Namen und Herkunft des Namens

Der Name „Mirkwood“ ist eine schlichte englische Zusammensetzung aus dem inzwischen veralteten Adjektiv „mirk“ (finster, düster) und „wood“ (Wald) und beschreibt unmittelbar den Zustand, in dem der Wald während des größten Teils der erzählten Handlung erscheint. Den Anhängen zufolge kam dieser Name erst auf, nachdem sich ein Schatten über den vormals hellen Wald gelegt hatte und die umliegenden Völker begannen, ihn entsprechend zu nennen; im deutschen Sprachgebrauch der Chronik hat sich dafür die wörtliche Entsprechung „Düsterwald“ eingebürgert. Auch im Prolog wird derselbe Vorgang der Umbenennung festgehalten, wodurch der neue Name eher als Ausdruck einer kollektiven Wahrnehmung erscheint denn als offizieller Beschluss einer Herrschaft.

Vor dieser Verdunkelung trug der Wald den Namen „Grünwald der Große“, unter dem er in den älteren Überlieferungen erscheint, als sein Blätterdach noch unverschattet war. In elbischer Form wird er dort als „Eryn Galen“ bezeichnet, was schlicht „Grüner Wald“ bedeutet und denselben lichten Charakter spiegelt, den der Wald einbüßte, als sich in seinem Süden eine neue Macht der Finsternis festsetzte. Der Namenswechsel markiert also keine geographische Neubestimmung, sondern eine Umdeutung ein und desselben Ortes durch die Wahrnehmung der ihn umgebenden Völker.

Nach dem Ende des Ringkrieges wird der gereinigte Wald in der Chronik ein drittes Mal umbenannt: Er heißt fortan „Eryn Lasgalen“, der Wald der grünen Blätter, während sich Thranduils Waldelben und Beorns Nachkommen das Gebiet untereinander aufteilen. Die englische Wendung „Wood of Greenleaves“ begegnet dabei als erläuternde Übertragung dieses elbischen Namens für Leser ohne Sindarin-Kenntnisse. So stehen am Ende dreier Zeitabschnitte drei Namen nebeneinander, die weniger den Wald selbst verändern als den wechselnden Blick der umliegenden Völker auf ihn festhalten.

Lage und Landschaft

Düsterwald erstreckt sich als ausgedehnter, geschlossener Waldgürtel östlich des Nebelgebirges und bildet den Kernraum jener Landschaft, die in den Chroniken als Wildland oder Rhovanion bezeichnet wird. Nach Westen trennt ihn der Anduin von den Landen diesseits des großen Flusses, nach Osten läuft der Wald auf den Langen See und den Einsamen Berg zu, sodass Reisende, die ihn durchqueren, jeweils eine dieser beiden Grenzen als Ausgangs- oder Zielpunkt vor Augen haben. Schon seine bloße Ausdehnung macht ihn zu einem eigenständigen Hindernis zwischen den Ländern am Anduin und den östlichen Siedlungen um den Berg, das sich nicht mit wenigen Tagesmärschen umgehen lässt.

Kennzeichnend für den Wald ist sein dichtes, hochgewachsenes Kronendach, das kaum Licht zum Boden durchlässt und die Pfade darunter in eine ständige Dämmerung taucht, die schon für sich genommen bedrückend wirkt, noch bevor eine wirkliche Gefahr sichtbar wird. Eine alte Waldstraße durchzieht ihn in ganzer Breite von West nach Ost und quert dabei einen trägen, dunklen Fluss, dessen Wasser jeden, der ihn berührt, in tiefen, kaum zu durchbrechenden Schlaf sinken lässt. Mit der Zeit verfällt dieser Pfad zusehends, sodass er streckenweise kaum noch erkennbar ist und wer von ihm abkommt, sich in den ungebahnten Teilen des Waldes leicht verirrt.

