Herkunft und Namen
Earendil wurde in Gondolin geboren, der verborgenen Stadt Turgons, und vereinte von Geburt an zwei Geschlechter in sich. Sein Vater Tuor entstammte dem Hause Hador, einem der Häuser der Edain, und war der Sohn Huors; seine Mutter Idril Celebrindal war Turgons einzige Tochter und damit eine Fürstin jener Noldor, die aus Valinor nach Mittelerde zurückgekehrt waren. Damit gehörte er weder ganz zu den Menschen noch ganz zu den Elben, sondern zu jener kleinen Gruppe, die in den Überlieferungen als Halbelben geführt wird. Die ausführlichste Darstellung der Umstände, unter denen Tuor die verborgene Stadt erreichte und Idril zur Frau nahm, findet sich in der unvollendet gebliebenen späten Erzählung, die Tuors Weg bis zum Tor Gondolins verfolgt und dort abbricht.
Der Name selbst ist Quenya. Das Element ëar bezeichnet das Meer, die in Personennamen häufige Endung -(n)dil eine zugewandte, uneigennützige Neigung zu einer Sache; zusammengenommen ergibt sich ungefähr „der dem Meer Ergebene“. Die Trema über dem ë ist eine Lesehilfe für neuzeitliche Leser: Sie zeigt an, dass e und a zwei getrennte Silben bilden und nicht als Doppellaut zu sprechen sind. Der Beiname „der Seefahrer“ knüpft an dieselbe Bedeutung an und begleitet den Namen in fast allen Quellen. „Halbelb“ wiederum benennt keine eigene Art oder Rasse, sondern allein die gemischte Abkunft, die er später an seine Söhne weitergab.
In den zu Tolkiens Lebzeiten erschienenen Büchern tritt Earendil vor allem als überlieferte Gestalt auf: In Bruchtal, im Hause Elronds, wird sein Name in elbischer Dichtung besungen, und die Stammtafeln der Anhänge ordnen ihn genealogisch ein. Dort ist verzeichnet, dass er Elwing zur Frau nahm, die Tochter Diors und damit eine Nachfahrin Berens und Lúthiens, und dass ihre Söhne Elros und Elrond hießen. In seinem Haus traf mithin die Linie des Königs von Gondolin mit jener des Menschen Beren und der Elbin Lúthien zusammen — eine Verbindung, die für die spätere Geschichte der Menschen wie der Elben von Gewicht blieb, weil sich aus ihr sowohl das Königsgeschlecht von Númenor als auch der Herr von Bruchtal herleiten.
Geschichte
Die erste Wende in Earendils Leben traf ihn als Kind. Er zählte sieben Jahre, als Gondolin an einem Festtag zu Beginn des Sommers überfallen wurde; Maeglin, der die Stadt an Morgoth verraten hatte, griff im Getümmel nach ihm und nach Idril, doch Tuor stieß den Verräter von den Mauern. Durch den geheimen Gang, den Idril lange zuvor unter der Ebene hatte anlegen lassen, entkam eine kleine Schar dem Brand. Ihr Weg führte in die Berge hinauf zum schmalen Pass Cirith Thoronath, wo ein Balrog die Flüchtenden stellte: Glorfindel trat ihm entgegen und stürzte mit ihm in den Abgrund, und Thorondor trug seinen Leichnam herauf, damit er unter einem Steinhügel bestattet werden konnte.
Die Überlebenden zogen südwärts und siedelten an den Mündungen des Sirion, wo sich Flüchtlinge aus mehreren zerschlagenen Reichen sammelten. Dort wuchs Earendil heran; dorthin kam auch Elwing, nachdem Doriath endgültig zerfallen war, und mit ihr der Silmaril, den Beren und Lúthien einst Morgoth entrissen hatten. Tuor aber spürte im Alter das Verlangen des Meeres, baute das Schiff Earráme und fuhr mit Idril nach Westen; keine Kunde kam je zurück, und die Lieder sagen, er sei als einziger Sterblicher dem älteren Geschlecht zugezählt worden. So wurde Earendil noch jung zum Herrn des Volkes an den Häfen. In der Freundschaft Círdans entstand ihm die Vingilot, das schönste der Schiffe jener Tage.
