Herkunft und Namen

Der Name Morwen ist sindarinisch und setzt sich aus dem Element mor, „dunkel“, und der Endung -wen, „Maid“, zusammen; er benennt damit unmittelbar das dunkle Haar, das ihr Geschlecht auszeichnete. Ihr Beiname Eledhwen enthält denselben zweiten Bestandteil neben edhel, „Elb“, und wurde ihr um ihrer Schönheit willen gegeben; Tolkien gab ihn englisch als „Elfsheen“ wieder, was sich am ehesten mit „Elbenschimmer“ übertragen lässt. Beide Namen gehören der Sprache der Grauelben an, nicht der Sprache der Edain selbst — ein Zug, der bei den Häusern der Elbenfreunde nicht ungewöhnlich war, da sie lange unter den Eldar von Beleriand lebten. Durch ihre Ehe führte sie zudem den Titel einer Herrin von Dor-lómin, der ihr nicht von Geburt, sondern aus der Stellung ihres Gemahls zukam.

Morwen entstammte dem Hause Beors, dem ältesten der drei Häuser der Edain, die über das Blaue Gebirge nach Beleriand kamen. Ihr Vater war Baragund, Sohn des Bregolas, und damit gehörte sie jenem Zweig des Hauses an, der Dorthonion hielt; Beren, der Sohn Barahirs, war ihr nahe verwandt, ebenso Rían, die Tochter Belegunds. Als die Belagerung Angbands zerbrach und Dorthonion verwüstet wurde, führte Emeldir die Frauen und Kinder des Hauses aus dem verlorenen Land fort, und Morwen gelangte in den Norden nach Hithlum. Dort verband sie sich mit Húrin, dem Sohn Galdors, aus dem Hause Hadors, sodass in ihrer Ehe die beiden führenden Geschlechter der Elbenfreunde zusammentraten.

Die Überlieferung zeichnet sie als hochgewachsen und dunkelhaarig, mit den grauen Augen ihres Volkes, und schreibt ihrem Blick etwas zu, das die Menschen an die Elben gemahnte. Ihr Wesen galt als stolz, streng und wortkarg: Sie trug Kummer schweigend, verbarg ihre Gedanken vor den Ihren und nahm Hilfe nur ungern an, weil ihr Mildtätigkeit als Erniedrigung erschien. Diese Härte gegen sich selbst wie gegen andere machte sie ihrer Umgebung fremd und wurde von den Nachbarn eher gefürchtet als geliebt. Die Erzählungen von den Kindern Húrins verweilen bei diesem Zug, weil sich in ihm bereits jene Unbeugsamkeit abzeichnet, die auch ihren Sohn prägen sollte.

Geschichte

Als im Jahr 455 des Ersten Zeitalters die Belagerung Angbands in der Dagor Bragollach zerbrach und das Haus Beors im Norden fast ausgelöscht wurde, gelangte Morwen als Flüchtling nach Hithlum; kurz darauf fiel auch ihr Vater in den Kämpfen um Dorthonion. In Dor-lómin fand sie ein neues Haus an der Seite Húrins, dem sie im Jahr 464 den Sohn Túrin gebar. Zwei Jahre später kam eine Tochter zur Welt, Urwen, die man ihres hellen Wesens wegen Lalaith, „Lachen“, nannte. Im Jahr 469 trug ein böser Wind aus dem Norden eine Seuche über das Land, an der das Kind starb, und mit ihm erlosch die letzte unbeschwerte Zeit des Hauses. Von diesem Verlust sprach Morwen nach ihrer Art nicht mehr.

