Namen und Herkunft
Wie dieses Volk sich selbst nannte, ist nicht überliefert. Beide Bezeichnungen, die in den Quellen gebraucht werden, sind Fremdnamen aus der Sicht der Elben und Edain Beleriands. „Ostlinge“ benennt die Himmelsrichtung, aus der die Neuankömmlinge kamen, „Dunkelhäutige“ ihr Aussehen, das sich von dem der hellhäutigeren Menschen aus den Häusern der Edain deutlich abhob. Keiner der beiden Namen sagt etwas über Sprache, Stammeszugehörigkeit oder Selbstverständnis. Im Deutschen hat sich „Ostlinge“ als fester Begriff durchgesetzt. Die Bezeichnung ist damit eher eine geografische und äußerliche Einordnung als ein Volksname im strengen Sinn.1
Die Ostlinge betraten Beleriand erst in den Jahren nach der Dagor Bragollach, also lange nach den drei Häusern der Edain, deren Einwanderung ein eigenes Kapitel der Überlieferung bildet. Sie kamen aus den Ländern jenseits der östlichen Grenzen Beleriands und waren mit den Edain nicht näher verwandt. Beschrieben werden sie als eher kleinwüchsig und breit gebaut, dabei ausdauernd und kräftig, mit dunkler Haut sowie dunklem Haar und dunklen Augen. Die Quellen lassen keinen Zweifel daran, dass ihr Aufbruch nach Westen nicht ganz aus freien Stücken erfolgte: Manche von ihnen standen schon bei ihrer Ankunft heimlich unter dem Einfluss Morgoths und folgten seinem Ruf.2
Die Ostlinge bildeten kein geschlossenes Volk, sondern setzten sich aus mehreren Häusern und Sippen zusammen, von denen die Überlieferung nur zwei mit Namen kennt. An der Spitze des einen stand Bór, dessen Söhne Borlad, Borlach und Borthand hießen. Das andere führte Ulfang, genannt der Schwarze, mit seinen Söhnen Ulfast, Ulwarth und Uldor. Maedhros schloss mit beiden Häusern ein Bündnis, weil er Verstärkung gegen Angband suchte. Die Leute Bórs schlossen sich daraufhin Maedhros und Maglor an, Ulfangs Gefolge dagegen Caranthir. Schon diese Aufteilung zeigt, dass unter dem gemeinsamen Namen Gruppen mit ganz eigenen Bindungen und Treueverhältnissen zusammengefasst waren.3
- 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 18, Of the Ruin of Beleriand and the Fall of Fingolfin
- 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 18, Of the Ruin of Beleriand and the Fall of Fingolfin; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 17, Of the Coming of Men into the West
- 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 18, Of the Ruin of Beleriand and the Fall of Fingolfin
Geschichte
Die Zeit zwischen der Ankunft der Ostlinge und dem großen Heerzug gegen Angband ist in den Quellen nur knapp belegt. Die Männer aus Bórs und Ulfangs Gefolge siedelten in den Gebieten der Söhne Feanors, auf die sie sich verteilt hatten, und galten dort als Waffengefährten. Unter der Oberfläche dieses Bündnisses war die Lage jedoch ungleich: Während Bórs Leute ihren neuen Herren ergeben blieben, hatten Ulfang und seine Söhne längst heimliche Verbindungen zu Morgoth geknüpft. Maedhros ahnte davon nichts, als er seinen Bund gegen den Feind im Norden schmiedete, und rechnete die Ostlinge zu seinen verlässlichen Kräften.1
In der Nirnaeth Arnoediad, der Schlacht der Ungezählten Tränen, wurde dieser Verrat entscheidend. Schon vor dem Aufbruch hatte Uldor den Vormarsch der östlichen Heere verzögert, indem er Maedhros mit falschen Meldungen über einen bevorstehenden Angriff aus Angband hinhielt. Als es dann zur Schlacht kam, wechselten Ulfangs Leute mitten im Kampf die Seite und fielen den Heeren der Feanorsöhne in den Rücken. Damit brach die Ordnung des Ostheeres zusammen, und die Vereinigung mit Fingons Streitmacht im Westen scheiterte. Uldor selbst fiel durch Maglors Hand, seine Brüder Ulfast und Ulwarth durch die Söhne Bórs, die gleich darauf ebenfalls ihr Leben verloren. Die treu gebliebenen Ostlinge teilten so das Schicksal ihrer Verbündeten, während die Verräter den Sieg Morgoths mit herbeigeführt hatten.2
