Herkunft und Namen

Earendur von Andúnië führt einen Namen aus dem Quenya, dem Hocheldarin, wie er im Haus der Herren von Andúnië über die Geschlechter hinweg gebräuchlich blieb. Sein erstes Glied ist eär, das Wort für das Meer, das auch in Earendil steckt und in der númenórischen Namengebung häufig wiederkehrt; der zweite Bestandteil gehört zu einem Element, das Dienst und Ergebenheit ausdrückt und ebenso in Isildur erscheint. Eine ausdrückliche Übersetzung des ganzen Namens gibt Tolkien an keiner Stelle, sodass die Deutung über die Bestandteile nicht hinausgeführt werden sollte. Einmalig ist der Name im übrigen nicht: Auch der zehnte König von Arnor trug ihn, eine gänzlich andere Gestalt einer späteren Zeit in Mittelerde, mit der der Herr von Andúnië nur die Sprachform gemein hat.

Er gehörte den Númenórern an, und zwar jenem Zweig, der im Westen der Insel saß, an der Bucht und im Hafen von Andúnië, der dem Blick nach Eressëa zugewandt war. Das Geschlecht dieser Herren leitete sich von Silmarien her, der ältesten Tochter Tar-Elendils; ihr Sohn Valandil war der erste Herr von Andúnië, und das Amt ging fortan in gerader Folge weiter. Die Herren zählten zu den Getreuen, den Elendili, die an der Freundschaft mit den Eldar und an den Elbensprachen festhielten, auch als am Königshof adûnaische Namen und eine kühlere Haltung gegenüber dem Westen aufkamen; darin erklärt sich die Sprachform des Namens Earendur ohne weiteres. Als fünfzehnter Träger dieses Amtes steht er in einer Reihe, die nur an ihren Enden greifbar ist: Zwischen dem ersten und dem fünfzehnten Herrn ist kein Name überliefert. Diese Lücke ist eine der Quellen, nicht der Überlieferungsordnung, und lässt sich nicht auffüllen.

Über Earendur selbst ist außer dem Amt kaum etwas festgehalten; weder Lebensjahre noch die Dauer seiner Herrschaft werden angegeben, und keine Handlung wird ihm zugeschrieben. Genannt wird er vor allem als genealogischer Bezugspunkt, nämlich als Bruder Lindóries und als Großvater Númendils, wobei die Generation zwischen beiden — sein Kind und Elternteil Númendils — unbenannt bleibt. Über Lindórie reicht das Haus in die Königssippe hinein, denn ihre Tochter Inzilbêth wurde Königin von Númenor, ohne dass Earendur dabei eine eigene Rolle zugewiesen bekäme. So bleibt er eine Gestalt, deren Umriss sich allein aus Verwandtschaft und Amt ergibt: ein Name in der Kette, der die Getreuen mit dem späteren Geschick ihres Hauses verbindet.

Zeitliche Einordnung und die Jahre seines Amtes

Eine Ereignisfolge im gewöhnlichen Sinn lässt sich für Earendur nicht aufstellen. Die Überlieferung nennt weder ein Geburts- noch ein Todesjahr, weder den Antritt noch das Ende seines Amtes, und sie schreibt ihm keine einzige datierte Handlung zu. Was von ihm bleibt, steht in einer beiläufigen Erläuterung innerhalb der Königsfolge von Númenor, wo er allein deshalb genannt wird, um die Herkunft einer Königin und die Abstammung eines späteren Herrn zu klären. Eine Geschichte seiner Jahre kann daher nur mittelbar geschrieben werden: über jene Gestalten seiner Umgebung, für die Jahreszahlen vorliegen. Das Ergebnis sind Zeiträume, keine Daten, und diese Unterscheidung sollte an keiner Stelle verwischt werden.

Der belastbarste Anhaltspunkt ergibt sich über die Schwester. Lindóries Tochter Inzilbêth wurde mit Ar-Gimilzôr vermählt, der von 3102 bis 3177 des Zweiten Zeitalters das Zepter führte; der ältere ihrer beiden Söhne, Inziladûn, kam 3035 zur Welt, der jüngere, Gimilkhâd, wenige Jahre danach. Da die Ehe demnach vor 3035 geschlossen wurde, liegt Lindóries eigene Lebenszeit in den Jahrzehnten davor, und Earendur als ihr Bruder gehört derselben Generation an. Sein Amt fällt somit mit einiger Wahrscheinlichkeit in das dreißigste Jahrhundert des Zweiten Zeitalters oder in die Jahre unmittelbar davor. Mehr gibt die Quellenlage nicht her; ein Jahr für seinen Amtsantritt ist nirgends überliefert, und jede engere Ansetzung wäre geraten.

