Was für ein Buch das ist

Der Band führt weiter, was ein Jahr zuvor mit dem ersten Teil begonnen wurde: die Veröffentlichung der frühesten zusammenhängenden Niederschrift von Tolkiens Mythologie, entstanden in den Jahren um den Ersten Weltkrieg und in der Zeit unmittelbar danach. Es handelt sich um einen Editionsband von einigen hundert Seiten, nicht um ein Erzählbuch im gewöhnlichen Sinn; herausgegeben, geordnet und durchgehend kommentiert hat ihn Christopher Tolkien, dessen Name auf dem Titelblatt neben dem des Verfassers steht. Die Gliederung folgt den einzelnen Erzählungen, die den zweiten Teil des Zyklus bilden, und schließt mit jenem Rahmen, in dem ein Seefahrer die Geschichten überhaupt erst zu hören bekommt. Die deutsche Ausgabe erschien bei Klett-Cotta in der Übertragung von Hans J. Schütz.

Charakteristisch ist die doppelte Stimme des Buches. Auf jeden Abschnitt aus Tolkiens Hand folgt ein Kommentarteil, der die Handschriften beschreibt, verworfene Fassungen gegeneinanderhält, Lesarten mitteilt und die Veränderung der Namen zwischen den Arbeitsstufen verzeichnet; ein eigener Anhang behandelt die Namen der Erzählungen samt ihren sprachlichen Wurzeln, ein Register erschließt den Band. Tolkiens eigene Prosa ist hier noch altertümlicher gefärbt als in späteren Bearbeitungen und erkennbar auf mündlichen Vortrag hin gedacht: Es wird erzählt und zugehört, und der Rahmen bleibt als Situation stets gegenwärtig. Der Kommentar wiederum verzichtet auf Wertung und beschränkt sich darauf, Wege der Entstehung nachzuzeichnen.

Damit richtet sich der Band an Leser, die das Silmarillion bereits kennen und wissen wollen, wie dessen Stoffe entstanden sind. Er ersetzt jenes Buch nicht und tritt auch nicht neben es: Was hier steht, ist eine frühe Stufe, auf der Geographie, Namen und selbst die Ordnung der Mächte noch in Bewegung sind und mit der später gültigen Gestalt vielfach nicht übereinstimmt. Wer Auskunft über Mittelerde sucht, findet sie in den abgeschlossenen Werken; wer die Arbeit des Verfassers an seinem eigenen Stoff verfolgen will, findet hier den Anfang einer Kette, die über weitere Bearbeitungen bis zu den späten Fassungen reicht. Tolkien selbst hat den Plan dieser Mythologie und ihre Absicht in seiner Korrespondenz beschrieben; der Abstand zwischen jener Beschreibung und dem hier abgedruckten Frühwerk macht den Rang des Bandes als Zeugnis eines Werdens aus.

Entstehung und Veröffentlichung

Die Texte, die dieser Band abdruckt, entstanden in den Jahren des Ersten Weltkriegs und kurz danach. Tolkien hat später mehrfach berichtet, dass er die Erzählung vom Untergang Gondolins 1917 während eines Genesungsurlaubs vom Heeresdienst niederschrieb, nachdem er die Kämpfe an der Somme überstanden hatte; damit gehört sie zu den frühesten Stücken der gesamten Mythologie, und in der Anordnung der Erzählungen bildet sie einen der Kerne, um die sich das Übrige legt. Auch die Geschichte von Túrin und dem Drachen gehört in diese erste Arbeitszeit. Gearbeitet wurde in Schulheften und Notizbüchern, meist mit Bleistift und häufig unter Zeitdruck, und der Zyklus blieb, als Tolkien sich um 1920 anderen Vorhaben zuwandte, unvollendet liegen.

Die Überlieferungslage ist von Stück zu Stück verschieden, und der Herausgeber macht sie für jede Erzählung eigens kenntlich. Manche Texte liegen nur in einer einzigen, flüchtig hingeworfenen Niederschrift vor, andere in zwei Stufen: Über einer weitgehend getilgten Bleistiftfassung steht eine spätere Ausarbeitung in Tinte, so bei der Erzählung von Beren und Lúthien, deren älteste Gestalt sich nur noch stellenweise erschließen lässt. Der Untergang Gondolins wurde von Tolkien im Frühjahr 1920 vor dem Essay Club seines Colleges vorgetragen, dem Exeter College in Oxford; das ist der einzige belegte öffentliche Auftritt eines dieser Texte zu Lebzeiten des Verfassers. Für den letzten Teil des Zyklus, die Fahrten Earendels und den Abschluss des Rahmens, existieren überhaupt keine ausgeführten Erzählungen mehr, sondern nur Entwürfe, Notizzettel und einander widersprechende Handlungspläne, die der Band als solche wiedergibt.

