Name und Benennung

Der Name Ossiriand ist sindarinisch und bedeutet „Land der sieben Flüsse“. Er setzt sich aus drei Bestandteilen zusammen: Am Anfang steht der Stamm des Zahlworts für „sieben“, das im Quenya otso und im Sindarin odo lautet. Darauf folgt sîr, das Wort für „Fluss“, das auf eine Wurzel mit der Bedeutung „fließen“ zurückgeht und ebenso im Namen des Sirion steckt. Den Abschluss bildet die Endung -iand, die in vielen Landschaftsnamen Beleriands ein Gebiet bezeichnet. Die Benennung ist also rein beschreibend. Sie zählt die Gewässer, die das Land gliedern: den Gelion und die sechs Zuflüsse, die ihm von den östlichen Bergen her zuströmen, nämlich Ascar, Thalos, Legolin, Brilthor, Duilwen und Adurant.1

Neben dieser nüchternen Landesbezeichnung steht ein zweiter Name, der nicht vom Wasser, sondern von den Bewohnern ausgeht. Die Noldor nannten die Gegend Lindon. Das Wort gehört zu dem Element lin, das „singen, einen hellen Klang geben“ bedeutet. Es erinnert an den Gesang der Grünelben, den man in ihren Wäldern vernahm, auch wenn man die Sänger selbst kaum zu Gesicht bekam. Von diesem Namen leitet sich auch die Bezeichnung Ered Lindon für das Gebirge an der Ostgrenze ab, die „Berge von Lindon“. Anders als Ossiriand blieb Lindon nicht an die ursprüngliche Landschaft gebunden. In späteren Zeiten bezeichnete er den Küstenstreifen, der vom alten Land übrig blieb.2

In den zu Lebzeiten Tolkiens veröffentlichten Werken taucht der Name nur an einer Stelle auf, dort aber bezeichnend. Baumbart erinnert sich in einem seiner Lieder an sommerliche Wanderungen durch die Ulmenwälder von Ossiriand. Er preist Licht und Klang an den Sieben Flüssen und gebraucht dabei die verkürzte Form Ossir. Für die Hobbits, die ihm zuhören, ist das nur ein fremder Klang aus einer versunkenen Welt. Für den Leser verbindet die Stelle jedoch beide Deutungen des Landes: die Zählung der Flüsse und die Musik, auf die der Name Lindon anspielt.3

  1. 1Das Silmarillion, Anhang, Elements in Quenya and Sindarin Names; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 14, Of Beleriand and Its Realms
  2. 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 14, Of Beleriand and Its Realms; Das Silmarillion, Anhang, Elements in Quenya and Sindarin Names
  3. 3Der Herr der Ringe, Buch III, Kap. 4

Land und Lage

Ossiriand ist das östlichste der Länder Beleriands. Es liegt als langgestreckter Landstreifen zwischen dem Gelion im Westen und den Ered Luin, den Blauen Bergen, im Osten. Nach Westen öffnet sich jenseits des Gelion die weite Fläche Ost-Beleriands, die bis an den Sirion reicht. Nach Norden grenzt Ossiriand an Thargelion, das Land Caranthirs, das ebenfalls zwischen Fluss und Gebirge liegt. Die Scheide zwischen beiden bildet der Ascar, der nördlichste der Zuflüsse. Nach Süden folgt das Land dem Lauf des Gelion, der dem Meer zustrebt.1

Gestalt und Gliederung erhält das Land durch seine Gewässer. Die sechs Zuflüsse entspringen an den Westhängen der Berge und eilen in raschem Lauf dem Gelion zu. Dadurch zerfällt Ossiriand in eine Folge von Landstreifen, die von fließendem Wasser umschlossen sind. Der Gelion selbst ist ein großer Strom. Er wird im fernen Norden aus zwei Quellarmen gespeist und empfängt erst hier, auf seinem südlichen Lauf, die Wasser der Berge. Nach dem Sirion liebte Ulmo keinen Fluss der westlichen Welt so sehr wie ihn. Durch den Norden des Landes führte die Straße der Zwerge aus den Bergen herab, dem Tal des Ascar folgend, und überquerte den Gelion an der Steinfurt Sarn Athrad. Im Süden teilt sich der Adurant, der letzte der sechs Zuflüsse, auf halbem Weg in zwei Arme, die sich weiter unten wieder vereinen. Die Insel, die sie umschließen, heißt Tol Galen, die Grüne Insel.2

Was Ossiriand von den übrigen Ländern Beleriands unterscheidet, ist weniger seine Größe als sein Schutz. Es ist ein waldreiches, grünes Land, und die Flüsse bilden eine natürliche Umzäunung, die seine Bewohner abschirmt. Die Grünelben lebten dort verborgen unter den Bäumen. Ihre grüne Kleidung machte sie im Laub nahezu unsichtbar, sodass Fremde das Land durchqueren konnten, ohne einen von ihnen zu erblicken. Ein festes Reich mit Burgen und Mauern gab es hier nicht, und das Land brauchte keines. Auch später wählten Beren und Lúthien die abgeschiedene Grüne Insel im Adurant zu ihrem Wohnsitz, als sie sich aus der Welt zurückzogen.3