Von da an bestimmte die Seefahrt sein Leben. Drei Gefährten begleiteten ihn ständig – Falathar, Erellont und Aerandir –, während er die Küsten Mittelerdes abfuhr und in unbekannte Gewässer vorstieß. Zwei Beweggründe werden genannt: die Hoffnung, Tuor und Idril wiederzufinden, und der Wunsch, den Westen zu erreichen, um den Valar die Not der Elben und der Menschen vorzutragen. Die Schattenmeere und die Verzauberten Inseln aber wiesen ihn stets zurück; Wind und Bann trieben ihn nach Osten, sooft er es versuchte. Elwing blieb in dieser Zeit an den Häfen zurück, und Earendil fand auf keiner Fahrt Ruhe.
Während einer dieser Fahrten erfuhren die Söhne Feanors, dass der Silmaril am Sirion verwahrt wurde. Ihre Forderungen blieben unbeantwortet, und so kam es zum dritten Verwandtenmord unter den Eldar: Die Häfen wurden verwüstet, und Elwing stürzte sich mit dem Stein von der Klippe ins Meer. Ulmo hob sie empor, und in der Gestalt eines weißen Vogels erreichte sie das Schiff ihres Gemahls. Elros und Elrond fielen dabei in die Hand Maglors, der sie am Leben ließ und aufzog. Mit dem Silmaril an Bord jedoch lag der Weg nach Westen zum ersten Mal offen, und Earendil wandte den Bug endgültig dorthin.
Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.
Schicksal
Er ließ die Gefährten am Strand zurück und betrat als erster lebender Mensch das Ufer von Aman; Elwing ging gegen seinen Willen mit ihm. Das Land lag verlassen, denn die Valar und die Eldar waren zu einem Fest auf dem Taniquetil versammelt, und Eonwe, der Herold Manwes, empfing ihn und geleitete ihn vor den Ring der Mächte. Dort sprach er als Bote beider Geschlechter und bat um Verzeihung für die Noldor, um Erbarmen für die Menschen und um Beistand gegen Morgoth. Manwe sprach ihn von der Strafe frei, die auf dem Betreten des verbotenen Landes lag, untersagte ihm aber die Rückkehr nach Mittelerde; ihm und Elwing wurde die Wahl gestellt, welchem Geschlecht sie zugerechnet werden wollten, und beide entschieden sich für die Elben. Die Vingilot wurde geweiht und über die Grenzen der Welt in die Himmel gehoben, wo Earendil sie mit dem Silmaril auf der Stirn steuert; in Mittelerde nannte man den neuen Stern Gil-Estel, und Maedhros erkannte an seinem Licht, was aus dem Juwel geworden war.
Auf seine Bitte hin zog das Heer des Westens nach Beleriand, und der Krieg des Zorns endete mit dem Sturz Angbands. In der letzten Schlacht ließ Morgoth die geflügelten Drachen los, deren größter Ancalagon der Schwarze war; sie drängten das Heer zurück, bis Earendil in der Vingilot vom Himmel herabkam, begleitet von Thorondor und den großen Vögeln. Der Kampf währte einen Tag und eine Nacht, dann fiel Ancalagon und zerbrach im Sturz die Türme des Thangorodrim. Morgoth wurde gebunden und durch die Tür der Nacht in die Zeitlose Leere gestoßen; seither hält Earendil auf den Wällen des Himmels Wache gegen dessen Rückkehr. Seinen Söhnen aber wurde jene Wahl zwischen den Geschlechtern offengelassen, die zuvor ihm selbst auferlegt worden war.
