Herkunft und Namen
Was über die Herkunft des Wesens bekannt ist, das die Welt als Gollum kennt, geht im Wesentlichen auf Gandalfs Bericht gegenüber Frodo zurück. Danach entstammte Sméagol einer Sippe kluger, geschickter Flussleute von Hobbitart, die vor langer Zeit an den Ufern des Anduin nahe den Schwertelfeldern siedelte und in der Gandalf Verwandte der Vorväter der Starren vermutet. Die Familie war wohlhabend und zahlreich und stand unter der Führung einer strengen Großmutter. Sméagol selbst schildert der Zauberer als neugierig auf verborgene Dinge: Er tauchte in tiefe Tümpel, wühlte sich unter Bäume und Hügel und richtete den Blick eher abwärts, auf Wurzeln und Anfänge, als hinauf zu Licht und Himmel.
Der Name Sméagol ist dabei, wie Anhang F darlegt, bereits eine Übertragung. In der Menschensprache des Anduintals hieß er eigentlich Trahald, was so viel wie „sich eingrabend, sich hineinwindend“ bedeutet; die Erzählung gibt ihn durch eine altenglisch geformte Entsprechung wieder, die an das Wort für Höhle oder Bau anklingt — dieselbe Wurzel, die auch im Hobbit-Wort „Smial“ steckt. Der Name seines Verwandten Déagol ist auf gleiche Weise aus Nahald übertragen, das „heimlich, verborgen“ bedeutet. Beide Namen sind damit sprechend gewählt und deuten die Neigung zum Verborgenen an, die dieser Sippe eigen war.
„Gollum“ dagegen ist kein Name, sondern ein Übername, der dem Wesen wegen des würgenden Schluckgeräuschs in seiner Kehle angehängt wurde; so wird er schon im Hobbit eingeführt, wo Bilbo Beutlin ihm in den Höhlen unter dem Nebelgebirge begegnet. In der späteren Erzählung stehen beide Namen nebeneinander und bezeichnen die zwei Seiten der zerrissenen Kreatur: Frodo redet ihn bewusst mit Sméagol an, während Sam Gamdschie für die kriecherische und die tückische Hälfte eigene Spottnamen prägt, im Englischen Slinker und Stinker. Die Doppelform Sméagol-Gollum ist somit mehr als eine Namensvariante — sie spiegelt einen inneren Zwiespalt, dessen Geschichte an anderer Stelle erzählt wird.
Geschichte
Um das Jahr 2463 des Dritten Zeitalters nahm das Verhängnis seinen Anfang: Beim Fischen im Anduin wurde Déagol von einem großen Fisch ins Wasser gerissen und fand auf dem Flussgrund einen goldenen Ring — den Einen Ring, der einst Isildur in eben diesem Strom verlorengegangen war. Sméagol, der an jenem Tag Geburtstag hatte, verlangte den Fund als Geschenk, und als Déagol sich weigerte, erwürgte er ihn und verbarg die Leiche. Die Gabe des Rings, seinen Träger unsichtbar zu machen, nutzte er fortan zum Belauschen, Stehlen und für kleine Bosheiten, bis seine Sippe ihn mied und die Großmutter ihn aus der Gemeinschaft verstieß. Einsam und lichtscheu geworden, wanderte er den Fluss hinauf und verkroch sich um 2470 D.Z. in den Höhlen unter dem Nebelgebirge.
Beinahe fünf Jahrhunderte hauste er auf einer Felseninsel in einem finsteren See tief unter den Bergen, vom Ring weit über jedes natürliche Maß am Leben erhalten und zugleich innerlich ausgezehrt, während er sich von blinden Fischen und gelegentlich von verirrten Orks nährte. Im Jahr 2941 D.Z. endete diese Verborgenheit: Der Ring, der nach Gandalfs späterer Deutung seinen Hüter aus eigenem Willen verließ, glitt ihm vom Finger und fiel Bilbo Beutlin in die Hände, der sich auf der Flucht vor den Orks in den Stollen verirrt hatte. Im Rätselspiel, das die beiden um Bilbos Leben und den Weg ins Freie austrugen, unterlag Gollum; als er den Verlust seines Schatzes entdeckte und den Fremden töten wollte, entkam ihm Bilbo unsichtbar und gelangte, dem tobenden Gollum bis zum Hinterausgang folgend, mit einem Sprung über ihn hinweg ins Freie. Zurück blieb ein von Hass und Verlust zerfressenes Wesen, das den Namen Beutlin nie wieder vergaß.
