Herkunft und Namen
Feanor gehörte zu den Noldor, dem zweiten der drei Geschlechter der Eldar, und wurde in Aman geboren, in Tirion auf dem Hügel Túna, in den Jahren der Bäume und lange vor der Freilassung Melkors. Er war der älteste Sohn Finwes, des ersten Fürsten der Noldor, und das einzige Kind seiner Mutter Míriel, die den Beinamen Serindë führte, weil ihr niemand in der Kunst der Nadel und des Fadens gleichkam. Die Geburt kostete sie ihre Kraft: Sie erklärte, in dieses eine Kind sei mehr an Leben eingegangen, als sie an mehrere hätte weitergeben können, legte sich in den Gärten Lóriens nieder und gab den Leib auf; ihr Geist ging zu Mandos und wollte nicht wiederkehren. Finwe nahm danach Indis von den Vanyar zur Frau, und aus dieser zweiten Ehe stammten die Halbbrüder, neben denen Feanor als einziger Sohn seiner Mutter stand.
Der Vater gab ihm den Namen Curufinwë. Er verbindet den eigenen Namen mit dem Element curu, das im Quenya Geschick und Kunstfertigkeit bezeichnet und im Namengut Ardas nur wenigen zufällt; es war mithin ein Name der Erwartung. Míriel dagegen nannte ihn Fëanáro, „Feuergeist“, und die Überlieferung hat diese Nennung stets als vorausschauend verstanden, weil sie zugleich seine Art und das benannte, was sie ihre Kraft gekostet hatte. Unter der daraus gewachsenen Form Feanor ist er in allen Erzählungen der Noldor geblieben, während der Vatername zurücktrat; er kehrt erst bei seinem fünften Sohn wieder, den die Quellen als Curufin führen. Im Deutschen wie im Englischen wird der Name dreisilbig gesprochen — das Trema über dem e zeigt an, dass die beiden Vokale getrennt lauten, wie es die Erläuterung zur Schreibung im Anhang des Herrn der Ringe festhält; „Fänor“ ist demnach falsch.
Vom Äußeren berichten die Quellen wenig, aber übereinstimmend: hochgewachsen und von hellem Angesicht, das Haar rabenschwarz, die Augen von durchdringender Helle. Bezeichnender ist, was sie über sein Wesen festhalten. Er wuchs rasch heran, war früh fertig in dem, was er sich vornahm, und verfolgte jeden Vorsatz mit einer Stetigkeit, die kein Rat und keine Bitte umlenkte; wenige wagten es überhaupt, ihm zu widersprechen, und niemand tat es zweimal ohne Folgen. Dieselbe Glut, die seine Werke ermöglichte, machte ihn zugleich unruhig und ungeduldig gegenüber allem Bestehenden — die Überlieferung deutet den Mutternamen deshalb nicht als Lob, sondern als nüchterne Feststellung. Dass er in Valinor aufwuchs, im Licht der Zwei Bäume und unter der Obhut der Valar, gehört zu den Voraussetzungen seiner Geschichte: Er kannte Mittelerde nicht, wohl aber die Erzählungen derer, die von dort gekommen waren.
Geschichte
Noch in Aman nahm Feanor Nerdanel zur Frau, die Tochter jenes Schmiedes, in dessen Werkstatt er gelernt hatte; sie gebar ihm sieben Söhne, eine Zahl, die unter den Eldar ohne Beispiel blieb. Nerdanel war eigenwillig genug, seinem Ungestüm zu widersprechen, und vermochte ihn lange zu mäßigen, bis der wachsende Stolz die beiden voneinander entfernte. In diese Jahre fallen seine größten Werke: Er prüfte die Buchstabenreihen Rúmils, verwarf sie und schuf ein neues Schriftsystem, das die Noldor fortan gebrauchten; ihm schreibt die Überlieferung ferner die Palantíri zu, die Seherkugeln, von denen später sieben nach Mittelerde gelangten. Über allem aber standen die drei Juwelen, in denen er das vermischte Licht der Zwei Bäume einschloss, ehe es verging: eine Tat, die sich nicht wiederholen ließ. Varda weihte sie, sodass keine unreine Hand sie berühren konnte, und Mandos sprach das Wort, dass die Geschicke Ardas in ihnen beschlossen lägen. Von Galadriel erbat Feanor dreimal eine Strähne ihres Haars, und dreimal wurde ihm die Bitte verweigert.