Rolle und Fähigkeiten
Im Gefüge des Legendariums steht Earendil nicht als Krieger, sondern als Bote. Was ihn von allen anderen unterscheidet, ist keine besondere Kraft, sondern eine Stellung: Weil in ihm die Abkunft der Edain und der Eldar zusammentrifft, konnte er vor den Mächten des Westens für beide Geschlechter zugleich sprechen, und die Überlieferung begründet den Erfolg seiner Fahrt ausdrücklich damit. Sein Wirken ist mithin ein Vermittlungswerk: Er trägt eine Bitte vor, die Entscheidung selbst aber liegt bei den Valar, und alles, was danach geschieht, geht von deren Ratschluss aus, nicht von seinem Arm. Auch der Titel eines Herrn über das Volk an den Mündungen des Sirion verlieh ihm keine Macht, die über die eines Anführers unter Flüchtlingen hinausging.
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Schicksal
Seine eigentlichen Mittel sind bescheiden und werden in den Quellen genau benannt: Seefahrtskunst, ein von Círdan gebautes Schiff, drei Gefährten und die Gunst Ulmos, der ihn auf den Wassern behütete. Diese Mittel reichten nicht aus. Die Schattenmeere und die Verzauberten Inseln wiesen ihn über Jahre hinweg zurück, und erst der Silmaril auf seiner Stirn öffnete den Weg – die wirksame Kraft liegt also im Juwel und in dem, was Elwing rettete, nicht in ihm selbst. Ebenso wenig hat er sein späteres Amt aus eigenem Vermögen: Die Vingilot wurde von den Valar geweiht und über die Grenzen der Welt gehoben, und die Bahn, die er seither zieht, ist ihm zugewiesen. Sie ist zugleich eine Schranke, denn die Rückkehr nach Mittelerde blieb ihm untersagt; selbst Elwing, für die an der Küste ein weißer Turm errichtet wurde, sieht ihn nur, wenn sie in Vogelgestalt dem heimkehrenden Schiff entgegenfliegt.
In den späteren Zeitaltern wirkt er nur noch als Zeichen, und gerade darin liegt sein Gewicht. Sein Licht wies den Edain den Weg zu der Insel, die ihnen gegeben wurde, und im Dritten Zeitalter ist es in dem Fläschchen bewahrt, das Galadriel dem Ringträger beim Abschied aus Lórien mitgibt; im Dunkel unter Cirith Ungol ruft Frodo in elbischer Sprache den Namen des Sterns an, und das Licht vermag zurückzudrängen, was kein Schwert erreicht. Bezeichnend bleibt jedoch, dass der Träger des Sterns selbst nicht eingreift: Er erscheint nicht, spricht nicht und wendet keine Not ab. Was von ihm bis zuletzt bleibt, ist ein Schein am Himmel, an dem sich Hoffnung festmachen lässt – und eine Wache, die eine Rückkehr abwehren soll, die noch aussteht.
Verwandte und Gegenspieler
Betrachtet man allein die Verwandtschaft, steht Earendil an einem Knotenpunkt von Häusern, die einander sonst kaum berührten. Sein Großvater väterlicherseits war Huor, der Bruder Húrins; damit lief die Geschichte des Hauses Hador in zwei Zweigen nebeneinander her, und Túrin, Húrins Sohn, war ein naher Verwandter, dem er nie begegnete. Mütterlicherseits führte die Linie über Turgon zu Fingolfin und damit in die vorderste Reihe der Noldorfürsten, was seiner späteren Fürsprache in Aman ein Gewicht gab, das er sich nicht erworben hatte. Aus demselben engen Kreis kam auch Maeglin, der Sohn von Turgons Schwester: Die Gefahr, die dem Kind in der brennenden Stadt am unmittelbarsten drohte, kam nicht von außen, sondern aus der eigenen Sippe.
