Art und Anlage des Bandes
Der Band ist keine Erzählung, sondern eine Edition: Er stellt Textstufen aus Tolkiens Nachlass bereit und ordnet sie ein. In der Reihe steht er an vierter Stelle und setzt fort, was die beiden Bände der verschollenen Geschichten begonnen hatten — nach jenen weit ausgesponnenen frühen Erzählungen tritt hier eine ganz andere Textsorte in den Vordergrund: knappe, zusammenfassende Prosa, dazu chronikartige und beschreibende Formen. Der Umfang ist für ein Buch dieser Reihe mittelgroß; gegliedert ist er in nummerierte Abteilungen, deren jede einen Text oder eine Textgruppe umfasst. Hinzu treten Reproduktionen von Karten und Diagrammen aus den Manuskripten sowie ein ausführliches Register, das den Band als Nachschlagewerk erst benutzbar macht.
Die Darstellung folgt durchweg demselben Muster: erst der Text in der Fassung, die die Handschriften hergeben, dann der Kommentar des Herausgebers, der Abschnitt für Abschnitt an ihm entlanggeht. Dazu kommen Anmerkungen zu abweichenden Lesarten, Beschreibungen der Schreibträger und Erwägungen zur Datierung. Zwei Stimmen liegen damit übereinander, ohne sich zu vermischen — die des Autors in wechselnden Stadien und die des Herausgebers, der nüchtern und in der dritten Person spricht. Nacherzählt wird nichts; der Kommentar erklärt, wo ein Text herkommt, wohin er weist und wo er hinter oder vor anderen liegt. Wer Aussagen über Mittelerde sucht, findet hier deshalb keine gültigen, sondern datierte.
Angesprochen ist ein Leser, der das Silmarillion bereits kennt. Der Band setzt Namen, Ereignisfolgen und Zusammenhänge als bekannt voraus und erklärt sie nicht neu; als Einstieg in die ältere Sagenwelt eignet er sich nicht. Im Gefüge des Legendariums steht er hinter dem 1977 veröffentlichten Buch: Er zeigt Arbeitsstufen, aus denen dieses später hergestellt wurde, und macht damit sichtbar, dass die vertraute Gestalt der Überlieferung das Ergebnis langer Umarbeitung ist. Sein Wert liegt weniger im Erzählten als in der Möglichkeit, Entwicklung zu beobachten.
Entstehung der Texte und Veröffentlichung des Bandes
Die im Band versammelten Arbeiten entstanden über einen Zeitraum von rund zehn Jahren, in dem Tolkien seine ältere Sagenwelt nicht fortschrieb, sondern neu zuschnitt. Nachdem die weit ausgreifenden frühen Erzählungen in den zwanziger Jahren liegen geblieben waren, fasste er den Stoff 1926 zum ersten Mal in einem knappen Abriss zusammen. Dieser Text war kein literarisches Vorhaben für sich, sondern eine Hilfestellung: Er ging an R. W. Reynolds, einen früheren Lehrer Tolkiens, dem damit der Hintergrund der stabreimenden Húrin-Dichtung erklärt werden sollte. Für eine Veröffentlichung war er nie gedacht, und gerade daraus bezieht er seinen Wert — er zeigt, welche Umrisse der Verfasser selbst für tragend hielt, als er den ganzen Zusammenhang auf wenige Seiten bringen musste. Dass die Sagenwelt über Jahrzehnte hinweg immer wieder umgeschrieben wurde, hat Tolkien später auch brieflich beschrieben.
Aus diesem Abriss wuchs um 1930 eine erheblich erweiterte Fassung, die Tolkien in Maschinenschrift ausarbeitete und tatsächlich zu Ende brachte. Sie ist damit der einzige vollständig abgeschlossene Durchgang durch die gesamte Sagenwelt, den er nach dem Abbruch der frühen Erzählungen je fertigstellte; alle späteren Anläufe blieben Fragment oder erreichten die Schlusskapitel nicht mehr. Das hat Folgen bis in das 1977 veröffentlichte Buch hinein, denn für dessen spätere Partien stand kein jüngeres, ausgeführtes Material zur Verfügung, auf das der Herausgeber sich hätte stützen können. Wer wissen will, worauf die Schlussteile jenes Buches ruhen, findet die Antwort in diesem Band.
