Herkunft und Namen
„Maedhros“ ist die sindarinische Gestalt des Namens, unter dem der älteste Sohn Feanors in die Überlieferung Beleriands eingegangen ist. Dass sich gerade die grau-elbische Form durchsetzte, hat einen geschichtlichen Grund: Die aus Aman zurückgekehrten Noldor nahmen die Sprache der Sindar für den alltäglichen Umgang an, und nachdem Thingol den Gebrauch des Hochelbischen in seinem Reich untersagt hatte, blieb Quenya nur noch den Fürsten untereinander und der Überlieferung vorbehalten. In den Annalen erscheinen die Namen des Hauses Feanor daher durchweg sindarinisch. Beigefügt wird ihm dort der Beiname „der Große“ (englisch „the Tall“), der auf seinen hohen Wuchs zielt und ihn in der Aufzählung der sieben Brüder als den ersten kenntlich macht.
Seiner Herkunft nach gehörte er dem zweiten Geschlecht der Eldar an, den Noldor, und innerhalb dieses Volkes der ersten Linie: Er war der älteste der sieben Söhne Feanors und Nerdanels und damit ein Enkel Finwes, des Hohen Königs. Nerdanel war die Tochter Mahtans, eines Schmiedes, der zu den Vertrauten Aules zählte und Feanor selbst manches seiner Kunst vermittelte. Sie galt als fest und eigenwillig, doch suchte sie eher zu verstehen als zu beherrschen, und in der Frühzeit ihrer Ehe vermochte sie den Ungestüm ihres Gemahls zu mäßigen; von diesem Wesenszug ging etwas auf einen Teil ihrer Söhne über. Als Erstgeborener stand Maedhros in einer Stellung, die sowohl den Anspruch seines Vaters auf die Führung der Noldor als auch die Verpflichtungen des Hauses auf ihn zu vererben drohte.
Bei den Noldor war es Brauch, dass ein Kind mehr als einen Namen erhielt: einen vom Vater und einen von der Mutter, wobei der mütterliche Name oft das Wesen des Benannten treffender bezeichnete. Feanor selbst führte nach seinem Vater den Namen Curufinwë, war seinem Volk aber unter dem Namen bekannt, den ihm Míriel gegeben hatte. Nach demselben Brauch trugen auch seine Söhne Namen in der Sprache Amans; in den Chroniken Beleriands sind diese Formen jedoch kaum bewahrt und begegnen erst in späteren sprachgeschichtlichen Aufzeichnungen. Für die Aussprache der sindarinischen Namensform gelten die in den Ausführungen zu Schrift und Lautung dargelegten Regeln: „ae“ ist ein Zwielaut, „dh“ bezeichnet das stimmhafte th, und die Betonung liegt bei zweisilbigen Wörtern auf der ersten Silbe.
Geschichte
Als Handelnder tritt Maedhros erstmals beim Aufbruch der Noldor aus Aman hervor. Mit seinen sechs Brüdern leistete er den Eid, den Feanor vor der versammelten Menge in Tirion sprach, und war damit an den Schwur gebunden, jedem Feind zu sein, der einen der Silmaril für sich behielte. Beim Streit um die Schiffe der Teleri stand er auf der Seite seines Vaters und hatte teil am Blutvergießen in Alqualonde. Als das Heer jedoch Losgar an der Mündung des Drengist erreicht hatte und Feanor die geraubten Schiffe verbrennen ließ, statt sie zur Überfahrt des zurückgebliebenen Heerteils zurückzuschicken, trat Maedhros als einziger Sohn beiseite und beteiligte sich nicht — ihn band Freundschaft an Fingon, den Sohn Fingolfins, der auf dem anderen Ufer wartete.
In Mithrim schlugen die Ankömmlinge das Heer Morgoths, das ihr Lagerfeuer entdeckt hatte, in der Schlacht unter den Sternen. Feanor drang im Übermut der Verfolgung bis in die Nähe Angbands vor, wurde dort von Balrogs umringt und starb kurz darauf an seinen Wunden, nachdem er seine Söhne noch einmal an den Eid gemahnt hatte. Damit fiel die Führung des Hauses und des Heeres an den Ältesten. Kurz darauf sandte Morgoth eine Botschaft und bot Verhandlungen an, samt der Auslieferung eines Silmaril; Maedhros durchschaute die Falschheit, nahm den Vorschlag aber an, weil er selbst mit größerer Macht zu erscheinen gedachte, als vereinbart war. Beide Seiten kamen treulos, doch Morgoths Schar war die stärkere: Die Gesandtschaft der Noldor wurde erschlagen, Maedhros lebend nach Angband verschleppt.
