Herkunft und Namen

Uldor gehört zu den Menschen, nicht zu den Erstgeborenen, und wird in der Überlieferung stets über seinen Vater eingeführt: als Sohn Ulfangs, den die Erzählung den Schwarzen nennt. Über den Namen selbst schweigen die veröffentlichten Texte. Eine Deutung, eine Übersetzung oder eine Zuordnung zu einer der bekannten Sprachen Mittelerdes wird nirgends gegeben, und da über die Zunge seines Volkes nichts überliefert ist, bleibt jede Etymologie Vermutung. Auffällig ist allein, dass die Namen des Hauses sämtlich mit derselben Silbe anheben — Ulfang und seine Söhne Ulfast, Ulwarth und Uldor —, was auf eine Namensitte der Sippe deutet, ohne dass sich daraus ein Wortsinn gewinnen ließe.

Sein Volk sind die Ostlinge, jene Menschen, die in den Jahren nach der Dagor Bragollach aus dem Osten über die Ered Luin, die Blauen Berge, nach Ost-Beleriand zogen. Das Silmarillion beschreibt sie als untersetzt und breit gebaut, mit langen, kräftigen Armen, dunklem Haar und dunklen Augen und von bräunlicher oder fahler Hautfarbe; ihre Herkunft jenseits der Berge wird nicht näher ausgeführt. Zwei Häuser treten hervor: das Bórs und das Ulfangs. Beide fanden Aufnahme bei den Söhnen Feanors, die in ihnen einen Zuwachs an Kriegsvolk sahen, und Ulfang zog mit seinen Söhnen in das Gefolge Caranthirs. Uldor erscheint damit von Anfang an nicht als einzelner Zuwanderer, sondern als Glied einer Sippe, deren Treue schon damals unter den Eldar nicht unbestritten war.

Der Beiname „der Verfluchte“, unter dem er in der Erzählung geführt wird, ist kein Herkunfts- oder Standesname, sondern ein Urteil. Er haftet ihm bereits dort an, wo der Bericht ihn nennt, und stammt ersichtlich aus der Rückschau derer, die die Ereignisse der Nirnaeth Arnoediad aufzeichneten — eine Benennung nach dem Ausgang, nicht nach dem Anfang. Darin liegt zugleich die Absetzung von den Söhnen Bórs, die denselben Weg über die Berge genommen hatten und in der Überlieferung ein anderes Andenken behielten. Von Uldors Person selbst gibt die Quelle wenig preis: kein Geburtsjahr, keine Mutter, keine Wohnstatt werden verzeichnet. Was von ihm bleibt, ist der Name, der Vatersname und das Urteil, das ihm angeheftet wurde.

Geschichte

Die Überlieferung lässt Uldor erst dort hervortreten, wo sie vom Bund des Maedhros berichtet. Ermutigt durch die Kunde von der Tat Berens und Lúthiens, die zeigte, dass Morgoth nicht unangreifbar war, sammelte der älteste Sohn Feanors Elben, Menschen und Zwerge zu einem gemeinsamen Schlag gegen Angband. In dieses östliche Heer trat auch das Haus Ulfangs ein, das dem Gefolge Caranthirs zugehörte, und Uldor führte darin eigene Leute. Die Erzählung merkt im Rückblick an, dass Ulfangs Söhne bereits zuvor von Morgoth gewonnen worden waren und ihre Stunde abwarteten; Morgoth blieb deshalb über die Vorbereitungen seiner Gegner nicht in Unkenntnis. Uldor erscheint damit im Heer des Maedhros zugleich als Hauptmann und als Mann des Feindes.

Der Plan des Bundes verlangte ein genaues Zusammenwirken zweier Heere: Maedhros sollte offen aus dem Osten über die Anfauglith vorstoßen und Morgoths Streitmacht aus den Toren locken, während Fingon von Westen her aus Hithlum nachsetzte. Auf den vereinbarten Tag, den Morgen des Mittsommers, standen die Heere des Westens bereit. Maedhros aber brach nicht auf. Uldor hatte ihm zugetragen, aus Angband drohe ein unmittelbarer Angriff, und diese erfundenen Warnungen hielten den Feldherrn zurück; die Quelle nennt es ausdrücklich eine Täuschung. So verstrich die Frist, das westliche Heer stand allein vor dem Feind, und der eine Zug, an dem alles hing, verzögerte sich.

Als das Heer des Ostens endlich heranrückte, war die Schlacht im Westen längst entschieden; Fingons Streitmacht wurde zurückgedrängt und aufgerieben. Der Vorstoß des Maedhros traf zunächst auf weichende Scharen, geriet dann aber unter den Anprall dessen, was Morgoth aus Angband nachschob, ins Stocken. In eben diesem Augenblick, da Ordnung und Übersicht schwanden, wandten sich Uldor und die Männer, die ihm folgten, gegen die eigene Seite und fielen dem Heer des Maedhros in den Rücken. Der Stoß war so weit geführt, dass die Verräter bis in die Nähe des Feldzeichens des Maedhros vordrangen. Was als Flügel des Bundes gegolten hatte, wurde damit zur zweiten Front im eigenen Lager.

