Herkunft und Namen
„Valar“ ist der quenya Plural, mit dem die Elben jene mächtigsten Ainur bezeichneten, die zu Beginn der Zeiten in die Welt eintraten; ein Einzelner aus ihrer Zahl heißt „Vala“, eine weibliche Angehörige „Valië“. Der Name geht auf eine Wurzel zurück, die sinngemäß „Macht“ bedeutet, sodass sich „Valar“ am ehesten mit „die Mächtigen“ oder „die Mächte“ wiedergeben lässt. Innerhalb der Erzähltradition der Valaquenta wird diese Deutung durch begleitende Umschreibungen gestützt, die dieselbe Vorstellung von Herrschaft und Ordnungsgewalt über die Welt ausdrücken. Ob die Valar sich selbst je mit diesem Namen benannten oder ob er allein elbischen Ursprungs ist, geht aus den überlieferten Texten nicht eindeutig hervor; überliefert ist er jedenfalls als Bezeichnung, die von außen, aus der Sicht der Kinder Ilúvatars, auf sie angewendet wurde.
Ihrer Herkunft nach zählen die Valar zu den Ainur, jenen Geistern, die vor der Erschaffung der Welt aus dem Gedanken Ilúvatars hervorgingen und an der Großen Musik teilhatten, aus der Arda erwuchs. Als Ilúvatar ihnen die Vision der Welt zeigte und ihnen freistellte, ihr Werk in der Zeit zu vollenden, waren es diese mächtigsten unter den Ainur, die sich aus eigenem Entschluss und aus Liebe zu dem Geschauten entschieden, in Eä hinabzusteigen. Der Rang, der sie von den geringeren Ainur unterscheidet, war dabei nicht das Ergebnis dieses Entschlusses, sondern schon zuvor in ihrem Wesen angelegt und wurde erst mit dem Eintritt in die Welt offenbar.
Innerhalb der Welt traten die Valar zudem unter verschiedenen Namen auf, da die Elbenvölker sie in ihren jeweiligen Sprachen benannten; so ist etwa Varda unter den Sindar vor allem als Elbereth bekannt, während in Valinor selbst die quenya Formen der Namen gebräuchlich blieben. Manche der Valar nahmen darüber hinaus sichtbare Gestalt und Gewand an, um sich den Kindern Ilúvatars kenntlich zu machen, obwohl ihr eigentliches Wesen keiner Form bedarf; dieses selbstgewählte Aussehen wird in den Quellen als eine Art Hülle beschrieben, die sie über ihre wahre Natur legten.
Geschichte
Als die Ainur, die an der Musik teilgehabt hatten, in die Welt hinabstiegen, war Arda noch ungeformt und lag in Dunkelheit; die Valar begannen, Land und Meer, Berg und Ebene zu gestalten, wobei Melkor von Anfang an gegen ihr Werk arbeitete und wieder zerstörte, was sie aufbauten. Um dennoch Licht zu schaffen, errichteten sie die beiden Großen Lampen Illuin und Ormal auf Säulen im Norden und Süden der Welt und ließen sich in der Mitte, auf der Insel Almaren, nieder. Melkor zerstörte auch dieses Werk, warf die Lampen um und verwüstete das Land, sodass die Valar ihre erste Wohnstatt aufgeben mussten.
Danach zogen sich die Valar in den äußersten Westen zurück und gründeten dort, hinter dem Schutzwall der Pelóri, das Land Valinor. Yavanna erschuf die beiden Bäume Telperion und Laurelin, deren wechselndes Licht fortan Valinor erhellte und dessen Zeiten in Stunden bemaß; Melkor blieb zunächst aus dem gesegneten Land ausgeschlossen und hauste in einer Festung im fernen Mittelerde. Als die Elben in Cuiviénen erwachten, sandten die Valar Orome aus, sie zu suchen, und beschlossen danach in Sorge um ihre Sicherheit, die Eldar zur Wanderung nach Valinor einzuladen.
Melkor wurde schließlich gefangen genommen und für drei Zeitalter in der Feste Mandos in Haft gehalten; nach seiner Begnadigung erschlich er sich das Vertrauen der Noldor, vergiftete ihren Frieden mit Neid und Zwietracht und verband sich zuletzt mit der Riesenspinne Ungoliant, um die Bäume zu vernichten und die Silmaril zu rauben. Dieser Verrat, den die Valar zu spät durchschauten, kostete sie ihre schönste Schöpfung und ihren obersten Wächter Feanors Vater Finwe das Leben und leitete den Aufbruch der Noldor aus Valinor ein.
Als die Noldor gegen den Rat der Valar nach Mittelerde auszogen, um die Silmaril zurückzufordern, sprach Mandos über sie den Fluch der Verbannten und die Valar überließen Beleriand für lange Zeit sich selbst, ohne unmittelbar in die Kriege gegen den nun als Morgoth benannten Feind einzugreifen. Aus der letzten Frucht Laurelins und der letzten Blüte Telperions schufen sie Sonne und Mond, um dem verwüsteten Mittelerde wenigstens Licht zu spenden, und verbargen Valinor selbst hinter Bergen und Trugbildern vor weiterem Zugriff Morgoths.