Morgoth bot ihn als Geisel gegen den Rückzug der Noldor aus Beleriand an; da seine Brüder wussten, dass er sein Wort nicht halten würde, und Maedhros selbst dies vorausgesehen hatte, blieb die Forderung unbeantwortet. Zur Strafe ließ Morgoth ihn an einer Felswand Thangorodrims aufhängen, an einem stählernen Band um das rechte Handgelenk. Fingon, der die alte Freundschaft nicht vergessen hatte, machte sich heimlich und ohne Rat auf und fand ihn schließlich, weil sein Gesang aus den Klüften beantwortet wurde. Da er den Gefangenen nicht zu lösen vermochte, wollte er ihn auf dessen eigene Bitte hin töten; Thorondor trug ihn dann so hoch heran, dass Fingon die Hand oberhalb der Fessel abschlagen und Maedhros befreien konnte. Nach seiner Genesung führte er die Waffen mit der linken Hand, und es hieß, er sei damit gefährlicher gewesen als zuvor mit der rechten.
Die Rettung wirkte politisch: Maedhros bat um Vergebung für die Zurücklassung in Araman, verzichtete auf den Anspruch seines Hauses und übertrug das Königtum über die Noldor auf Fingolfin, gegen den Willen eines Teils seiner Brüder. Um weiteren Reibungen vorzubeugen, zog er mit den Seinen in den Osten Beleriands ab. Er selbst nahm den kahlen Hügel Himring nördlich von Aglon in Besitz und hielt von dort die weite Grenzmark, die nach ihm benannt wurde; seine Brüder besetzten die Pässe, die Höhen des Himlad und die Länder bis an Ossiriand und den Gelion. Zwanzig Jahre nach dem Aufgang der Sonne kam er zum Fest der Wiedervereinigung, das Fingolfin bei den Quellen des Ivrin ausrichtete, und im sechzigsten Jahr hatte er Anteil an der Glorreichen Schlacht, die Morgoths Ausfall zurückwarf und die fast vierhundert Jahre währende Belagerung Angbands begründete. In dieser langen Zeit nahm er auch Menschen aus dem Osten in seinen Dienst, deren Sippen sich später als ungleich erwiesen.
Die Belagerung endete jäh, als Morgoth in einer Winternacht Feuerströme über die Ebene Ard-galen sandte. In der Schlacht des Jähen Feuers wurden die östlichen Pässe überrannt und die Sitze der Brüder verloren; allein Himring hielt stand, und Maedhros vollbrachte dort Taten von großer Ausdauer, sodass die Feste unbezwungen blieb. Ermutigt durch die Wiedergewinnung eines Silmaril aus Morgoths Krone sammelte er danach ein Bündnis, das Elben, Menschen und Zwerge umfasste und als Union von Maedhros bekannt wurde, dem sich Doriath jedoch versagte und Nargothrond nur zögernd anschloss. In der Fünften Schlacht, den Ungezählten Tränen, wurde sein Ostheer durch die Lügen der ihm ergebenen Menschen aufgehalten und kam zu spät; im Kampf fiel ein Teil dieser Verbündeten Morgoths Sold zu und griff seine Flanke an. Das Bündnis zerbrach, Himring ging verloren, und die überlebenden Söhne Feanors zogen sich als Umherstreifende in die Wildnis um den Berg Dolmed und nach Ossiriand zurück.
Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.
Schicksal
Der Eid trieb ihn danach zu Taten, die er selbst als Unglück ansah. Nach Thingols Tod forderte er den Silmaril von Doriath, und als die Botschaft an Dior ohne Antwort blieb, führte der Angriff der Brüder zur zweiten Verwandtenschlacht, in der Celegorm, Curufin und Caranthir umkamen. Später hielt er lange an sich, als das Kleinod bei den Überlebenden an den Mündungen des Sirion bekannt wurde, doch am Ende überfielen die letzten Brüder auch diese Zuflucht; Elwing entkam mit dem Stein ins Meer, und Elrond und Elros fielen in die Hand der Angreifer. Nach dem Krieg des Zorns verlangte Maedhros die beiden wiedergewonnenen Silmaril von Eonwe, der ihm entgegenhielt, das Recht darauf sei durch seine Taten verwirkt und über die Sache müsse in Valinor entschieden werden. Er stahl den Stein dennoch aus dem Lager, doch die Hand brannte ihm in unerträglichem Schmerz, und er stürzte sich mit dem Kleinod in eine feurige Erdspalte.