Herausgegeben wurden diese Papiere erst mehr als sechs Jahrzehnte nach ihrer Entstehung. Christopher Tolkien hatte den Nachlass zunächst für das 1977 erschienene Silmarillion und für die 1980 vorgelegte Sammlung nachgelassener Erzählungen ausgewertet und entschloss sich danach zu einer fortlaufenden Edition, die die Handschriften in ihrer zeitlichen Folge vorlegt. Der erste Teil der frühen Erzählungen erschien 1983 und eröffnete die Reihe; der hier behandelte zweite Teil folgte 1984 und schließt den Zyklus ab. Verlegt wurde er in Großbritannien bei George Allen & Unwin, in den Vereinigten Staaten bei Houghton Mifflin. Ein Jahr darauf, 1985, setzte der dritte Band die Reihe mit den Versdichtungen fort, sodass die Edition von Anfang an als offener, über Jahre laufender Plan angelegt war.

Der Text des Bandes ist seit dem Erstdruck unverändert geblieben; spätere Ausgaben, darunter die Taschenbuchdrucke und die Sammelbände, in denen mehrere Bände der Reihe zusammengefasst wurden, geben ihn ohne inhaltliche Überarbeitung wieder. Die deutsche Übertragung erschien parallel zur englischen Ausgabe, der erste Teil 1983, der zweite 1984. Eine Nachwirkung eigener Art haben zwei der hier gedruckten Erzählungen erfahren: Als Christopher Tolkien 2017 und 2018 die Überlieferung der Geschichte von Beren und Lúthien und die des Untergangs von Gondolin jeweils in einem eigenen Buch von der frühesten bis zur spätesten Fassung nebeneinanderstellte, bildeten die Texte dieses Bandes darin den Anfang. Sie sind damit die einzigen Stücke des Zyklus, die außerhalb der Reihe ein zweites Mal veröffentlicht wurden.

Aufbau und Inhalt

Dem Band geht ein knappes Vorwort des Herausgebers voran, das die Fortsetzung erklärt und die Einrichtung des Textes beschreibt; darauf folgen sechs gezählte Kapitel, die den zweiten Teil des Zyklus in der Reihenfolge geben, die der Herausgeber aus den Papieren und den beigelegten Plänen erschlossen hat. Es sind, der Reihe nach, die Geschichte von Tinúviel, die Erzählung von Turambar und dem Drachen, der Untergang von Gondolin, das Nauglafring, die Geschichte Earendels und schließlich ein Kapitel, das die Gestalt des Seefahrers Eriol beziehungsweise Ælfwine behandelt und den Schluss der Erzählungen zusammenträgt. Die ersten vier tragen jeweils eine ausgeführte Erzählung, das fünfte und das sechste dagegen überwiegend Entwürfe. Wer eine bestimmte Geschichte sucht, findet sie also nicht unter einer Sachüberschrift, sondern unter dem Titel, den Tolkien selbst der jeweiligen Niederschrift gab.

Jedes Kapitel ist nach demselben Muster gebaut, und dieses Muster zu kennen erspart das Suchen. Zuerst steht der Erzähltext, in den Rahmen eingebunden durch kurze Überleitungen, in denen jeweils ein anderer Bewohner des Hauses als Sprecher auftritt; danach folgen die durchnummerierten Anmerkungen, die sich auf einzelne Stellen des Textes beziehen; darauf der eigentliche Kommentar, der die Erzählung als Ganzes gegen die späteren Fassungen hält; und am Ende ein gesonderter Abschnitt, der die Änderungen der Namen zwischen den Arbeitsstufen aufführt. In den beiden letzten Kapiteln verschiebt sich das Verhältnis: Dort überwiegt das herausgeberische Referat, weil nur Notizen und einander widersprechende Handlungsskizzen vorliegen, die einzeln vorgestellt und gegeneinandergestellt werden müssen. Im sechsten Kapitel ist zudem der Text über Ælfwine von England abgedruckt, der die englische Fassung des Rahmens vertritt.

