Was für ein Text das ist

Die Ainulindale ist der kürzeste der fünf Teile, aus denen sich Das Silmarillion zusammensetzt: In der Druckfassung umfasst sie nur wenige Seiten und steht als geschlossener Block ohne Kapiteleinteilung, ohne Zwischenüberschriften und ohne Verweisapparat vor allem Weiteren. Sie ist kein Roman und keine Erzählung im gewöhnlichen Sinn, sondern ein kosmogonischer Mythos — ein Gründungstext, der die Voraussetzungen bereitstellt, unter denen die folgenden Teile überhaupt lesbar werden. Der Untertitel „Die Musik der Ainur“ benennt zugleich das Bild, das die gesamte Darstellung trägt. Wer den Abschnitt aufschlägt, findet keinen Einstieg in eine Handlung, sondern eine Setzung, die in ihrer Knappheit eher an liturgische oder theologische Prosa erinnert als an Prosaepik.

Die Erzählhaltung ist unpersönlich und weit distanziert. Es tritt kein benannter Erzähler auf, kein Ich, keine erkennbare Gegenwart, aus der zurückgeblickt würde; berichtet wird durchgängig im Präteritum und in einem hohen, feierlichen Register, dessen Reihung von Hauptsätzen und Konjunktionen bewusst an den Tonfall alter Schöpfungsberichte anschließt. Innere Vorgänge werden benannt, aber nicht ausgeführt, Dialoge fehlen bis auf wenige, förmlich gehaltene Reden. Damit steht der Text der Perspektive der Erzählwerke gegenüber, in denen Figuren wahrnehmen, sprechen und irren: Hier gibt es keine Figur, mit der sich der Leser vertraut machen könnte, sondern eine Ordnung, die man zur Kenntnis nimmt.

Innerhalb des Legendariums nimmt die Ainulindale die vorderste Stelle ein; ihr folgen im selben Band die Valaquenta und die Kapitelreihe der Quenta Silmarillion, weiter hinten die Akallabêth und der Bericht über die Ringe der Macht. Tolkien selbst beschrieb seinen Sagenkreis gegenüber Milton Waldman als eine Reihe, die mit einem kosmogonischen Mythos einsetzt und sich von dort ins Legendenhafte und schließlich ins Märchenhafte hin öffnet — die Ainulindale markiert also die oberste Stufe dieser Abstufung. Als Lektüre richtet sie sich weniger an Neueinsteiger als an Leser, die den Zusammenhang des Ganzen suchen: Sie erklärt keine Namen und keine Völker, sondern liefert den Rahmen, auf den spätere Texte stillschweigend zurückgreifen. Christopher Tolkiens Vorwort zur Ausgabe von 1977 legt offen, unter welchen Bedingungen dieser Rahmen überhaupt in gedruckter Form vorliegt.

Entstehung und Veröffentlichung

Der Stoff gehört zur ältesten Schicht von Tolkiens Legendarium. Nach seiner eigenen Darstellung begann er den Sagenkreis während des Ersten Weltkriegs, in Lazaretten und Quartieren der Jahre 1916 und 1917, und die frühesten Aufzeichnungen entstanden in den unmittelbar folgenden Jahren, also noch im zweiten Jahrzehnt des Jahrhunderts. Der Schöpfungsbericht ist damit fast so alt wie das Unternehmen selbst; er stand von Anfang an an der Spitze der geplanten Reihe. Gegenüber W. H. Auden hat Tolkien später bestätigt, dass die ersten Erzählungen dieses Kreises aus der Kriegszeit stammen und nicht als Nebenarbeit, sondern als Kern seines Schreibens gemeint waren.

Zwischen dieser Frühfassung und dem gedruckten Text liegen rund vier Jahrzehnte wiederholter Umarbeitung. Tolkien hat den Bericht mehrfach neu geschrieben, statt ihn zu korrigieren, und dabei sowohl den Wortlaut als auch den kosmologischen Rahmen verändert; eine Fassung, die er selbst als abgeschlossen betrachtet hätte, hinterließ er nicht. 1937, nach dem Erfolg des Hobbits, legte er das Silmarillion-Material dem Verlag vor, der stattdessen eine Fortsetzung über Hobbits wünschte — aus diesem Umweg wurde Der Herr der Ringe. Um 1950 unternahm Tolkien einen zweiten Anlauf und versuchte, beide Werke als ein einziges, zusammenhängendes Ganzes unterzubringen; der lange Brief an Milton Waldman, in dem er den Aufbau seines Sagenkreises darlegt, gehört in diesen Zusammenhang. Auch dieser Versuch scheiterte, und zu seinen Lebzeiten erschien von der Ainulindale keine Zeile.