Als Melkor nach drei Zeitaltern der Haft scheinbar geläutert entlassen wurde, richtete sich sein Verlangen auf die Juwelen. Feanor selbst hasste ihn und ließ ihn nie in seine Nähe, doch die Gerüchte, die Melkor unter den Noldor ausstreute, taten ihre Wirkung: die Rede von Ländern im Osten, die den Eldar vorenthalten würden, und von einer Herrschaft, die dem Ältesten zustünde. Heimlich wurden in Tirion die ersten Waffen der Noldor geschmiedet. Vor den Türen des Königshauses zog Feanor schließlich das Schwert gegen seinen Halbbruder Fingolfin und drohte ihm mit dem Tod, sollte er noch einmal nach dem Platz des Erstgeborenen greifen. Die Valar setzten ihn deswegen für zwölf Jahre aus Tirion aus; er baute die Feste Formenos im Norden, und Finwe ging mit ihm, während Fingolfin die Stadt regierte. Auch dorthin kam Melkor mit glatten Worten, und Feanor schlug ihm die Tür vor dem Gesicht zu.
Nach Ablauf der Frist rief Manwe zu einem Fest der Versöhnung nach Valmar. Feanor erschien ohne Waffen und reichte Fingolfin die Hand, doch die Aussöhnung währte nur Stunden: In derselben Zeit kamen Melkor und Ungoliant über Valinor und töteten die Zwei Bäume. Yavanna erklärte, das Licht sei aus den Juwelen wiederzugewinnen, wenn Feanor sie hergäbe; er weigerte sich mit dem Hinweis, ein zweites Mal könne er ein solches Werk nicht vollbringen, und begriff, dass die Valar in diesem Punkt den Zwang scheuten. Noch während er sprach, traf die Nachricht ein, dass Formenos gestürmt, Finwe vor seinen Toren erschlagen und der Schatz geraubt worden war. Feanor verfluchte den Dieb und gab ihm den Namen Morgoth, unter dem er seither bekannt ist; er verfluchte auch die Ladung, die ihn von seinem Vater fortgeholt hatte, und verließ Valmar in der Dunkelheit.
In Tirion hielt er vor der versammelten Menge die Rede, die den Aufbruch entschied: Er rief zur Verfolgung des Räubers nach Mittelerde und zur Loslösung von der Vormundschaft der Valar. Mit seinen sieben Söhnen schwor er darauf einen Eid, den man nicht brechen und nicht lösen konnte und der jeden zum Feind erklärte, der eines der Juwelen zurückhielte. Der größere Teil der Noldor folgte, teils aus eigenem Willen, teils weil Fingolfin sein Volk nicht im Stich lassen wollte. Als die Teleri in Alqualonde sich weigerten, ihre Schiffe herzugeben, kam es zum ersten Verwandtenmord unter den Eldar; danach sprach ein Bote am Rand des Landes das Urteil aus, das den Weg der Noldor mit Verrat, vergeblichen Kriegen und dem Zorn der Valar beschwerte. Finarfin kehrte mit einem Teil seines Hauses um; Feanor und Fingolfin zogen weiter nach Norden.
Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.
Schicksal
Die geraubten Schiffe reichten nicht für alle. In der Bucht von Drengist ließ Feanor bei Losgar die gesamte Flotte verbrennen, nachdem seine eigene Schar an Land gegangen war, und überließ es Fingolfin, den Weg über das Eis von Helcaraxe zu suchen. Der Brand war weithin sichtbar und wurde auch in Angband bemerkt: Morgoth sandte ein Heer, das die neu errichteten Lager am Mithrim angriff. In der Schlacht, die als Dagor-nuin-Giliath, als Kampf unter den Sternen, überliefert ist, siegten die Noldor und trieben die Feinde bis über die Ebene von Ard-galen zurück. Feanor setzte die Verfolgung zu weit fort, wurde von seinen Leuten getrennt und von Balrogs umstellt; Gothmog schlug ihm die tödliche Wunde. Seine Söhne trugen ihn zurück, doch an den Hängen von Ered Wethrin ließ er halten, sah die Türme von Thangorodrim vor sich und erkannte, dass keine Macht der Elben sie brechen würde. Bevor er starb, band er die Söhne noch einmal an den Eid; sein Geist verzehrte den Leib zu Asche. Die Überlieferung setzt seinen Tod an den Anfang des Ersten Zeitalters, wenige Jahre nach dem Aufbruch aus Aman.
