Herkunft, Volk und Namen

Handir entstammte den Haladin, dem zweiten der drei Häuser der Edain, die im Ersten Zeitalter über die Ered Lindon nach Beleriand kamen. Dieses Volk siedelte zunächst im Osten des Landes, in Thargelion unter der lockeren Oberhoheit Caranthirs, und zog erst nach schwerer Bedrängnis durch die Orks westwärts, geführt von Haleth, nach der es fortan benannt wurde. Endgültig Wohnung fand es im Wald von Brethil zwischen Teiglin und Sirion, den Thingol ihm unter der Bedingung zugestand, dass es die Übergänge des Teiglin gegen den Feind hüte. Die Haladin lebten dort in verstreuten Gehöften und Waldgehegen, kannten keine Könige, sondern Häuptlinge, wahrten eine eigene Sprache und hielten sich mehr für sich als die beiden anderen Häuser.

Innerhalb dieses Volkes gehörte Handir dem Geschlecht an, das die Führung der Halethrim seit Haldad und Haleth trug: Sein Vater war Haldir, dessen Vater Halmir, und aus dieser Reihe ging die Herrschaft über Brethil auf ihn selbst über. Seine Mutter war Glóredhel, eine Tochter Hadors Goldhaupt von Dor-lómin, und in derselben Zeit nahm Haldirs Schwester Hareth den Herrn von Dor-lómin, Galdor, zum Gemahl. Durch diese doppelte Verbindung war Handir eng mit dem Haus Hadors verschwistert und ein leiblicher Vetter Húrins; darin liegt ein Teil der Gründe, weshalb Brethil und Dor-lómin in den späteren Ereignissen so oft nebeneinander erscheinen. Sein eigener Sohn war Brandir, den die Überlieferung „den Lahmen“ nennt.

Der Name Handir ist, wie die Namen der übrigen Häuptlinge dieses Hauses, nur in grau-elbischer Form überliefert; eine Deutung geben die veröffentlichten Texte nicht, und der Erzähler reiht ihn wortlos in die Folge Haldad, Haldar, Haleth, Halmir, Haldir ein, deren gleichlautender Anlaut auf ein durchgehendes Namensmuster des Geschlechts weist. Da die Haladin ihre eigene Sprache bewahrten, ist damit zu rechnen, dass die eigentlichen Formen dieser Namen in ihrer Mundart lauteten und erst in der elbischen Überlieferung ihre feste Gestalt erhielten. Ein Beiname ist Handir nicht beigelegt; er erscheint schlicht als Herr von Brethil oder als Haupt der Haladin, während erst sein Sohn wieder einen Zunamen trägt. Die knappe Nennung entspricht dem Rang, den die Quellen ihm einräumen: eine Zwischengestalt zwischen zwei ausführlicher erzählten Generationen.

Herrschaft über Brethil und Fall

Die Lage, in die Handir hineinwuchs, war seit dem Bruch der Belagerung Angbands eine der Verteidigung. Nach der Dagor Bragollach standen die nördlichen Länder offen, und die Heere Morgoths drangen den Sirion hinab bis an die Ränder des Waldes; in jenen Jahren schlug sein Großvater Halmir zusammen mit Beleg und den Bogenschützen Doriaths einen Orkzug nieder, der nach Süden strebte. Ein Menschenalter später zog sein Vater Haldir mit den waffenfähigen Männern der Halethrim in den Bund, den Maedhros gegen den Norden geschmiedet hatte. Aus der Nirnaeth Arnoediad kehrten nur wenige von ihnen heim, und die Überlieferung nennt Haldir unter den Gefallenen jener Schlacht. Damit fiel die Herrschaft über Brethil auf Handir.

Er übernahm ein geschwächtes Volk in einem Land, das nach der Niederlage jede Deckung verloren hatte. Dor-lómin, das Land seiner Verwandten, war den Ostlingen überlassen; Doriath schloss sich hinter dem Gürtel Melians, Nargothrond hielt sich verborgen, und zwischen beiden lag Brethil als schmaler Waldkeil an der Straße, die von Norden nach Süden führte. Die Auflage, die einst mit dem Wohnrecht verbunden war, blieb bestehen: Die Übergänge des Teiglin waren zu hüten, und wer sie hielt, stand dem Feind näher als jeder andere im westlichen Beleriand. Von einem Feldzug Handirs berichten die Quellen nichts. Seine Herrschaft war, soweit sie überhaupt greifbar wird, ein Bewachen und Aushalten.

