Herkunft, Wesen und Namen

Glaurung gilt in den Überlieferungen des Ersten Zeitalters als der erste der Urulóki, der Feuerdrachen des Nordens. Er entstammt keinem Volk im gewöhnlichen Sinne, sondern der Zucht Morgoths, der ihn lange verborgen in den Tiefen Angbands heranwachsen ließ, bis er zu voller Größe kam. Sein Leib war geschuppt und flügellos; er bewegte sich schwer auf vier Beinen, und das Feuer, das er auszuspeien vermochte, gab ihm und seiner Art die Bezeichnung. Erst weit später brachte Morgoth geflügelte Drachen hervor; Glaurung blieb ein kriechendes Untier, dem gleichwohl weder Panzerung noch Ausdauer mangelten.

Der Name Glaurung wird in den veröffentlichten Schriften nirgends ausdrücklich gedeutet; er steht in elbischer Lautgestalt für ein Wesen, das selbst keiner Elbensprache angehörte. Neben ihm stehen mehrere Beinamen, die verschiedene Seiten seines Rufes festhalten. „Vater der Drachen“ bezeichnet ihn als den Erstling seiner Art, von dem die späteren Drachen des Nordens hergeleitet wurden; „der Goldene“ verweist auf die Farbe seiner Schuppen; und schlicht „der Wurm“ oder „der Große Wurm von Angband“ nennt ihn dort, wo die Erzählung ihn als Schrecken und nicht als Einzelwesen fasst. Der Gattungsname Urulóki wiederum ist Quenya und meint die feuerspeienden Drachen im Unterschied zu den kalten Würmern.

Von den übrigen Geschöpfen Angbands unterscheidet ihn vor allem sein Geist. Glaurung war der Sprache mächtig, listig und von eigenem Willen, sodass er seinem Herrn zwar diente, aber nicht als bloßes Werkzeug handelte. Seine gefährlichste Gabe lag weniger in Feuer und Klaue als im Blick: Wer ihm in die Augen sah, verfiel einer lähmenden Bannkraft, und in der Rede vermochte er Wahrheit und Lüge so zu mischen, dass seine Opfer an ihrem eigenen Urteil irre wurden. Diese Verbindung von Leibesmacht und Bosheit machte ihn zum wirksamsten der Werkzeuge Morgoths in dessen Krieg gegen die Noldor und ihre Verbündeten.

Geschichte

Glaurungs erster Ausfall geschah, ehe er ausgewachsen war. Bei Nacht kroch er aus den Toren Angbands hervor und verwüstete das Grasland im Norden, und die Elben, die dort Wache hielten, wichen vor ihm bis in die Ausläufer der Ered Wethrin zurück, denn kein Geschöpf dieser Art war ihnen zuvor begegnet. Fingon jedoch, der die Lande von Hithlum aus hütete, ritt ihm mit berittenen Bogenschützen entgegen und schloss ihn in einen Ring rascher Reiter ein. Seine Schuppen waren noch nicht zu voller Härte gediehen, sodass ihm die Pfeile Schmerz zufügten; er wandte sich und floh nach Angband zurück. Morgoth war über diesen Ausgang wenig erfreut, da sein Werkzeug sich zu früh gezeigt hatte, und viele Jahre lang trat Glaurung nicht wieder in Erscheinung.

Als Morgoth den langen Frieden brach, war Glaurung herangereift. Ströme von Feuer ergossen sich aus den Thangorodrim über die nördliche Ebene, die danach nur noch der Erstickende Staub hieß, und an der Spitze der heranrückenden Heere zog der Drache, gefolgt von Balrogs und zahllosen Orks. Die Umlagerung Angbands, die die Noldor über Menschenalter hinweg aufrechterhalten hatten, zerbrach in dieser Schlacht des Jähen Feuers; die Feste Dorthonions fielen, und die Verbände der Elben und ihrer Verbündeten wurden voneinander getrennt. Von diesem Feldzug an galt Glaurung als der sichtbarste Ausdruck der Macht seines Herrn im offenen Feld.

