Herkunft und Name
Nargothrond ist ein sindarinischer Name, der den Flussnamen Narog mit einem Element verbindet, das eine große, gewölbte Höhle oder Halle bezeichnet. Dasselbe Element „rond“ kehrt, wie im Silmarillion eigens erläutert wird, auch im Namen Elronds wieder, wo es als „Sternenwölbung“ gedeutet wird; in Nargothrond meint es jedoch nicht den Himmel, sondern das gewaltige, von Finrods Volk erweiterte Höhlengewölbe über dem Narog. Sinngemäß lässt sich der Name daher als „die gewölbte Feste am Narog“ oder „die unterirdische Halle des Narog“ wiedergeben — eine Benennung, die den Fluss, an dem die Feste liegt, mit ihrer baulichen Eigenart in einem Wort verbindet. Solche Kopplungen aus Gewässername und beschreibendem Element sind unter sindarinischen Ortsnamen in Beleriand nicht ungewöhnlich.
Den Namen gab der Überlieferung zufolge Finrod Felagund selbst, als er seine Höhlenfeste am Narog errichtete und, in Anlehnung an Thingols unterirdischen Königssitz, so benannte. Dass er dafür eine sindarinische statt einer quenyarischen Bildung wählte, entsprach dem Sprachwandel, den die Noldor nach ihrer Ankunft in Beleriand vollzogen: Nachdem Thingol den offenen Gebrauch ihrer eigenen Sprache in seinem Reich untersagt hatte, übernahmen sie im täglichen Leben und in der Namengebung weitgehend das Sindarin der einheimischen Grauelben, während Quenya vor allem als Sprache der Gelehrsamkeit fortlebte. Ein eigener quenyarischer oder anderssprachiger Name für die Feste ist nicht überliefert; unter den Elben Beleriands war stets nur von Nargothrond die Rede.
Land und Lage
Nargothrond lag im Westen Beleriands, eingebettet in die steilen Ufer des Narog, der aus dem Bergsee Ivrin im Norden herabkam. Finrod trieb die Wohnhallen der Feste in die westliche Felswand des Flusstals, unterhalb der bewaldeten Höhen von Taur-en-Faroth, die sich über dem Ufer erhoben und die Anlage von oben dem Blick entzogen. Nach außen zeigte sich Nargothrond nur als eine einzige, unscheinbare Pforte hoch im Fels über dem Wasser, deren Zugang sich im Bedarfsfall leicht verbergen ließ, sodass die Feste von den umliegenden Ländern aus kaum aufzuspüren war.
Nördlich der Feste breitete sich zwischen Narog und Teiglin die Talath Dirnen aus, die „Bewachte Ebene“, ein offenes Weideland, das von berittenen Spähern Nargothronds beständig überwacht wurde und der Feste als vorgelagerter Schutzraum diente. Weiter im Osten trennte der Sirion, der in einiger Entfernung durch sein eigenes breites Tal floss, das Gebiet Nargothronds von Doriath, dem Reich Thingols, mit dem es lose, aber nicht untertänig verbunden blieb. Der Narog selbst zog, seinem Lauf nach Süden folgend, an den Wäldern von Núath vorbei, ehe er sich weit unterhalb der Feste bei Nan-tathren, dem „Land der Weiden“, mit dem Sirion vereinte.
Im Innern des Berges erstreckte sich ein weitläufiges Geflecht aus Hallen, Gängen und Vorratskammern, dessen Kernstück eine große Torhalle mit geschnitzten Säulen bildete; Zwerge aus Nogrod und Belegost, die Finrod als Baumeister gewann, hatten maßgeblich an ihrer Ausgestaltung mitgewirkt. Über lange Zeit blieb der einzige Zugang bewusst unauffällig gehalten, bis Orodreth auf Túrin Turambars Rat an seiner Stelle eine große steinerne Brücke über den Narog schlagen ließ. Diese Brücke, die den Übergang von Waffen und Reitern erleichtern sollte, machte Nargothrond zugleich von weitem sichtbar und beendete damit die Verborgenheit, die die Feste zuvor ausgezeichnet hatte.
