Herkunft und Namen

Der Name Beldis gehört nicht zu dem Bestand, den das veröffentlichte Silmarillion überliefert. Dort erscheint Handir allein als Sohn Haldirs und als Vater Brandirs, ohne dass eine Gemahlin genannt würde; die Reihe der Herren von Brethil wird knapp und ohne Seitenlinien geführt. Die Verbindung, aus der Beldis ihren Platz in den Stammtafeln bezieht, tritt erst in der späteren Handschriftenschicht hervor, und was dort steht, behandelt der Abschnitt zu Entwürfen und Fassungen. Für die hier interessierende Frage — woher sie kam und zu welchem Volk sie zählte — bleibt daher nur der Umriss, den das gedruckte Werk über ihre Herkunftssippe gibt.

Beldis wird dem Volk Beors zugerechnet, dem ersten der drei Häuser der Edain, das über das Blaue Gebirge nach Beleriand kam. Finrod Felagund traf diese Menschen in Ossiriand, lernte ihre Sprache und nahm ihren Anführer in seinen Dienst; von diesem Dienstverhältnis her trug der Mann den Namen Beor, während sein eigentlicher Name Balan lautete. Die Angehörigen dieses Hauses waren zumeist dunkelhaarig und grauäugig, wissbegierig und den Noldor unter allen Menschen am ähnlichsten. Sie waren weniger zahlreich als das Volk Marachs und siedelten später in Dorthonion, wo ihnen das Land Ladros zugewiesen wurde. Von den Haladin, die für sich in Brethil lebten und eine eigene Sprache sprachen, waren sie durch Herkunft wie durch Gewohnheit geschieden.

Der Name selbst ist nirgends gedeutet. Sein erstes Glied kehrt in mehreren Namen desselben Hauses wieder — Belegund, der Sohn Bregolas', ist das bekannteste Beispiel —, doch lässt sich aus dieser Wiederkehr keine gesicherte Bedeutung gewinnen, da die Namen der Beorianer nur ausnahmsweise übersetzt werden. Das zweite Glied bleibt ohne Erklärung; jede Auflösung wäre Vermutung. Zu bedenken ist überdies, dass die Menschen dieses Hauses das Sindarin rasch annahmen und ihre alte Sprache im Laufe weniger Geschlechter aufgaben, sodass sich bei solchen Namen die ererbte von der neu erworbenen Sprachschicht kaum noch trennen lässt.

Geschichte

Eine eigene Geschichte im Sinne datierter Taten hat Beldis in den veröffentlichten Werken nicht. Das gedruckte Silmarillion führt Handir als Herrn von Brethil und Brandir als dessen Sohn, ohne dass zwischen beiden eine Frau genannt würde; die Erzählung von Túrin geht über diese Stelle hinweg, weil sie den Blick auf die Kämpfe am Teiglin richtet. Was sich über Beldis' Zeit sagen lässt, ist deshalb die Geschichte der Ereignisse, in die sie durch Herkunft und Ehe gestellt ist. Jahreszahlen bietet das gedruckte Werk für diese Vorgänge kaum; es ordnet sie der Reihe nach und bindet sie an die großen Schlachten, nicht an fortlaufende Annalen.

Der erste Einschnitt traf ihr eigenes Volk. Als Morgoth in der Dagor Bragollach die Belagerung sprengte, ging Dorthonion verloren, und die Herren aus Beors Haus fielen in den folgenden Jahren einer nach dem anderen; das Land Ladros war für die Menschen nicht mehr zu halten. Emeldir die Mannherzige sammelte die Frauen und Kinder, die übrig geblieben waren, bewaffnete, wer tragen konnte, und führte sie aus dem verwüsteten Hochland fort. Unterwegs trennten sich die Flüchtenden: einige gelangten über das Gebirge nach Dor-lómin, wenige nach Brethil. Das ist der einzige Weg, den die veröffentlichte Erzählung kennt, auf dem Angehörige des Ersten Hauses in den Wald der Haladin kamen; Namen nennt sie unter den Geretteten außer dem der Führerin nicht.

Die Herrschaft über Brethil lag in dieser Zeit bei Halmir und nach ihm bei seinem Sohn Haldir. Dass die Waldleute sich gegen die anderen Häusern nicht abschlossen, zeigt Haldirs eigene Ehe: Er nahm Glóredhel, die Tochter Hadors Lorindol, zur Frau, sodass Brethil schon eine Generation vor Handir mit dem Dritten Haus verschwägert war. Haldir führte die Männer seines Volkes in die Nirnaeth Arnoediad; er fiel dort, und mit ihm die meisten, die ausgezogen waren, sodass nur ein kleiner Rest in die Wälder zurückfand. So kam Handir früh und unter schweren Verlusten zur Herrschaft, in einem Land, das seine kampffähigen Männer eben verloren hatte.