Rolle und Fähigkeiten
Innerhalb des Legendariums steht Feanor an einem Gelenkpunkt: Was das Erste Zeitalter an Kriegen, Bündnissen und Untergängen kennt, geht mittelbar auf Entschlüsse zurück, die er in wenigen Jahren fasste. Die Überlieferung führt ihn nicht als Herrscher, sondern als den Begabtesten seines Volkes — geschickter mit der Hand und mächtiger im Wort als alle vor ihm, dazu der Gelehrteste unter den Söhnen Finwes. Sein Wissen umfasste die Sprachen und ihren Wandel ebenso wie die Stoffe und ihre Bearbeitung; er ersann Werkzeuge und Verfahren, die nach ihm in Gebrauch blieben. Die Quellen betonen dabei stets zwei Seiten desselben Vermögens: Dinge hervorzubringen, die sonst niemand hervorbringen konnte, und Menschen wie Elben zu bewegen.
Diese Macht war keine Zauberkunst im engeren Sinn. Die Berichte schreiben ihm weder Gewalt über die Elemente noch Gestaltwandel oder Herrschaft über fremde Gedanken zu; sie beruhte auf Handwerk, Wissen und Rede. Am deutlichsten zeigte sich Letzteres in Tirion, wo seine Worte binnen einer Nacht den größeren Teil eines Volkes zum Aufbruch brachten — eine Wirkung, die kein Heer hätte erzwingen können, die aber an seine Gegenwart gebunden blieb und die Zerwürfnisse unter den Aufbrechenden nicht aufhob. Auch das Handwerk hatte feste Grenzen: Sein größtes Werk hing an einem Licht, das nur einmal in Arda war, weshalb es sich nicht wiederholen ließ; die Weihe der Juwelen ging nicht von ihm aus, sondern von Varda. Erzwingen konnte er nichts — weder gegenüber den Valar noch gegenüber Morgoth, dessen Festung er am Ende als unbezwingbar erkannte.
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Schicksal
Die schärfste Grenze war die persönliche. Feanors Stellung ruhte auf eigener Kraft, nicht auf einer Ordnung, die ihn überdauert hätte: Nach seinem Fall hielten die Söhne zwar den Eid, doch die Königswürde der Noldor in Mittelerde ging an Fingolfin über, und die Gefolgschaft zerfiel in getrennte Häuser. Anders als bei anderen Eldar vermerkt die Überlieferung ausdrücklich, dass sein Geist in den Hallen von Mandos verblieb und nicht zu seinem Volk zurückkehrte — erst mit einem Ende und einer Erneuerung der Welt wird ein Wiedersehen in Aussicht gestellt. Was blieb, war das Gemachte: Die von ihm ausgearbeitete Schrift war noch Zeitalter später in Gebrauch, und zwar für mehrere Sprachen und weit außerhalb des Kreises, für den er sie geschaffen hatte.
Sippe, Haus und Gegenspieler
Nerdanel war die einzige Person, die auf Feanor dauerhaft mäßigend wirkte, und die Überlieferung erklärt auch, warum: Sie war ebenso fest im Willen, aber geduldiger und darauf aus, fremde Sinnesart zu verstehen statt sie zu beherrschen. Ihre Herkunft aus dem Haus Mahtans verband die Ehe mit derselben Werkstatt, aus der auch sein Können stammte, und machte den Schmied zugleich zum Lehrer und zum Schwiegervater. Als der Aufbruch kam, ging sie nicht mit; ihr Widerspruch endete dort, wo Feanor keinen mehr duldete. Die sieben Söhne — Maedhros, Maglor, Celegorm, Caranthir, Curufin, Amrod und Amras — blieben ihm dagegen bis zuletzt zugeordnet, weniger als eigene Häupter denn als Fortsetzung seines Willens, und der Eid band sie enger an den Vater, als Verwandtschaft es vermocht hätte.