Den Schluss bildet der Apparat: der Anhang zu den Namen, der die Bildungen der frühen Sprachen aufschlüsselt und dabei die entsprechende Zusammenstellung des ersten Teils fortsetzt, sowie das Register. Karten, Stammtafeln oder Zeittafeln enthält der Band nicht; die geographischen Verhältnisse dieser Stufe werden, soweit sie sich überhaupt fassen lassen, im laufenden Kommentar erörtert. Häufig verweist der Herausgeber mit Seitenangaben in den ersten Teil zurück, sodass beide Bände praktisch nebeneinander zu benutzen sind, und ebenso auf das Silmarillion und auf die 1980 erschienene Sammlung nachgelassener Erzählungen, wo dieselben Stoffe in späterer Gestalt stehen. Wer sich also über eine einzelne Geschichte unterrichten will, liest den Erzähltext, hält sich für Einzelheiten an die Anmerkungen und findet die Einordnung im Kommentar; wer einem Namen nachgeht, beginnt beim Register und geht von dort in den Anhang.

Stellung im Legendarium

Erzählerisch setzt der Band den ersten Teil voraus. Was dort steht — der Rahmen des Seefahrers, die Ordnung der Mächte, die Bäume und der Aufbruch der Elben nach Westen —, wird hier nicht noch einmal aufgenommen, sondern als bekannt behandelt; erst darauf folgen die Stoffe, die in der später gültigen Gestalt die Mitte und den Ausgang der Ältesten Tage bilden: die Liebe zwischen Beren und Lúthien, das Verhängnis über den Kindern Húrins, der Fall der verborgenen Stadt, das Ende von Doriath und Earendels Fahrt in den Westen, die den Bitten um Hilfe wider Morgoth erst Gehör verschafft. Drei dieser Erzählungen hat Tolkien, als er einem Verleger den Plan seines Werkes darlegte, als die großen hervorgehoben, an denen der Zusammenhang des Ganzen hänge. Der Band trägt also gerade jenen Abschnitt des Zyklus, aus dem die spätere Überlieferung ihre Hauptstücke bezieht.

Gegen die spätere Gestalt steht diese erste Stufe an vielen Stellen quer, und zwar nicht in Kleinigkeiten. Im Silmarillion ist Beren ein Mensch aus dem Hause Beors, und seine Verbindung mit Lúthien ist die erste zwischen den beiden Geschlechtern, aus der die Linie der Halbelben und mittelbar das Königshaus von Númenor hervorgeht; auf der frühen Stufe ist er elbischer Herkunft, und der ganze Gedanke, der diese Verbindung später trägt, fehlt noch. Der Gegenspieler, der die Gefangenschaft herbeiführt, ist dort nicht der Meister der Wolfsinsel, den die spätere Erzählung kennt und aus dem schließlich Sauron wird, sondern ein Fürst der Katzen. Auch der Untergang von Doriath nimmt einen anderen Weg: Das Silmarillion lässt ihn aus dem Streit um das Halsband der Zwerge und den darin gefassten Silmaril erwachsen und bindet ihn eng an Thingols Tod. Solche Abweichungen sind keine Lesarten innerhalb einer Fassung, sondern Zeugnisse einer eigenen, später verlassenen Konzeption.

Kanonisch trägt der Band damit die unterste Schicht: Alles, was Tolkien danach schrieb, geht über ihn hinweg, und für Auskunft über Mittelerde hat er keine Geltung. Eine Ausnahme betrifft nicht die Gültigkeit, sondern die Ausführlichkeit. Der Fall Gondolins ist in keiner späteren Fassung noch einmal breit erzählt worden: Das Silmarillion fasst ihn auf wenigen Seiten zusammen, und die späte Bearbeitung, die in der 1980 erschienenen Sammlung nachgelassener Erzählungen steht, bricht ab, ehe sie zum Untergang selbst gelangt. Wer den Hergang der Belagerung und des Ausbruchs überhaupt lesen will, ist auf die frühe Niederschrift angewiesen — ein Rang, den keine andere Erzählung dieses Bandes beanspruchen kann. Ohne Nachfolge geblieben ist schließlich der Rahmen: Die Absicht, die Überlieferung an England zu knüpfen und einen Sterblichen als Zuhörer einzusetzen, gehört zu den frühen Plänen, die Tolkien in seiner Korrespondenz beschrieben hat und die er in dieser Form später fallen ließ.