Im Jahr 472 zog Húrin mit dem Heer Fingons zur Nirnaeth Arnoediad und kehrte nicht wieder. Die Schlacht endete in einer Niederlage, die den Norden Beleriands den Dienern Morgoths auslieferte; Húrin selbst wurde lebend nach Angband geschleppt, doch nach Dor-lómin drang nur die Nachricht, dass er verschollen sei. Morgoth gab Hithlum den Ostlingen, die ihm gedient hatten, zur Beute, und deren Anführer nahmen das Volk Hadors in Knechtschaft, raubten ihm Land und Habe. Morwen, die zu jener Zeit ein drittes Kind erwartete, blieb unbehelligter als andere, weil die Neuankömmlinge sie fürchteten und untereinander flüsterten, sie stehe mit den Elben und mit gefährlicher Weisheit im Bunde. Verarmt und beinahe allein hielt sie dennoch das Haus ihres Gemahls.

Da sie um das Leben ihres Sohnes fürchtete — die neuen Herren hätten den Erben Húrins nicht geduldet —, entschloss sie sich im Frühjahr 473, den achtjährigen Túrin fortzuschicken. Zwei alte Getreue, Gethron und Grithnir, geleiteten ihn über das Gebirge nach Doriath, wo König Thingol ihn als Pflegesohn annahm. Morwen selbst weigerte sich mitzugehen: Sie hoffte noch auf Húrins Rückkehr und wollte das Haus nicht preisgeben, und überdies war ihre Stunde nahe. Wenige Monate später gebar sie Niënor, die ihren Vater nie sah. Botengaben Thingols wies sie zurück, solange ihr die eigenen Vorräte reichten, sandte ihm aber den Drachenhelm von Dor-lómin, das Erbstück des Hauses Hadors, damit er nicht in die Hände der Ostlinge falle.

Zwanzig Jahre lang lebte sie so weiter, geduldet, gemieden und heimlich unterstützt von Aerin, einer Verwandten Húrins, die der Ostling Brodda zur Frau genommen hatte. Nachrichten aus Doriath kamen zunächst noch, dann versiegten sie, denn die Wege wurden unsicher, und Túrin verließ das Reich Thingols, ohne dass die Kunde davon den Norden erreichte. Zuletzt gab Morwen Dor-lómin doch auf und machte sich mit Niënor auf die gefährliche Reise nach Süden. Thingol und Melian nahmen sie ehrenvoll auf, doch die Botschaft, die sie dort empfing, war bitter: Ihr Sohn war längst fort, und niemand wusste, wohin.

Im Jahr 495 fiel Nargothrond, und Gerüchte liefen um, der Schwarze Schwertkämpfer jenes Reiches sei Túrin gewesen. Gegen den Rat Thingols und Melians brach Morwen auf, um Gewissheit zu erlangen; Mablung, der Hauptmann Doriaths, gab ihr wider Willen ein Geleit von Grenzwächtern mit, und Niënor folgte ihr heimlich in Männerkleidung. Auf dem Wachthügel Amon Ethir vor den Toren Nargothronds überraschte sie der Drache Glaurung und ließ Nebel aus dem Fluss aufsteigen. In der Verwirrung ging Morwens Pferd durch und trug sie fort; ihre Tochter aber blieb zurück und wurde vom Blick des Drachen in Vergessenheit gestürzt. Mablung suchte lange nach beiden und fand keine Spur, und so galten Mutter und Tochter als verloren.

Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.

Schicksal

Was Morwen in den folgenden Jahren widerfuhr, ist nicht überliefert; sie irrte umher, ohne je zu erfahren, was aus ihren Kindern geworden war. Erst als Morgoth Húrin nach fast dreißig Jahren aus Angband entließ, kreuzten sich ihre Wege noch einmal. Im Wald von Brethil, bei dem Stein, den die Menschen dort über der Schlucht des Teiglin zum Gedenken an Túrin errichtet hatten, fand er eine gebeugte, vom Alter gezeichnete Frau und erkannte sie. Sie sprachen nur wenig miteinander; Morwen fragte nach dem Schicksal ihrer Kinder, und Húrin gab ihr keine Antwort, die sie hätte trösten können. Bei Sonnenuntergang starb sie, und er begrub sie an eben jener Stelle.