Nach dem Tod des Verfassers 1973 fiel die Herausgabe an seinen Sohn Christopher, der über den gesamten Nachlass verfügte und im Vorwort offenlegt, unter welchen Bedingungen er arbeitete: Die Papiere enthielten Fassungen sehr verschiedenen Alters und Ausarbeitungsgrades, teils einander widersprechend, und ein durchgehender Text musste erst hergestellt werden. Bei dieser Arbeit unterstützte ihn Guy Gavriel Kay. Das Ergebnis erschien 1977 unter dem Titel The Silmarillion bei George Allen & Unwin in London und bei Houghton Mifflin in Boston, mit der Ainulindale als erstem der fünf Teile. Der Band wurde bewusst als ein einziges, in sich stimmiges Werk gestaltet und nicht als Dokumentation der Entwurfslage.

Für die Ainulindale bedeutete das eine Auswahlentscheidung. Gedruckt wurde nicht der früheste Text, sondern eine späte Prosafassung aus den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg, die dem Herausgeber als reifste Gestalt galt; die älteren Fassungen blieben zunächst unveröffentlicht. Christopher Tolkien hat das Verfahren später selbst als problematisch bezeichnet und in der Einleitung zu den Nachrichten aus Mittelerde (1980) erläutert, warum er von der glättenden Bearbeitung abrückte und stattdessen zur kommentierten Wiedergabe der Handschriften überging. Diese Kehrtwende bestimmt die gesamte spätere Editionsarbeit und macht den Text von 1977 zu einer Fassung unter mehreren, wenn auch zur maßgeblichen für den allgemeinen Leser.

Der Band blieb seit 1977 ununterbrochen lieferbar und wurde in mehreren Neuausgaben gedruckt, für die der Herausgeber Druckfehler und Unstimmigkeiten korrigierte; jüngeren Ausgaben ist der Brief an Milton Waldman als erläuternde Vorrede beigegeben, der die Anlage des Ganzen aus Tolkiens eigener Sicht beschreibt. Am Textbestand der Ainulindale selbst haben diese Revisionen nichts Wesentliches geändert. Die deutsche Übersetzung besorgte Wolfgang Krege; sie erschien 1978 bei Klett-Cotta als Das Silmarillion und behielt den elbischen Abschnittstitel bei, ergänzt um die Verdeutschung „Die Musik der Ainur“. Der deutsche Leser hat damit seit dem Jahr nach der Erstausgabe Zugang zu einem Text, an dem sein Verfasser sechzig Jahre lang gearbeitet und den er nie für fertig erklärt hat.

Aufbau und Inhalt

Obwohl der Abschnitt ohne Gliederungszeichen gedruckt ist, folgt er einem deutlich erkennbaren Dreischritt, an dem sich der Leser orientieren kann. Der erste Teil führt die Voraussetzungen ein: Eru Ilúvatar bringt die Ainur aus seinen Gedanken hervor, unterweist sie in Themen der Musik und lässt sie zunächst einzeln und in kleinen Gruppen singen, ehe er ihnen ein großes Thema aufträgt. In diese Eröffnung gehört auch die Feststellung, dass jeder der Ainur zunächst nur den Teil von Erus Sinn erfasst, aus dem er selbst hervorgegangen ist, und dass erst das gemeinsame Singen ein volleres Verständnis stiftet. Wer nach der Herkunft der Mächte sucht, die im weiteren Verlauf des Bandes handeln, findet hier ihre Einsetzung, nicht ihre Beschreibung.

