Herkunft und Namen
Fingon entstammte dem Haus Finwes, des ersten Königs der Noldor, und gehörte damit jenem Zweig der Eldar an, der im Licht der Zwei Bäume in Aman heranwuchs. Er war der älteste Sohn Fingolfins, des zweiten Sohnes Finwes, und wurde in Tirion auf dem Hügel Túna geboren, lange bevor Unfrieden in das Geschlecht seiner Sippe trat. Seine Geschwister waren Turgon und Aredhel; die Söhne Feanors, unter ihnen Maedhros, waren seine Vettern, die Kinder Finarfins ebenso. Aus dieser doppelten Nähe – zum älteren wie zum jüngeren Zweig des Königshauses – erklärt sich vieles an seiner späteren Stellung zwischen den zerstrittenen Häusern.
Der Name, unter dem er überliefert ist, hat sindarinische Gestalt. Als die Noldor sich in Beleriand niederließen, nahmen sie die Sprache der grauelbischen Bewohner des Landes im täglichen Gebrauch an, und ihre Namen erhielten entsprechend sindarinische Formen, die den älteren Namen aus Aman nachgebildet waren. Das Element „Fin-“ kehrt im Geschlecht Finwes mehrfach wieder – bei Finwe selbst, bei Fingolfin, Finarfin und Finrod –, sodass die Namensgebung die Abstammung sichtbar macht; die zweite Silbe teilt Fingon mit seinem Bruder Turgon. In den Quellen trägt er den Beinamen „der Tapfere“, der weniger auf ein Amt als auf sein Wesen zielt: auf eine Kühnheit, die zum Handeln drängte, wo andere abwarteten.
Für die Aussprache gelten die Regeln, die Tolkien für die elbischen Sprachen zusammengestellt hat: Das „g“ ist stets hart zu sprechen wie im englischen „get“, niemals weich wie in „gin“, der Ton liegt auf der ersten Silbe. Auch das Verhältnis der beiden elbischen Hochsprachen ist dort erläutert – das Quenya, die alte Sprache der Verbannten aus Aman, blieb Sprache der Überlieferung und der feierlichen Rede, während das Sindarin zur gewöhnlichen Verständigung diente. Dass eine Gestalt wie Fingon unter ihrem sindarinischen Namen in die Geschichten eingegangen ist, ist deshalb kein Zufall, sondern Folge dieses Sprachwechsels.
Geschichte
Fingons überlieferte Geschichte beginnt mit dem Aufbruch der Noldor aus Aman. Nach der Verdunkelung der Bäume und dem Tod Finwes zog er im Heer seines Vaters Fingolfin nordwärts, das dem Zug Feanors nur zögernd und aus Treue zur Sippe folgte. Beim Hafen von Alqualonde traf Fingolfins Nachhut in das bereits entbrannte Gefecht und griff ein, ohne den Anlass des Streites zu kennen – ein Ereignis, das die Verbannung der Noldor mitbegründete. Als Feanor die geraubten Schiffe bei Losgar verbrennen ließ und den zweiten Zug zurückblieb, nahm Fingons Volk den Weg über das Eis der Helcaraxe; viele kamen dort um. Beim ersten Aufgang des Mondes erreichte das Heer Mittelerde und schlug sein Lager am See Mithrim in Hithlum auf.
Zwischen den beiden Häusern stand nun offene Feindschaft, denn Maedhros war zu diesem Zeitpunkt bereits Gefangener Morgoths und hing, an das Handgelenk gefesselt, an einer Felswand des Thangorodrim. Fingon brach ohne Wissen und Rat der anderen auf, überquerte allein das nördliche Gefilde und suchte in den Klüften des Gebirges nach seinem Vetter. Er begann eine alte Weise aus Valinor zu singen, und aus der Höhe antwortete ihm eine Stimme. Da er die Wand nicht zu erklimmen vermochte und die Fessel unlösbar war, wollte er den Gefangenen aus Erbarmen mit einem Pfeil erlösen; sein Anruf an Manwe wurde jedoch erhört, und der Adler Thorondor trug ihn zu Maedhros empor. Weil sich der Ring nicht öffnen ließ, trennte Fingon auf dessen Bitte die Hand oberhalb der Fessel ab und brachte ihn hinab ins Lager. Die Tat wirkte weit über den einzelnen Fall hinaus: Der alte Groll trat zurück, und Maedhros gab den Anspruch seines Hauses auf die Königswürde an Fingolfin ab und führte die Söhne Feanors in die östlichen Länder.
In den langen Jahren der Belagerung Angbands hatte Fingon unter seinem Vater eine eigene Herrschaft inne: Ihm unterstand Dor-lómin im Süden Hithlums, während Fingolfin von Hithlum aus den Norden hielt. In diese Zeit fällt der erste Ausfall Glaurungs, des Vaters der Drachen, der noch nicht ausgewachsen aus den Toren Angbands hervorbrach und das Grasland verwüstete. Fingon zog ihm mit berittenen Bogenschützen entgegen und umringte ihn; da seine Panzerung noch unvollständig war, wich das Untier den Pfeilen und floh nach Angband zurück. Der Erfolg brachte Fingon großes Ansehen ein, doch er verlängerte zugleich die Täuschung der Noldor über die Kräfte, die Morgoth noch zurückhielt.
