Was für ein Buch das ist
„Die Kinder Húrins“ erschien 2007 als eigenständiger Band und ist kein nachgelassener Roman im strengen Sinn, sondern eine Herstellung: Christopher Tolkien fügte die über Jahrzehnte entstandenen Prosafassungen seines Vaters zu einem durchgehenden Erzähltext zusammen, der ohne Auslassungszeichen und Herausgeberkommentar im Fließtext auskommt. Damit unterscheidet sich das Buch grundlegend von der Gestalt, in der dieselbe Geschichte zuvor greifbar war — einmal stark gerafft als Kapitel im „Silmarillion“, einmal als umfangreiches, aber an mehreren Stellen abbrechendes Fragment in den „Nachrichten aus Mittelerde“. Der Band ist mit Zeichnungen und farbigen Tafeln von Alan Lee ausgestattet und umfasst in den gängigen Ausgaben etwa dreihundert Seiten.
Dem Erzähltext gehen ein Vorwort und eine Einleitung voran, die den Leser knapp in das Erste Zeitalter und in die Vorgeschichte der beteiligten Völker einführen; nachgestellt sind Stammtafeln der Menschengeschlechter, ein Namensverzeichnis mit Erläuterungen, eine Karte von Beleriand und ein Anhang, in dem Christopher Tolkien die Entstehung des Textes und den Umfang seiner eigenen Eingriffe offenlegt. Der Rahmen ist also gelehrt, die Erzählung selbst dagegen nicht: Sie schreitet in Kapiteln voran, gibt Szenen aus, lässt die Personen sprechen und hält an einer gemessenen, chronistisch gefärbten Stimme fest, die keine Innensicht anbietet und das Urteil dem Leser überlässt.
Im Gefüge des Legendariums steht das Buch an einer bestimmten Stelle: Es setzt nach der Nirnaeth Arnoediad ein und erzählt einen der Stoffe, die Tolkien selbst als die großen Erzählungen des Ersten Zeitalters ausgezeichnet hat, in der ausführlichsten Fassung, die sich aus dem Nachlass gewinnen ließ. Vorausgesetzt wird dabei wenig — die Einleitung liefert, was zum Verständnis nötig ist, sodass sich der Band auch ohne Kenntnis des „Silmarillion“ lesen lässt und für manche Leser den Einstieg in die älteren Zeitalter bildet. Wer dagegen wissen will, welche Handschrift wann entstand und wie die Fassungen voneinander abweichen, findet hier nur den Umriss und bleibt auf die kommentierten Ausgaben verwiesen.
Entstehung und Veröffentlichung
Die Geschichte von Húrins Kindern gehört zu den ältesten Bestandteilen des Legendariums. Tolkien nahm sie schon in seinen frühesten Aufzeichnungen zur Mythologie auf, noch vor 1920, und kehrte danach über mehr als vier Jahrzehnte in immer neuen Anläufen zu ihr zurück: in Versen ebenso wie in Prosa, in weit ausgeführten Erzählungen ebenso wie in knappen annalistischen Zusammenfassungen. Keiner dieser Anläufe wurde zu Ende gebracht; jede spätere Fassung setzte an früherer Stelle neu an und brach an anderer Stelle ab, sodass der Stoff in mehreren, untereinander abweichenden Schichten liegen blieb. Gegenüber seinem Verleger zählte Tolkien die Erzählung ausdrücklich zu den wenigen großen Geschichten des Ersten Zeitalters, denen er eigenständigen Rang zumaß — eine Einschätzung, die die spätere Herauslösung aus dem größeren Zusammenhang mit begründet hat.
Die ausführlichste dieser Fassungen, die unter dem elbischen Titel „Narn i Chîn Húrin“ überlieferte Prosaerzählung, entstand in den Jahren nach dem Abschluss des „Herrn der Ringe“, also im Wesentlichen in den 1950er Jahren. Sie ist in ihren gelungenen Teilen von großer Breite, weist aber empfindliche Lücken auf: Manche Abschnitte liegen nur in Ansätzen vor, andere brechen mitten in der Handlung ab, wieder andere existieren in konkurrierenden Entwürfen ohne erkennbare Entscheidung des Verfassers. In dieser Gestalt wurde der Text 1980 in den „Nachrichten aus Mittelerde“ veröffentlicht, mit ausgesparten Stellen, überbrückenden Zusammenfassungen und einem ausgedehnten Anmerkungsapparat. Dort erschien der Titel noch in der Form „Narn i Hîn Húrin“; erst der Band von 2007 stellte die grammatisch richtige Form mit der Anlautmutation her, wobei das „Ch“ als Reibelaut zu lesen ist und nicht wie im Englischen.