In den so umrissenen Zeitraum fällt die schärfste Wendung der Krone gegen die Getreuen. Ar-Gimilzôr, der Gemahl seiner Nichte, untersagte den Gebrauch der Elbensprachen und ließ jene verfolgen, die die Schiffe aus dem Westen noch empfingen — Schiffe, die zuletzt ohnehin ausblieben. Vor allem aber zwang er die Getreuen, die im Westen der Insel saßen, ihre Sitze zu räumen und sich an der Ostküste bei Rómenna niederzulassen, wo sie leichter zu beaufsichtigen waren. Damit verlor die Gegend um Andúnië ihre Bedeutung als Sammelpunkt dieser Sippen. Ob Earendur diese Maßnahmen noch erlebte oder ob erst sein Nachfolger im Amt sie hinnehmen musste, sagen die Quellen nicht.

Folgenlos blieb die Verbindung seines Hauses zum Königshof gleichwohl nicht. Inzilbêth war, von der Mutter her geprägt, im Herzen den Getreuen zugetan und der Ehe nicht aus freiem Willen gefolgt; ihr älterer Sohn geriet nach ihr, und als er 3177 die Herrschaft übernahm, nahm er mit Tar-Palantir wieder einen Namen in eldarischer Sprache an und wandte sich den alten Bräuchen zu. Er pflegte den Weißen Baum in Armenelos und sprach die Voraussage aus, dass mit dem Vergehen des Baumes auch die Linie der Könige enden werde. Diese Umkehr der Jahre von 3177 bis 3255 geht mittelbar auf die Erziehung im Hause Lindóries zurück, also auf jene Sippe, der Earendur vorstand; ihm selbst wird dabei kein Anteil zugeschrieben.

Die Reihe, in der er steht, führt über seinen Enkel Númendil zu Amandil, dem letzten Herrn von Andúnië, und weiter zu dessen Sohn Elendil. Amandil zählte in jüngeren Jahren zu den Vertrauten Pharazôns, wurde jedoch aus dem Rat entfernt, nachdem Sauron als Gefangener auf die Insel gebracht worden war und dort binnen weniger Jahre die Oberhand über den Willen des Königs gewann. Zuletzt fuhr Amandil selbst nach Westen, um Fürsprache für sein Volk zu suchen, und kehrte nicht wieder; Elendil hielt unterdessen die Schiffe der Getreuen vor der Ostküste bereit. Drei Geschlechter nach Earendur erlosch damit das Amt, das er als fünfzehnter geführt hatte.

Der Untergang Númenors im Jahre 3319 des Zweiten Zeitalters setzte dem Ganzen ein Ende, das für Earendur selbst nicht mehr bezeugt ist. Elendil und seine Söhne Isildur und Anárion erreichten mit den Schiffen die Küsten Mittelerdes und gründeten dort die Reiche der Verbannten, Arnor im Norden und Gondor im Süden; von diesen Ereignissen her ist sein Name überhaupt erst aufgeschrieben worden. Für ihn bleibt es bei der Stellung im Stammbaum: kein Sterbejahr, keine Grabstätte, keine Tat, kein Wort. Wer diese Leerstellen füllen wollte, ergänzte nicht eine unvollständige Aufzeichnung, sondern erfände, was Tolkien nicht überliefert hat.

Das Amt von Andúnië: Rang, Einfluss und dessen Grenzen

Das Amt, das Earendur führte, war eine Herrschaft über Land und Hafen im Westen der Insel, verbunden mit einem Rang, der weit über den einer bloßen Landesherrschaft hinausreichte. Weil die Herren von Andúnië aus dem Königsgeschlecht stammten, zählten sie zu den vornehmsten Geschlechtern Númenors, und über die Zeiten hinweg gehörten sie regelmäßig zu den ersten Ratgebern des Zepters. Ihr Gewicht ruhte also auf zweierlei: auf der Verwandtschaft mit dem Herrscherhaus und auf einem Sitz im Rat des Königs, der ihnen Gehör, nicht aber Verfügungsgewalt verschaffte. Als fünfzehnter Inhaber steht Earendur in dieser Ordnung; ob er den Rat je beschickte, welche Stimme er dort führte und wie weit sein Ansehen bei Hofe reichte, sagt keine Quelle. Was sich über seine Stellung sagen lässt, ist mithin die Stellung des Amtes, nicht die des Mannes.