Der Wald gliedert sich zudem in Bereiche von sehr unterschiedlichem Charakter: Im Süden erhebt sich, unter dem Baumbestand verborgen, der Hügel Dol Guldur, während einige Meilen innerhalb des östlichen Waldrandes die unterirdischen Hallen des Elbenkönigs liegen. Zwischen diesen beiden Punkten breitet sich ein weiter, kaum begangener Mittelteil aus, über dessen alten Pfaden Riesenspinnen ihre Netze gespannt haben. Diese innere Gliederung macht sinnfällig, dass Düsterwald keine einheitliche Wildnis ist, sondern ein Nebeneinander aus bewachtem Reich, gefährlicher Wildnis und schattenverhangenem Herrschaftssitz, das erst im Zusammenhang seine volle Ausdehnung erkennen lässt.

Geschichte

In den ersten Zeitaltern der erzählten Geschichte gehörte Grünwald der Große zu den größten zusammenhängenden Wäldern Wildlands und war Heimat zahlreicher Waldelben, die dort in loser Ordnung siedelten, ohne dass ein einzelnes Königreich den ganzen Wald beherrschte. Erst mit der Zeit festigte sich im Norden des Waldes ein geordnetes Reich unter einem Elbenkönig, dessen Hallen später zum Zufluchtsort werden sollten, als sich anderswo im Wald eine neue Bedrohung ausbreitete. Diese frühe Periode erscheint in der Chronik als eine Zeit vergleichsweiser Ruhe, in der der Wald seinen ursprünglichen, hellen Namen zu Recht trug.

Der Wendepunkt wird für das Jahr 1050 des Dritten Zeitalters festgehalten: In jenem Jahr fiel ein Schatten auf den Wald, und die umliegenden Völker begannen, ihn Düsterwald zu nennen, da sich im Süden eine Macht namens der Nekromant in der verlassenen Feste Dol Guldur eingenistet hatte. Die Waldelben um ihren König zogen sich daraufhin weiter nach Norden und Osten zurück und errichteten ihr befestigtes Reich fern der wachsenden Gefahr, während der übrige Wald zusehends verwilderte und von finsteren Geschöpfen heimgesucht wurde. Von dieser Zeit an bestimmte die stille Bedrohung aus dem Süden das Schicksal des gesamten Waldes für viele Jahrhunderte.

Um das Jahr 1100 des Dritten Zeitalters schlossen sich die Weisen Mittelerdes angesichts dieser Entwicklung zum Weißen Rat zusammen, ohne zunächst offen gegen Dol Guldur vorzugehen. Erst Jahrhunderte später, im Jahr 2063, wagte Gandalf einen ersten Vorstoß zur Feste und veranlasste den Nekromanten zum Rückzug, doch die Ruhe währte nicht lange: Bereits 2460 kehrte die dunkle Macht nach Dol Guldur zurück und festigte dort ihre Herrschaft. Als Gandalf im Jahr 2850 die Feste ein zweites Mal aufsuchte, erkannte er, dass sich hinter dem Nekromanten in Wahrheit der zurückgekehrte Sauron verbarg, der dort heimlich seine Macht wieder aufbaute.

Im Jahr 2941 erreichte diese Entwicklung ihren Höhepunkt: Während Bilbo Beutlin und die Zwerge um Thorin Eichenschild den verwilderten Wald durchquerten und dabei den Riesenspinnen sowie den Wächtern des Elbenkönigs begegneten, entschloss sich der Weiße Rat endlich zum offenen Angriff auf Dol Guldur. Sauron, seiner Deckung beraubt, verließ die Feste und zog sich nach Mordor zurück, wo er seine Macht offen zu bündeln begann, sodass Dol Guldur für die folgenden Jahrzehnte verlassen zurückblieb. Der Wald blieb dennoch von den Nachwirkungen dieser langen Verdunkelung gezeichnet und galt weiterhin als gefährliches Land.