2944 D.Z. wagte sich Gollum aus den Bergen und begann die Suche nach dem vermeintlichen Dieb; 2951 wandte er sich nach Mordor und erreichte um 2980 dessen Grenzland. Dort wurde er schließlich ergriffen und von Saurons Dienern verhört, und unter Qualen gab er preis, was er wusste — vor allem die beiden Worte Auenland und Beutlin, die den Feind auf die Spur des Rings setzten. Im Jahr 3017 wieder freigelassen, fiel er bald darauf Aragorn in die Hände, der ihn nach langer Jagd an den Totensümpfen ergriff und nach Norden schaffte; Gandalf befragte ihn und entnahm seinem Gestammel die Bestätigung der Herkunft des Rings. In der Obhut der Elben Thranduils im Düsterwald blieb er, bis er im Juni 3018 während eines Orküberfalls entkam und untertauchte.
Im Januar 3019 nahm er in den Minen von Moria die Fährte der Gefährten auf und folgte ihnen hartnäckig durch Lórien und den Anduin hinab. Als Frodo und Sam sich nach dem Zerfall der Gemeinschaft allein nach Osten durchschlugen, kletterte er ihnen im Felslabyrinth der Emyn Muil nach und wurde dort Ende Februar von den beiden Hobbits überwältigt. Frodo nahm ihm einen Schwur auf den Ring selbst ab und machte ihn zum Führer, und eine Zeitlang schien der alte Sméagol wieder hervorzukommen: Er geleitete die Wanderer sicher durch die Totensümpfe zum Schwarzen Tor, riet von dessen aussichtslosem Angriff ab und wies stattdessen den Weg südwärts durch Ithilien zu einem verborgenen Pass. Am Verbotenen Weiher von Henneth Annûn bewahrte Frodo den Fischenden vor den Pfeilen von Faramirs Leuten — ein rettendes Eingreifen, das Gollum jedoch als Falle und Verrat missdeutete.
Von da an gewann die tückische Hälfte endgültig die Oberhand, auch wenn der innere Kampf noch nicht entschieden war: Auf den Treppen von Cirith Ungol beugte sich Gollum einmal beinahe zärtlich über den schlafenden Frodo, und die Erzählung deutet an, dass in diesem Augenblick eine letzte Umkehr möglich gewesen wäre — bis Sams barsches Erwachen den Moment zerstörte. Am 12. März 3019 führte er die Hobbits planvoll in die Höhle der Riesenspinne Kankra, mit der er seit langem vertraut war, in der Hoffnung, den Ring aus ihren Überresten zu bergen. Der Anschlag misslang: Sam schlug seinen Angriff zurück, Frodo überlebte Kankras Stich, und Gollum entkam in die Finsternis. Doch er gab die Verfolgung nicht auf und schlich den beiden fortan durch die Öde Mordors nach.
Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.
Schicksal
Am 25. März 3019 holte er die erschöpften Wanderer an den Hängen des Schicksalsberges ein und fiel Frodo an, wurde aber abgewehrt; Sam, der ihn hätte töten können, verschonte die elende Kreatur aus Mitleid. So folgte Gollum den beiden bis in die Sammath Naur, wo Frodo an den Schicksalsklüften den Ring schließlich für sich beanspruchte, statt ihn zu vernichten. Gollum stürzte sich auf den unsichtbar Gewordenen, biss ihm den Ringfinger ab und verlor, im Triumph über den zurückgewonnenen Schatz taumelnd, den Halt: Er stürzte mit dem Ring in das Feuer, und beide vergingen darin. So erfüllte sich, was Gandalf lange zuvor geahnt hatte — dass das von Bilbo und Frodo geübte Mitleid nicht vergebens war und Gollum, ob gut oder böse, noch eine Rolle zu spielen hatte, ehe alles zu Ende ging. Ohne sein letztes Zugreifen wäre die Fahrt zur Vernichtung des Rings an ihrem Ziel gescheitert.