Im Jahr 455 des Ersten Zeitalters endete die Belagerung mit der Dagor Bragollach, als Ströme von Feuer aus Angband über die nördliche Ebene liefen. Fingon wurde bei Eithel Sirion hart bedrängt und konnte sich nur halten, weil Hador Lórindol mit den Menschen seines Hauses die Festung deckte; Hador und sein Sohn Gundor fielen dort. Die Angreifer drangen bis an den Meeresarm von Drengist vor, doch Schiffe aus den Häfen der Falas brachten unter Círdan Entsatz und trieben sie zurück. Im folgenden Jahr fiel Fingolfin im Zweikampf vor den Toren Angbands, und die Hohe Königswürde der Noldor ging auf Fingon über. Vorsorglich sandte er seinen jungen Sohn Ereinion, der später Gil-galad genannt wurde, an die sicheren Häfen im Süden.
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Schicksal
Die letzte Unternehmung seines Lebens war das Bündnis, das Maedhros zusammenbrachte, um Morgoth zwischen zwei Heeren zu fassen. Fingon führte das westliche Heer aus Hithlum, verstärkt durch Menschen aus Dor-lómin unter Húrin, durch Krieger aus den Häfen und eine Schar aus Nargothrond. Im Jahr 472 kam es zur Nirnaeth Arnoediad: Der Angriff geriet außer Ordnung, als Gwindor nach der Ermordung seines Bruders vor den Reihen vorpreschte und Fingons Volk mit sich riss; die Vorhut drang bis an die Tore Angbands, wurde dort aber abgeschnitten und aufgerieben. Unerwartet erschien Turgon mit dem Heer aus Gondolin, doch im Osten brachen die verräterischen Gefolgsleute Ulfangs aus, sodass Maedhros' Heer nicht mehr durchdrang. Fingon wurde von übermächtigen Feinden umschlossen, von Gothmog gestellt und im Kampf gegen die Balrogs erschlagen, sein Banner in den Staub getreten. Turgon zog sich mit dem Rest des Heeres über die Sümpfe von Serech zurück und trug fortan die Königswürde, die Fingon auf dem Feld verloren hatte.
Rolle und Fähigkeiten
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Schicksal
Fingons Stellung im Legendarium ist zuerst eine Stellung des Amtes: Er ist der zweite Träger der Hohen Königswürde der Noldor in Mittelerde, zwischen Fingolfin und Turgon. Was dieses Amt bedeutete, ist enger begrenzt, als der Titel vermuten lässt. Die Hohe Königswürde begründete Vorrang und Anspruch auf Treue, nicht aber unmittelbare Befehlsgewalt über die einzelnen Fürstentümer: Die Söhne Feanors hielten ihre Länder im Osten aus eigenem Recht, Nargothrond stand unter eigener Herrschaft, und Turgons Reich blieb selbst dem Bruder verborgen, sodass Fingon nicht über dessen Kräfte verfügen konnte. Unmittelbar regierte er Hithlum mit der Feste Eithel Sirion; sein Einfluss auf das übrige Beleriand beruhte auf Bündnis und Ansehen, nicht auf Verfügung.
Fähigkeiten im Sinne besonderer Kräfte werden Fingon nirgends zugeschrieben. Die Quellen zeigen einen Herrn der Eldar, wie sie aus Aman zurückkehrten – ausdauernd, im Waffengang geübt, ein Anführer berittener Bogenschützen –, und sie zeigen die Grenzen dieser Kräfte mit ungewöhnlicher Deutlichkeit. An den Klippen des Thangorodrim reichten weder Stärke noch Geschick: Die Wand war unersteiglich, die Fessel unlösbar, und die Rettung gelang erst durch Hilfe von außerhalb seiner Macht, auf einen Anruf hin, der erhört wurde. Auch militärisch ist sein Handeln fortwährend auf fremde Hilfe angewiesen, sei es auf das Haus Hadors, das den Rückzug zur Feste deckte, sei es auf die Schiffe der Falas, die den Feind vom Meeresarm zurücktrieben.
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Schicksal
Erzählerisch trägt Fingon zwei Funktionen. Er ist die Gestalt, an der die Versöhnung der zerstrittenen Häuser sichtbar wird, und er ist der König, an dem die Grenze aller noldorischen Macht vorgeführt wird: Weder Tapferkeit noch ein umfassend geplantes Bündnis konnten den Verrat auf dem Feld und die Übermacht Angbands aufwiegen, und gegen den Herrn der Balrogs bestand keine Aussicht. Über sein Ende hinaus wirkt er in seinem Sohn Ereinion fort, den er vor dem Ende an die Häfen im Süden sandte und der als Gil-galad im Zweiten Zeitalter der letzte Hohe König der Noldor werden sollte.