Während des Ringkrieges wurde Dol Guldur von Sauron erneut besetzt, und aus der Feste heraus griffen seine Truppen das Waldlandreich zweimal an; in der sogenannten Schlacht unter den Bäumen leisteten Thranduils Elben und die Nachkommen Beorns erbitterten Widerstand gegen die anrückenden Orks. Nach dem Sturz Saurons zog Galadriel mit Kräften aus Lothlórien gegen Dol Guldur, ließ die Mauern der Feste niederreißen und die Gruben darunter öffnen, sodass der letzte Rest des alten Schattens aus dem Wald vertrieben wurde. Damit endete die lange Epoche, in der Düsterwald seinem Namen gerecht geworden war.

Im Anschluss an diese Reinigung wurde der Wald neu geordnet: Thranduil und Beorns Nachfahren teilten das Land unter sich auf, und der Wald erhielt, wie in der Chronik vermerkt, seinen dritten und letzten Namen, unter dem er fortan Bestand hatte. Damit schließt sich der geschichtliche Bogen, der von der ungetrübten Frühzeit über die jahrhundertelange Verdunkelung bis zur endgültigen Befreiung reicht, mit einem Ort, der zwar seine Wildheit, nicht aber seinen alten Schatten behielt.

Volk und Herrschaft

Bewohnt wurde der Wald während des größten Teils des Dritten Zeitalters vor allem von Waldelben, einem eigenständigen Volk, dessen Sprache und Lebensart sich von jener der Elben Bruchtals oder Lothlóriens unterschied. An ihre Spitze trat einst Oropher, ein sindarischer Fürst, der nach dem Untergang Doriaths ostwärts über das Gebirge zog und sich unter den dort ansässigen Waldelben niederließ, deren Sitten er annahm, statt sie den eigenen zu unterwerfen. In der Schlacht des Letzten Bündnisses gegen Sauron führte Oropher sein Volk in die Schlacht und fiel dabei zusammen mit einem großen Teil seiner Krieger; die Herrschaft ging danach auf seinen Sohn Thranduil über, der das Waldelbenreich fortan über Jahrhunderte hinweg lenkte.

Zu den Nachbarn des Waldelbenreichs zählten vor allem die Zwerge des Einsamen Berges sowie die Menschen von Thal und Esgaroth, und das Verhältnis zu beiden fiel deutlich unterschiedlich aus. Gegenüber den Zwergen bewahrte Thranduils Volk ein altes Misstrauen, das der Überlieferung nach auf einen früheren Streit um Schätze zurückging und mit ein Grund dafür war, dass die Wächter des Waldes Bilbo und die Gefährten Thorin Eichenschilds zunächst gefangen nahmen, statt sie ziehen zu lassen. Mit den Menschen von Esgaroth pflegte der Elbenkönig dagegen enge Handelsbeziehungen, sodass Fässer und Waren regelmäßig den Waldfluss hinab und wieder hinauf gingen. Im Ringkrieg schließlich entsandte Thranduil seinen Sohn Legolas als Vertreter des Waldelbenvolkes in die Gemeinschaft des Ringes, ein Zeichen dafür, dass sich das Reich trotz seiner Abgeschiedenheit als Teil des größeren Widerstands gegen Sauron verstand.

In der Geschichte

Für Bilbo und die Zwerge ist Düsterwald keine Etappe unter mehreren, sondern die Prüfung, an der die Gemeinschaft fast zerbricht: Verbot, den Pfad zu verlassen, wird missachtet, Nahrung und Orientierung gehen verloren, und die Gruppe zerfällt in Gefangene der Spinnen und Gefangene des Elbenkönigs, bevor Bilbo sie mit List und Ring wieder zusammenführt. Der Wald fungiert hier als Ort, an dem Vertrauen und Disziplin der Gefährten auf die Probe gestellt werden, lange bevor der eigentliche Zielort, der Einsame Berg, überhaupt in Sicht kommt. Dass die Durchquerung selbst zum eigentlichen Abenteuer wird, während der Wald auf der Karte nur eine schmale Wegstrecke darstellt, zeigt, wie sehr die Erzählung Raum und erzählte Zeit hier auseinandertreten lässt.