Handirs Zeit war eine Zeit des Rückzugs. Brethil lag zwischen dem verheerten Norden und den Furten des Teiglin, und die Haladin hielten die Übergänge, ohne sich noch einmal an einem Feldzug jenseits ihrer Grenzen zu beteiligen. Als die Orks in das Land einbrachen, stellte Handir sich ihnen; seine Männer unterlagen und wurden in die Wälder zurückgeworfen, und er selbst wurde erschlagen. Die Herrschaft ging an seinen Sohn Brandir, den man den Lahmen nannte, weil ein Unglück in der Kindheit ihn am Bein versehrt hatte; er war kein Kriegsmann und riet seinem Volk zur Verborgenheit. Weder zu Handir noch zu Brandir nennt der gedruckte Text eine Gemahlin oder Mutter — genau an dieser Stelle liegt die Lücke, die die spätere Handschriftenschicht ausfüllt.

Was danach geschah, entzog dem Haus, in das Beldis eingeheiratet hatte, den Boden. Túrin kam nach Brethil, gewann die Zustimmung der Waldleute und setzte seinen Willen gegen Brandirs Rat durch; am Ende standen Glaurungs Zug zur Schlucht des Teiglin, Níniels Tod und Brandirs Erschlagung durch Túrins Hand. Einen Nachfolger Brandirs nennt die veröffentlichte Erzählung nicht mehr; mit ihm bricht die Reihe der Herren ab, die von Haldad ausging. Beldis steht damit in einer Linie, die im gedruckten Werk binnen zweier Geschlechter erlischt, und ihr eigener Anteil daran bleibt unerzählt: kein Ort, kein Jahr, kein berichtetes Ende. Woher die Verbindung überhaupt stammt und wie fest sie im Zusammenhang der Stammtafeln steht, ist eine Frage der Textgeschichte und gehört in den Abschnitt zu Entwürfen und Fassungen.

Rolle im Legendarium und zugeschriebene Fähigkeiten

Die Rolle, die Beldis im Legendarium zufällt, ist rein genealogischer Art. In den veröffentlichten Werken handelt sie nicht: Sie spricht kein Wort, fasst keinen Entschluss, tritt an keinem Ort auf, und keine der Entscheidungen, die den Gang der Ereignisse in Brethil bestimmen, wird auf sie zurückgeführt. Das gedruckte Silmarillion kommt in seiner Darstellung der Waldleute ohne sie aus; die Kette Halmir – Haldir – Handir – Brandir trägt dort die ganze erzählerische Last, und die Erzählung von Túrin bindet die Ereignisse an diese Männer und an Túrin selbst. Was ihr an Bedeutung zugeschrieben wird, hängt daher ausschließlich an ihrer Stellung in den Stammtafeln, deren textliche Grundlage der Abschnitt zu Entwürfen und Fassungen behandelt. Für eine Rolle im Sinne von Wirken und Einfluss bleibt in den veröffentlichten Texten kein Ansatzpunkt.

Von Fähigkeiten im engeren Sinn kann bei ihr nicht die Rede sein, und zwar aus einem doppelten Grund. Zum einen schweigen die Quellen; zum anderen kennen die Edain überhaupt keine übernatürlichen Gaben, die sie von den anderen Menschen abhöben. Ihre Auszeichnung liegt in Treue, Wissbegier und im Umgang mit den Eldar, nicht in Zauber oder verlängerter Lebensdauer, und die Sterblichkeit bleibt für sie unaufhebbar; das gedruckte Werk stellt sie ausdrücklich als das Los aller Menschen dar, auch derer, die im Krieg gegen Morgoth standen. Wer Beldis Macht zuschreiben wollte, müsste sie also entweder gegen die Beschaffenheit ihres Volkes erfinden oder aus dem Rang ihres Hauses ableiten — und auch dieser Rang war bescheiden: Die Herren von Brethil führten ein kleines Volk in einem Wald, ohne Königstitel und ohne Reich.

Dass dieses Schweigen keine Regel der Überlieferung ist, zeigt der Vergleich. Haleth führte ihr Volk selbst und wies die Aufnahme in Fingolfins Dienst zurück; Morwen hielt in Dor-lómin gegen die Ostlinge stand und sandte ihren Sohn fort; Rían suchte nach der Nirnaeth Arnoediad das Schlachtfeld auf. Die veröffentlichten Texte können also von Frauen der Edain erzählen, wenn ihnen dazu etwas überliefert ist, und sie tun es ohne Umschweife. Zugleich zeigen dieselben Beispiele, dass eine solche Wirkung stets persönlich zustande kam und nicht an ein Amt gebunden war: Ein Titel für die Frau eines Herrn von Brethil ist nirgends bezeugt, und wo die Waldleute gemeinsam entscheiden, sind es ihre Männer, die vor Brandir und später vor Túrin stehen. Die Abwesenheit der Beldis misst darum eine Lücke, nicht eine Konvention.