Rolle und Fähigkeiten
Im Gefüge des Legendariums ist Gollum weniger eine Machtfigur als ein Prüfstein. An ihm führt die Erzählung vor, was der Eine Ring aus einem kleinen, hobbitartigen Wesen macht, das ihm über Jahrhunderte ausgeliefert ist — er ist damit das warnende Gegenbild zu Bilbo und Frodo, die derselben Last unterworfen sind. Zugleich trägt er das Motiv des Mitleids, das Gandalf im Gespräch mit Frodo entfaltet: Gerade die Schonung des Verworfenen, nicht seine Beseitigung, erweist sich im Gang der Dinge als sinnvoll. Auf der Handlungsebene schließlich ist er unentbehrlicher Wegkundiger, denn ohne seine Kenntnis der Sümpfe und der verborgenen Zugänge nach Mordor wäre den Ringträgern der Weg verschlossen geblieben.
Seine Fähigkeiten sind die eines an die Finsternis angepassten Geschöpfs. Seine blassen, im Dunkeln schimmernden Augen sehen ohne Licht, Gehör und Geruchssinn sind scharf, und er bewegt sich nahezu lautlos. Er schwimmt und fängt Fische mit bloßen Händen, klettert kopfüber an glatten Felswänden hinab wie ein Insekt, und seine mageren Finger greifen mit überraschender Kraft zu. Dazu kommt eine große Zähigkeit: Er erträgt Hunger und Entbehrung, und als Fährtensucher folgt er einer Spur über Hunderte von Meilen mit einer Hartnäckigkeit, der selbst wachsame Verfolgte kaum entgehen.
Diesen Gaben stehen enge Grenzen gegenüber. Eigene übernatürliche Macht besitzt Gollum nicht; die Unsichtbarkeit war eine geliehene Gabe des Rings und ging mit dessen Verlust dahin, und auch die unnatürliche Dauer seines Lebens war Dehnung ohne Stärkung, die ihn ausmergelte statt zu kräftigen. Sonnen- und Mondlicht quälen ihn, und alles Elbische ist ihm unerträglich: Das Seil aus Lórien brennt auf seiner Haut, das Wegbrot der Elben kann er nicht essen. Körperlich bleibt er schwach genug, dass zwei erschöpfte Hobbits ihn niederringen können, und sein Wille ist so vollständig an den Ring gekettet, dass am Ende jede Bindung — selbst ein feierlich geleistetes Versprechen — hinter der Gier zurücksteht.
Beziehungen
Die eine Bindung, die Gollums langes Dasein beherrschte, galt keinem lebenden Wesen, sondern dem Einen Ring, und an ihr zerbrachen alle übrigen. Ihr erstes Opfer war die eigene Verwandtschaft: Mit der Tat an Déagol zerschnitt er das Band zu seiner Sippe, noch ehe diese ihn ausstieß. In den Jahrhunderten der Einsamkeit trat an die Stelle jeder Gemeinschaft das Zwiegespräch mit dem „Schatz“ — eine Anrede, in der Ring und eigenes Selbst ununterscheidbar verschwimmen. Wie vollständig dieser Ersatz geworden war, zeigt die Szene in den Sümpfen, in der Sam den Schlaflosen belauscht, wie er mit zwei Stimmen gegen sich selbst verhandelt: Die gespaltene Kreatur ist sich längst ihr einziges Gegenüber.
Umso aufschlussreicher ist, was die beiden Hobbits in ihm auslösen. Frodo begegnet ihm als Erster seit Menschengedenken mit Ernst und einer Art Achtung, und in Gollum antwortet darauf eine fast hündische Anhänglichkeit an den „guten Herrn“ — der verschüttete Sméagol wird noch einmal ansprechbar. Sam dagegen traut ihm keinen Augenblick, und seine Wachsamkeit, so berechtigt sie sich erweist, verschließt der Kreatur zugleich den Weg zurück. So spiegeln die beiden Gefährten Gollums eigene Zerrissenheit: Der eine wendet sich an das, was er war, der andere sieht nur, was er geworden ist.
Alle anderen Verhältnisse der Figur sind Formen von Hass, Furcht oder Unterwerfung. Bilbo Beutlin bleibt ihm der „Dieb“, und dieser Groll überträgt sich auf den bloßen Namen und schließlich auf Frodo als dessen Erben. Gandalf und Aragorn stehen ihm als unerbittliche, aber nicht grausame Häscher gegenüber; gerade Gandalfs Urteil verbindet unverhohlenen Abscheu mit dem Beharren auf Mitleid. Die einzige Verbindung, die Gollum aus freien Stücken sucht, ist bezeichnenderweise die zur Spinne Kankra, der er als eine Art Zuträger dient — kein Bündnis unter Gleichen, sondern Dienerschaft aus Berechnung. Zu Gegenseitigkeit findet er nie; nur gegenüber Frodo flackert für kurze Zeit etwas anderes auf.