Rolle und Fähigkeiten
Im Gefüge des Legendariums vertritt Maedhros das Amt, das dem Erstgeborenen des Hauses Feanor zufiel, ohne dass ihm daraus je königliche Gewalt erwuchs. Seine Stellung unter den Brüdern beruhte auf Alter und Ansehen, nicht auf einem Befehlsrecht: Jeder von ihnen hielt eigenes Land und eigene Gefolgschaft, und mehr als einmal handelten sie gegen seinen Rat — so Celegorm und Curufin, für deren Wirken in Nargothrond er nicht einstand und dessen Folgen er nicht abwenden konnte. Nach außen war seine Aufgabe vor allem eine militärische und eine des Grenzdienstes. Dem Osten Beleriands fehlten die Gebirgszüge, die Hithlum und die Lande der Söhne Finarfins deckten; dort lag die offene Seite der Belagerung, und darum unterhielten die Söhne Feanors den größten Teil der Reiterei der Noldor und ritten weit über die Ebenen bis an die Ausläufer der Feindeslande.
Übernatürliche Gaben werden ihm nirgends zugeschrieben; weder Zauberkunst noch Vorauswissen gehören zu seinem Bild. Was ihn auszeichnete, waren Körperkraft und hoher Wuchs, Übung in den Waffen, eine ungewöhnliche Zähigkeit gegenüber Schmerz und Verlust sowie ein Vermögen, das im Beleriand jener Jahre selten war: Er konnte Bündnisse stiften. Nachdem sein Haus sich von den Verlusten des Jähen Feuers erholt hatte, erprobte er seine wiedergewonnene Stärke und säuberte den Osten des Landes von den umherziehenden Orkscharen. Auf dieser Grundlage warb er nicht nur bei den Fürsten seines eigenen Volkes, sondern auch bei den Zwergen von Nogrod und Belegost und bei den Sippen der Ostmenschen, und zog überdies die Seevolk-Schiffe und die versprengten Menschen des Nordens in seine Rechnung ein. Kein anderer Herr der Noldor hat ein Heer so verschiedener Völker zusammengeführt.
Ebenso deutlich sind die Grenzen dieser Macht bezeichnet. Sie lagen zuerst in ihm selbst: Die List, mit der er Morgoths Verhandlungsangebot beantwortete, war der Anfang seines eigenen Unglücks, und was er später an Umsicht gewann, half ihm nicht gegen die Bindung des Eides, der ihn wider besseres Urteil zu Handlungen zwang, die sein Werk zerstörten. Sie lagen sodann im Ansehen seines Hauses: Das Blut von Alqualonde und die Taten seiner Brüder wogen schwerer als jede Botschaft, weshalb Doriath sich versagte und aus Nargothrond nur eine kleine Schar kam. Schließlich reichte sein Einfluss nicht bis in die Treue derer, die er in Dienst genommen hatte; er konnte sie belohnen, aber nicht prüfen, und der Verrat mitten in der Schlacht war der Punkt, an dem alle Planung wertlos wurde. Am Ende erwies sich, dass auch die Silmaril selbst keiner Stärke gehorchten, sondern einem Urteil, das außerhalb seiner Reichweite lag.
Verwandte, Verbündete und Widersacher
Unter den Söhnen Feanors war Maedhros derjenige, der die Bindung an den Vater am ehesten mit einem eigenen Urteil verband. Sein Verhältnis zu den Brüdern war weniger das eines Gebieters als das eines Ältesten, dessen Rat man hörte und dann beiseiteschob: Maglor, der zweite, stand ihm am nächsten und teilte am Ende sein Los, während Celegorm und Curufin die härtere Linie des Hauses vertraten und aus eigenem Antrieb handelten. Caranthir galt als der schroffste und schnellste zum Zorn, und die Zwillinge blieben in der Überlieferung blass. Was dieses Verhältnis über ihn erzählt, zeigt sich weniger in den Zeiten der Einigkeit als in den Augenblicken, in denen er sich absonderte — bei den Schiffen von Losgar, beim Verzicht auf das Königtum — und darin, dass er die Brüder dennoch nie verließ.
