Was für ein Buch das ist

„The War of the Jewels“ ist kein Erzählwerk, sondern eine Textausgabe mit Kommentar. Christopher Tolkien legt darin Handschriften, Typoskripte und Notizen seines Vaters vor, ordnet sie zeitlich ein und erläutert, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen. Der Band gehört zur zwölfbändigen Reihe The History of Middle-earth und führt als Zusatztitel den Hinweis, dass er den zweiten Teil des späten Silmarillion-Materials enthält; er schließt damit unmittelbar an den vorangehenden Band Morgoth's Ring an, mit dem er eine gemeinsame Aufgabe teilt. Beide dokumentieren jene Arbeit an der Älteren Zeit, die Tolkien nach dem Abschluss des Herrn der Ringe wieder aufnahm und nicht zu Ende führte.

Der Aufbau folgt dem in der Reihe eingeübten Muster: ein knappes Vorwort des Herausgebers, danach mehrere Teile, in denen jeweils ein Textkomplex zunächst abgedruckt und anschließend kommentiert wird, dazu Anhänge und ein sehr ausführliches Register der Namen und Sachbegriffe. Die Erzählhaltung ist die eines Editors, nicht die eines Erzählers. Christopher Tolkien spricht in eigener Person, datiert Papiere nach Schriftbild und Papiersorte, benennt Lesarten, die er nicht sicher entziffern konnte, und trennt sorgfältig zwischen dem, was auf dem Blatt steht, und dem, was er daraus schließt. Querverweise auf frühere Bände der Reihe sind dicht gesetzt; wer sie nicht kennt, verliert leicht den Faden.

Das Buch richtet sich an Leser, die hinter das 1977 veröffentlichte Silmarillion sehen wollen — an solche also, die wissen möchten, aus welchen Vorlagen jener Text zusammengesetzt wurde und wo die Redaktion Entscheidungen treffen musste, die der Verfasser selbst nicht mehr getroffen hatte. Als Einstieg in die Überlieferung Beleriands taugt der Band nicht; er setzt die Kenntnis der erzählenden Fassung voraus und ersetzt sie nicht. Im Gefüge des Legendariums steht er deshalb auf einer eigenen Ebene: Er ist Quelle für die Entstehung der Texte, nicht Autorität darüber, was in Mittelerde geschehen sei. Innerhalb der Reihe bildet er zugleich den letzten Band, der ganz den Stoffen des Ersten Zeitalters gilt.

Entstehung und Veröffentlichung

Die Texte, die der Band vorlegt, entstanden ganz überwiegend in den fünfziger Jahren. Nachdem der Herr der Ringe abgeschlossen, aber noch nicht gedruckt war, nahm Tolkien um 1950/51 die Stoffe der Älteren Zeit wieder auf und arbeitete in rascher Folge an zwei großen Vorhaben: an den Grauen Annalen, einer durchgehenden Jahreschronik Beleriands, und an einer erneuten Überarbeitung der erzählenden Silmarillion-Fassung. Christopher Tolkien ordnet diese Revision in zwei Schübe, deren ersten er in die Zeit um 1951 setzt, während der zweite gegen Ende des Jahrzehnts einsetzte und die früheren Kapitel nur noch stellenweise erreichte. Beide Textreihen brechen ab, ehe sie ihr Ziel erreichten; die Grauen Annalen enden mitten in der Geschichte von Túrin, die späte Quenta bleibt in den mittleren Kapiteln stecken. Die jüngsten im Band abgedruckten Arbeiten reichen bis um 1959/60.

Die Anordnung des Bandes ist eine Entscheidung des Herausgebers, keine des Verfassers. Ursprünglich sollte das gesamte späte Silmarillion-Material in einen Band; da es dafür zu umfangreich war, teilte Christopher Tolkien es nach sachlichen Gesichtspunkten und ließ 1993 zunächst jenen Teil erscheinen, der die Kosmogonie, die Valar und die Fragen um Melkor betrifft. Was von der Geschichte Beleriands, der Elben und der Menschen handelt, blieb dem Folgeband vorbehalten. Innerhalb dieses Bandes stehen daher die Annalen voran, danach die überarbeiteten Kapitel der Quenta, ferner eine Gruppe später Prosastücke, die außerhalb des erzählenden Zusammenhangs blieben, und schließlich eine umfangreiche sprachgeschichtliche Abhandlung über die Benennungen der Elbenvölker. Wo ein Text bereits andernorts gedruckt war — die ausführliche Túrin-Erzählung etwa in den 1980 erschienenen Nachrichten aus Mittelerde —, verweist der Herausgeber darauf, statt ihn zu wiederholen.