In dieselben Jahre fällt der Aufstieg Túrins in Nargothrond. Der Sohn Húrins, mit dem Handir über seine Mutter und seine Base verwandt war, gewann dort solches Gewicht, dass er die Politik des Reiches nach seinem Sinn lenkte: Statt heimlichen Krieges wurde offener Kampf geführt, die Waffen wurden gewechselt, und über den Narog legte man eine Brücke. Das Erzählwerk stellt Handirs Ende unmittelbar hinter diese Wendung, ohne einen Zusammenhang auszusprechen. Wie eng beides zusammenhing, sagen die Quellen also nicht; sichtbar ist nur, dass in denselben Jahren der Druck des Nordens auf das Gebiet zwischen Teiglin und Narog wuchs und Morgoth seine Aufmerksamkeit dorthin wandte.

Kurz darauf brach ein Orkheer in Brethil ein. Handir stellte sich ihm zur Schlacht, statt sein Volk in die Verstecke des Waldes zu führen — die Entscheidung eines Häuptlings, der die Grenze seines Landes für haltbar hielt. Sie fiel gegen ihn aus: Die Männer Brethils unterlagen und wurden in die Tiefe der Wälder zurückgeworfen, und Handir kam dabei um. Die Überlieferung gibt weder den Ort des Kampfes noch den Hergang seines Todes; sie hält nur fest, dass er im Gefecht fiel, und nennt kein Jahr. Von einem Grab oder einem Hügel für ihn ist nirgends die Rede, anders als bei mehreren seiner Vorfahren.

Mit ihm endete unter den Haladin die Reihe der Herren, die ihr Volk selbst ins Feld führten. Sein Erbe war seit der Kindheit an einem Bein versehrt und für den Krieg untauglich; er regierte durch Rat und Umsicht und lenkte die Waldleute zu Vorsicht, Verborgenheit und der Sicherung der Furten, statt zu offener Feldschlacht. Diese Wendung bestimmte alles, was danach in Brethil geschah, denn als Túrin nach dem Fall Nargothronds in den Wald kam, traf er auf ein Volk, das einen kriegerischen Anführer entbehrte und ihn bereitwillig annahm — gegen den Willen dessen, der von Rechts wegen Herr war. Handirs Tod ist damit weniger ein eigenes Ereignis der Chronik als das Scharnier, an dem die Geschichte der Haladin in die Geschichte der Kinder Húrins übergeht.

Stellung, Amt und Grenzen seiner Macht

Handir gehört zu den Gestalten, die das Erzählwerk benennt, ohne ihnen einen Auftritt zu geben. Er spricht an keiner überlieferten Stelle, handelt in keiner ausgeführten Szene und wird stets nur im Bericht Dritter sichtbar — als Träger eines Amtes, als Vater eines Sohnes, als Gefallener eines Gefechts. Sein Gewicht im Legendarium liegt daher nicht in Taten, sondern in der Stellung, die ihm zufiel: Brethil war in den Jahren nach der großen Niederlage eines der wenigen Gebiete zwischen Sirion und Narog, das noch unter eigener Führung stand und nicht unter dem Schutz eines Elbenreiches lag. Wer dort Herr war, verantwortete eine Grenze, die niemand sonst hütete.

Was ein solcher Herr vermochte, war eng begrenzt. Er konnte die waffenfähigen Männer seines Volkes aufbieten, die Furten besetzen und darüber entscheiden, ob man sich stellte oder in die Wälder auswich; darüber hinaus reichte seine Verfügung nicht. Ein stehendes Heer gab es nicht, keine Burg aus Stein, keinen Zins aus anderen Ländern und kein Bündnis, das ihm im Ernstfall Entsatz zugesichert hätte — die Abmachung mit Doriath war eine Pflicht, keine Zusage von Hilfe. Die Stärke der Halethrim lag im Gelände selbst: in Axt und Bogen, in der Kenntnis des Waldes und im Hinterhalt, mit dem sie unter früheren Häuptlingen durchziehende Orkscharen aufgerieben hatten. Von übernatürlichen Gaben berichtet keine Quelle; Handir war ein Sterblicher unter Sterblichen, und ein Volk, das die Texte nirgends als zahlreich schildern, war seit dem alten Überfall in Thargelion nie wieder groß geworden.

Auffällig ist, dass die Überlieferung ihm keine einzige Waffentat zuschreibt, anders als seinem Großvater und seinem Vater, deren Züge ausdrücklich vermerkt sind. Auch über seine Person — Gestalt, Sinnesart, Ratschläge — schweigen die Texte vollständig. In der weit überwiegenden Zahl der Stellen erscheint sein Name überhaupt nur in der Bestimmung zu einem anderen, als Vater Brandirs, und dient dort dem Zweck, dessen Anspruch auf die Herrschaft über den Wald auszuweisen. Damit ist der Umfang dessen abgesteckt, was sich über ihn sagen lässt: ein Amt mit klar umrissenen Pflichten, eine kurze Reihe von Verwandtschaftsangaben und ein Ende, das andere Erzählstränge freigibt.