Der Abfall war nicht der Einfall eines Augenblicks, sondern vorbereitet. Uldor hatte weitere Scharen aus dem Osten herbeigerufen und in den Bergen im Osten verborgen gehalten; sie kamen nun herab und schlossen sich dem Angriff an, sodass das Heer des Maedhros von mehreren Seiten zugleich gefasst wurde. Nicht alle Ostlinge folgten dem Verrat: Die Söhne Bórs hielten zu den Eldar und wandten sich gegen die Abtrünnigen. Ihr Widerstand konnte die Auflösung jedoch nicht aufhalten. Das östliche Heer zerbrach, und mit ihm die letzte Aussicht, den Tag noch zu wenden.

Den Lohn des Verrats haben Uldor und seine Brüder nicht mehr eingenommen. Im Getümmel um das Feldzeichen erschlug ihn Maglor, der Sohn Feanors; die Erzählung bezeichnet ihn dabei als den Urheber des Treubruchs und trennt ihn so von den übrigen Abtrünnigen. Ulfast und Ulwarth fielen durch die Söhne Bórs, die kurz darauf selbst umkamen, sodass die Häupter beider ostländischen Häuser auf demselben Feld blieben. Die Söhne Feanors entkamen verwundet aus der Niederlage. Ein Grab, eine Nachkommenschaft oder ein späteres Andenken an Uldor verzeichnet die Überlieferung nicht; sein Bericht endet mit dem Tag, an dem er ihn erzwungen hatte.

Die Folgen überdauerten ihn um Jahrhunderte. Aus der Nirnaeth Arnoediad ging Morgoth als Herr des Nordens hervor, das Bündnis der Eldar und der Edain zerfiel, und die Ostlinge, die ihm gedient hatten, erhielten Hithlum zum Lohn — jenes Land, dessen Volk, die Leute Hadors, dort fortan in Knechtschaft lebte. Auch dieser Lohn war zweideutig: Was ihnen an reichem Land in Beleriand versprochen worden war, blieb aus, und Morgoth schloss sie in Hithlum ein und verwehrte ihnen den Weg nach Süden. So kam der Verrat am Ende weder den Verrätern noch ihren Erben zugute. Der Beiname „der Verfluchte“, der Uldors Namen begleitet, bezieht sich auf eben diesen Ausgang, und in ihm ist das Urteil derer festgehalten, die das Geschehen später aufzeichneten.

Rolle und Wirkungsmacht

Im Gefüge des Legendariums ist Uldor eine Nebengestalt von unverhältnismäßiger Wirkung. Er herrscht über kein Land, trägt keinen Rang über den eines Anführers seiner eigenen Leute hinaus und steht in einer mehrfach gestuften Ordnung: unter seinem Vater, dieser im Gefolge Caranthirs, dieser wiederum unter dem Oberbefehl des ältesten Feanor-Sohnes. Übernatürliche Eigenschaften schreibt ihm die Überlieferung an keiner Stelle zu. Von Zauberkunst ist bei ihm nicht die Rede, ebenso wenig von außergewöhnlicher Stärke, von einer Waffe von Namen oder von Ruhm im Zweikampf; er bleibt ein sterblicher Mensch unter sterblichen Menschen. Was ihn in der Erzählung mächtig macht, ist nichts, das er besäße, sondern etwas, das ihm eingeräumt wurde: der Zutritt zum Rat eines Feldherrn und das Vertrauen, das man einem Verbündeten entgegenbringt.

Sein Vermögen ist demnach von einer Art, die sich nicht in Stärke bemisst: Es besteht in einer Nachricht zur rechten Stunde und in der Verfügung über eine begrenzte Zahl von Kriegern. Beides wirkte nur unter Bedingungen, die er selbst nicht herstellen konnte — er musste geglaubt werden, und er war auf einen Augenblick angewiesen, in dem das Heer bereits gebunden war. Ebenso wenig entwarf er den Plan, dem er diente. Die Quelle setzt seine Bindung an den Feind vor die Ereignisse und weist ihm damit die Stellung eines Werkzeugs zu, nicht die eines eigenständig handelnden Herrn. Seine Macht ist einmalig und unwiederholbar: Sie verbraucht sich in dem Zug, für den er in Erinnerung blieb, und endet an demselben Tag.

Auch als Ursache wird er in der Überlieferung nicht allein genommen. Der Bericht nennt neben dem Treubruch andere Gründe für den Ausgang, unter ihnen den vorzeitigen Angriff im Westen, als der Zorn über eine vor den Toren verübte Grausamkeit die Ordnung des Heeres zerriss. Über dem Ganzen steht zudem der Fluch, der über die Noldor ausgesprochen war und ihren Unternehmungen Treubruch unter Verwandten und das Misslingen ihrer besten Anschläge ansagte. In diesem Gefüge ist Uldor der sichtbare Anlass, nicht die ganze Ursache. Dazu kommt die Beschaffenheit des Zeugnisses selbst: Es ist elbische Rückschau, legt ihm kein Wort in den Mund und nennt keinen Beweggrund, weder Ehrgeiz noch Furcht noch Lohn. Was sich über sein Vermögen sagen lässt, ist deshalb genau genommen eine Aussage darüber, wie weit man ihn hat reichen lassen.

