Herkunft, Sippe und Namen
Túrin wurde in Dor-lómin geboren, dem Landstrich im Süden Hithlums, den die Menschen des Hauses Hador als Lehen der Noldor bewohnten. Sein Vater war Húrin Thalion, Herr von Dor-lómin, seine Mutter Morwen Eledhwen, die aus dem Hause Beor stammte und mit Beren verwandt war; in Túrin liefen damit zwei der drei Häuser der Edain zusammen, jener sterblichen Menschen, die früh über das Blaue Gebirge nach Beleriand gekommen waren und sich den Eldar im Kampf gegen Morgoth zugesellt hatten. Vor ihm war eine Schwester geboren worden, Urwen, die im Haus nur Lalaith, „Lachen“, genannt wurde; sie starb als kleines Kind an einer Seuche, die mit einem üblen Wind aus dem Norden kam. Eine zweite Schwester, Nienor, kam erst nach der Nirnaeth Arnoediad zur Welt.
Dem Aussehen nach geriet Túrin weniger nach der goldhaarigen Sippe Hadors als nach seiner Mutter: dunkelhaarig, hellhäutig, mit den ernsten Zügen des Hauses Beor. Auch seinem Wesen nach glich er Morwen, deren Stolz und deren Schweigsamkeit er teilte. Die Überlieferung schildert ihn als ein Kind, das selten lachte und über sein Alter hinaus schwermütig war, das erlittenes Unrecht nicht vergaß, aber Mitleid mit allem Verletzten und Benachteiligten empfand. Diese Mischung aus Härte gegen sich selbst, jäher Zuneigung und einem Hang, im eigenen Kummer zu verharren, prägt die Berichte über ihn von Anfang an.
Kaum eine andere Gestalt der Älteren Tage trägt so viele Namen, und fast alle legte er sich selbst zu oder empfing sie von Fremden, die seine Herkunft nicht kannten. Neithan, „der Unrecht Erlittene“, nannte er sich unter den Geächteten; Gorthol, „Schreckenshelm“, hieß er nach dem Erbstück seines Hauses, das er im Kampf trug. In Nargothrond gab er sich als Agarwaen, Sohn des Úmarth aus, was „der Blutbefleckte, Sohn des Unheils“ bedeutet, während die Elben ihn Adanedhel, „Elbenmensch“, riefen, weil er sich in Sprache und Haltung ihnen anglich; Finduilas nannte ihn Thurin, „der Verborgene“, da sie um sein verschwiegenes Vorleben wusste. Als Mormegil, das „Schwarze Schwert“, wurde er nach seiner Waffe weithin bekannt, ohne dass sein wahrer Name genannt worden wäre. Zuletzt wählte er Turambar, „Meister des Schicksals“ — ein Name, der weniger beschreibt, was war, als was er dem Fluch über seinem Hause entgegenzusetzen hoffte.
Von der Nirnaeth bis zum Cabed Naeramarth
Der Bruch, der Túrins Leben bestimmte, fiel in seine Kindheit. Húrin führte die Männer von Dor-lómin in die Nirnaeth Arnoediad, die Fünfte Schlacht, und deckte zuletzt mit seinem Hausvolk am Sumpf von Serech den Rückzug Turgons; lebend gefangen und vor Morgoth gebracht, weigerte er sich, den verborgenen Weg nach Gondolin zu nennen. Zur Vergeltung sprach Morgoth einen Fluch über sein Geschlecht und setzte ihn auf einen Sitz in den Höhen des Thangorodrim, von wo aus er mit den Augen des Feindes sehen musste, wie es den Seinen erging. Morwen, die ein Kind erwartete, fürchtete die Ostlinge, denen Hithlum als Beute überlassen worden war, und schickte den kaum achtjährigen Jungen heimlich mit zwei alten Getreuen, Gethron und Grithnir, nach Doriath, wo sie ihn unter Thingols Schutz wusste; sie selbst blieb zurück, weil sie nicht als Bittstellerin kommen wollte.
Thingol nahm ihn als Ziehsohn an, und Melian wachte über ihn; unter den Elben von Doriath wuchs er heran und schloss Freundschaft mit Beleg Cúthalion, dem Grenzwächter, an dessen Seite er bald selbst gegen die Orks an den nördlichen Marken focht. Nach einigen Jahren rissen die Nachrichten aus Dor-lómin ab, und der Gedanke an die Verlassenen daheim verfinsterte ihn. Der Streit mit Saeros, einem Ratgeber des Königs, der Morwen und die zerlumpten Menschen des Nordens verspottete, führte zum Bruch: Túrin schleuderte einen Trinkbecher nach ihm, und als Saeros ihm am nächsten Morgen auflauerte, überwand er ihn, trieb ihn entblößt wie ein Wild durch den Wald, bis dieser bei einem Sprung über eine Schlucht zu Tode stürzte. Mablung mahnte ihn, sich dem Urteil Thingols zu stellen, doch Túrin ging fort, ehe die Waldelbin Nellas bezeugte, was sie gesehen hatte; Thingol sprach ihn frei, aber da war er schon jenseits der Grenzen.