  1. 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 14, Of Beleriand and Its Realms
  2. 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 14, Of Beleriand and Its Realms
  3. 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 14, Of Beleriand and Its Realms; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 22, Of the Ruin of Doriath

Geschichte

Die Geschichte Ossiriands beginnt mit einem Zweig der Teleri, der sich auf der großen Wanderung nach Westen vom Hauptzug gelöst hatte. Diese Elben, die Nandor, waren unter Lenwe den Anduin hinabgezogen und lange östlich der Berge geblieben. Erst unter seinem Sohn Denethor überschritt ein großer Teil von ihnen die Ered Luin und kam nach Beleriand, noch in den Jahren vor dem ersten Aufgang des Mondes. Thingol nahm sie als lange verlorene Verwandte auf. Sie ließen sich im Land zwischen dem Gelion und den Bergen nieder, und damit wurde das Flussland zur Heimat eines eigenen Volkes.1

Diese Siedlungszeit endete mit dem ersten großen Krieg in Beleriand. Als Morgoth nach Mittelerde zurückgekehrt war, drangen seine Orks von Norden und Osten her in das Land. Denethor zog Thingol zu Hilfe, doch seine Leute waren nur leicht gerüstet. Auf dem Amon Ereb wurde er mit seinen nächsten Gefolgsleuten eingeschlossen und erschlagen, ehe Thingols Heer heran war. Seine Leute betrauerten ihn so tief, dass sie danach keinen König mehr über sich setzten. Ein Teil von ihnen ging nach Doriath und vermischte sich mit Thingols Volk. Die in Ossiriand Gebliebenen zogen fortan nicht mehr in offene Schlacht, sondern vertrauten auf Vorsicht und Verborgenheit. Von ihrer grünen Tracht erhielten sie den Namen, unter dem man sie seither kannte: Laiquendi, die Grünelben.2

Nach der Heimkehr der Noldor blieb Ossiriand außerhalb der Reiche, die sie in Beleriand errichteten. Die Grünelben standen mit den Neuankömmlingen auf freundlichem Fuß, gerieten aber nicht unter ihre Herrschaft. Eine neue Lage entstand, als die ersten Menschen über die Blauen Berge kamen. Finrod, der mit den Söhnen Feanors in Ost-Beleriand jagte, stieß im Bergland an den Quellen des Thalos auf das Lager von Beors Volk und wurde zum ersten Elben, der Menschen begegnete. Die Grünelben sahen die Fremden in ihrem Land mit Unbehagen und wandten sich an Finrod. Die Menschen zogen daraufhin weiter nach Westen und verließen Ossiriand.3

Später kehrten Beren und Lúthien, denen ein zweites, sterbliches Leben gewährt worden war, in die Welt zurück. Auf der Grünen Insel wohnten sie abseits aller Kriege, und das Land hieß bald das Land der lebenden Toten. Dort wuchs ihr Sohn Dior heran. Als die Zwerge von Nogrod Menegroth geplündert hatten und Thingol tot war, brachen die Ereignisse doch in diese Abgeschiedenheit ein. Beren stellte mit Dior und den Grünelben den heimkehrenden Zwergen an der Furt über den Gelion nach. Dabei half ihnen ungesehen das Volk der Hirten der Bäume. Beren erschlug den Herrn von Nogrod und gewann das Halsband mit dem Silmaril zurück. Das übrige Beutegold wurde in den Ascar versenkt, der seither einen neuen Namen trug. Lúthien trug das Kleinod fortan auf der Insel. Dior aber verließ Ossiriand und ging nach Doriath, um das Erbe seines Großvaters anzutreten.4

Das Ende kam nicht durch Morgoths Heere, sondern durch den Krieg, der seine Macht brach. Im Großen Kampf am Schluss des Ersten Zeitalters wurde der Norden der Welt zerrissen. Das Meer drang in Beleriand ein, und fast alle alten Länder versanken. Von Ossiriand hielt sich nur ein Rest am Fuß der Berge, die an einer Stelle aufbrachen und dem Wasser einen Durchlass gaben. Dieser Rest trug im Zweiten Zeitalter den schon erwähnten zweiten Namen des Landes weiter. Das Flussland der Grünelben mit Gelion und Zuflüssen, wie es die Erzählungen der Ältesten Tage schildern, war damit untergegangen.5

  1. 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 10, Of the Sindar
  2. 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 10, Of the Sindar
  3. 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 14, Of Beleriand and Its Realms; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 17, Of the Coming of Men into the West
  4. 4Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 19, Of Beren and Lúthien; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 22, Of the Ruin of Doriath
  5. 5Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 24, Of the Voyage of Eärendil and the War of Wrath