Für die Ausgabe von 2007 unternahm Christopher Tolkien den Versuch, aus diesem Material einen fortlaufenden Text herzustellen. Grundlage blieb die lange Prosafassung; wo sie versagte, trat der Wortlaut kürzerer Fassungen desselben Stoffes ein, teils wörtlich übernommen, teils behutsam ausgeweitet, um Anschlüsse und Zeitverhältnisse stimmig zu halten. Erfundene Bestandteile hat der Herausgeber nach eigener Angabe nur in geringem Umfang und ausschließlich zur Verbindung eingesetzt, nie zur Erweiterung der Handlung. Der Anhang legt diese Eingriffe abschnittsweise offen und benennt die Stellen, an denen der Text nicht auf einer einzigen Vorlage beruht — womit sich der Band ausdrücklich als Herstellung zu erkennen gibt und nicht als Fund.
Das Buch erschien im April 2007 gleichzeitig bei HarperCollins in London und bei Houghton Mifflin in Boston, dreißig Jahre nach dem „Silmarillion“ und siebenundzwanzig Jahre nach der Teilveröffentlichung der langen Fassung. Noch im selben Jahr legte Klett-Cotta die deutsche Ausgabe unter dem Titel „Die Kinder Húrins“ vor. Neben der gebundenen Erstausgabe kamen bald Taschenbuch- und Ausstattungsvarianten heraus; sie folgen dem Wortlaut von 2007, eine überarbeitete oder erweiterte Textfassung ist bislang nicht erschienen. Damit steht der Band am Anfang einer Reihe gleichartig gebauter Einzelausgaben, die Christopher Tolkien in den folgenden Jahren den beiden anderen großen Erzählungen des Ersten Zeitalters widmete.
Aufbau und Inhalt
Der Band ist dreiteilig gebaut: ein gelehrter Vorspann, der durchlaufende Erzähltext, ein ebenso gelehrter Nachspann. Zum Vorspann gehört neben Vorwort und Einleitung ein kurzer Hinweis zur Aussprache, der die Lautwerte der elbischen Namen ordnet — welche Vokale lang zu lesen sind, wie die Verbindungen mit „c“ und „g“ klingen und wo die Betonung liegt. Er ist knapp gehalten und ersetzt die ausführliche Darstellung nicht, die im „Silmarillion“ und in den Anhängen zum „Herrn der Ringe“ steht; für die Lektüre dieses Buches reicht er aus. Zwischen Vorspann und Erzählung steht keine weitere Schwelle: Mit dem ersten Kapitel setzt der Text ein und läuft ohne Unterbrechung durch.
Die Erzählung gliedert sich in achtzehn römisch gezählte Kapitel, deren Überschriften durchweg Orte, Personen oder Wendepunkte benennen und daher als Wegweiser taugen. Ihre Folge ist zugleich eine Ortsfolge: erst Dor-lómin und das Haus Húrins, dann die Nirnaeth Arnoediad und die Begegnung Húrins mit Morgoth, danach die Jahre in Doriath, die Zeit unter den Geächteten und auf Amon Rûdh, der Aufenthalt in Nargothrond und schließlich Brethil, wo die letzten fünf Kapitel spielen. Wer eine bestimmte Station sucht, findet sie also über die Überschrift, ohne den Text durchgehen zu müssen. Einige Kapitel verlassen Túrin und folgen den Frauen seines Hauses; die Erzählung führt beide Stränge erst spät wieder zusammen.
Der Anhang zerfällt in zwei Stücke von verschiedenem Zuschnitt. Das erste ordnet die Erzählung in die Gruppe der großen Geschichten des Ersten Zeitalters ein und verfolgt, wie diese über die Jahrzehnte gewachsen und wieder liegen geblieben sind; es ist essayistisch und setzt keine Handschriftenkenntnis voraus. Das zweite geht den hergestellten Text abschnittsweise durch und benennt, welche Vorlage jeweils zugrunde liegt, wo zwei Fassungen verschnitten wurden und an welchen wenigen Stellen der Herausgeber selbst formuliert hat. Für die Beurteilung des Buches ist dieser zweite Teil der wichtigere; er ist zugleich der einzige Ort, an dem die Werkstattarbeit sichtbar wird, weil der Erzähltext davon nichts verrät.