In den Wäldern südlich des Teiglin schloss er sich einer Bande von Geächteten an, den Gaurwaith, und wurde bald ihr Anführer; Beleg fand ihn dort und brachte ihm Thingols Verzeihung, doch Túrin schlug sie aus Stolz aus. Später gewann er den Zwergenkleinen Mîm zum Wirt, dessen Sohn Khîm durch den Pfeil eines seiner Männer starb, und richtete sich in dessen Halle auf dem Amon Rûdh ein. Beleg kehrte zu ihm zurück, mit Melians Wegbrot und dem schwarzen Schwert Anglachel, das Thingol ihm überlassen hatte, und die beiden machten das Land zwischen Teiglin und Sirion für eine Weile zu einem Bollwerk, in dem Túrin den Drachenhelm seines Hauses trug. Mîm verriet den Zufluchtsort an die Orks; Túrin wurde lebend gefangen und nach Norden geschleppt. Beleg befreite ihn zusammen mit dem entflohenen Gwindor, doch als er im Dunkel und Gewitter seine Fesseln durchschnitt, glitt die Klinge ab, und Túrin, aus dem Schlaf gerissen und die Feinde wähnend, erschlug den Freund mit dessen eigenem Schwert.
Stumm und wie erstarrt ließ er sich von Gwindor bis zu den Quellen des Ivrin führen, wo ihm über dem klaren Wasser die Tränen zurückkehrten. Gwindor brachte ihn nach Nargothrond, wo er seinen Namen verschwieg, rasch zu Ansehen aufstieg und den Rat des Königs Orodreth bestimmte; Anglachel wurde ihm neu geschmiedet und hieß fortan Gurthang. Finduilas, Orodreths Tochter, wandte ihm ihre Zuneigung zu, und Gwindor, der ihr einst versprochen war, gab schließlich Túrins Herkunft preis. Auf Túrins Betreiben gab die Feste ihre Heimlichkeit auf: Man führte offene Feldzüge und baute eine große Brücke über den Narog vor die Tore. Als Gelmir und Arminas eine Warnung Ulmos überbrachten, die Brücke niederzureißen und die Tore zu schließen, wurden sie abgewiesen. Im Feld von Tumhalad wurde das Heer von Nargothrond vernichtet, Orodreth fiel, und der sterbende Gwindor bat Túrin, Finduilas zu retten. Doch als Glaurung die geplünderte Stadt hielt, band er Túrin mit seinem Blick, bis die Gefangenen fortgetrieben waren, und schickte ihn dann mit einer Lüge über das Elend seiner Mutter nach Norden.
In Dor-lómin fand er das Haus seines Vaters in fremder Hand und Morwen und Nienor längst nach Doriath entwichen; im Saal des Ostlings Brodda erschlug er den Hausherrn und musste fliehen, während Aerin, die Verwandte Húrins, für die Tat büßte. Erst danach suchte er Finduilas und erfuhr von den Menschen von Brethil, dass die Orks sie an den Furten des Teiglin getötet hatten; über ihrem Hügel, dem Haudh-en-Elleth, blieb er bei den Haladin und legte das schwarze Schwert für eine Weile beiseite. Unterdessen ritten Morwen und Nienor mit Mablung aus Doriath aus, um Nachricht zu suchen; vor Nargothrond nahm Glaurung von der Höhe des Amon Ethir Nienor Gedächtnis und Sprache, sodass sie ohne Namen und Erinnerung durch die Wildnis irrte. Túrin fand sie am Haudh-en-Elleth, nannte sie Níniel und nahm sie im folgenden Jahr zur Frau; als der Drache endlich gegen Brethil zog, trug sie ein Kind unter dem Herzen.
Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.