Rolle und Vermögen

Morwen gehört zu jenen Gestalten des Legendariums, deren Gewicht sich nicht aus Waffen, Ämtern oder verborgenem Wissen herleitet. Übernatürliche Gaben werden ihr nirgends zugeschrieben; was sie an Stellung besitzt, ist abgeleitet — aus der Abkunft aus einem der Häuser der Elbenfreunde und aus der Ehe mit dem Herrn des Landes. Nach der Nirnaeth Arnoediad jedoch fällt ihr eine Aufgabe zu, für die es keinen Titel gibt: Sie ist die letzte Instanz, in der das Haus Hadors in Dor-lómin fortbesteht, und bewahrt dessen Anspruch und Andenken, ohne über die Mittel zu verfügen, beides durchzusetzen. Damit gehört sie zu den wenigen Frauen der Edain, deren Handeln die Überlieferung über eine ganze Erzählung hin verfolgt, statt sie nur als Glied einer Ahnenreihe zu nennen.

Ihr wirksamstes Mittel war ihr Auftreten. Dass die neuen Herren des Landes sie länger schonten als andere, beruhte auf dem Ruf, sie verfüge über gefährliches Wissen — eine Macht also, die einzig in der Furcht der anderen bestand und mit dieser Furcht auch hinfällig geworden wäre. Die Quellen benennen die Grenzen unmissverständlich: Sie konnte weder ihr Gesinde noch ihren Besitz schützen, verarmte über die Jahre, war auf die verdeckte Hilfe einer Verwandten angewiesen und musste ihren Sohn außer Landes schicken, statt ihn im Hause zu halten. Auch ihr Stolz wirkte als Schranke, denn er ließ sie Beistand zurückweisen, wo Annahme ihr genützt hätte, und band sie an ein Haus, das nicht mehr zu halten war.

Wirksam ist Morwen vor allem durch Entscheidungen, und gerade darin zeigt die Erzählung ihre Ohnmacht. Ihr Entschluss über den Verbleib des Sohnes, ihre Weigerung, dem Ruf nach Doriath zu folgen, und die Sicherung des Erbstücks ihres Hauses greifen tief in den Gang der Dinge ein, doch keine dieser Wahlen führt zu dem, was sie beabsichtigte. Vor Nargothrond schließlich trifft ihr Wille unmittelbar auf eine Macht anderer Ordnung: Gegen den Drachen zählen weder Mut noch Entschlossenheit noch das Geleit erfahrener Krieger, und die Suche endet in Nebel und Zerstreuung. In der Anlage der Geschichte steht sie damit für die Reichweite von Morgoths Fluch über jene, die nie ein Schwert erhoben — eine Linie, in der auch Rían und Aerin ihren Platz haben.

Verwandtschaft und Bindungen

Die Ehe Morwens mit Húrin verband nicht nur zwei Menschen, sondern zwei Häuser, die einander an Rang ebenbürtig, im Wesen aber unähnlich waren. Húrin galt als leutselig und rasch entschlossen, sie als verschlossen und schwer zugänglich; die Erzählung lässt erkennen, dass er ihren Stolz achtete und nicht zu brechen suchte. Gerade diese Achtung wird nach seinem Verschwinden zur Last, denn Morwen hält an einem Willen fest, dem niemand mehr widerspricht. Ihr Verhältnis zu Túrin trägt denselben Zug: Mutter und Sohn ähneln sich bis in die Schroffheit hinein, weshalb die Bindung zwischen ihnen eher aus Anerkennung als aus Zärtlichkeit besteht. Der Abschied vor seiner Ausreise wird in den Quellen als eine Szene geschildert, in der beide das Nötige verschweigen, und dieses Schweigen wirkt über Jahrzehnte fort. Zu Niënor, die im Verborgenen aufwuchs, tritt eine andere Not: Das Kind kennt den Vater nur als Erzählung und den Bruder nur als Namen, und die Mutter gibt ihm weniger Halt, als es ihre Wachsamkeit vermuten ließe.