In der Nírnaeth Arnoediad, der Schlacht der ungezählten Tränen, führte er die Streitmacht Morgoths ein zweites Mal ins Feld, nun begleitet von jüngeren Wesen seiner Art. Er schob sich zwischen die Heerhaufen der Elben und der Menschen und hinderte sie daran, sich wieder zu vereinen, und weder Waffe noch Mut hielten seinem Feuer stand. Allein die Zwerge von Belegost, deren Masken und Rüstungen die Hitze besser ertrugen, wichen ihm nicht; ihr Herr Azaghâl stieß ihm, tödlich getroffen unter seinem Gewicht, ein Messer in den Bauch. Die Wunde reichte hin, den Drachen vom Schlachtfeld zu vertreiben, doch das Blatt wendete sie nicht.

Sein folgenschwerster Feldzug führte ihn nach Süden gegen Nargothrond. Mit einem Heer aus Orks überschritt er die Ebene und schlug die ausgerückten Verteidiger auf dem Feld von Tumhalad, wo König Orodreth fiel; danach benutzte er die steinerne Brücke über den Narog, die auf Túrins Rat vor die Tore gebaut worden war, und erzwang den Eingang. Was die Plünderer nicht fortschleppten, häufte er in den Hallen Felagunds zu einem Lager auf, auf dem er sich niederließ. Túrin, der zu spät zurückkehrte, stellte sich ihm in den zerbrochenen Toren und wurde von seinem Blick gebunden, sodass er unbeweglich zusehen musste, wie die Gefangenen und mit ihnen Finduilas fortgetrieben wurden. Erst dann gab Glaurung ihn frei, nachdem er ihm mit halben Wahrheiten eingeredet hatte, seine Mutter und seine Schwester lebten in Dor-lómin in Not — ein Rat, der Túrin nach Norden trieb und Finduilas ihrem Ende überließ.

Die Nachricht vom Fall der Stadt bewog Morwen, mit einem Geleit aus Doriath nach Nargothrond zu reiten; ihre Tochter Nienor folgte ihr heimlich im Zug. Glaurung, der noch immer über dem Hort lag, ließ Dünste vom Fluss aufsteigen, in denen die Reiter die Richtung verloren und ihre Pferde durchgingen. Auf der Höhe des Spähhügels trat er Nienor gegenüber; unter seinem Blick versank alles, was sie wusste, in Dunkelheit, sodass sie ohne Erinnerung, ohne Sprache und ohne Kleidung in die Wildnis floh. So kam sie später in den Wald von Brethil, wo Túrin sie fand, Níniel nannte und zur Frau nahm, ohne dass einer von beiden die Verwandtschaft erkannte. Morwen blieb verschollen.

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Schicksal

Im Jahr 499 des Ersten Zeitalters verließ Glaurung endlich Nargothrond und wandte sich gegen Brethil. Túrin wählte den Weg über die enge Schlucht Cabed-en-Aras, wo der Drache den Fluss überqueren musste und sein ungeschützter Leib den Klippenrand überragen würde; von seinen beiden Begleitern kehrte Dorlas unterwegs um, und Hunthor kam durch einen herabstürzenden Stein ums Leben. Túrin stieß allein von unten das schwarze Schwert Gurthang durch den weichen Bauch, und der Todesschrei zerriss die Nacht. Als er die Klinge zurückzog, verbrannte ihn das Blut, und er sank besinnungslos neben dem Sterbenden nieder. Nienor, die ihn suchte, erreichte den Platz, ehe Glaurung verschied; mit seinen letzten Worten hob er den Bann von ihrem Gedächtnis und ließ sie erkennen, wen sie geheiratet hatte, worauf sie sich in den Teiglin stürzte. Der Drache war erschlagen, doch seine Bosheit überdauerte ihn und trug Túrins Geschick zu Ende.