Schicksal
Túrin beschloss, Glaurung an der Schlucht des Teiglin zu stellen, wo der Fluss so eng zwischen den Felsen läuft, dass der Wurm ihn kriechend überqueren musste. Von seinen Begleitern kehrte Dorlas unterwegs um, und Hunthor kam durch einen herabstürzenden Stein zu Tode; allein stieß Túrin Gurthang von unten in den weichen Bauch des Drachen. Beim Herausziehen der Klinge traf ihn das schwarze Blut, und er sank bewusstlos neben dem Sterbenden nieder. Dort fand ihn Níniel, und Glaurung öffnete ihr mit seinem letzten Atemzug das Gedächtnis: Sie erkannte sich als Nienor und Túrin als ihren Bruder und warf sich in die Schlucht, die seither Cabed Naeramarth heißt. Brandir, der Lahme, brachte Túrin die Botschaft; der Erwachte hielt sie für Verrat und erschlug ihn, bis Mablung, der aus Doriath kam, jedes Wort bestätigte. Da ging Túrin zum Rand der Schlucht und stürzte sich in sein eigenes Schwert, das unter ihm zerbrach. Die Elben und Menschen häuften einen Hügel über ihm und setzten einen Stein darauf, der ihn als Bezwinger Glaurungs nannte und auch den Namen der Schwester trug, die man nie gefunden hatte; an ebendiesem Stein starb später Morwen in Húrins Armen.
Stellung im Legendarium, Waffenruhm und dessen Grenzen
Im Gefüge des Legendariums steht Túrin neben Beren und Tuor als einer der drei sterblichen Männer, um die sich die großen Erzählungen der Älteren Tage ordnen; sein Anteil daran ist der dunkelste. Wo Beren einen Silmaril aus Angband zurückbringt und Tuor den Rest Gondolins an die Küste rettet, dient Túrins Leben in den Berichten vor allem dem Nachweis, wie weit Morgoths Fluch reichte: Der Feind traf Húrin nicht mit Waffen, sondern durch das Schicksal seines Sohnes. Zugleich ist er der einzige Mensch der Ersten Tage, der einen der großen Würmer zu Fall brachte. Die Erzählung von ihm galt als das längste Lied Beleriands; zugeschrieben wird sie einem Dichter namens Dírhavel, der unter den Menschen an den Mündungen des Sirion lebte.
Seine Fähigkeiten sind durchweg die eines Sterblichen, wenn auch am oberen Rand des Möglichen. Er war groß und von früh an ungewöhnlich stark, an den Nordmarken Doriaths durch Beleg im Waffenhandwerk und in der Waldkunst geschult und schon als junger Mann den Elben im Feld ebenbürtig. Dazu kam eine Gabe zur Führung: Aus einer verwilderten Bande formte er eine Streitmacht, die das Land zwischen Teiglin und Sirion für eine Zeit dem Feind verschloss, und in Nargothrond wie später unter den Haladin folgten ihm Männer, deren Herr er nicht war. Zwei Erbstücke verstärkten seine Wirkung: der Drachenhelm aus Dor-lómin, ein Werk Telchars von Nogrod, dem man nachsagte, er wende Hiebe ab, und dessen Anblick allein schon Schrecken verbreitete, sowie die schwarze Klinge Eols, aus einem Eisen geschmiedet, das als Stern gefallen war, und imstande, jedes aus der Erde gewonnene Eisen zu durchschneiden.
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Schicksal
Die Grenzen dieser Macht ziehen die Quellen deutlich. Weder Helm noch Schwert schützten vor dem, was ihn tatsächlich zu Fall brachte: Gegen den Blick Glaurungs war seine Kraft ohne Wert, und dem Willen Morgoths kam er mit Waffen nicht bei. Schwerer noch wiegt, dass seine Niederlagen selten im Kampf entschieden wurden, sondern im Rat — dort, wo er auf unvollständige Kenntnis hin handelte, den Zuspruch anderer abwies und die angebotene Vergebung ebenso ausschlug wie die Warnung, die aus dem Westen kam. Regelmäßig traf der Schaden nicht ihn selbst, sondern jene, die ihn aufgenommen hatten. Ob darin der Fluch wirkte oder sein eigenes Wesen, entscheiden die Berichte nicht; sie stellen beides nebeneinander und lassen den Namen, den er sich zuletzt gab, als einen Anspruch stehen, den sein Ende widerlegte.
Sippe, Gefährten und Widersacher
Die Bindungen an seine Sippe wirken bei Túrin fast ausschließlich über Abwesenheit. Húrin, den er als Kind zuletzt sah, bleibt ihm zeitlebens ein Maßstab, an dem er sich misst, ohne ihm je wieder gegenüberzustehen; Morwen wiederum teilte mit ihm Stolz und Verschlossenheit so vollständig, dass gerade diese Ähnlichkeit jede Annäherung verhinderte — Mutter und Sohn haben einander nach seinem achten Jahr nicht mehr erblickt. Zu Nienor bestand nie ein Verhältnis, das den Namen Geschwisterschaft verdient hätte, sondern nur eines, das auf Unwissenheit gebaut war. Wärme zeigen die Quellen an einer unscheinbaren Stelle: an Sador, dem verkrüppelten Hausdiener von Dor-lómin, den das Kind Labadal nannte, mit dem es die ersten Fragen nach Tod und Verhängnis erörterte und dem es ein kostbares Messer schenkte.