Außerhalb der eigenen Familie stehen Morwen fast nur Frauen bei. Aerin, in Húrins Sippe verwandt und von Brodda zur Frau genommen, leitet ihr über Jahre heimlich Nahrung zu; die Hilfe ist demütigend für beide Seiten und gerade deshalb aufschlussreich, denn sie zeigt, wie schmal der Raum war, in dem die Frauen des unterworfenen Landes einander stützen konnten. Von den alten Dienern Húrins bleiben nur wenige, und mit Sador, dem lahmen Holzschnitzer, verbindet sie nichts als Duldung, während er dem Knaben Túrin nähersteht als die Mutter. In Doriath begegnet ihr mit Melian eine Gestalt, die ihr an Einsicht überlegen ist und sie zu warnen sucht; Morwen nimmt die Aufnahme an, den Rat nicht. Thingol behandelt sie ehrenvoll, doch das Verhältnis bleibt das einer Gastfreundschaft, die keine Verpflichtung begründen darf.

Einen eigentlichen Gegenspieler hat Morwen nicht. Brodda und die übrigen Ostlinge Hithlums sind Bedrücker, aber keine Feinde, die sie zu fassen suchen; sie meiden sie, und ihre Furcht wird für Morwen zur einzigen Deckung. Der wirkliche Widerpart bleibt fern und wirkt durch andere: Morgoth trifft sie nicht selbst, sondern über die Gefangenschaft ihres Mannes und über Glaurung, dessen Zauber am Amon Ethir Mutter und Tochter voneinander reißt. Mablung, der sie wider besseres Wissen begleitet, gehört zu den Verbündeten, deren Treue nichts ausrichtet — ein Muster, das sich in Morwens Beziehungen wiederholt. Nur die letzte Begegnung mit Húrin bildet eine Ausnahme, weil dort niemand mehr etwas verhindern kann und die beiden allein noch übereinander verfügen.

Entwürfe und Varianten

Die älteste erhaltene Gestalt der Erzählung, das Märe von Turambar und dem Foalókë in den Verschollenen Geschichten, kennt die Figur bereits, doch unter anderem Namen: Dort heißt sie Mavwin, ihr Gemahl Úrin, die Tochter Nienóri. Auch die Umgebung trägt frühere Bezeichnungen — das Land der Knechtschaft ist Hisilómë, der Waldkönig, dem der Knabe zugeschickt wird, heißt Tinwelint und herrscht in Artanor, und der Drache führt den Namen Glorund. Der Grundriss steht damit schon in dieser frühen Schicht fest: die Fortsendung des Sohnes zu einem Elbenherrscher, das Zurückbleiben der Mutter im besetzten Land, der späte Aufbruch nach Süden und der Verlust der Tochter durch den Zauber des Wurms. Der Ton dieser Fassung ist noch märchenhaft und weniger auf die Härte der Mutter zugespitzt, die den späteren Texten ihr Gepräge gibt.

Die Form Morwen setzt sich erst mit der stabreimenden Dichtung von den Kindern Húrins durch, die den Stoff breit ausführt und dabei Züge einbringt, die später verbindlich blieben: den Ostling Brodda, die Bedrückung der Menschen Hithlums und die beiden Begleiter des Knaben, die dort Gumlin und Halog heißen und erst später zu Gethron und Grithnir wurden. In den knappen Prosafassungen der folgenden Jahre — dem Abriss der Mythologie und der Quenta Noldorinwa — schrumpft ihr Anteil auf wenige Sätze zusammen, ehe die Grauen Annalen ihm eine annalistische Ordnung mit festen Jahreszahlen geben. Erst die späte Ausarbeitung fügte die früh verstorbene Tochter Urwen hinzu, die man Lalaith nannte; den älteren Entwürfen ist sie unbekannt, sodass Morwens Verlustreihe dort erst mit dem Verschwinden ihres Gemahls beginnt.