Sippe, Gefährten und Gegner
Innerhalb des Hauses Fingolfins ist Fingon durchweg als der ältere Sohn gezeichnet, der dem Vater folgte, ohne ihm je entgegenzutreten; von einem Zwist zwischen beiden berichten die Quellen nichts, und noch die schwerste Entscheidung des Hauses – der Weg über das Eis – wird nicht als seine, sondern als Fingolfins Entschluss überliefert. Zu seinem Bruder Turgon trat später ein eigentümliches Verhältnis: Der eine hielt die offene Feste im Norden, der andere ein Reich, dessen Lage selbst dem Bruder verschwiegen blieb, sodass die Nähe der Geschwister durch das Gebot der Geheimhaltung durchschnitten war. Aredhel wiederum ritt gern mit den Söhnen Feanors, was zeigt, dass Bindungen über die Häusergrenze hinweg im Geschlecht Fingolfins nicht auf Fingon allein beschränkt blieben. Eine Gemahlin wird nirgends genannt; überliefert ist allein sein Sohn Ereinion, dessen Mutter die Quellen nicht bezeichnen.
Die Beziehung, die seine Gestalt trägt, ist die zu Maedhros. Sie bestand bereits in Aman und reichte damit in eine Zeit zurück, in der die Häuser Fingolfins und Feanors noch nicht durch Eid, Raub und Verrat geschieden waren; eben deshalb konnte sie den Bruch überdauern. Bemerkenswert ist ihre Einseitigkeit im Handeln: Fingon suchte den Vetter ohne Auftrag und ohne Rat, während die Erwiderung nicht in einer Tat, sondern in einem Verzicht bestand – dem Rücktritt von einem Anspruch. Die Versöhnung erfasste im Übrigen nicht das ganze Haus Feanors; sie band die beiden Vettern enger, als sie die übrigen Brüder band, die dem neuen König nur mit Vorbehalt folgten.
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Schicksal
Auf der Gegenseite steht Morgoth, doch nie unmittelbar: Anders als Fingolfin trat Fingon dem Feind nicht persönlich gegenüber, sondern stets dessen Heerführern und zuletzt Gothmog. Sein Gegner blieb eine Macht, keine Person. Umso deutlicher treten die Bündnisse hervor, auf denen seine Herrschaft ruhte – das Haus Hadors, das Dor-lómin von seinem Geschlecht zu Lehen trug und ihm über Generationen die Treue hielt, bis hin zu Húrin; die Schiffe Círdans aus den Häfen der Falas; und die Männer aus Nargothrond, deren Anführer Gwindor sich in eigener Sache dem Gefüge entzog. So erzählen Fingons Beziehungen dasselbe wie sein Amt: Was er vermochte, vermochte er nicht allein.
Entwürfe und Varianten
Die Gestalt hat einen langen Weg durch Tolkiens Entwürfe genommen, und ihr Name gehört nicht zur ältesten Schicht. In der frühesten zusammenhängenden Prosafassung der Sagen, dem knappen „Sketch of the Mythology“ aus den zwanziger Jahren, und noch in der daraus hervorgegangenen Quenta heißt der älteste Sohn Fingolfins nicht Fingon, sondern Finweg; auch die Verserzählungen derselben Jahre gebrauchen diese Form. Erst im Verlauf der weiteren Arbeit trat der später gültige Name an ihre Stelle, ohne dass sich die Rolle der Figur wesentlich geändert hätte. In den „Lost Tales“, der ersten Schicht überhaupt, fehlt eine Entsprechung noch ganz: Das Geschlecht Finwes war dort anders gegliedert, und die Aufgaben, die später auf Fingolfin und dessen Söhne verteilt sind, waren teils noch gar nicht ausgebildet. Umgekehrt gehört der Quenya-Name Findekáno zur spätesten Schicht der Arbeiten; er erscheint in jenem sprachgeschichtlichen Aufsatz über den Lautstreit im Hause Finwes, der als „The Shibboleth of Feanor“ überliefert ist und die Vater- und Mutternamen der Sippe nachträgt, wobei die sindarinische Form Fingon ausdrücklich als Anpassung des älteren Namens erklärt wird.
Die Befreiung Maedhros' – in den frühen Texten Maidros geschrieben – gehört dagegen von Anfang an zum festen Bestand: Schon der „Sketch“ berichtet in wenigen Sätzen vom Aufstieg zum Gefangenen, von der abgetrennten Hand und von der Hilfe des Adlerfürsten, dessen Name dort noch Thorndor lautet. Weit unruhiger ist die Überlieferung an anderer Stelle. Dass Ereinion Gil-galad ein Sohn Fingons sei, steht in Texten der mittleren Schaffenszeit; in späten Notizen jedoch löste Tolkien diese Zuordnung wieder auf und machte ihn zum Sohn Orodreths, der seinerseits vom Bruder zum Neffen Finrods wurde. Christopher Tolkien hat später offengelegt, dass die im veröffentlichten Silmarillion gewählte Abstammung eine Entscheidung des Herausgebers war, die den letzten Absichten des Verfassers nicht mehr entsprach. Die Frage, in welche Linie Gil-galad gehört, bleibt damit eine der bekanntesten offenen Stellen des Werkes – und sie berührt unmittelbar das Nachleben Fingons, wie es die veröffentlichte Fassung erzählt.