Erschienen ist das Buch 1994, in London bei HarperCollins und in den Vereinigten Staaten bei Houghton Mifflin, als elfter Band der Reihe. Der Haupttitel nimmt den Krieg um die Silmaril auf, der Untertitel weist den Band als Fortsetzung des Vorjahresbandes und als Sammlung der Legenden Beleriands aus. Zum Apparat gehören ein Vorwort, in dem der Herausgeber Auswahl und Grenzen seiner Ausgabe begründet, mehrere Anhänge zur sprachlichen Abhandlung sowie ein Register, das über hundert Seiten füllt und die Namensformen mit ihren Belegstellen und Bedeutungen verzeichnet. Ein Teil der Etymologien, die Tolkien seinen späten Aufsätzen beigab, wird darin erstmals zugänglich gemacht.

Eine inhaltlich überarbeitete Neuausgabe hat es seither nicht gegeben; spätere Auflagen, darunter die Taschenbuchausgaben und die Zusammenfassungen mehrerer Bände in Sammelausgaben, folgen dem Text von 1994 mit unverändertem Seitenspiegel, sodass die üblichen Stellenangaben gültig bleiben. Einzelne hier erstmals gedruckte Stücke sind später in andere Zusammenhänge gerückt, weil Christopher Tolkien für die Einzelausgaben der großen Erzählungen des Ersten Zeitalters auf dasselbe Handschriftenmaterial zurückgriff; die vollständige Dokumentation blieb jedoch dem Reihenband vorbehalten. Eine deutsche Übersetzung liegt nicht vor: Von der zwölfbändigen Reihe sind bei Klett-Cotta allein die beiden Bände des Buchs der verschollenen Geschichten erschienen, die Bände drei bis zwölf nicht. Der englische Titel ist deshalb auch im deutschen Sprachgebrauch die übliche und zugleich einzige korrekte Nennform.

Aufbau und Inhalt

Der Band gliedert sich in vier Teile, von denen jeder einem in sich geschlossenen Textkomplex gilt. Den ersten bilden die Grauen Annalen, eine in Jahren fortschreitende Chronik der Ereignisse in Beleriand, die beim Erwachen der Elben einsetzt und die Geschichte der Noldor im Exil Schritt für Schritt mitführt. Der Text ist in durchgezählte Abschnitte zerlegt, und der Kommentar des Herausgebers greift dieselbe Zählung wieder auf, sodass jede Bemerkung genau einer Stelle zugeordnet bleibt. Dieses Verfahren kehrt in den übrigen Teilen wieder und bestimmt zugleich die übliche Zitierweise des Bandes: Verwiesen wird auf Abschnittsnummern, nicht allein auf Seitenzahlen. Wer eine bestimmte Angabe sucht, findet sie daher am schnellsten über den Jahreseintrag der Annalen und die zugehörige Nummer im Kommentar.

Der zweite Teil legt die späte Überarbeitung der erzählenden Quenta Silmarillion vor, in der Kapitelfolge, die vom Auftreten der Menschen über die Beschreibung Beleriands und seiner Fürstentümer, die Gründung Gondolins und den Untergang des Landes bis zur Fahrt Earendils reicht. Nicht jedes Kapitel liegt in später Gestalt vor; wo wenig oder nichts geändert wurde, begnügt sich der Herausgeber mit einer Beschreibung des Befundes und verweist auf die früheren Bände der Reihe. Eigenes Gewicht hat das Kapitel über den Untergang von Doriath, für das ein später Text gänzlich fehlt. An dieser Stelle legt Christopher Tolkien offen, aus welchen älteren Stücken die 1977 gedruckte Fassung zusammengesetzt wurde und an welchen Punkten die Redaktion Verbindungen herstellen musste, für die es keine Vorlage gab. Für die Frage, wie weit das veröffentlichte Silmarillion Autortext ist, gehören diese Seiten zu den wichtigsten des ganzen Werks.

Der dritte Teil sammelt, was außerhalb des erzählenden Zusammenhangs blieb. Er beginnt mit den Wanderungen Húrins, einer langen, hier zum ersten Mal gedruckten Erzählung von Húrins Weg nach der Entlassung aus Angband und von den Folgen, die sein Erscheinen bei den Menschen des Waldes und in Doriath hatte. Daneben stehen eine Betrachtung über die angenommene Überlieferung der Túrin-Geschichte, eine späte Neufassung der Herkunft Maeglins, eine kurze Aufzeichnung über den Ursprung der Ents und der Adler sowie eine Jahrestafel des Ersten Zeitalters. Diese Stücke hängen untereinander nicht zusammen; der Teil ist eine Sammlung, kein Werk, und wird am ehesten über das Register erschlossen.