Geschichte
Finrod Felagund gründete seine Höhlenfeste am Narog in den Jahren, die auf die Schlacht unter den Sternen gegen die ersten Orkscharen Morgoths folgten. Beeindruckt von Thingols verborgenem Königssitz in Menegroth, den er auf einer Reise nach Doriath kennengelernt hatte, suchte er sich einen ebenso sicheren Sitz für sein eigenes Volk zu schaffen. Ihm folgten nicht nur Noldor aus seinem Gefolge, sondern auch zahlreiche Grünelben aus Ossiriand, die im Westen unter seiner Herrschaft eine neue Heimat fanden. So wurde Finrod zum ersten König von Nargothrond und zugleich, kraft seiner Abstammung, zum Oberhaupt aller Noldor in Beleriand westlich des Aros.
Unter Finrods Herrschaft wuchs Nargothrond zur reichsten und zugleich verborgensten Macht der Noldor heran, gleichrangig neben dem ebenso versteckten Gondolin. Anders als die offenen Reiche im Norden mied Finrod die Feldschlachten gegen Angband und suchte seine Kräfte durch Heimlichkeit statt durch offene Rüstung zu wahren; Hilfe für die Verbündeten leistete er lange Zeit nur verdeckt, ohne das eigene Volk in die großen Kämpfe zu führen. Diese Politik der Zurückhaltung, so umstritten sie bei manchen Nachbarn war, bewahrte Nargothrond über Jahrzehnte vor der Zerstörung, die andere Reiche der Noldor früher ereilte.
Diese Zurückhaltung endete, als Finrod in der Bragollach, der Schlacht des jähen Feuers, von Barahir aus dem Hause Beors das Leben gerettet wurde und ihm dafür einen Eid ewiger Freundschaft und Hilfe schwor. Als Jahre später Beren, Barahirs Sohn, nach Nargothrond kam, um Finrods Beistand für seine Werbung um Lúthien und die Erfüllung von Thingols Forderung nach einem Silmaril zu erbitten, sah sich der König durch diesen Eid gebunden. Celegorm und Curufin, die Söhne Feanors, die seit Jahren als Gäste in Nargothrond lebten, wandten jedoch das Volk gegen Finrods Vorhaben, da ein Angriff auf Morgoths Schatz ihren eigenen Schwur auf die Silmarilli gefährdete. Finrod legte daraufhin seine Krone nieder, übertrug die Herrschaft seinem Bruder Orodreth und zog mit Beren und nur zehn Getreuen aus, um schließlich in den Verliesen von Sauron auf Tol-in-Gaurhoth zu sterben.
Nach Finrods Tod festigte Orodreth als neuer König seine Herrschaft, musste sich zuvor aber gegen Celegorm und Curufin behaupten, die versucht hatten, die Macht in Nargothrond an sich zu reißen und Lúthien gegen ihren Willen festzuhalten. Als ihr Verrat an Finrods Andenken offenkundig wurde, verstieß Orodreth die beiden Brüder samt ihrem Gefolge aus der Feste. Unter seiner vorsichtigeren Führung kehrte Nargothrond zu der zurückhaltenden, verborgenen Lebensweise zurück, die schon Finrod gepflegt hatte, und blieb den umliegenden Ländern weiterhin weitgehend unbekannt.
Diese Verborgenheit geriet erneut ins Wanken, als Túrin Turambar, aus Doriath vertrieben und unter dem Namen Agarwaen unerkannt, in Nargothrond Aufnahme fand und dort bald als Krieger von hohem Rang, zuletzt als Anführer der Streitmacht, zu Ansehen gelangte. Sein Rat drängte Orodreth zu offenem Kampf gegen die Diener Angbands, und die Feste, die unter Finrod stets im Verborgenen gewirkt hatte, trat nun mit eigenem Heer gegen den Feind an. Dieser Kurswechsel endete in der Schlacht am Tumhalad, in der Glaurung, der große Drache Angbands, an der Spitze eines Heeres von Orks die Krieger Nargothronds vernichtend schlug und König Orodreth selbst erschlug.