In den frühen dreißiger Jahren traten Arbeiten anderer Art hinzu. Eine knappe Abhandlung über die Gestalt der Welt, im Rahmen der Fiktion einem Gelehrten der Eldar zugeschrieben, beschreibt Aufbau und spätere Umformung Ardas und wird von mehreren gezeichneten Diagrammen begleitet; es ist der ausführlichste kosmologische Text aus dieser Zeit. Daneben entstanden zwei chronikartige Reihen, die den Stoff nicht erzählend, sondern nach Jahren geordnet darbieten — die eine für die Zeit in Valinor, die andere für die Ereignisse in Beleriand. Zu beiden setzte Tolkien Fassungen in altenglischer Sprache an, die er der Überlieferungsfigur Ælfwine in den Mund legte, und die ebenfalls im Band abgedruckt sind. Aus derselben Arbeitsphase stammt die früheste Karte des nordwestlichen Landes, die hier zum ersten Mal zugänglich gemacht wurde. Die Sammlung endet vor jenem Einschnitt der späten dreißiger Jahre, mit dem der folgende Band der Reihe einsetzt.
Das Buch selbst erschien 1986, gut ein halbes Jahrhundert nach der Niederschrift der jüngsten in ihm enthaltenen Texte und neun Jahre nach dem Silmarillion. Verleger war George Allen & Unwin in London; in den Vereinigten Staaten kam der Band im selben Jahr bei Houghton Mifflin heraus. Er fügt sich damit in die dichte Folge der ersten Reihenbände, die 1983 begonnen hatte: Der dritte war 1985 erschienen, der fünfte folgte 1987. Der ausführliche Titel nennt die Hauptstücke — die Quenta, die Ambarkanta und die Annalen — ausdrücklich und weist zusätzlich auf den frühesten Abriss und die erste Karte hin; er ist insofern selbst schon ein Inhaltsverzeichnis in Kurzform.
Eine überarbeitete Neuausgabe hat es nicht gegeben; spätere Ausgaben, darunter Taschenbuchdrucke und die von HarperCollins besorgten Nachdrucke, geben den Text unverändert wieder, sodass sich Verweise auf Abteilungen und Abschnitte über die Auflagen hinweg halten. Eine deutsche Übersetzung liegt bis heute nicht vor: Von der Reihe sind allein die beiden ersten Bände bei Klett-Cotta auf Deutsch erschienen, die folgenden zehn nicht. Der englische Titel ist deshalb auch im deutschen Schrifttum die übliche und richtige Nennform, und Zitate aus dem Band werden im Deutschen regelmäßig nach der englischen Ausgabe geführt.
Gliederung und Fundorte
Die Abfolge der Abteilungen richtet sich nach der Zeit ihrer Entstehung, nicht nach dem Gewicht der Texte. Am Anfang stehen kurze Prosastücke, die unmittelbar an die abgebrochenen frühen Erzählungen anschließen, darunter ein Ansatz zu einer Neufassung vom Untergang Gondolins, der nach wenigen Seiten liegen bleibt. Es folgt als zweite Abteilung der knappe Abriss von 1926, den der Herausgeber in seiner ältesten erreichbaren Schicht abdruckt und dessen spätere Überschreibungen er erst im Kommentar auflöst. Die dritte und umfangreichste Abteilung gehört der Quenta; ihr sind zwei Anhänge beigegeben — Bruchstücke einer altenglischen Übertragung, die der Fiktion nach von Ælfwine herrührt, und ein Gedicht, das aus dem Umkreis der frühen Erzählungen stammt und in mehreren Fassungen mitgeteilt wird. Wer den Übergang von der ausgeführten Erzählung zur zusammenfassenden Form verfolgen will, findet ihn in diesen ersten drei Abteilungen beieinander.
Die vierte Abteilung gilt allein der Karte. Sie gibt das Blatt in einer vom Herausgeber besorgten Umzeichnung wieder, weil das Original durch spätere Eintragungen, Tilgungen und eine angesetzte Erweiterung nach Westen kaum noch lesbar war, und ordnet in eigenen Aufstellungen zu, welche Namen welcher Arbeitsschicht angehören. Daran schließt die fünfte Abteilung mit der Abhandlung über die Gestalt der Welt an, in die fünf Zeichnungen eingelassen sind: drei Schemabilder des Weltbaus im Schnitt sowie zwei Karten, die Arda in verschiedenen Zuständen zeigen. Text und Zeichnung stehen hier nebeneinander statt nacheinander, denn die eine Hälfte ist ohne die andere nicht zu gebrauchen; die Beschriftungen der Blätter werden zusätzlich in Umschrift aufgelöst.
Die beiden letzten Abteilungen bringen die Jahresreihen, zuerst die für Valinor, dann die für Beleriand. In beiden Fällen steht die altenglische Fassung nicht gesondert am Bandende, sondern bei dem Text, zu dem sie gehört; bei der zweiten Reihe sind überdies zwei aufeinanderfolgende Bearbeitungen vollständig abgedruckt, sodass sich die Änderungen Jahr für Jahr nebeneinanderlegen lassen. Den Schluss bildet ein einziges alphabetisches Register, das die Namen aus allen Abteilungen zusammenführt und dort, wo eine Gestalt oder ein Ort im Lauf der Fassungen den Namen wechselt, von der einen Form auf die andere verweist. Es ist damit das eigentliche Zugangsmittel: Weil derselbe Gegenstand im Band in mehreren Stadien erscheint, führt die Abfolge der Abteilungen beim Suchen weniger weit als der Zugriff über das Register. Vorn steht ein knappes Vorwort, das die zeitlichen Grenzen der Sammlung absteckt und begründet, warum sie an dieser Stelle abbricht.
