Name und Bedeutung

Der Name der Insel beschreibt ihre Lage. Nachdem Ulmo das Eiland durch die Bucht von Eldamar geführt hatte und es dort vor der Küste Amans zum Stehen gekommen war, blieb es als einzige Landmasse in diesen Gewässern zurück, ohne Nachbarn im offenen Meer. Nach dieser Abgeschiedenheit erhielt es den Namen Tol Eressea, die Einsame Insel. Das Silmarillion nennt keinen einzelnen Namengeber, sondern stellt die Benennung als Sprachgebrauch der Eldar dar, die zuerst auf ihr lebten. Der Name hält also keine Tat und keine Person fest, sondern das Bild, das die Insel für ihre ersten Bewohner bot.1

Beide Bestandteile lassen sich aus Tolkiens Verzeichnis der Namenselemente im Anhang des Silmarillion erschließen. Das Wort „tol“ bezeichnet dort eine Insel, genauer eine, die mit steilen Flanken aus dem Meer oder aus einem Fluss aufragt; dasselbe Element kehrt in anderen Inselnamen der Überlieferung wieder. „Eressea“ gehört zu dem Stamm, der „eins“ und „allein“ bedeutet und auch in Namen wie Eru, dem Einen, oder in Erchamion, dem Einhändigen, erscheint. Die Wendung ist damit wörtlich zu lesen und zielt nicht auf Verlassenheit im Sinn von Trauer, sondern auf das Alleinstehen. In der Erzählung von Numenor wird die Insel häufig nur mit dem zweiten Wort, Eressea, bezeichnet, während ihr Hafen Avallone einen eigenen Namen trägt.2

Im englischen Original steht über dem zweiten e der Endung ein Trema. Es zeigt nach Tolkiens eigener Aussprachelehre an, dass der Vokal eigens gesprochen wird und mit dem folgenden a keinen Doppellaut bildet; der Name hat also vier Silben nach dem „tol“, betont auf der zweiten. Die deutschen Ausgaben lassen das Zeichen durchweg fort und schreiben Tol Eressea, ohne dass sich die Aussprache dadurch ändern soll. Neben der elbischen Form steht im Deutschen die übersetzte Beifügung „die Einsame Insel“, die den Sinn des Namens unmittelbar wiedergibt.3

  1. 1Das Silmarillion, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië
  2. 2Das Silmarillion, Anhang: Elements in Quenya and Sindarin Names; Das Silmarillion, Akallabêth
  3. 3Der Herr der Ringe, Anhang E, I. Pronunciation of Words and Names

Land und Lage

Tol Eressea ist ursprünglich kein fest gegründetes Land, sondern eine schwimmende Insel. Ulmo nutzte sie zur Zeit der Bäume als Fährschiff: Auf ihr brachte er zuerst die Vanyar und die Noldor über das Große Meer, später auch die Teleri. Bei der ersten Überfahrt lief das östliche Ende der Insel in den Untiefen vor den Mündungen des Sirion auf Grund. Nach der Überlieferung brach es dabei ab, blieb zurück und wurde zur Insel Balar. Tol Eressea ist demnach das größere Stück eines Landes, dessen kleinerer Teil vor der Küste Beleriands liegen blieb.1

Als die Teleri nahe Aman angelangt waren und in dem Land bleiben wollten, das sie unter den Sternen erreicht hatten, verankerte Osse die Insel auf ihr Bitten hin am Meeresgrund. Seither liegt sie fest in der Bucht von Eldamar, dem Festland Amans vorgelagert, in Sichtweite der unsterblichen Küste und doch durch Wasser von ihr getrennt. Ihre Westseite öffnet sich zur Calacirya, dem Pass durch die Berge von Aman, durch den das Licht der Bäume ins Freie fiel. Dieses Licht erreichte die Insel, und ihr westliches Ufer wurde grün und fruchtbar. Dort blühten die ersten Blumen östlich der Berge. Die lange Absonderung der Teleri auf der Insel führte zudem dazu, dass ihre Sprache sich von der ihrer Verwandten entfernte, bis viele von ihnen an die nahe Küste nach Alqualonde übersiedelten.2

Im Zweiten Zeitalter lag die Insel westlich von Numenor, nahe genug für einen Austausch. Weitsichtige, die auf dem Gipfel des Meneltarma standen, konnten an klaren Tagen im Westen einen weißen Turm am Hafen Avallone erkennen. Von dort segelten die Eldar nach Numenor und brachten Gaben mit, darunter Pflanzen und Quellen ihrer Insel. Mit dem Untergang Numenors änderte sich die Lage grundlegend. Aman und Eressea wurden aus den Kreisen der Welt genommen und sind seitdem über die gewöhnlichen Meere nicht mehr zu erreichen, sondern nur noch auf der Geraden Straße, die allein Elbenschiffen offensteht.3