Den vierten Teil bildet eine einzige umfangreiche Abhandlung sprachlicher Art, die den Bezeichnungen der Elben für sich selbst und für ihre einzelnen Zweige nachgeht und dabei weit über die reine Wortkunde hinausreicht, denn sie berührt Wanderung, Trennung und Selbstverständnis der Völker. Ihr sind mehrere Anhänge beigegeben, die die elbischen Namen für Menschen, Zwerge und Orks behandeln und die Wörter für „Sprache“ erörtern; eingefügt ist außerdem eine knappe Erzählung vom Erwachen der ersten Elben, die ausdrücklich als Überlieferung der Eldar selbst ausgegeben wird. Einen weiteren Anhang der Handschrift, der vom wortlosen Gedankenaustausch handelt, hat der Herausgeber nicht mit aufgenommen, sondern nur verzeichnet. Eigenes Kartenmaterial legt der Band nicht bei; wer die Geographie Beleriands vor Augen haben will, muss die Karten anderer Ausgaben danebenlegen.

Stellung im Legendarium

Bezugspunkt des Bandes ist das 1977 veröffentlichte Silmarillion, und das Verhältnis der beiden Bücher ist ein einseitiges. Christopher Tolkien hat schon im Vorwort jener Ausgabe offengelegt, dass er aus Fassungen verschiedenen Alters einen lesbaren, in sich stimmigen Text herstellen musste, weil der Verfasser die Arbeit nicht abgeschlossen hatte. Wer diesen Hinweis ernst nimmt, findet in dem späteren Band die Papiere, auf die er sich bezieht — aber er findet dort keine zweite, bessere Erzählung. Was hier abgedruckt ist, sind Arbeitsstufen; keine von ihnen hat Tolkien zum Druck bestimmt, und mehrere widersprechen einander. Weicht ein solcher Text vom gedruckten Silmarillion ab, sei es in der Zählung der Jahre, in der Abfolge der Ereignisse oder in der Herkunft einer Gestalt, so ist damit über den Hergang nichts entschieden; es zeigt sich nur, wie lange die Sache in Bewegung blieb. Die erzählende Geltung bleibt beim veröffentlichten Werk, die Entstehungsgeschichte bei diesem Band.

Deutlich wird die Arbeitsteilung an der Geschichte von Húrins Kindern, die über mehrere Ausgaben verteilt ist. Die ausführliche Erzählfassung steht in den Nachrichten aus Mittelerde; sie bricht an mehreren Stellen ab, und der Herausgeber musste dort auf die knappe Darstellung des Silmarillion zurückverweisen, um den Zusammenhang zu wahren. 2007 legte er denselben Stoff noch einmal als durchgehende Erzählung vor, diesmal ohne begleitenden Apparat und ausdrücklich für Leser gedacht, die eine Geschichte und keine Dokumentation suchen. Der Band von 1994 verhält sich zu beidem als Unterbau: Er liefert den chronikalischen Rahmen, in dem die Ereignisse ihren Platz im Jahreslauf Beleriands erhalten, und führt den Faden über den Punkt hinaus, an dem die erzählenden Ausgaben enden. Wer die drei Bücher nebeneinanderlegt, sieht nicht drei Versionen eines Textes, sondern drei Zugriffe auf denselben Nachlass mit verschiedenen Zwecken.

Zum Herrn der Ringe schließlich steht der Band im Verhältnis der Voraussetzung. Im Roman selbst erscheint die Ältere Zeit nur als Anspielung: Streicher erzählt seinen Gefährten unterwegs zur Wetterspitze von Beren und Lúthien, in Bruchtal wird von Earendils Fahrt gesungen, und im Anhang wird Elronds Herkunft in wenigen Sätzen bis zu jener Fahrt zurückgeführt. Diese Verweise setzen einen Stoff voraus, der zu Tolkiens Lebzeiten nie erschien und den seine Leser deshalb nur ahnen konnten. Ebenso verhält es sich mit den Ents, die in Fangorn auftreten, ohne dass ihre Herkunft erklärt würde; erst der späte Zettel, den dieser Band mitteilt, gibt darauf eine Antwort. Der Band dokumentiert damit genau die Arbeit, mit der Tolkien die alten Legenden an ein inzwischen gedrucktes Buch anzupassen suchte — und er macht sichtbar, dass ihm das nur zum Teil gelang.