Den Beschluss bilden drei Hilfsmittel. Die Stammtafeln zeigen die Häuser der Menschen und die Fürsten der Noldor und machen die Verwandtschaften greifbar, die der Erzähltext nur beiläufig erwähnt. Das Namensverzeichnis führt sämtliche Personen-, Volks- und Ortsnamen des Bandes mit kurzer Bestimmung auf und ist damit zugleich ein Register, das den Zugriff auf einzelne Nebenfiguren erlaubt. Die beigegebene Karte deckt Beleriand und die nördlichen Länder ab und ist so beschnitten, dass die Schauplätze dieser Erzählung darauf liegen; eine kurze Vorbemerkung erläutert, worin sie von der Karte des „Silmarillion“ abweicht. Ein Sachregister oder eine Konkordanz zu den älteren Druckfassungen gibt es nicht — wer den Text mit der Gestalt von 1980 vergleichen will, muss selbst nebeneinanderlegen.
Stellung im Legendarium
Erzählerisch trägt der Band keine Ereignisse bei, die nicht schon anderswo stünden. Húrins Gefangennahme, Túrins Kindheit unter Thingols Schutz, die Jahre unter den Geächteten, der Fall Nargothronds und das Ende in Brethil sind dieselben Vorgänge, die das „Silmarillion“ im Kapitel über Túrin Turambar in stark gerafftem Bericht mitteilt. Was der Band als Einziger bietet, ist der Zusammenhang: ausgespielte Szenen, Wechselreden, Nebengestalten und Zwischenstationen, die die chronikartige Kurzfassung übergeht, weil sie im Rahmen einer Gesamtgeschichte des Ersten Zeitalters keinen Platz hatten. So stehen drei Bücher nebeneinander, die denselben Handschriftenbestand verschieden stark zusammenziehen — das Kapitel im „Silmarillion“, der breit ausgeführte, aber unterbrochene Text der „Nachrichten aus Mittelerde“ und die durchgehende Erzählung von 2007. Sie verhalten sich nicht wie Quelle und Ableitung zueinander, sondern wie drei Zuschnitte eines gemeinsamen Materials, und Abweichungen zwischen ihnen sind in der Regel Folgen des Zuschnitts, nicht widersprüchliche Aussagen über die Sache.
Klar gezogen sind die Ränder. Vorn übernimmt der Band den Zustand Beleriands nach der verlorenen Schlacht als gegeben: Weshalb die Noldor in Mittelerde stehen, was Morgoth aus Valinor entwendet hat und welcher Eid die Feindschaft trägt, wird nur so weit berührt, wie es die Handlung verlangt. Hinten endet die Erzählung mit dem Untergang der Geschwister; Húrins spätere Wanderungen, das Halsband der Zwerge und der Untergang von Doriath, die im „Silmarillion“ unmittelbar aus dieser Geschichte hervorgehen, bleiben außerhalb. Ebenso wenig verfolgt der Band, was der Fall Nargothronds für den weiteren Krieg bedeutet — er zeigt ihn von innen, aus der Sicht derer, die darin umkommen, und überlässt die Einordnung dem größeren Bericht. Wer die Fäden weiterziehen will, ist damit auf das „Silmarillion“ verwiesen, das den Rahmen liefert, den dieser Band bewusst nicht ausfüllt.
Kanonisch trägt das Buch dieselbe Schicht wie die übrigen aus dem Nachlass hergestellten Bände: Der Wortlaut stammt von J.R.R. Tolkien, die Gestalt des durchgehenden Textes nicht. Daraus folgt eine Einschränkung, die für den Gebrauch als Beleg wichtig ist. Weicht der Band von der Fassung von 1980 oder vom Kapitel des „Silmarillion“ ab, so ist damit noch nicht gesagt, dass Tolkien selbst umentschieden hätte; die Abweichung kann ebenso gut auf der Wahl einer anderen Vorlage oder auf einer verbindenden Naht des Herausgebers beruhen. Welche der beiden Ursachen vorliegt, lässt sich nur mit dem Anhang und den kommentierten Nachlassbänden entscheiden. Der Band von 2007 ersetzt daher weder die Kurzfassung noch die kommentierte Teilausgabe: Er ist die lesbarste Gestalt dieser Geschichte, aber nicht ihre maßgebliche.