Nach dem Sieg am Tumhalad zog Glaurung ungehindert weiter zur nun schutzlosen Feste, überwand die letzten Verteidiger und öffnete ihre Hallen der Plünderung; einen Teil der Bewohner erschlug er, andere trieb er in die Knechtschaft, während Finduilas, Orodreths Tochter, unter den Gefangenen war und später den Tod fand. Túrin, der zu spät zurückkehrte, wurde von Glaurungs Blick gebannt und musste die Verwüstung seiner Zufluchtsstätte hilflos mitansehen; erst Jahre später kehrte er zurück, um den Drachen zu stellen und zu töten. Nargothrond selbst wurde nie wieder aufgebaut; der Drache hauste seither auf dem angehäuften Schatz in den leeren Hallen, bis auch er fiel, und der überlebende Húrin brachte später einen Teil dieses Erbes, darunter das Halsband der Zwerge, an Thingols Hof nach Doriath, wo es neues Unheil heraufbeschwor. So endete Nargothronds Geschichte als Reich, während seine leeren Höhlen als Ruine in Erinnerung blieben.
Volk und Herrschaft
Nargothronds Bewohner setzten sich zunächst aus jenen Noldor zusammen, die Finrod Felagund seit Beginn seines Zuges nach Beleriand begleiteten, doch wuchs ihre Zahl rasch durch den Zustrom zahlreicher Grünelben aus Ossiriand, die sich seiner Herrschaft willig unterstellten. Aus diesem Nebeneinander von Hochelben und Waldelben erklärt sich, dass in der Feste von Anfang an das Sindarin der einheimischen Bevölkerung überwog, während die Noldor selbst nur eine vergleichsweise kleine, wenn auch führende Schicht bildeten. Namentlich bekannt sind aus diesem Kreis etwa Gwindor, Sohn Guilins, und dessen Bruder Gelmir, Häuser von altem Adel, die unterhalb der Krone den engeren Rat und die Hauptmannschaft der Feste stellten. Über die Gesamtzahl der Bewohner Nargothronds machen die Überlieferungen keine verlässlichen Angaben.
Die Krone Nargothronds trugen der Überlieferung nach nur zwei Könige: Finrod Felagund als Gründer und, nach dessen Tod, sein Bruder Orodreth, der bis zum Untergang der Feste herrschte. Celegorm und Curufin, die Söhne Feanors, lebten Jahre hindurch als Gäste in Nargothrond und übten dabei erheblichen Einfluss auf dessen Politik aus, ohne selbst je den Königstitel zu beanspruchen. Wie stark dieser Einfluss wog, zeigte sich, als Nargothrond um Beistand für den Bund Maedhros' gebeten wurde: Auf Rat der beiden Brüder verweigerte Orodreth die Entsendung des Heeres unter der königlichen Fahne, sodass nur eine kleine, eigenmächtige Schar unter Gwindor, Sohn Guilins, zur Schlacht der Ungezählten Tränen auszog. Erst später, unter dem Rat Túrin Turambars, der als Hauptmann zu großem Ansehen gelangte, gab Orodreth diese zurückhaltende Politik auf, ohne dass Túrin selbst je nach der Krone gegriffen hätte.
Zu Thingols Reich Doriath unterhielt Nargothrond ein loses, freundschaftliches, doch keineswegs untertäniges Verhältnis; weder Finrod noch seine Nachfolger erkannten eine förmliche Lehnspflicht an, hielten aber verwandtschaftliche und diplomatische Bande aufrecht. Zu den Reichen der Noldor im Norden, zu Fingolfins Haus in Hithlum und den Ländern um Dorthonion, blieb die Verbindung trotz gemeinsamer Abstammung locker, da Nargothronds Politik der Verborgenheit ein enges Bündnis erschwerte. Nach Südwesten hin bestand zudem Kontakt zu Círdans Volk an den Küsten des Falas, doch traten auch diese Beziehungen selten offen in Erscheinung. Mehr als jedes andere große Reich der Noldor blieb Nargothrond auf die eigene Verborgenheit und Unabhängigkeit bedacht, was sein Verhältnis zu sämtlichen Nachbarn bestimmte.