Nach oben hin war dieser Rang deutlich begrenzt. Das Zepter selbst fiel dem Haus zu keiner Zeit zu, denn als Silmarien geboren wurde, galt noch die ältere Ordnung, nach der die Herrschaft dem ältesten Sohn zukam; erst Tar-Aldarion setzte fest, dass die älteste Tochter folgen solle, wenn keine Söhne vorhanden waren, und diese Neuerung wirkte nicht zurück. Übrig blieb eine Nebenlinie von höchstem Ansehen ohne jeden Anspruch auf die Krone. Auch der Einfluss im Rat blieb, was sein Name sagt: Die Herren rieten zur Mäßigung und hielten dem Zepter die Treue, selbst als die Könige einen anderen Weg einschlugen, und ein Mittel, ihnen zu wehren, hatten sie nicht. Gegenüber den Getreuen wiederum war ihre Führung eine des Ansehens und der Herkunft, kein Amt des Reiches mit Befehlsgewalt.

Von Fähigkeiten im engeren Sinne ist bei den Herren von Andúnië nirgends die Rede: keine Kunst, keine Gabe, keine Waffe wird ihnen als Geschlecht zugeschrieben, und für Earendur gilt das ohne Einschränkung. Zwei Dinge von Gewicht hat die Überlieferung mit dem Haus verknüpft, doch beide führen an ihm vorbei — der Ring Barahirs, der über Silmarien in die Linie kam, und die Palantíri, die die Eldar erst Amandil als Trost für die Getreuen übergaben. Weder das eine noch das andere wird in Earendurs Hand bezeugt. Sein Anteil an Macht ist damit genau so groß wie das Amt, das er trug, und was er daraus machte, hat niemand aufgeschrieben.

Sippe, Zugehörigkeit und das Schweigen um ihn

Was an Bindungen von Earendur bezeugt ist, weist durchweg von ihm fort. Genannt wird er dort, wo eine andere Gestalt einzuordnen war: einmal, um die Herkunft einer Königin zu erklären, einmal, um die Abstammung eines späteren Herrn zu sichern. Kein Satz führt umgekehrt auf ihn zu, keine Verbindung ist um seiner selbst willen aufgeschrieben worden. Damit erscheint er in den Quellen weniger als ein Mann mit einem Kreis von Angehörigen denn als Knoten, über den zwei fremde Linien aneinandergebunden werden. Diese Richtung der Bezeugung bestimmt alles, was sich über seine Beziehungen überhaupt sagen lässt.

Auffällig ist vor allem, was fehlt. Eine Gemahlin wird nirgends genannt, und ebenso wenig treten Vater oder Mutter mit Namen hervor, obwohl er ein ererbtes Amt führte. Auch seine Vaterschaft ergibt sich nur rückwärts, aus der Stellung des Enkels, während das Kind selbst ohne Namen bleibt; und aus der langen Reihe der Herren von Andúnië tritt weder vor noch nach ihm jemand namentlich an seine Seite. Kein Gefährte ist überliefert, kein Lehrer, kein Gefolgsmann. Was sonst eine Lebensbeschreibung trägt — Freundschaft, Bündnis, Feindschaft —, bleibt hier unbesetzt: Bezeugt sind zwei Blutsverwandte, und beide gehören der Sache nach anderen Erzählungen an.

Seine einzige weitere Zugehörigkeit gilt einer Partei, nicht einzelnen Personen. Als Herr von Andúnië stand er unter den Getreuen, denen die Eldar aus Eressëa lange Zeit begegneten, zuletzt nur noch heimlich, und die an der alten Freundschaft festhielten, während am Hof die Gegenpartei erstarkte. Ein Gegenspieler mit Namen wird ihm gleichwohl an keiner Stelle zugeordnet; der Widerstreit dieser Jahre verlief zwischen Lagern, und er steht darin allein durch sein Haus. So sagen seine Beziehungen am Ende dies: dass eine Gestalt in dieser Überlieferung ganz von denen her bestimmt sein kann, die sie miteinander verbindet.