Erst als Earendil in ihrem Namen um Beistand für die bedrängten Völker Beleriands bat, erhoben sich die Valar zum letzten und größten ihrer Kriege: In der Schlacht, die als Krieg des Zorns bekannt wurde, führten sie mit dem Heer der Vanyar und zahllosen Maiar gegen Morgoths Heerscharen, warfen ihn nieder und stießen ihn durch die Tür der Nacht in die Leere hinaus. Beleriand versank bei diesem Umsturz größtenteils im Meer, und den überlebenden Edain, die den Valar in diesem Krieg beigestanden hatten, schenkten sie danach die Insel Númenor als Wohnsitz.
Als die Númenórer unter dem letzten König Ar-Pharazôn das Verbot der Valar missachteten und Aman anzugreifen suchten, legten die Valar die Herrschaft über diesen Umsturz in die Hand Ilúvatars selbst, der die Welt rundete, Valinor aus ihren Kreisen entfernte und Númenor versinken ließ. Seither greifen die Valar nicht mehr unmittelbar in die Geschicke Mittelerdes ein; im Dritten Zeitalter sandten sie stattdessen die Istari als ihre Boten aus, um den Völkern gegen die erneut erstarkende Bedrohung durch Sauron beizustehen, ohne selbst wieder hervorzutreten.
Lebensweise und Wirken
Unter den Valar ist die Welt selbst aufgeteilt: Jeder von ihnen waltet über einen bestimmten Bereich Ardas, sei es Luft und Wind wie bei Manwe, das Meer wie bei Ulmo, das Wachstum alles Lebendigen wie bei Yavanna oder der Stoff, aus dem die Welt gebildet ist, wie bei Aule. Diese Zuständigkeiten sind keine bloßen Ämter, sondern Ausdruck ihres innersten Wesens, mit dem sie schon an der Musik der Ainur mitgewirkt hatten. Die meisten von ihnen leben zudem in festen Partnerschaften, etwa Manwe mit Varda, Aule mit Yavanna oder Orome mit Vána, ohne dass diese Bindungen mit der Ehe der Kinder Ilúvatars gleichzusetzen wären. Besonderes Gewicht kommt Mandos zu, der die Hallen hütet, in denen die Geister der gestorbenen Elben und mancher Menschen verweilen, sowie Nienna, deren Trauer und Mitleid selbst den Feind nicht ausschließt.
Aus dieser Zuständigkeit erwuchs auch das Handwerk der Valar: Aule gilt als Meister aller Schmiede- und Baukunst und wird von den Quellen ausdrücklich als Lehrer genannt, an dessen Wissen sich später Feanor und andere Noldor schulten, ehe sie eigene, oft gefährlichere Wege gingen. Yavanna wiederum brachte den Erwachten das Wissen um Pflanzen und Wachstum nahe, während Orome als Jäger und Kenner der Wälder und wilden Tiere Mittelerdes galt. Damit wirkten die Valar nicht nur als Weltenbildner im Großen, sondern auch als Ursprung jener Künste und Fertigkeiten, die Elben und später auch Menschen von ihnen übernahmen und in eigener Weise fortführten.
In ihren Entscheidungen für Arda berieten sich die Valar gemeinsam an einem Ort nahe den Toren Valmars, dem Ring des Schicksals, wo Manwe den Vorsitz führte, ohne doch über seine Geschwister zu gebieten wie ein Herrscher über Untertanen. Anders als die Kinder Ilúvatars sind die Valar nicht dem Tod unterworfen und altern nicht; ihr Dasein bleibt an Arda gebunden, solange die Welt währt, und unterscheidet sich damit gleichermaßen von der Sterblichkeit der Menschen wie von der Unsterblichkeit der an die Kreise der Welt gebundenen Elben. Diese Zeitlosigkeit prägt auch ihr Verhältnis zum Handeln in der Geschichte: Ihre Geduld misst sich nicht an Menschenaltern, sondern an den Zeitaltern Ardas selbst.
Stämme und Häuser
Innerhalb der vierzehn Valar unterscheidet die Valaquenta ausdrücklich eine engere Gruppe von acht, die als Aratar oder Erhabene bezeichnet werden und deren Macht und Würde die der übrigen Valar übersteigt. An ihrer Spitze stehen Manwe und Varda als das ranghöchste Paar, gefolgt von Ulmo, dann von Yavanna und Aule, und schließlich von Mandos, Nienna und Orome. Diese Rangfolge betrifft allein das Ausmaß ihrer Macht, nicht ihre Zuständigkeit oder ihr Ansehen im Rat, an dem alle vierzehn gleichermaßen teilhaben; auch die übrigen Valar, die nicht zu den Aratar zählen, sind keineswegs gering geachtet.