Stellung im Legendarium
Die Kanon-Schicht, die dieser Band trägt, ist die der Arbeitsstufe: Keiner der hier mitgeteilten Texte ist eine vom Verfasser freigegebene Aussage über die ältere Sagenwelt, jeder ist ein Stand, den Tolkien später wieder verlassen hat. Das veröffentlichte Silmarillion ist demgegenüber eine hergestellte Fassung; sein Herausgeber hat im Vorwort ausdrücklich beschrieben, dass er aus Schriften sehr verschiedener Entstehungszeit einen einheitlichen, in sich stimmigen Erzähltext gewinnen musste und dabei zwischen einander widersprechenden Vorlagen zu entscheiden hatte. Daraus ergibt sich die Regel für den Umgang mit beiden Büchern: Weicht der vierte Reihenband vom Erzählbuch ab, so liegt weder ein Fehler noch eine Berichtigung vor, sondern ein früherer Zustand. Für Angaben darüber, was in Mittelerde geschah, bleiben die Erzählbücher maßgebend; der Reihenband belegt, wann etwas so und wann anders gedacht war.
Neu und ohne Gegenstück im veröffentlichten Schrifttum ist vor allem die beschreibende Behandlung des Weltbaus. Die Erzählbücher sprechen von der Gestalt Ardas stets im Erzählzusammenhang: Die Ainulindale berichtet vom Gesang, aus dem die Welt hervorgeht, und von ihrer Bereitung durch die Valar, die Akallabêth vom Untergang der Insel und davon, dass Aman aus den Kreisen der Welt genommen und diese gerundet wurde, sodass den Sterblichen der gerade Weg verschlossen blieb. Eine eigene Abhandlung, die den Rahmen der Welt in Schichten, Grenzen und Zonen beschreibt und ihn zeichnerisch abbildet, gibt es dort nirgends. Der vierte Reihenband bringt diesen Gegenstand daher zum ersten Mal überhaupt zur Sprache — allerdings auf einem Stand, den die spätere Arbeit nicht unangetastet ließ, weshalb die Diagramme kein Bild Ardas geben, sondern das Bild eines Jahrzehnts.
Am deutlichsten tritt der Abstand zum gedruckten Werk beim Überlieferungsrahmen zutage. Der Herr der Ringe schreibt die Kunde von der Ältesten Zeit dem Roten Buch zu und nennt neben ihm die drei Bände, die Bilbo Beutlin in Bruchtal aus dem Elbischen übertragen habe; der Weg der Nachricht führt dort also über die Hobbits. Die im Reihenband gesammelten Fassungen setzen an dieser Stelle einen Seefahrer aus England an, dem die Berichte zugetragen und in dessen Sprache Teile von ihnen gefasst werden — eine Vermittlung, die in den veröffentlichten Büchern nicht mehr vorkommt. Ähnlich steht es mit der Zeitrechnung: Die Jahrestafeln des Anhangs zählen erst vom Beginn des Zweiten Zeitalters an und behandeln die Ältere Zeit nur mit einem knappen Rückblick auf den Sturz von Thangorodrim. Eine durchgezählte Jahresreihe für die Erste Zeit ist ausschließlich hier zu finden, und schon der Band selbst zeigt, dass ihre Zahlen nicht feststanden.
In der Reihe der posthumen Ausgaben markiert der Band den vollzogenen Wechsel der Darbietungsform. Die Nachlese von 1980 hatte den Bruch mit dem hergestellten Einheitstext bereits vorbereitet, indem sie Stücke ungleichen Ausarbeitungsgrades nebeneinanderstellte und die Widersprüche im Kommentar benannte, statt sie zu glätten; von dieser Haltung aus ist der Schritt zur reinen Textedition nur noch klein. Bemerkenswert bleibt dabei, dass die zusammenfassende Kurzform, die den Band beherrscht, keine bloße Notlösung war: Tolkien hat auch außerhalb der Werkarbeit, in einem ausführlichen Brief an einen Verleger, den ganzen Zusammenhang gerafft dargestellt, um dessen Bau erkennbar zu machen. Wer aus dem Band zitiert, sollte daher stets die Stufe mitnennen, aus der er schöpft — der Band gibt keine Auskunft über Mittelerde, sondern über die Geschichte einer Auskunft.