Verwandtschaft, Gefolgschaft und Gegner

Fast alle Bindungen, die von Handir überliefert sind, laufen über das Haus Hador, und sie erschöpfen sich nicht in Stammtafeln. Húrin und Huor, die Söhne Galdors, verbrachten einen Teil ihrer Jugend bei den Waldleuten, als Pflegesöhne im Hause seines Vaters, wie es unter den Menschen jener Tage Brauch war; die Sippenbande zwischen Brethil und Dor-lómin waren also gelebte Hausgemeinschaft, nicht bloß ein Grad auf dem Pergament. Beendet wurde dieser Aufenthalt jäh, als die beiden Knaben auf einem Zug gegen die Orks vom Volk der Haladin getrennt und aus dessen Blickfeld gerissen wurden. Ob und wie Handir daran teilhatte, sagt keine Quelle; sichtbar wird nur, wie dicht die beiden Häuser in eben dieser Generation ineinandergriffen.

Nach unten hin verengt sich das Bild auf eine einzige Bindung. Eine Gemahlin Handirs nennen die veröffentlichten Erzähltexte nicht; die Mutter Brandirs bleibt namenlos, und das Verhältnis Vater–Sohn ist die einzige Beziehung, die der Bericht überhaupt in Anspruch nimmt. Er nutzt sie zudem nur in einer Richtung: Handirs Name steht dort, wo Brandirs Anrecht auf Brethil zu begründen ist, während umgekehrt nie erzählt wird, was der Vater dem Sohn war. Weil Handir über seine Mutter zum Haus Hadors gehörte, waren auch Brandir und Túrin einander verwandt, wenn auch entfernter — eine Blutsnähe, die im späteren Geschehen keinerlei schützende Kraft entfaltete.

Auffällig ist schließlich, dass Handir keinen benannten Gegner besitzt. Seinem Großvater stand Beleg als Waffengefährte zur Seite, sein Vater zog in den Bund, den Maedhros zusammenrief, und beide begegneten Feinden, deren Züge die Überlieferung wenigstens einordnet; Handir dagegen fällt gegen ein Orkheer, dessen Führung nirgends genannt wird. Ebenso wenig tritt ein Verbündeter neben ihn: Doriath erscheint als Vertragspartner früherer Zeiten, Dor-lómin war verloren, Nargothrond blieb fern. Was ihm bleibt, ist die Gefolgschaft des eigenen Volkes, das keinen König kannte und dem Häuptling folgte, solange dieser dessen Zustimmung trug. In der Summe steht Handir in einem Geflecht, das er nicht geknüpft hat und nicht erweitern konnte — er erbt Verwandtschaften, Pflichten und Feinde und gibt sie an einen Sohn weiter, der sie anders auslegen wird als er.

Entwürfe und Varianten

In der ältesten Fassung der Erzählung, „Turambar and the Foalókë“ aus den frühen Verschollenen Geschichten, gibt es die Gestalt noch nicht unter diesem Namen. Der Anführer der Waldleute, bei denen Túrin Aufnahme findet, heißt dort Bethos; er fällt in einem Gefecht gegen Orks, und sein Sohn Tamar, wegen eines lahmen Fußes vom Volk übergangen, tritt die Rolle an, die später Brandir zufällt. Die beiden Grundzüge der späteren Figur — der im Orkkampf umkommende Häuptling und der versehrte Erbe — liegen also schon vor dem Namen fest. Erst in den zusammenfassenden Prosafassungen der Zwischenzeit erscheint die Form Handir, und mit ihr die Einordnung in eine ausgeführte Ahnenreihe des Hauses Haleth.

Diese Reihe sah lange anders aus als im veröffentlichten Werk. In der Quenta und den zugehörigen Annalen ist Haleth ein Mann, „der Jäger“, sein Sohn Hundor fällt in der großen Schlacht des Nordens, und Handir gilt als dessen Sohn. Erst der späte Umbau, der Haleth zur Herrin des Volkes und kinderlos macht, schiebt die Nachkommenschaft auf ihren Bruder und dessen Erben, sodass Halmir und Haldir vor Handir zu stehen kommen. Die Annalen der Grauelben halten daran fest, dass er bei einem Orkeinfall in Brethil umkommt, und rücken dieses Ereignis dicht an den Untergang Nargothronds. Die späte Erzählung von Húrins Wanderungen entfaltet überdies Seitenlinien der Halethrim, aus denen die Häuptlinge nach Brandir hervorgehen; das gedruckte Silmarillion hat davon nichts übernommen und lässt Handirs Verwandtschaft so knapp, wie sie dort erscheint.