  1. 1Das Silmarillion, Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor
  2. 2Das Silmarillion, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië
  3. 3Das Silmarillion, Akallabêth

Geschichte

Nachdem Osse die Insel in der Bucht von Eldamar festgemacht hatte, wurde sie für eine lange Zeit das Land der Teleri. Sie lebten dort am Rand der unsterblichen Küste, ohne sie selbst zu betreten, und blieben so von ihren Verwandten auf dem Festland getrennt. Mit der Zeit zog es sie jedoch zum Licht und zu den Vanyar und Noldor hinüber. Osse fügte sich darein, obwohl ihm der Abschied schwerfiel: Er lehrte die Teleri den Schiffbau und gab ihnen zuletzt Schwäne mit, die ihre Schiffe über das schmale Wasser an die Küste Amans zogen. Dort gründeten sie Alqualonde, den Schwanenhafen, und mit dieser Übersiedlung endete die Zeit, in der die Insel die Hauptwohnstatt eines Elbenvolkes war.1

Nach der Verdunkelung Valinors und dem Auszug der Noldor verschlossen die Valar den Westen gegen jede Annäherung aus Mittelerde. Sie erhöhten die Berge von Aman und legten im Meer eine Kette verzauberter Inseln aus, umgeben von schattigen Gewässern, die sich von Norden nach Süden erstreckten. Diese Sperre lag östlich von Tol Eressea, sodass jeder, der nach Westen segelte, auf sie stieß, bevor er die Einsame Insel erreichen konnte. Wer dort strandete, verfiel in Schlaf und kam nicht mehr frei. Erst Earendil gelang es gegen Ende des Ersten Zeitalters, die Inseln zu passieren und ihrem Bann zu entgehen, bis er die Bucht von Eldamar erreichte.2

Mit dem Krieg des Zorns und dem Sturz Morgoths änderte sich die Bestimmung der Insel. Den Eldar in Mittelerde, auch den heimgekehrten Verbannten der Noldor, wurde erlaubt, in den Westen zurückzukehren. Wer diesem Ruf folgte, ließ sich vielfach auf Eressea nieder, von wo man sowohl nach Westen als auch hinüber nach Osten blicken konnte und dennoch den Weg nach Valinor offen hatte. Die Neuankömmlinge legten an der Ostseite den Hafen Avallone an, die dem Außenmeer zugewandte Stadt der Unsterblichen Lande. Als sich die Numenorer später vom Westen abwandten, kamen die Schiffe der Eldar seltener zu ihnen und zuletzt nur noch verborgen zu jenen, die der alten Freundschaft treu geblieben waren.3

Die schwerste Bedrohung erfuhr die Insel am Ende des Zweiten Zeitalters. Im Jahr 3319 brach Ar-Pharazon mit seiner großen Flotte nach Westen auf, um das Verbot der Valar zu brechen und die Unsterblichen Lande mit Gewalt zu nehmen. Seine Schiffe umschlossen Tol Eressea so dicht, dass ihr Schatten das Abendlicht von der Insel fernhielt, und die Eldar klagten darüber. Die Numenorer zogen jedoch weiter und betraten die Küste Amans. Daraufhin legten die Valar ihre Herrschaft nieder, Iluvatar veränderte die Gestalt der Welt, Numenor versank, und mit Aman wurde auch Eressea den Menschen entrückt.4

Die Insel selbst blieb bestehen und bewohnt, doch der Zugang war nun auf die Gerade Straße beschränkt. Nach der Überlieferung der Menschen führte sie die Elbenschiffe, die Mittelerde verließen, nach Tol Eressea und vielleicht noch weiter bis nach Valinor. Durch das ganze Dritte Zeitalter hindurch legten solche Schiffe von den Grauen Anfurten ab, wo Cirdan sie bereithielt. Am 29. September 3021 des Dritten Zeitalters fuhren von dort Elrond und Galadriel mit Gandalf, Bilbo und Frodo Beutlin hinaus, die beiden Ringträger unter ihnen. Der Bericht nennt den Ort ihrer Ankunft nicht mit Namen, sondern schildert nur, wie Frodo am Ende der Fahrt eine helle Küste und ein grünes Land vor sich sieht. So bleibt Eressea im Rückblick der Chroniken das Tor, an dem die Reise aus Mittelerde endet.5