Wer sich seiner annahm, trug den Schaden. Thingol nahm ihn an Sohnes statt an und bot ihm zweimal Verzeihung, doch beide Male stellte sich Túrins Stolz dazwischen; Melian, die weiter sah als andere, konnte ihn ebenso wenig halten. Beleg gab Freundschaft, Ausbildung und schließlich das Leben und wurde von der Hand dessen erschlagen, den er befreit hatte. Gwindor führte ihn nach Nargothrond, verlor dort seinen Rang an ihn und starb im Feld; Finduilas, die ihm zugetan war, wurde an den Furten des Teiglin erschlagen. Selbst Mîm, der ihn widerwillig beherbergte, verlor seinen Sohn an einen Pfeil aus Túrins Gefolge, und Brandir, der Lahme, dessen Herrschaft in Brethil er faktisch verdrängte, fiel zuletzt seinem Zorn zum Opfer — ausgerechnet ein Mann von der Art dessen, dem seine Kindheit zugeneigt war.
Seinem eigentlichen Gegner ist er nie begegnet. Morgoth wirkte auf ihn nur mittelbar, durch Gerüchte, Zufälle und die Ostlinge, denen Hithlum überlassen war; sein Werkzeug war Glaurung, und in ihm fand Túrin den einzigen Widerpart, der ihm gewachsen war, weil dieser nicht mit Waffen kämpfte, sondern mit Blick, Wissen und maßgeschneiderten Halbwahrheiten. Die übrigen Feindschaften machte er sich selbst: Saeros mit einer Beleidigung, Mîm mit einem Toten, Brodda mit einem Racheschlag, der andere büßen ließ. Von Mablung dagegen, dem Jäger Doriaths, wurde er zweimal beim Wort genommen — einmal vergeblich als Mahner, einmal zu spät als Zeuge —, und ebendieser Zeuge lieferte ihm die Bestätigung, die er nicht mehr ertrug.
Entwicklung der Gestalt in den Entwürfen
Die früheste ausgeführte Fassung der Erzählung gehört zu den Verschollenen Geschichten und trägt dort den Titel „Turambar and the Foalókë“. Der Handlungsbogen steht bereits, doch nahezu alle Namen lauten anders: Túrins Vater heißt Úrin, seine Mutter Mavwin, die Schwester Nienóri, und der König, der ihn aufnimmt, ist Tinwelint. Der Drache trägt den Namen Glorund und wird als Foalókë bezeichnet. An die Stelle Nargothronds tritt die Höhlensiedlung der Rodothlim, wohin ihn Flinding go-Fuilin führt und wo ihm Failivrin zugetan ist; sein Schwert heißt Gurtholfin. Der Streit in den Hallen des Königs verläuft kürzer und blutiger — Túrin erschlägt den Elben Orgof, das Vorbild des späteren Saeros, auf der Stelle mit dem geworfenen Trinkgefäß, ohne Verfolgung durch den Wald und ohne den tödlichen Sprung. Unter den Waldmenschen steht Tamar der Lahme dort, wo später Brandir steht.
Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.
Schicksal
In den zwanziger Jahren nahm Tolkien den Stoff in alliterierenden Versen wieder auf; die unvollendete „Lay of the Children of Húrin“ kennt noch Tinwelint, Morwin und Flinding, breitet aber die Jahre in Doriath und den Tod Belegs ausführlicher aus als jede Prosafassung. Am Ende der Quenta-Überlieferung der dreißiger Jahre steht eine Zweite Prophezeiung des Mandos: Túrin sollte aus dem Tod zurückkehren und in der letzten Schlacht Morgoth mit seiner schwarzen Klinge fällen und so die Kinder Húrins rächen — ein Zug, den die veröffentlichte Fassung des Silmarillion nicht übernahm. Auch Mîm war ursprünglich anders angelegt: nicht der widerwillige Wirt auf dem Amon Rûdh, sondern der Zwerg, der nach dem Tod des Drachen über dem Hort der Rodothlim saß und ihn verfluchte. Die spätesten Bearbeitungen, die Grauen Annalen und „Die Wanderungen Húrins“, blieben unabgeschlossen und fügen sich nur teilweise zu einem Ganzen.