Entwürfe und Varianten
Die in der History of Middle-earth dokumentierten Entwürfe zum zweiten Kapitel des Herrn der Ringe, dort unter dem Arbeitstitel „Ancient History“ geführt, zeigen eine merklich harmlosere Vorform der Figur. In der frühesten Fassung von Gandalfs Bericht trägt das Wesen noch nicht den Namen Sméagol, sondern heißt Dígol, und es findet den Ring selbst auf dem Grund des Flusses; von einem Gefährten oder gar einem Mord ist noch keine Rede. Erst bei der Überarbeitung spaltete Tolkien die Gestalt auf: Der Name ging, zu Déagol gewandelt, auf das neu eingeführte Opfer über, während der Finder und Mörder den Namen Sméagol erhielt. Zugleich folgen die frühen Entwürfe noch getreu der Erstausgabe des Hobbit, in der Gollum den Ring ehrlich als Preis des Rätselspiels einsetzt und dem verirrten Bilbo zuletzt selbst den Ausweg zeigt; die düstere Fassung der Begegnung, die Bilbos ursprünglichen Bericht zur beschönigenden Lüge erklärt, gehört einer späteren Arbeitsschicht an.
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Schicksal
Bemerkenswert früh stand dagegen Gollums Ende fest. Bereits in Handlungsskizzen, die lange vor der Niederschrift der Schlusskapitel entstanden, hielt Tolkien fest, dass der Ringträger am Ziel versagen und Gollum den Ring an sich reißen und mit ihm in die Tiefe stürzen werde; die Auflösung am Schicksalsberg zählt damit zu den ältesten festen Bestandteilen der Gesamtkonzeption, auch wenn die Umrisse des Hergangs in den Notizen noch schwankten. Als Tolkien das Kapitel schließlich ausarbeitete, erreichte die Szene an den Schicksalsklüften ihre endgültige Gestalt dann fast ohne Umwege — ein Befund, den Christopher Tolkiens Kommentar eigens hervorhebt.
Die Figur in Adaptionen
In den frühen Verfilmungen wurde Gollum zunächst als reine Sprechrolle gestaltet. Im Zeichentrickfilm des Hobbit von Rankin/Bass (1977) lieh ihm Brother Theodore die Stimme; die Zeichner gaben der Kreatur dort ein froschartiges, deutlich vom Buch abweichendes Äußeres. In Ralph Bakshis teilanimiertem Herr der Ringe (1978) sprach Peter Woodthorpe die Figur, und derselbe Sprecher übernahm sie erneut in der BBC-Hörspielfassung von 1981, die Gollums doppelstimmige Selbstgespräche allein über den Stimmwechsel hörbar macht. Auch die deutsche Hörspielbearbeitung des WDR aus den frühen 1990er Jahren stützt sich ganz auf diese stimmliche Zeichnung der gespaltenen Kreatur.
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Schicksal
Prägend für das heutige Bild der Figur wurde Peter Jacksons Filmtrilogie (2001–2003), in der Andy Serkis Gollum mittels Motion-Capture-Verfahren verkörperte; in der deutschen Fassung sprach ihn Andreas Fröhlich. Die Rückblende zu Beginn des dritten Films zeigt Serkis zudem leibhaftig als noch unverwandelten Sméagol beim Mord an Déagol, den das Buch nur in Gandalfs Bericht referiert. Die Filme fügen außerdem eine im Roman fehlende Intrige hinzu: Gollum wirft das Elbenbrot fort und lastet den Diebstahl Sam an, worauf Frodo den Gefährten fortschickt. Auch das Ende am Schicksalsberg verläuft verändert — statt im Triumphtaumel selbst den Halt zu verlieren, stürzt Gollum im Ringen mit dem erneut angreifenden Frodo in die Feuerklüfte. Für Jacksons Hobbit-Verfilmung (2012) kehrte Serkis in der Rätselszene ein weiteres Mal in die Rolle zurück.