Den Lohn für ihren Seitenwechsel empfingen die Verräter anders, als sie erhofft hatten. Sie hatten auf die reichen Länder Beleriands spekuliert, doch Morgoth wies ihnen stattdessen Hithlum zu, das kalte Land im Norden, und untersagte ihnen, es zu verlassen. Er misstraute ihnen, wie er allen Menschen misstraute, und behandelte sie eher als Werkzeuge denn als Bundesgenossen. In Hithlum trafen die Ostlinge auf die Reste des Hauses Hador, deren Männer größtenteils in der Schlacht gefallen waren. Die Zurückgebliebenen, vor allem Alte, Frauen und Kinder, wurden verachtet, ihres Besitzes beraubt und zu Knechtsdiensten gezwungen.3
Unter dieser Herrschaft wuchs Túrin auf, bis seine Mutter ihn fortschickte, um ihn vor den neuen Herren zu schützen. Morwen selbst blieb in Dor-lómin unbehelligt, weil die Ostlinge eine unbestimmte Scheu vor ihr hatten. Andere Frauen aus Húrins Umfeld waren weniger geschützt: Aerin, eine Verwandte Húrins, wurde dem Ostling Brodda zur Frau gegeben, der sich mit dem Raub am Besitz der alten Bewohner zu einem der Mächtigen im Land aufgeschwungen hatte. Jahre später kehrte Túrin nach Dor-lómin zurück, fand das Haus seiner Mutter verlassen und suchte Broddas Halle auf. Dort kam es zum Streit, in dessen Verlauf Túrin Brodda und weitere Ostlinge erschlug und anschließend aus dem Land fliehen musste. Nach der ausführlicheren Fassung fand Aerin im Feuer ihres eigenen Hauses den Tod.4
Auch die Jugend Tuors fiel in diese Zeit der Fremdherrschaft. Er geriet als junger Mann in die Gewalt Lorgans, der als Oberhaupt der Ostlinge in Hithlum galt, und musste ihm als Unfreier dienen. Nach Jahren harter Knechtschaft gelang ihm die Flucht, und er entkam in die Wildnis, von wo aus ihn sein Weg schließlich nach Gondolin führte. Diese Episode zeigt, dass die Ostlinge in Hithlum über Jahrzehnte eine gefestigte, wenn auch rohe Herrschaft ausübten, die sich auf die Ausbeutung der unterworfenen Edain stützte.5
Über das weitere Schicksal der Ostlinge in Hithlum schweigen die Quellen weitgehend. Mit dem Krieg des Zorns und dem Untergang Beleriands am Ende des Ersten Zeitalters verschwindet dieses Volk aus der Überlieferung; ob und in welcher Form Teile von ihm überdauerten, wird nicht berichtet. Im Zweiten und Dritten Zeitalter taucht der Name „Ostlinge“ zwar erneut auf, doch bezeichnet er dort Völker aus Rhûn und den Ländern östlich von Gondor, etwa die Wagenfahrer und die Balchoth. Eine Verbindung zwischen diesen späteren Völkern und den Ostlingen Beleriands stellen die Quellen nicht her, sodass es sich eher um einen Sammelnamen für Menschen aus dem Osten handelt als um die Geschichte eines einzigen, fortbestehenden Volkes.6
- 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 18, Of the Ruin of Beleriand and the Fall of Fingolfin; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 20, Of the Fifth Battle: Nirnaeth Arnoediad
- 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 20, Of the Fifth Battle: Nirnaeth Arnoediad
- 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 20, Of the Fifth Battle: Nirnaeth Arnoediad; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 21, Of Túrin Turambar
- 4Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 21, Of Túrin Turambar; Die Kinder Húrins, The Return of Túrin to Dor-lómin
- 5Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 23, Of Tuor and the Fall of Gondolin; Nachrichten aus Mittelerde, Teil 1, I, Of Tuor and his Coming to Gondolin