Die Freundschaft mit Fingon ist die einzige Bindung, die in seinem Leben gegen den Eid Bestand hatte, und sie wirkte über beide hinaus: Sie hielt die entzweiten Häuser der Noldor so lange zusammen, wie beide lebten, und noch das Bündnis der Fünften Schlacht ruhte auf ihr. Gegenüber Fingolfin und später gegenüber Fingon erkannte Maedhros das Königtum an, ohne es je zurückzufordern; das Verhältnis zu den Söhnen Finarfins dagegen blieb kühl, und Orodreths Rückzug aus jeder gemeinsamen Sache war eine Folge dessen, was Celegorm und Curufin in Nargothrond getan hatten. Zu Thingol führte kein Weg: Der Sindar-König hielt die Söhne Feanors für Verwandtenmörder, und weder Bündnis noch Botschaft überbrückten diesen Abstand. Mit den Zwergen von Nogrod und Belegost und den Häusern der Ostmenschen verband ihn dagegen ein sachliches Einvernehmen, das auf Nutzen beruhte und nur so weit trug wie dieser.
Als Gegner blieb ihm Morgoth zeitlebens derselbe, doch war das Verhältnis nicht das zweier Heerführer allein: Der Feind hatte ihn in der Hand gehabt, und was er dabei erlitt, machte ihn zu dem, der die Bedrohung am genauesten kannte und am beharrlichsten dagegenhielt. Zugleich erwuchs ihm ein Gegenspieler aus dem eigenen Wort, denn der Eid stellte ihn am Ende gegen Elben, denen er nichts vorzuwerfen hatte — gegen Dior, den Erben Thingols, und gegen die Flüchtlinge an den Mündungen des Sirion. In der letzten dieser Taten liegt der aufschlussreichste Zug seines Bildes: Er nahm Elrond und Elros, die Söhne Elwings, nicht als Feinde, sondern ließ sie am Leben, und Maglor zog sie auf. Von den Verbindungen, die Maedhros geknüpft hat, überdauerte allein diese die Zeitalter.
Entwürfe und Varianten
Die vertraute Namensform ist das Ergebnis eines langen Weges durch Tolkiens Werkstatt. In den frühen Texten — den Verschollenen Geschichten, der Skizze der Mythologie und der Quenta Noldorinwa — heißt der älteste Sohn Feanors durchweg „Maidros“; die Schreibung mit „dh“ stellte sich erst ein, als der Verfasser die Lautgeschichte der grau-elbischen Sprache umarbeitete. Die hochelbischen Namen dagegen erscheinen sehr spät, nämlich in dem sprachgeschichtlichen Aufsatz „The Shibboleth of Feanor“ aus den letzten Lebensjahren. Dort trägt er den Vaternamen Nelyafinwë, „Finwe der Dritte“, mit dem Feanor den Anspruch seiner Linie auf die Nachfolge des Hohen Königs festhielt und der im Hause zu Nelyo verkürzt wurde; dazu den Mutternamen Maitimo, der auf den wohlgestalteten Wuchs zielt, und den Beinamen Russandol, „Kupferschopf“, nach dem rotbraunen Haar, das er von der Sippe Nerdanels geerbt habe. Aus den Elementen für „wohlgestaltet“ und „rot“ leitet derselbe Text die sindarinische Form ab — die Etymologie des Namens entstand also Jahrzehnte nach dem Namen selbst.
Auch der Erzählstoff wuchs erst allmählich an die Gestalt heran. In den Verschollenen Geschichten bleibt der Sohn Feanors eine Randfigur und tritt vor allem in den Umrissen zu der nie ausgeführten Erzählung von Eärendel handelnd hervor; Gefangennahme, Aufhängung an Thangorodrim und Befreiung durch Fingon treten erst mit der Skizze der Mythologie hinzu und blieben von da an durch alle Fassungen nahezu unverändert — einer der beständigsten Kerne des ganzen Stoffes. Anderes schwankte länger: Die Feste im Norden Ost-Beleriands heißt in der Quenta Silmarillion und in den Annalen noch Himling, ehe daraus Himring wurde. Die ausführlichste späte Darstellung der Fünften Schlacht und der ihr vorausgehenden Bündnisverhandlungen steht in den Grauen Annalen, aus denen der posthum herausgegebene Text zum guten Teil geschöpft ist.