thrór am Osttor erschlagen hatte, machte die Hallen zeitweilig zu seinem eigenen Stützpunkt, bis er in der Schlacht von Azanulbizar fiel. Sein Sohn Bolg führte später, gestützt auf die zahlreichen Ork-Ansiedlungen um den Gundabad im Norden, ein Heer gegen Thal und Erebor, das erst in der Schlacht der Fünf Heere geschlagen wurde. Eine weitere solche Ansiedlung mit eigenem Häuptling und beträchtlichem Gefolge lag unter dem Hohen Pass, wo Reisende in ihre Gewalt geraten konnten. Eine Ordnung, die über einzelne Anführer hinausreichte, kannten die Orks des Gebirges nicht; im Ringkrieg zogen ihre verbliebenen Scharen schließlich als Teil von Saurons Heeren aus, was zeigt, dass ihre letzte Bindung nicht dem Gebirge, sondern dem Dunklen Herrscher galt.

Daneben lebten im Gebirge Wesen, die sich jeder Herrschaft entzogen: Hoch in den nördlichen Gipfeln nisteten die Großen Adler unter Führern wie Gwaihir, einem eigenständigen, niemandem untertanen Volk, das nur aus freiem Entschluss half, und in den Pässen trieben zur Sommerzeit Steinriesen ihr Unwesen, ohne dass ihnen fester Wohnsitz oder Ordnung zugeschrieben würde. Zu den Völkern beiderseits des Gebirges bestand kein Herrschaftsverhältnis, wohl aber eines der Wachsamkeit: Weder Bruchtal noch Lothlórien erhoben Anspruch auf das Gebirge selbst, doch ihre Grenzwachen sicherten die Zugänge an seinem West- und Ostrand. Im Osten wiederum hielt das Volk Beorns in den Tälern des Anduin die Furt und den Weg zum Hohen Pass offen und für Reisende passierbar.

Rolle in der Erzählung

Für Bilbo Beutlin wird die Überquerung des Gebirges auf dem Weg nach Osten zur ersten wirklichen Prüfung seiner Reise: Die Gesellschaft gerät in einer stürmischen Nacht in die Gewalt der Goblins, verliert im folgenden Aufruhr den Zusammenhalt, und Bilbo findet sich allein in den finsteren Gängen unter dem Gebirge wieder. Dort, am Rand eines unterirdischen Sees, ereignet sich das Rätselspiel mit Gollum, aus dem Bilbo mit einem unscheinbaren goldenen Ring entkommt – ein Fund, dessen Tragweite die Erzählung erst weit später offenbart. Das Gebirge ist damit der Ort, an dem die eigentliche Geschichte des Rings ihren Anfang nimmt, obwohl weder Bilbo noch seine Begleiter zu diesem Zeitpunkt ahnen, was sie dort zurücklassen und was sie mitnehmen.

Ein Menschenalter später wird dieselbe Kette der Gemeinschaft des Rings zum ersten großen Hindernis auf ihrem Weg nach Süden. Der Versuch, den Pass am Caradhras zu erzwingen, scheitert an einem Widerstand, der im Text selbst als beinahe willentlich beschrieben wird, und zwingt die Gefährten zu einer Entscheidung zwischen zwei gefürchteten Wegen – der offenen Gefahr des Passes und der ungewissen Finsternis unter dem Berg. Diese Wahl, die Gandalf gegen den eigenen Vorbehalt trifft, rückt erstmals Führung, Vertrauen und die Grenzen seines Vorauswissens ins Zentrum der Erzählung, lange bevor die Ereignisse in der Tiefe ihren Ausgang nehmen.

Über beide Werke hinweg bleibt das Gebirge zudem ein Schauplatz, an dem Rettung buchstäblich von oben kommt: Die Großen Adler greifen im Hobbit im letzten Moment ein und tragen Gandalf und seine Gefährten aus der Umzingelung durch Goblins und Warge in Sicherheit, und Jahre später ist es wieder ein Adler, der Gandalf vom Gipfel des Zirak-zigil zurück in den Krieg holt, nachdem sein Kampf sich bis dorthin hinaufgezogen hat. Für die Hobbits, die das Auenland selten verlassen, bleibt die Erinnerung an solche Überquerungen ein Sinnbild für die Härte, die jenseits der vertrauten Grenzen wartet; das Gebirge markiert in beiden Geschichten die Schwelle, an der sich beiläufiges Reisen in ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang verwandelt.