Beziehungen

Ehen zwischen den drei Häusern der Edain verzeichnen die veröffentlichten Texte nur vereinzelt, und auffällig oft führen sie aus Beors Haus hinaus. Morwen, die Tochter Baragunds, wurde die Frau Húrins von Dor-lómin; Rían, die Tochter Belegunds, heiratete dessen Bruder Huor. In beiden Fällen ging eine Frau des Ersten Hauses in das Dritte über, und in beiden Fällen geschah es, nachdem die Männer ihrer Sippe im Norden gefallen waren. Beldis steht in dieser Reihe, doch mit anderer Richtung: nicht nach Dor-lómin, sondern nach Brethil, zu einem Volk, mit dem das Erste Haus weder Sprache noch Nachbarschaft teilte. Die Verwandtschaft der Edain untereinander lief demnach über Frauen, deren eigene Geschichte die Texte kaum weitererzählen.

Das Geschlecht, in das sie eintrat, war seinerseits nach Westen hin verflochten. Hareth, die Tochter Halmirs, wurde die Frau Galdors von Dor-lómin, und ihre Söhne Húrin und Huor verbrachten als Knaben eine Zeit bei den Waldleuten, bei den Verwandten ihrer Mutter. So war Handir ein Vetter Húrins, und Brandir wie Túrin stammten beide von Halmir ab. Túrin kam später nicht als Fremder nach Brethil, sondern in ein Haus, das ihm über die Mutterseite verbunden war — ein Umstand, den die Erzählung seines Streits mit Brandir nicht eigens betont, der ihre Härte aber mitträgt. In dieses dichte Netz zum Dritten Haus fügt Beldis' Ehe den einzigen Faden, der zum Ersten zurückführt.

Was diese Verbindung den Herren von Brethil eintrug, lässt sich nicht beziffern. Die Schwägerschaft mit Hadors Haus hatte Pflegschaft und gemeinsame Heerfahrt nach sich gezogen; das Erste Haus dagegen hatte zu Handirs Zeit sein Land bereits verloren, seine Herren waren tot, und wer von ihm übrig war, lebte verstreut in fremden Ländern. Eine Verbindung dorthin brachte weder Bündnisgenossen noch Schwertkraft, sondern allein Abkunft. Ebenso einseitig ist Beldis selbst geknüpft: Zu ihr sind weder Eltern noch Geschwister überliefert, und ihr Platz ergibt sich ausschließlich aus dem Mann, an dessen Seite sie steht — anders als bei Morwen, die zugleich als Tochter Baragunds, als Gattin Húrins und als Mutter Túrins und Nienors verzeichnet ist. Ihre Beziehungen sagen darum mehr über die Linien aus, die sie verknüpfen, als über die Frau, die sie verknüpft.

Entwürfe und Fassungen

Beldis gehört ganz der späten Handschriftenschicht an, in der Tolkien die Sippe der Haladin weit über das hinaus ausbaute, was später gedruckt wurde. In diesen Aufzeichnungen treten Namen und Seitenlinien hervor, die das veröffentlichte Buch nicht kennt — Hunthor, Hardang und Manthor sind die auffälligsten —, und in eben diesem Zusammenhang, wo das Geschlecht der Herren von Brethil durchgezählt wird, erscheint auch die Ehe Handirs. Beldis steht dort als Eintrag in der Abstammungsfolge, nicht in einer Handlung: Sie wird genannt, wo eine Linie fortgeschrieben wird, und ihr Name trägt die Verbindung zwischen dem Ersten Haus und dem Wald. Christopher Tolkien zog diese Ausarbeitung für die Kapitel über Brethil nicht heran, sodass die Angabe in der veröffentlichten Fassung keine Spur hinterließ und erst mit den Bänden zur Textgeschichte zugänglich wurde.

Wie beweglich die Reihe war, in die man sie eintrug, zeigt der Blick auf die älteren Schichten. In der frühesten Erzählung von Túrin führt ein Bethos die Waldleute, und der Lahme, aus dem später Brandir wurde, heißt dort Tamar; eine Gestalt von der Art der Beldis kennt diese Fassung nicht. In der Quenta der dreißiger Jahre ist Haleth kein Frauenname, sondern der eines Mannes, „Haleth der Jäger“, Hundor sein Sohn, und die Herrschaft läuft von ihm ohne Zwischenglieder auf Handir und Brandir zu. Erst die spätere Umbildung machte Haleth zur Anführerin und Ahnfrau des Volkes und schob Halmir und Haldir in die Folge ein. Beldis gehört damit der jüngsten dieser Stufen an: kein alter Bestand der Überlieferung, sondern ein spät hinzugesetzter Name, der eine offene Stelle in der Genealogie schließt.