Im Ringkrieg tritt der Wald selbst zurück und wird zum Hintergrund, vor dem sich die Herkunft eines Gefährten erklärt: Legolas, Sohn Thranduils, bringt sein Wissen um Orientierung im Dickicht, seine Wachsamkeit gegenüber lauernden Gefahren und seine Fremdheit gegenüber Gimli in die Gemeinschaft des Ringes ein, Eigenschaften, die sich unmittelbar aus dem Leben im Waldelbenreich erklären, ohne dass der Wald selbst als Schauplatz erneut betreten würde. Dass ausgerechnet ein Elb aus diesem misstrauischen, abgeschotteten Reich und ein Zwerg aus dem verfeindeten Volk gemeinsam reisen, gewinnt seine erzählerische Spannung erst vor dem Hintergrund dessen, was Bilbo Jahrzehnte zuvor in genau diesem Wald erlebt hatte.

Über beide Handlungsstränge hinweg steht Düsterwald für eine Gefahr, die nicht in offener Schlacht, sondern im Verborgenen wirkt: Die eigentliche Bedrohung sitzt nicht in den Spinnennetzen oder den Verliesen des Elbenkönigs, sondern unbemerkt im Süden, sodass der Wald zum Sinnbild dafür wird, wie lange Böses unerkannt neben einer ahnungslosen Welt bestehen kann. Erst der Widerstand, den Thranduils Elben und Beorns Nachkommen dieser verborgenen Macht am Ende entgegensetzen, löst diese Spannung erzählerisch auf und rückt den Wald von einem Ort der Bedrohung zu einem Ort, an dem sich Ausdauer und Zusammenhalt bewähren.

In Verfilmungen und Hörspielen

Als Schauplatz erscheint der Wald zuerst im gezeichneten Fernsehfilm der Rankin/Bass-Produktion von 1977, der den Roman auf rund neunzig Minuten zusammenzieht und viel Erzählgewicht auf Lieder verlagert; die Durchquerung fällt entsprechend knapp aus, und dem Elbenkönig, der in der Vorlage ohne Namen bleibt, leiht Otto Preminger die Stimme. Die auffälligste Abweichung dieser Fassung betrifft das Umfeld des Waldes: Beorn und die Rast an seinem Haus entfallen ganz, sodass die Gefährten ohne jene Warnungen und Vorräte in den Wald eintreten, mit denen das Buch sie ausstattet. Die BBC-Hörspielserie von 1981 dramatisiert dagegen allein den Ringkrieg, und zwar in sechsundzwanzig halbstündigen Teilen; Düsterwald tritt dort nicht als eigener Schauplatz auf, sondern nur mittelbar durch den Bericht der Waldelben-Gesandtschaft, deren Sprecher Legolas von David Collings gesprochen wird. Auch Ralph Bakshis Zeichentrickfilm von 1978, der ohnehin nach der Schlacht um Helms Klamm abbricht, lässt den Wald unberührt.

Weit mehr Raum nimmt der Wald in Peter Jacksons dreiteiliger Hobbit-Verfilmung ein, die den kurzen Roman auf drei Filme dehnt und dafür Stoff aus den Anhängen des Ringkriegs heranzieht. Der Elbenkönig erhält hier den aus den späteren Schriften stammenden Namen Thranduil und wird von Lee Pace gespielt; sein Sohn Legolas (Orlando Bloom), der in der Vorlage nicht vorkommt, wird ebenso in die Handlung eingefügt wie die eigens für die Filme erfundene Waldelbin Tauriel (Evangeline Lilly). Ein zweiter Handlungsstrang führt in den Süden des Waldes und macht aus dem, was das Buch nur als Randnotiz kennt, gezeigte Handlung: Gandalf wird in Dol Guldur gefangen gesetzt und vom Weißen Rat befreit, während die Vorlage beides außerhalb der erzählten Ereignisse belässt. Umgeformt ist auch die Flucht aus den Hallen des Königs, die von einer stillen Fahrt in verschlossenen Fässern zu einer Verfolgungsjagd auf dem Fluss wird. In Jacksons Ringkrieg-Trilogie hingegen wird der Wald nicht betreten; er bleibt allein als Herkunft Legolas' gegenwärtig.