  1. 1Das Silmarillion, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië
  2. 2Das Silmarillion, Of the Sun and Moon and the Hiding of Valinor; Das Silmarillion, Of the Voyage of Eärendil and the War of Wrath
  3. 3Das Silmarillion, Of the Voyage of Eärendil and the War of Wrath; Das Silmarillion, Akallabêth
  4. 4Das Silmarillion, Akallabêth; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
  5. 5Das Silmarillion, Akallabêth; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Der Herr der Ringe, Buch VI, Kap. 9

Völker und Herrschaft

Die ersten Bewohner der Insel waren die Teleri, genauer jener Teil des Volkes, der Ulmos Ruf bis ans Ende gefolgt war. Ihr Anführer war Olwe. Sein Bruder Elwe, nach dem die Teleri auf dem langen Marsch ursprünglich gezählt hatten, war in Beleriand zurückgeblieben, und so ging die Führung auf Olwe über. Er blieb ihr Herr über die Zeit auf der Insel hinaus und ebenso nach der Übersiedlung an die Küste. Eine eigene Herrscherlinie, die allein über Tol Eressea gebot, nennt die Überlieferung dagegen nicht. Die Insel erscheint vielmehr als Wohnraum eines Volkes, dessen Führung sich an sein Volk band und nicht an einen Ort.1

Nach dem Ende des Ersten Zeitalters änderte sich die Zusammensetzung der Bewohner. Nun kamen Elben aus Mittelerde, und zwar nicht mehr nur Teleri. Unter ihnen waren Noldor, die einst gegen den Willen der Valar ausgezogen waren, sowie Elben anderer Herkunft. Ihre Aufnahme beruhte auf der Vergebung, die die Valar nach dem Sieg über Morgoth aussprachen. Damit gehörte die Insel keinem einzelnen Volk mehr, sondern wurde zum gemeinsamen Ort derer, die aus der Ferne zurückkehrten. Oberste Gewalt blieb bei den Valar, unter denen Manwe als König von Arda den Rang des Herrn trug. Auch in dieser Zeit wird kein Fürst der Insel mit Namen genannt.2

Zu den Nachbarn hielten die Bewohner über das Wasser hinweg Verbindung. Auf dem nahen Festland lebten die Verwandten in Alqualonde, weiter landeinwärts lagen die Wohnsitze der Vanyar und Noldor. Nach Osten hin wandten sich die Eldar von Eressea im Zweiten Zeitalter den Numenorern zu. Sie galten dort als Freunde und Lehrer, und die Überlieferung führt einen guten Teil der Kenntnisse und der Sprachkunst der Numenorer auf diesen Umgang zurück. Die Beziehung blieb freilich einseitig geregelt: Die Eldar durften nach Numenor fahren, den Menschen aber war die Fahrt in umgekehrter Richtung durch das Verbot der Valar untersagt. Dieses ungleiche Verhältnis bildete den Hintergrund, vor dem sich die Numenorer später vom Westen abwandten.3

  1. 1Das Silmarillion, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië; Das Silmarillion, Of Thingol and Melian
  2. 2Das Silmarillion, Of the Voyage of Eärendil and the War of Wrath; Das Silmarillion, Of the Beginning of Days
  3. 3Das Silmarillion, Akallabêth

In der Erzählung

Im Silmarillion ist die Einsame Insel selten Schauplatz einer Tat und oft ein Ort des Übergangs. Erzählerisch steht sie zwischen zwei Welten: Sie ist nicht mehr Mittelerde und noch nicht das Land der Valar. An ihr zeigt der Text, wie sich die Wege der Eldar trennen. Die einen drängen zum Licht der Bäume, die anderen verweilen am Meer, dessen Stimme sie nicht loslässt. Die Insel wird so zum Bild eines Volkes, das zögert und sich erst spät entscheidet. Diese Mittelstellung behält sie auch in späteren Kapiteln, wenn sie als äußerster Posten des Westens den Menschen zugewandt bleibt.1

Im Herrn der Ringe fällt der Name der Insel in der eigentlichen Handlung kaum. Ihre Wirkung entfaltet sie als Ahnung. Schon im Haus Tom Bombadils träumt Frodo von einem Vorhang aus Regen und einem fernen, lichten Land dahinter, ohne das Bild deuten zu können. Später bietet Arwen ihm an, an ihrer Stelle in den Westen zu gehen, wenn seine Wunden ihn nicht mehr ruhen lassen. Erst in der Schlussszene an den Grauen Anfurten löst sich der Traum ein, denn Frodo sieht nun wirklich, was er einst nur geträumt hatte. Die Insel bildet damit den stillen Fluchtpunkt, auf den die Erzählung von ihren frühen Kapiteln an zuläuft.2