Bewohner und Herrschaft

Das Volk Ossiriands gehörte zu den Nandor, jenem Zweig der Teleri, der sich einst auf dem Marsch nach Westen abgesondert hatte. Von allen Elben galten sie als die besten Kenner des Lebendigen. Sie wussten mehr als andere über Baum und Kraut, über Vögel und Tiere des Waldes, und ihr Dasein war ganz auf das Land unter den Bäumen ausgerichtet. Eine Herrscherfolge im eigentlichen Sinn gab es nach dem Tod ihres Anführers nicht mehr. Die Grünelben lebten ohne König, verbunden durch Verwandtschaft und gemeinsame Lebensweise, nicht durch eine Krone. Die Überlieferung spricht gelegentlich von einem Herrn aus ihren Reihen, doch ein Thron oder ein Hof wird nirgends erwähnt.1

Am engsten blieb die Bindung an Doriath. Die Grünelben sahen in Thingol einen Verwandten und keinen Oberherrn, und dieses Verhältnis überdauerte die Wechselfälle der Zeit. Als Beren und Lúthien gestorben waren, war es ein Herr der Laiquendi, der bei Nacht an die Tore von Menegroth kam und Dior das Halsband mit dem Silmaril überbrachte. So endete die Verbindung zwischen der Grünen Insel und dem verborgenen Königreich mit einem letzten Botengang aus Ossiriand. Nach Norden hin grenzte das Land an die Gebiete der Söhne Feanors. Durch diese Nachbarschaft führte der Verkehr der Zwerge mit den Noldor über den Gelion, ohne dass die Grünelben daran Anteil nahmen.2

Mit dem Untergang Beleriands wechselte der Landesrest westlich der Berge seine Bewohner und seine Herren. Zu Beginn des Zweiten Zeitalters sammelten sich dort viele der Hochelben, die in Mittelerde geblieben waren. Gil-galad, der letzte Hohe König der Noldor im Exil, nahm in Lindon seinen Sitz. Südlich des Lhûn lebten eine Zeit lang auch Celeborn, ein Verwandter Thingols, und seine Gemahlin Galadriel. Die Herrschaft in diesem Gebiet ging damit von einem königlosen Waldvolk auf ein Königtum der Noldor über. Was aus den Grünelben selbst wurde, berichten die Quellen dieser Epoche nicht ausdrücklich.3

  1. 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 3, Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 10, Of the Sindar
  2. 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 14, Of Beleriand and Its Realms; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 22, Of the Ruin of Doriath
  3. 3Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years, The Second Age

Rolle in der Erzählung

Im Silmarillion ist Ossiriand weniger Schauplatz als Schwelle. Wer von Osten nach Beleriand kommt, überschreitet zuerst die Berge an seinem Rand: die Nandor auf ihrer späten Wanderung, die Zwerge auf ihrer Handelsstraße, später die ersten Häuser der Menschen. Die Handlung verweilt jedoch selten dort. Sie zieht mit den Ankömmlingen weiter nach Westen, zu den Reichen der Noldor und nach Doriath, wo die eigentlichen Verwicklungen liegen. Auch die Grünelben selbst treten kaum als Handelnde hervor, und die Erzählung bildet ihre Zurückhaltung getreu ab, indem sie sie meist nur am Rand erwähnt.1

Eigenes Gewicht erhält die Landschaft am Ende der Geschichte von Beren und Lúthien. Die Erzählung entlässt beide dorthin und schweigt danach auffällig: Nach ihrer Rückkehr sprach kein Sterblicher mehr mit Beren, und niemand sah, wie die beiden die Welt verließen, oder wusste, wo sie zuletzt ruhten. Ossiriand wird so zu dem Ort, an dem eine der großen Erzählungen des Buches nicht mit einer Schlacht, sondern im Verborgenen ausklingt. Solange Lúthien den Silmaril trug, erschien das Land wie ein Abglanz der Schönheit Valinors außerhalb der Gesegneten Reiche. Zugleich vermerkt die Überlieferung die Ansicht der Weisen, das Kleinod habe das Ende der beiden beschleunigt, weil sein Glanz an ihr für sterbliche Lande zu hell gewesen sei.2

Im Gefüge des Buches steht Ossiriand für eine andere Art von Schutz als die großen Elbenreiche. Doriath verlässt sich auf den Gürtel Melians, Nargothrond und Gondolin auf ihre Verborgenheit hinter Fels und Gebirge. Alle drei gehen am Ende durch Gewalt von außen und Unheil im Inneren zugrunde, und jeder dieser Untergänge wird als eigene Tragödie erzählt. Das Flussland dagegen vertraut auf nichts als Wald, Wasser und die Unauffälligkeit seiner Bewohner, und ein solcher Fall wird von ihm nicht berichtet. Gerade dadurch wirkt es in der Erzählung wie ein Rückzugsraum am Rand der Geschichte: ein Land, das die großen Ereignisse streifen, ohne dass es selbst zu ihrem Gegenstand wird.3

  1. 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 10, Of the Sindar; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 17, Of the Coming of Men into the West
  2. 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 19, Of Beren and Lúthien; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 22, Of the Ruin of Doriath
  3. 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 14, Of Beleriand and Its Realms; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 21, Of Túrin Turambar; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Kap. 23, Of Tuor and the Fall of Gondolin