Der mittlere und dichteste Teil trägt das eigentliche Gewicht des Textes. Er berichtet, wie Melkor eigene Vorstellungen in das Gefüge einträgt, wie sich daraus ein Zwiespalt entwickelt und wie Ilúvatar dreimal ein neues Thema erhebt, bis er die Musik mit einem einzigen Wort beendet. Unmittelbar daran schließt die Vision an: Den Ainur wird gezeigt, was ihr Gesang bedeutete, und darin erscheinen auch die Kinder Ilúvatars, die nicht aus ihrem eigenen Anteil stammen. Das Ende dieses Mittelteils bildet der Übergang von der Schau zum Sein — die Vision wird zurückgenommen, und Eä, die Welt, die ist, beginnt tatsächlich zu bestehen. Wer die vielzitierte Aussage sucht, dass kein Thema seinen Ursprung außerhalb Erus haben kann, findet sie an dieser Stelle.

Der Schlussteil wechselt den Schauplatz von der zeitlosen Ebene in die entstehende Welt. Einige der Ainur steigen in Eä hinab und werden zu den Valar; sie erfahren, dass ihnen zuvor nur ein Vorausbild gezeigt worden war und dass die Arbeit an der Gestalt Ardas ihnen selbst zufällt. Beschrieben werden das Ringen um Meere, Länder und Formen, Melkors Anspruch auf die Welt und die erste offene Auseinandersetzung, die mit einem Hinweis darauf endet, dass von diesen Vorgängen wenig überliefert sei. Ein längerer Einschub gilt dem Wasser und der Rede Ilúvatars an Ulmo, dem einzigen ausgeführten Zwiegespräch des Textes. Die Frage nach dem besonderen Verhältnis von Elben und Menschen zu Eru wird hier nur gestreift; ausgeführt ist sie erst im ersten Kapitel der Quenta Silmarillion.

Ein eigener Apparat gehört nicht dazu: Der Abschnitt hat keine Anmerkungen, keine Fußnoten und keine Karte, und er braucht auch keine, da er ohne geographische Angaben auskommt. Die zahlreichen Namen, die hier zum ersten Mal fallen, werden im Text selbst nicht erläutert; Auskunft geben allein die hinteren Bestandteile des Bandes — das Namenregister, der Anhang über die Bestandteile der Namen in Quenya und Sindarin sowie die Hinweise zur Aussprache. Die Stammtafeln und die Karte, die vielen Ausgaben beiliegen, beziehen sich auf die späteren Teile und helfen bei der Ainulindale nicht weiter. Praktisch bedeutet das: Wer beim Lesen stockt, blättert nach hinten, nicht nach vorn.

Stellung im Legendarium

Was die Ainulindale vor allen anderen Texten leistet, ist die Festlegung dessen, was für den ganzen Sagenkreis gilt und später nirgends mehr begründet wird: dass die Welt einen einzigen Urheber hat, dass die Mächte, die in ihr wirken, selbst Geschöpfe sind und keine Götter, und dass auch der Widerspruch gegen den Entwurf am Ende in ihn eingeht. Der Abschnitt selbst setzt nichts voraus. Er ist der einzige Teil des Legendariums, der ohne jede Vorkenntnis von Namen, Völkern und Ländern gelesen werden kann, weil er die Reihe eröffnet, in der diese Dinge erst entstehen. Umgekehrt greifen alle folgenden Texte stillschweigend auf ihn zurück. Schon die unmittelbar anschließende Valaquenta verfährt wie ein Verzeichnis, das seine Einträge nicht mehr herleitet: Sie zählt die Valar und Maiar mit ihren Ämtern und Zuständigkeiten auf und rechnet damit, dass der Leser bereits weiß, woher sie kommen und weshalb sie sich in Arda befinden.