Nargothrond in der Erzählung
Innerhalb der großen Geschichte von Beleriand verkörpert Nargothrond zunächst ein Gegenmodell zum offenen Widerstand der Noldor im Norden: Während Fingolfins und Maedhros' Reiche sich Angband in offener Feldstellung entgegenwarfen, steht die Feste am Narog für die Hoffnung, dass Verborgenheit und Zurückhaltung die Elben besser bewahren könnten als Waffengewalt. Diese Haltung macht Nargothrond zum Schauplatz einer moralischen Zwickmühle, als Beren dort um Beistand für sein Werben um Lúthien bittet: Finrods Eid gegenüber Barahirs Haus gerät in Widerspruch zu der Politik des eigenen Volkes, und die Feste wird so zum Ort, an dem persönliche Treue und kollektive Vorsicht erstmals offen aufeinanderprallen. Der Auszug des Königs mit nur einer Handvoll Getreuer markiert erzählerisch den Moment, in dem Nargothronds Grundsatz der Selbsterhaltung erstmals durchbrochen wird — mit tödlichen Folgen für seinen Gründer.
Im Túrin-Erzählstrang wird Nargothrond zum Ort, an dem ein Fremder von außen die über Generationen gewachsene Vorsicht der Feste kippt. Túrin kommt dorthin als Unbekannter unter falschem Namen, gewinnt durch Tapferkeit und Redegewandtheit rasch Einfluss auf Orodreth und verkörpert damit die Versuchung, dem Schicksal durch eigenes Handeln zuvorzukommen, statt es im Verborgenen abzuwarten. Sein Drängen auf offene Kriegsführung und den sichtbaren Brückenbau lässt Nargothrond zeitweise zu einem Ort des Aufbruchs und der Hoffnung werden, ehe sich gerade diese Sichtbarkeit als das Werkzeug seines Untergangs erweist. Die Feste steht damit exemplarisch für die wiederkehrende Erzähllogik des Túrin-Stoffes, wonach gut gemeinte Entscheidungen unter dem Einfluss von Morgoths Fluch ins Verderben führen.
Als Schauplatz von Glaurungs Auftreten dient Nargothrond zudem der Erzählung dazu, die Macht der Täuschung neben der reinen Zerstörungskraft des Feindes vorzuführen: Der Drache bezwingt die Feste nicht allein durch Waffengewalt, sondern lähmt Túrin mit seinem Blick und hält ihn von der Rettung Finduilas' ab, wodurch die Handlung das Motiv der Blendung und des verpassten Augenblicks fortführt, das den ganzen Túrin-Stoff durchzieht. Über den unmittelbaren Handlungsbogen hinaus wirkt Nargothrond in der weiteren Geschichte fort, indem sein erbeuteter Schatz später nach Doriath gelangt und dort neues Unheil auslöst; die einst verborgene Feste wird so, lange nach ihrem Fall, noch einmal zum Ursprung eines fernen Verhängnisses.
Entwürfe und Fassungen
In den frühesten Fassungen der Erzählung, den Verlorenen Geschichten, existierte die Gestalt Finrod Felagunds als Gründer der Höhlenfeste noch nicht. Dort lebte Túrin unter einem Volk namens die Rodothlim, „die Höhlenbewohner“, dessen Herrschaft ein Elbenfürst namens Orodreth innehatte, ohne dass dieser als Bruder oder Nachfolger eines größeren Königs gedacht war. Der Drache, der die Höhlenfeste später zerstörte, trug in dieser frühen Fassung den Namen Glorund, eine Vorform des späteren Glaurung. Die Überlieferung sprach zu diesem Zeitpunkt schlicht von den Höhlen der Rodothlim am Narog, ohne dass die Anlage bereits unter dem Namen Nargothrond geführt wurde.
Erst mit der Ausarbeitung der Lay of Leithian und der Sketch of the Mythology, den Vorstufen des späteren Silmarillion, trat Felagund als eigenständige Figur und Gründer der Feste hinzu, wodurch Orodreth vom ursprünglichen Herrscher zum jüngeren Bruder und späteren Nachfolger herabgestuft wurde. Diese Umstellung schuf zugleich die aus dem Silmarillion bekannte Zweiteilung der Herrschaft zwischen Gründerkönig und Nachfolger sowie die engere Verbindung Nargothronds mit dem Haus Finarfins. Der Übergang von den namenlosen Rodothlim-Höhlen der frühen Fassung zur ausgereiften Feste Nargothrond gehört damit zu den grundlegenden Wandlungen, welche die Túrin-Erzählung auf ihrem Weg zur endgültigen Gestalt durchlief.