Rolle und Vermögen

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Schicksal

Im Gefüge von Morgoths Macht steht Glaurung an einer eigenen Stelle. Er ist weder ein gefallener Geist wie die Balrogs noch eines der zahllos gezüchteten Kriegsgeschöpfe, sondern der Erstling einer neuen Art, die Morgoth eigens für den offenen Krieg gegen die Noldor hervorbrachte; von ihm leiten die Überlieferungen die späteren Drachen des Nordens her. Sein Einsatz folgt einem erkennbaren Muster: Er tritt dort auf, wo eine Stellung gebrochen werden soll, die Heeren allein widersteht — vor den Toren Angbands, zwischen getrennten Schlachthaufen, vor einer verschlossenen Felsenfeste. Was er hinterlässt, wirkt über den Tag hinaus, denn auch das Gold von Nargothrond, auf dem er sich niedergelassen hatte, galt danach als behaftet und trug Unheil weiter, als der Drache längst erschlagen war.

Seine Mittel sind ungleich verteilt. Das Feuer, das ihm den Gattungsnamen gab, wirkt als Waffe der Verheerung und trocknet Land wie Baumwuchs aus; die Panzerung seines Rumpfes hält gewöhnlichen Waffen stand, und schon seine Annäherung nahm ganzen Verbänden die Ordnung, ehe es zum Handgemenge kam. Weit gefährlicher aber ist sein Verstand. Er verfügte über Sprache, über Gedächtnis und über eine genaue Kenntnis dessen, was seine Gegenüber fürchteten, und er setzte dieses Wissen als Werkzeug ein: Der Bann seines Blickes hält den Leib fest, die Rede lenkt den Willen. Beides greift ineinander, denn ein Gebundener kann sich der Auslegung nicht entziehen, die ihm der Drache über sein eigenes Leben aufdrängt.

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Schicksal

Diese Macht hat scharfe Grenzen, und die Erzählungen benennen sie ohne Umschweife. Glaurung besaß keine Schwingen; er war an den Boden gebunden, bewegte sich langsam und musste Furten und Engen nehmen, die sich vorhersehen ließen. Seine Unterseite blieb ungeschützt, und in jungen Jahren durchdrangen selbst Pfeile die noch weichen Schuppen. Wo Gegner die Hitze auszuhalten vermochten, versagte der Schrecken, und ein einziger Stoß von unten reichte hin, ihn zu Fall zu bringen. Auch sein Bann setzt Mitwirkung voraus: Er trifft, wer ihm in die Augen sieht oder auf seine Worte hört, und er lässt sich, wie sein eigenes Ende zeigt, wieder aufheben. Über sein inneres Wesen schweigen die veröffentlichten Texte; sicher ist nur, dass er sterblich war.

Beziehungen

Das Verhältnis zwischen Glaurung und Morgoth ist das eines Geschöpfs zu seinem Schöpfer, aber nicht das eines Werkzeugs zu seiner Hand. Morgoth setzte ihn ein, wo Heere nicht ausreichten, und zürnte ihm, als er sich vorzeitig zeigte; darin liegt bereits die Spannung, die dieses Verhältnis kennzeichnet. Glaurung handelte in Morgoths Sinne, doch mit einer Wahl der Mittel, die ihm selbst gehörte: dass er sich nach dem Fall von Nargothrond auf den aufgehäuften Schatz legte und dort verharrte, statt weiterzuziehen, gehorcht keinem Befehl, sondern einer Neigung, die die Überlieferung ihm als eigene zuschreibt. Er ist damit der einzige unter den Dienern des Nordens, dessen Wirken sich als Absicht und nicht bloß als Ausführung lesen lässt.