- 6Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 24, Of the Voyage of Eärendil and the War of Wrath; Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iv), Gondor and the Heirs of Anárion
Lebensweise und Sitten
Über die Lebensweise der Ostlinge wissen die Quellen wenig. Sie beschreiben dieses Volk fast ausschließlich von außen, aus dem Blickwinkel der Elben und der Edain, und halten fest, wie es sich im Krieg und unter fremder Herrschaft verhielt, nicht wie es aus eigenem Antrieb lebte. Von Handwerk, Bauweise, Kleidung oder Festbräuchen ist nichts überliefert. Deutlich wird nur, dass Zusammenhalt und Treue an die Häupter der einzelnen Sippen gebunden waren. Was ein solcher Anführer beschloss, ob Gefolgschaft oder Abfall, trugen seine Leute mit. Ein übergreifendes Gemeinwesen mit gemeinsamem Recht oder gemeinsamer Führung lässt sich aus den Berichten nicht erkennen.1
Etwas genauer fassbar ist die Ordnung, die die Ostlinge in Hithlum errichteten. Sie beruhte weniger auf eigener Arbeit als auf Aneignung: Man übernahm Höfe, Vieh und Hallen der besiegten Edain, ließ die Unterworfenen für sich arbeiten und verschaffte sich Rang und Ansehen durch das, was man den Alteingesessenen genommen hatte. Auch Ehen mit Frauen aus den Häusern der Edain kamen vor, freilich nicht als Bund unter Gleichen, sondern als Ausdruck der neuen Machtverhältnisse. Bezeichnend ist zudem ihr Verhältnis zu allem, was mit den Elben zusammenhing. Wem man Umgang mit ihnen nachsagte, dem begegneten sie mit abergläubischer Scheu und der Unterstellung dunkler Künste. Die Freundschaft mit den Eldar, aus der die Edain Wissen und Selbstverständnis schöpften, blieb ihnen fremd und unheimlich.2
Zu Sprache, Glauben und dem Verhältnis zu Tod und Zeit schweigen die Quellen ganz. Überliefert sind lediglich die Namen einiger Anführer und ihrer Söhne, ohne dass ihre Herkunft oder Bedeutung erläutert würde. Gerade darin liegt ein Unterschied zu den Edain, deren Häuser mit Stammbäumen, Ahnenreihen und eigenen Überlieferungen in das Gedächtnis Beleriands eingingen. Die Ostlinge dagegen erscheinen ohne eigene Stimme: ohne Lieder, ohne Geschichtsbewusstsein und ohne Bericht über ihr Woher. Ob ihnen solches fehlte oder ob es nur niemand aufschrieb, lassen die Texte offen.3
- 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 18, Of the Ruin of Beleriand and the Fall of Fingolfin
- 2Nachrichten aus Mittelerde, Teil 1, Kap. 2, Narn i Hîn Húrin; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 21, Of Túrin Turambar
- 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 17, Of the Coming of Men into the West; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 18, Of the Ruin of Beleriand and the Fall of Fingolfin
Stämme und Häuser
Die Überlieferung unterscheidet die Ostlinge nur dort, wo es für den Gang der Ereignisse von Belang war. Das geschieht bei den beiden bereits genannten Häusern, und zwar vor allem nach dem Maß ihrer Treue. Das Haus Bórs wird ausdrücklich als standhaft gekennzeichnet. Seine Leute blieben ihren elbischen Herren ergeben und enttäuschten damit die Hoffnung, die Morgoth auf die Ankunft der Menschen aus dem Osten gesetzt hatte. Ulfang und seine Söhne dagegen hatten sich Caranthir durch einen Eid verpflichtet und brachen ihn. Unter ihnen hebt der Bericht Uldor besonders hervor und gibt ihm den Beinamen „der Verfluchte“. Die Führung lag in beiden Häusern offenbar beim Vater und ging auf die Söhne über. Nach der großen Schlacht ist von keinem Nachfolger mehr die Rede, weder im einen noch im anderen Geschlecht.1