Nach vorn reicht der Text weiter als jeder andere des Bandes. Das erste Kapitel der Quenta Silmarillion nimmt die Arbeit der Valar an der Weltgestalt genau dort auf, wo der Schlussteil sie verlassen hat, und was danach in den Ersten Zeitaltern geschieht, bewegt sich in dem Rahmen, den die Musik gesetzt hat. In der Akallabêth greift Eru selbst ein und verändert die Gestalt der Welt — der einzige Punkt der überlieferten Geschichte, an dem der Eine unmittelbar handelt; sein Gewicht bezieht dieser Eingriff allein daraus, dass zuvor bestimmt wurde, wer dieser Eine ist. Auch der Bericht über die Istari in den Nachrichten aus Mittelerde ist ohne die hier festgelegte Rangordnung nicht lesbar, denn er behandelt Abgesandte, die derselben Art von Geschöpfen angehören wie die Ainur des Schöpfungsberichts. Glatt fügt sich dabei nicht alles: Die Ainulindale schildert die Gestaltung Ardas ohne den geringsten Hinweis darauf, dass diese Gestalt später noch einmal grundlegend umgeformt werden könnte, und sie hält ausdrücklich fest, dass die Schau vor ihrer Vollendung abbrach — die Valar kennen den Ausgang so wenig wie sonst jemand.

In den Büchern, die zu Tolkiens Lebzeiten erschienen, bleibt von alldem fast nichts an der Oberfläche. Der Hobbit weiß von dieser Ordnung nichts. Der Herr der Ringe setzt sie voraus, ohne sie je auszusprechen: Die Elben rufen Elbereth an, bereits auf dem nächtlichen Weg durch das Auenland und später wieder in Bruchtal, doch wer sie ist und woher ihr Rang stammt, erfährt der Leser an keiner Stelle. Ebenso verhält es sich mit Gandalfs Andeutung, hinter dem Fund des Rings stehe eine Absicht, die nicht die seines Machers gewesen sei — eine Bemerkung, die im Roman unerklärt stehen bleibt und ihren Ort erst vom Schöpfungsbericht her erhält. Die Anhänge nennen die Valar und das Ältere Zeitalter, setzen aber gleichfalls voraus, statt zu erläutern. Daraus ergibt sich die eigentümliche Stellung dieses Abschnitts: Er trägt das Fundament des ganzen Werks und gehört doch der nachgelassenen, erst vom Herausgeber hergestellten Schicht an, während die Bücher, die auf ihm ruhen, längst gedruckt vorlagen.

Aufnahme und Wirkung

Aufgenommen wurde die Ainulindale nie für sich, sondern stets als Teil des Bandes von 1977. Eine Einzelausgabe des Abschnitts hat es nicht gegeben, und gesondert nachgedruckt wurde er ebenfalls nicht, sodass jede Äußerung über ihn zugleich eine über Das Silmarillion insgesamt war. Der Band fand unmittelbar ein großes Publikum, das durch Der Herr der Ringe bereits bereitstand, und wurde 1978 mit dem Locus Award in der Sparte des besten Fantasy-Romans ausgezeichnet — also in einer Gattungskategorie, der der Eröffnungsabschnitt der Form nach nicht angehört.

Die genaueste dokumentierte Reaktion auf den Band stammt vom Herausgeber selbst. In der Einleitung zu den Nachrichten aus Mittelerde von 1980 hält Christopher Tolkien fest, dass die Veröffentlichung weiteren nachgelassenen Materials einer Rechtfertigung bedürfe, und nennt als Grund die Anfragen, die ihn nach 1977 erreichten: Leser wollten Näheres über Númenor, die Istari, die Palantíri und ähnliche Gegenstände wissen, über die der Band knapp oder gar nicht berichtet. Zugleich verzeichnet er Vorbehalte gegen die verdichtete, chronikartige Darstellungsweise. Aus dieser Lage erwuchs das Programm der folgenden nachgelassenen Veröffentlichungen, das mit jenem Band einsetzte.

Eine Auseinandersetzung mit dem Stoff des Schöpfungsberichts setzte lange vor dessen Druck ein, weil Leser des Herrn der Ringe nach dem weltanschaulichen Rahmen der Erzählung fragten. In dem an Peter Hastings gerichteten Brief geht Tolkien darauf ein und erläutert, dass die Mächte Ardas geschaffene Wesen sind, den Engeln vergleichbar, und dass allein der Eine wirkliches Sein zu verleihen vermag — Auskünfte, die den damals ungedruckten Text voraussetzen. Dass solche Fragen überhaupt gestellt und beantwortet wurden, gehört zur Wirkungsgeschichte des Abschnitts: In Umrissen war er einem Teil der Leserschaft bekannt, ehe eine Zeile davon vorlag.