Gegenüber den Söhnen der Indis blieb das Verhältnis einseitig. Fingolfin bot beim Fest von Valmar an, dem älteren Bruder die Führung zu lassen und ihm zu folgen; er hielt dieses Wort später auf eine Weise, die Feanor nicht mehr wollte, denn er zog um seines eigenen Volkes willen mit, nicht um seinetwillen. Finarfin stand durch seine Frau Earwen, die Tochter Olwes, dem Seevolk nahe, und gerade diese Bindung zerbrach in Alqualonde: Olwe hielt Feanor entgegen, die Schiffe der Teleri seien deren eigenes Werk, so wenig herzugeben wie er selbst je etwas hergäbe. Dass Galadriel ihm dreimal eine Bitte abschlug, gehört in dieselbe Reihe — im weiteren Kreis der Sippe fand er Achtung für sein Können, aber kein Vertrauen.
In der Feindschaft urteilte er sicherer als in der Nähe. Melkor täuschte fast alle Noldor, doch bei Feanor kam er nie über die Schwelle; sein Einfluss wirkte auf Umwegen, über Zwietracht in der eigenen Sippe. Umgekehrt erkannte Feanor die Valar nur widerwillig als Instanz an: Aules Unterweisung nahm er an, Manwes Ladung und Mandos' Urteil ertrug er als Zwang. So zeigen seine Beziehungen durchweg dasselbe Muster — Bindung durch Anspruch statt durch Vertrauen, und je enger jemand stand, desto schwerer wog das Erbe.
Entwicklung in den Entwürfen
Die Gestalt gehört zu den ältesten des Legendariums, doch ihre Stellung im Königshaus ist erst allmählich gewachsen. In den „Verschollenen Geschichten“ der Jahre um 1917 trägt Feanor bereits seinen Namen und gilt als Schöpfer der Silmaril, aber er ist dort nicht der Sohn Finwes: Sein Vater heißt Bruithwir und wird beim Raub der Juwelen erschlagen, während Finwe Nólemë als Fürst der Noldoli daneben eine eigene Rolle spielt. Auch die Ortsnamen liegen noch anders — die Stadt in Aman heißt in dieser Schicht Kôr, später Tûn, ehe Tolkien Hügel und Siedlung in Túna und Tirion trennte. Fest stehen von Beginn an die Siebenzahl der Söhne und der Eid; eine stabreimende Ausformung des Aufbruchs blieb als unvollendetes Gedicht „The Flight of the Noldoli from Valinor“ liegen. Erst mit der Quenta Noldorinwa der frühen dreißiger Jahre erscheint Feanor durchgehend als ältester Sohn Finwes und damit als Halbbruder der beiden anderen Fürstenhäuser.
Die späten Arbeiten ändern weniger die Handlung als deren Begründung. Die Abhandlung „Laws and Customs among the Eldar“ baut den Tod der Mutter und die zweite Ehe des Vaters zu einem Rechtsfall aus, über den die Valar förmlich beraten, ehe ein Beschluss ergeht; die Annalen von Aman unterlegen demselben Stoff eine durchgezählte Chronologie der Baumjahre. Der späte Aufsatz „The Shibboleth of Feanor“ verknüpft einen Lautwandel mit der Familiengeschichte: Die Noldor gingen dazu über, das ältere þ als s zu sprechen, Feanor aber bestand auf der überkommenen Lautung, weil der Beiname seiner Mutter davon betroffen war — die geläufige Form Serindë ist mithin das Ergebnis eben jener Neuerung, gegen die er sich stemmte. Aus einer Frage der Sprachpflege wurde so ein weiterer Streitpunkt mit dem Vaterhaus. Derselbe Text überliefert die Mutter- und Vaternamen der sieben Söhne und dazu eine Fassung, nach der der jüngste beim Schiffsbrand von Losgar an Bord zurückblieb und umkam; in den veröffentlichten Erzähltext ist diese Variante nicht eingegangen.