Für die Zeit in Hithlum verliert sich diese Unterscheidung. Die Quellen sprechen nun gesammelt von jenen Ostlingen, die Morgoth gedient hatten, und ordnen sie keinem der beiden Häuser mehr namentlich zu. Nahe liegt die Annahme, dass es vor allem Nachkommen und Gefolgsleute der abtrünnigen Sippe waren. Ausgesprochen wird das jedoch nicht, und ebenso wenig erfährt man, ob von Bórs Volk jemand überlebte. Die Anführer, die in dieser Epoche hervortreten, etwa Lorgan oder Brodda, erscheinen als Einzelgestalten mit eigenem Rang und Besitz. Sie werden nicht über eine Ahnenreihe an die älteren Häuser angebunden. Die Ordnung nach Sippen, die bei der Ankunft der Ostlinge noch deutlich erkennbar war, tritt damit hinter eine lose Herrschaft einzelner Mächtiger zurück, soweit die Berichte darüber Auskunft geben.2
- 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 18, Of the Ruin of Beleriand and the Fall of Fingolfin; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 20, Of the Fifth Battle: Nirnaeth Arnoediad
- 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 20, Of the Fifth Battle: Nirnaeth Arnoediad; Nachrichten aus Mittelerde, Teil 1, Kap. 1, Of Tuor and his Coming to Gondolin; Die Kinder Húrins, Kap. 9, The Return of Túrin to Dor-lómin
Rolle in der Erzählung
In der Erzählung des Silmarillion erfüllen die Ostlinge vor allem eine Aufgabe: Sie machen sichtbar, dass die Menschen kein einheitlicher Block sind, den man als Ganzes den Freunden oder den Feinden der Elben zuordnen könnte. Neben den Edain, deren Geschichte das Buch als Geschichte der Treue erzählt, tritt mit ihnen eine zweite Gruppe von Sterblichen, an der sich zeigt, wie brüchig ein Bündnis ist, das allein auf Nutzen gegründet wird. Dass beide Haltungen unter demselben Namen auftreten, standhafte und abtrünnige Sippen nebeneinander, hält die Deutung offen. Die Ostlinge verkörpern daher keine angeborene Bosheit, sondern die Anfälligkeit von Menschen, die ohne gewachsene Bindung an die Eldar in einen fremden Krieg geraten.1
Für den Aufbau des Ersten Zeitalters markiert ihr Abfall einen Wendepunkt. Mit ihm endet die Hoffnung, dass Elben und Menschen gemeinsam gegen Angband bestehen könnten, und das Buch hält ausdrücklich fest, dass sich die Herzen der Elben danach von den Menschen abwandten, mit Ausnahme der drei Häuser der Edain. Die Ostlinge sind damit weniger Handelnde aus eigenem Recht als Mittel, durch das Morgoths bevorzugte Waffe wirksam wird: nicht die offene Gewalt, sondern Zwietracht und gebrochenes Wort. An ihnen zeigt die Erzählung, wie der Feind seine Siege eher durch Misstrauen und Verrat als durch Heeresmacht gewinnt.2
In der Geschichte der Kinder Húrins bilden die Ostlinge schließlich die bedrückende Kulisse, vor der sich das Schicksal einer Familie entfaltet. Ihre Herrschaft in Dor-lómin ist erzählerisch der Ausdruck dafür, dass die Welt der Edain zerbrochen ist: Das Land der Väter gehört Fremden, und wer bleibt, lebt geduldet oder unterworfen. Aus dieser Lage erwachsen Entscheidungen, die den weiteren Weg der Figuren prägen, etwa der Stolz Morwens, die sich vor den neuen Herren nicht beugt, oder die Heimatlosigkeit Túrins, der nirgends mehr ein unversehrtes Zuhause findet. Die Ostlinge bleiben dabei bewusst gesichtslos; ihre Namenlosigkeit als Volk verstärkt den Eindruck einer anonymen Macht, gegen die der Einzelne wenig ausrichten kann.3
- 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 18, Of the Ruin of Beleriand and the Fall of Fingolfin
- 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 20, Of the Fifth Battle: Nirnaeth Arnoediad
- 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 21, Of Túrin Turambar; Die Kinder Húrins, Kap. 2, The Battle of Unnumbered Tears