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Schicksal

Seine wichtigste Gegnerschaft gilt nicht einem Reich, sondern einem Haus. Húrin hatte sich Morgoth verweigert, und der Fluch, der daraufhin über seine Familie gelegt wurde, bedurfte eines Vollstreckers; Glaurung übernahm diese Aufgabe und führte sie über zwei Geschwister hinweg zu Ende. Gegenüber Túrin trat er nicht als Untier auf, sondern als Ankläger, der ihm sein bisheriges Leben als Kette von Verrat und Versagen auslegte und ihn mit dieser Deutung in die falsche Richtung schickte. Nienor traf er ohne Worte, indem er ihr nahm, was sie von sich selbst wusste. In beiden Fällen bestand sein Sieg nicht darin, zu töten, sondern darin, die Betroffenen zu Werkzeugen ihres eigenen Unglücks zu machen — und noch sein Sterben nutzte er dazu, dieses Werk zu vollenden.

Auf der Gegenseite steht eine kleine Reihe von Namen, die ihm standhielten, und sie sind aufschlussreich. Fingon begegnete ihm mit Beweglichkeit statt mit Masse, Azaghâl mit einer Handwerkskunst, die das Feuer ertrug, Túrin schließlich mit einer Klinge, die von unten traf. Keiner von ihnen besiegte ihn durch überlegene Macht; jeder fand eine Lücke. Ebenso bezeichnend sind jene, die ihm nichts entgegensetzen konnten: Orodreth, der auf offenem Feld gegen ihn ausrückte, und Morwen, die ihn niemals zu Gesicht bekam und dennoch an ihm zugrunde ging. Glaurungs Beziehungsgeflecht ist deshalb kein Kreis von Verbündeten und Feinden im gewöhnlichen Sinne, sondern eine Folge von Begegnungen, in denen sich jeweils entschied, ob ein Wille dem seinen widerstand.

Entwürfe und Varianten

Die Figur gehört zu den ältesten Bestandteilen des Túrin-Stoffes und trug in den Entwürfen nacheinander drei Namen. In der frühesten ausgeführten Fassung, der Erzählung „Turambar and the Foalókë“ aus den Verschollenen Geschichten, heißt der Drache Glorund; das Beiwort Foalókë stellt ihn dabei als hortbewachenden Wurm vor und ist zugleich ein Gattungswort der frühen Qenya-Schicht. In der stabreimenden Dichtung über die Kinder Húrins und in den prosaischen Zusammenfassungen der zwanziger und dreißiger Jahre erscheint die Form Glómund, die Tolkien über längere Zeit beibehielt. Erst mit der Arbeit an der Quenta Silmarillion der späten dreißiger Jahre setzte sich Glaurung durch, und von dort ging der Name in die Graue Chronik und in das umfangreiche Narn-Material über. Allen Formen ist das Element für „Gold“ gemeinsam, das die begleitenden Sprachnotizen dieser Jahre verzeichnen und das dem Beinamen „der Goldene“ entspricht.

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Schicksal

Sachlich blieb der Handlungskern von Anfang an bemerkenswert fest: Schon in den Verschollenen Geschichten liegt der Drache auf einem geraubten Schatz, bindet seinen Gegner mit dem Blick, verkehrt ihm sein eigenes Leben in der Rede, nimmt der Schwester das Gedächtnis und wird schließlich von unten her an einer Schlucht erstochen. Verschoben hat sich der Schauplatz: Die geplünderte Feste ist dort noch nicht Nargothrond, sondern die Höhlensiedlung der Rodothlim, eines Volkes, das in den späteren Fassungen vollständig durch das Reich Finrods ersetzt wurde; auch die Klinge des Töters trug damals den Namen Gurtholfin. Deutlich weiter vom veröffentlichten Bild entfernt liegt die Vorstellung von Drachen überhaupt, die dieselbe frühe Sammlung in der Erzählung vom Fall Gondolins entwirft: Dort treten neben Feuerwesen auch Ungeheuer aus Bronze und Eisen auf, hohle Gebilde, in deren Leibern Orks zum Angriff getragen werden. Diese halb handwerkliche Konzeption gab Tolkien später auf; von ihr blieb allein der lebendige, listige und sprachbegabte Wurm übrig.