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Schicksal
Die Ehe mit Elwing verband ihn mit dem Erbe Doriaths, doch die Überlieferung zeichnet diese Verbindung vor allem als eine Reihe von Trennungen. Während der langen Fahrten blieb sie zurück; als sie ihn endlich erreichte, geschah es in fremder Gestalt und nach dem Untergang der gemeinsamen Heimstatt. Beide entschieden sich später für dasselbe Geschlecht, und dennoch blieb ihnen ein gemeinsamer Ort versagt – er auf seiner Bahn, sie am Ufer. Ihre Söhne wuchsen nicht bei den Eltern auf, sondern bei Maglor, einem jener Männer, die den Überfall geführt hatten; dass gerade er die Kinder aufzog und ihnen zugetan wurde, gehört zu den auffälligsten Wendungen dieser Familiengeschichte. Aus der unterschiedlichen Wahl von Elros und Elrond wurden dann zwei getrennte Überlieferungen: die der Könige jenseits des Meeres und die des Hauses in Bruchtal.
Außerhalb der Sippe sind seine Bindungen knapp und zweckgebunden. Círdan gab ihm das Schiff, drei Seefahrer teilten jahrelang die Fahrten mit ihm, ohne dass ihnen die Quellen mehr als Treue zuschreiben, und Ulmo, der schon dem Vater zugetan gewesen war, behütete den Sohn auf den Wassern – eine Gunst, die sich von einer Generation auf die nächste vererbte. Auf der Gegenseite steht keine persönliche Feindschaft, sondern ein Geflecht von Ansprüchen: Der Eid der Söhne Feanors traf sein Haus zweimal, erst in Doriath, dann an den Mündungen, und machte entfernte Verwandte zu Gegnern. Morgoth trat ihm nie von Angesicht gegenüber; diese Feindschaft blieb mittelbar und entschied sich am Ende zwischen Schiff und Drachen. Bezeichnend ist auch, wer ihn im Westen empfing: nicht ein Bundesgenosse, sondern ein Herold, der ihn an jene weiterreichte, bei denen die Entscheidung lag.
Entwürfe und Varianten
Die Figur gehört zu den ältesten Bestandteilen des Legendariums und ist älter als nahezu alles, was sie später umgibt. Am Anfang stand kein Erzählentwurf, sondern ein Wort: ein altenglischer Ausdruck, den Tolkien in angelsächsischer Dichtung als Anrede an einen strahlenden Boten fand und der ihn schon in seinen Studienjahren zu einem eigenen Gedicht über einen Schiffer am Abendhimmel bewegte. Aus diesem Kern wuchs die Gestalt in die entstehende Mythologie hinein, wo sie zunächst durchgehend die Form Eärendel trägt. Die frühen Aufzeichnungen und Entwurfsreihen sind auffällig unfertig und in sich uneinheitlich: Die Abkunft von Tuor und Idril steht bereits fest, die Zahl und die Namen der Schiffe schwanken jedoch, und der Name Eärámë gehört dort noch dem Sohn und nicht, wie in der späteren Fassung, dem Vater. Die stärkste Abweichung betrifft den Ausgang der Fahrt: Der Seefahrer erreicht die Stadt der Elben im Westen verlassen und zu spät, sodass sein Anliegen die Hilfe aus Valinor gerade nicht auslöst.
Erst die zusammenhängende Prosafassung der frühen dreißiger Jahre rückte die Bitte an die Mächte in die ursächliche Stellung, die sie im veröffentlichten Text einnimmt, und band den Silmaril fest an die Fahrt. Diese Schicht blieb für den Schluss der Erzählung maßgeblich, denn die späteren, sehr ausführlichen Überarbeitungen setzten früher an und erreichten das Ende nicht mehr; die gedruckte Darstellung ruht deshalb auf vergleichsweise altem Grund. Parallel dazu festigte sich die Namensform: Aus Eärendel wurde Earendil, womit der Name sich der Bildungsweise anderer Quenya-Namen anglich. Ein eigener Entwicklungsstrang liegt bei den Arbeiten zum Ringroman, wo das in Bruchtal vorgetragene Lied über zahlreiche Stufen aus einem älteren, ursprünglich heiter-spielerischen Gedicht hervorging und erst allmählich in den Ton und den Stoff der Seefahrt überführt wurde.