Daneben gliedert die Valaquenta die Mächte Ardas nach Geschlecht in sieben Herren, die eigentlichen Valar im engeren Sinn, und sieben Herrscherinnen, die Valier genannt werden. Zu den Herren zählen neben den bereits genannten Manwe, Ulmo, Aule, Mandos und Orome auch Lórien, der über Träume und Ruhe gebietet, sowie Tulkas, der als Letzter nach Mittelerde kam und für seine Kraft im Kampf gegen Melkor bekannt ist. Unter den Valier finden sich außer Varda, Yavanna und Nienna noch Este, die Gefährtin Lóriens, Vaire, die Gemahlin Mandos', sowie Vána und Nessa, die jüngeren Schwestern Yavannas beziehungsweise Gemahlinnen Oromes. Melkor selbst, der ursprünglich mit gleichem Rang unter den Mächtigsten gezählt worden war, wird in dieser Aufzählung der vierzehn nicht mehr geführt, da sein Abfall ihn aus der Gemeinschaft der Valar ausschloss.
In der Erzählung
In den Werken, die Tolkien selbst veröffentlichte, treten die Valar so gut wie nie handelnd auf; sie wirken stattdessen durch Anrufung und Erinnerung fort, als eine Macht, die man anruft, ohne dass sie sichtbar eingreift. Wenn Frodo auf der Wetterspitze im Angesicht der Nazgûl Elbereths Namen ruft oder Sam in Kankras Höhle mit demselben Anruf die Finsternis für einen Augenblick zurückdrängt, erscheinen die Valar den handelnden Figuren als letzte Zuflucht, deren Beistand eher erbeten als erlebt wird. Auch die stille Geste von Faramirs Mannen in Ithilien, die sich vor dem Mahl kurz gen Westen wenden, deutet die Valar und ihr Land nur an, ohne sie greifbar werden zu lassen; für die Leser des Herrn der Ringe bleiben sie eine ferne, kaum bezeugte Ordnung hinter den sichtbaren Ereignissen.
Innerhalb der Silmarillion-Überlieferung übernehmen die Valar dagegen die Rolle handelnder Figuren, doch ihre Erzählfunktion liegt weniger in unangefochtener Macht als in deren Begrenzung: Sie sind Hüter und Gestalter, nicht uneingeschränkte Herrscher, und ihr Wissen um das Kommende bleibt trotz der Musik, an der sie mitwirkten, unvollständig. Gerade daran misst sich Melkors Gegenbild, der eben diese Grenze nicht anerkennen will und Herrschaft aus eigenem Recht statt aus Verantwortung beansprucht; die Erzählung stellt die Valar so als Verkörperung von Sorge und Verwalterschaft neben Melkors Anspruch auf unbeschränkte Schöpfermacht.
Dass die Valar sich nach dem Krieg des Zorns aus dem unmittelbaren Geschehen Mittelerdes zurückziehen, ist erzählerisch ebenso bedeutsam wie ihr früheres Wirken: Ihr Fernbleiben schafft den Raum, in dem der Widerstand gegen Sauron nicht auf ihr Eingreifen, sondern auf den Mut und die Ausdauer von Elben und Menschen selbst angewiesen bleibt. Tolkien selbst hat diese zurückgenommene Rolle der Valar als bewusst gewählten Bestandteil seiner Erzählwelt beschrieben, in der auch die Mächtigsten unter den erschaffenen Geistern der Versuchung zu Irrtum und Übergriff nicht enthoben sind. So stehen die Valar im Gesamtwerk weniger für gesicherte Errettung als für eine Ordnung, deren Wirken sich der handelnden Figur letztlich entzieht und ihr gerade dadurch eigene Verantwortung abverlangt.
Entwürfe und Frühformen
In den frühesten Aufzeichnungen der Mythologie, dem Buch der Verschollenen Geschichten, treten die Valar noch überwiegend unter der Bezeichnung „die Götter“ auf und sind menschlicher gezeichnet als in den späteren Fassungen: Sie kennen familiäre Bindungen und eigene Nachkommen, etwa Fionwë, der hier als Sohn Manwes und Vardas gedacht ist und dem späteren Maia Eonwe vorausgeht. Auch der Kreis der Valar war zunächst weiter gefasst; unter ihnen fanden sich etwa Makar und Meássë, ein Geschwisterpaar, das für Kampf und kriegerisches Getümmel zuständig war und in keiner der späteren Fassungen der Mythologie mehr erscheint. Melkor wiederum trägt in dieser frühen Schicht den Namen „Melko“, der erst in überarbeiteten Texten zur später kanonischen Form wurde.
Erst in den späten, in Morgoths Ring versammelten Überarbeitungen der Valaquenta führte Tolkien die Unterscheidung zwischen den vierzehn Valar insgesamt und den acht besonders erhabenen Aratar ein, die in den früheren Fassungen noch fehlte. Zugleich gab er in diesen späten Texten die Vorstellung leiblicher Nachkommenschaft der Valar zugunsten einer strengeren Auffassung ihres engelgleichen, körperlosen Wesens auf, sodass Gestalten wie Fionwë endgültig zu Eonwe wurden, einem Diener Manwes aus der Schar der Maiar statt seinem Sohn. Auch Zahl und Zusammensetzung der Valar blieben über die verschiedenen Entwurfsstufen hinweg nicht durchgehend gleich, ehe sich die aus der Silmarillion-Überlieferung bekannte Ordnung herausbildete.