Beziehungen und Bindungen

Die Überlieferung stellt Uldor drei Männer seines Blutes zur Seite und behandelt die vier sehr ungleich. Ulfang gibt dem Haus Namen und Zugehörigkeit, tritt aber in keiner einzigen Handlung selbst hervor; er ist der Bezugspunkt, unter dem die Söhne geführt werden, nicht ein Handelnder. Ulfast und Ulwarth erscheinen ausschließlich als Paar neben dem Bruder — ohne eigene Rede, ohne unterscheidbaren Entschluss, ohne Tat, die einem von beiden allein zugeschrieben würde. Uldor dagegen wird herausgehoben, und zwar durch das Urteil: Ihn allein nennt der Bericht den Urheber, ihm allein haftet der Beiname an. Das Verhältnis zu Vater und Brüdern ist darum weniger eine geschilderte Beziehung als eine Zurechnung; die Sippe steht für ihn ein, und er steht für die Sippe.

Die Bindungen an die Eldar sind förmlich und gestuft: Gefolgschaft gegenüber Caranthir, und über diesen Lehnsherrn der Zutritt zum Heer und zum Rat des ältesten Feanor-Sohnes. Beide Verhältnisse werden erst an ihrer Bruchstelle sichtbar. Wie Caranthir seine Gefolgsleute hielt, erzählt die Quelle nicht, und warum Maedhros dem Wort dieses Mannes Gewicht gab, ebenso wenig — überliefert ist allein, dass er es tat. Über diesen offenen Bindungen liegt eine ältere und verborgene, die an Morgoth, die dem Bund vorausging und ihn von innen her entwertete. Uldors bedeutsamste Beziehung besteht damit ganz aus dem Vertrauen eines anderen; sie ist einseitig und wird nur dadurch kenntlich, dass sie missbraucht wird.

Das Gegenbild liefert die Erzählung selbst mit dem Haus Bórs, dessen Söhne aus demselben Osten kamen, denselben Weg nahmen und sich anders entschieden; an ihnen misst die Überlieferung, dass Herkunft und Volk hier nichts vorentscheiden. Dass ausgerechnet diese Männer und Uldors Brüder einander erschlugen, macht die beiden ostländischen Häuser zu Gegenspielern, die nebeneinander untergehen. Bezeichnend ist schließlich, welche Verbindungen ganz fehlen: Von Gattin, Kind, Freundschaft oder Lehrer ist bei Uldor nirgends die Rede, und der einzige Elb, der ihm in der Überlieferung persönlich gegenübertritt, tut es mit der Waffe. Alle seine verzeichneten Beziehungen sind Verhältnisse des Kriegsvolks — Herkunft, Gefolgschaft, Befehl, Feindschaft —, und keine davon überdauert den Tag, an dem er sie zerbrach.

Entwürfe und Varianten

In den älteren Fassungen des Stoffes, wie sie in der „Quenta Noldorinwa“ aus dem Anfang der dreißiger Jahre vorliegen, ist die Anlage der Gestalt bereits vorhanden: Zwei Häuser der östlichen Menschen treten in den Bund ein, das eine hält, das andere bricht die Treue, und der Vater des Verräterhauses führt drei Söhne, unter ihnen Uldor. Auch der Beiname „der Verfluchte“ steht schon in dieser Schicht neben dem Namen; er gehört also nicht zu den späten Zusätzen, sondern begleitet die Figur, seit sie überhaupt erzählt wird. Anders verhält es sich mit dem Vaternamen: Er lautet in den frühen Texten Ulfand, bevor Tolkien ihn zu der später gültigen Form Ulfang änderte. Solche Verschiebungen betreffen in dieser Gruppe durchweg die Nomenklatur, nicht den Hergang.

Die ausführlichste Ausarbeitung bieten die „Grey Annals“, die späte annalistische Fassung der Geschichte Beleriands; sie sind zugleich die Hauptvorlage, aus der das veröffentlichte Kapitel über die Fünfte Schlacht gearbeitet wurde. Dort steht der Ablauf im Wesentlichen so, wie er später gedruckt erschien: die vorherige Bindung des Hauses an den Feind, die erdachte Nachricht, die den Aufbruch aus dem Osten verzögert, der Umschwung während der Schlacht und die im Gebirge bereitgehaltenen Scharen. Bemerkenswert ist daher weniger eine Wandlung als deren Ausbleiben. Uldors Anteil gehört zu den festen Bestandteilen der Überlieferung, und in keiner der Bearbeitungen erhält er eine eigene Rede, einen ausgesprochenen Beweggrund oder eine Vorgeschichte, die über Abstammung und Gefolgschaft hinausginge.