Tolkien selbst hat erläutert, wie diese Fahrt zu verstehen ist. Nach seinen Briefen bedeutet sie für die sterblichen Ringträger keine Unsterblichkeit. Sie ist eine Gnade, die ihnen eine Zeit der Heilung und des Friedens schenkt, bevor sie aus freiem Willen sterben. Die Insel steht in diesem Sinn für Genesung und nicht für Belohnung durch ewiges Leben. Für den Leser bleibt sie ein Ort, den die Erzählung nur von außen zeigt und dessen Inneres sie offenlässt.3

  1. 1Das Silmarillion, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië; Das Silmarillion, Akallabêth
  2. 2Der Herr der Ringe, Buch I, Kap. 8; Der Herr der Ringe, Buch VI, Kap. 6; Der Herr der Ringe, Buch VI, Kap. 9
  3. 3Briefe, Letter 154; Briefe, Letter 246

Entwürfe und Varianten

In Tolkiens frühesten Erzählungen, dem Buch der Verschollenen Geschichten, bildet Tol Eressea den Rahmen der gesamten Mythologie. Ein seefahrender Mann namens Eriol gelangt dort in die Stadt Kortirion und kehrt im Haus Mar Vanwa Tyalieva ein, dem Häuschen des verlorenen Spiels. Dort erzählen ihm Lindo und Vaire und andere Bewohner die alten Geschichten der Elben und der Götter. Die Insel ist in dieser Fassung also nicht nur ein Ort der Handlung, sondern der Ort, an dem die Überlieferung an einen Menschen weitergegeben wird. Die späteren Werke behalten diese Rolle nur noch als Nachklang.1

Auffälliger als die späteren Fassungen verknüpfte der frühe Entwurf die Insel mit der wirklichen Geografie. Nach den Notizen, die Christopher Tolkien zur Rahmenhandlung auswertet, sollte Tol Eressea am Ende nach Osten gezogen werden und zu England werden. Kortirion entsprach dabei Warwick, der Ort Tavrobel dem Dorf Great Haywood. Mit der späteren Gestalt des Seefahrers, der nun Aelfwine heißt, rückte diese unmittelbare Gleichsetzung zurück, und die Insel blieb fern im Westen. In den Entwürfen zum Untergang Numenors trägt sie zeitweise den Namen Avallon, der an das Avalon der Artussage anklingt. Erst später wurde daraus Avallone, der Name ihres Hafens.2

  1. 1Das Buch der verschollenen Geschichten. Teil 1, The Cottage of Lost Play
  2. 2Das Buch der verschollenen Geschichten. Teil 2, The History of Eriol or Ælfwine; The Lost Road and Other Writings, The Fall of Númenor

Verfilmungen und Hörspiele

Als Schauplatz tritt die Einsame Insel in keiner der Adaptionen auf. Sie erscheint allenfalls als unbenanntes Ziel der letzten Fahrt aus Mittelerde. Am deutlichsten greift Peter Jacksons Filmtrilogie das Motiv auf, und zwar mit einer bezeichnenden Verschiebung. Weil der Film Tom Bombadil und dessen Haus ganz auslässt, entfällt auch Frodos Traum vom fernen Land hinter dem Regenvorhang, der im Buch die spätere Ankunft vorwegnimmt. Das Bild wandert stattdessen in den dritten Teil. Dort beschreibt Gandalf, gespielt von Ian McKellen, dem Hobbit Pippin, gespielt von Billy Boyd, während der Belagerung von Minas Tirith, was jenseits des Todes zu erwarten sei. Aus der Vorahnung eines Ringträgers wird damit ein Trost angesichts des Sterbens, gesprochen von einer anderen Figur an einen anderen Hörer. Die Abfahrt von den Grauen Anfurten mit Elijah Wood als Frodo schließt den Film ab, ohne das Ziel der Reise beim Namen zu nennen.1

Das Hörspiel der BBC, das in seinen sechsundzwanzig Teilen dem Roman sonst eng folgt, lässt Bombadil ebenfalls fort und damit auch den frühen Traum. Die Erzählung reicht dort jedoch bis zum Ende, sodass der Abschied an den Anfurten, mit Ian Holm in der Rolle Frodos, den Abschluss bildet. Auch hier bleibt die Insel ein Ort jenseits des Horizonts, von dem die Hörer nur erfahren, dass die Schiffe dorthin aufbrechen. Ralph Bakshis Zeichentrickfilm gelangt gar nicht so weit. Er bricht nach der Schlacht um Helms Klamm ab, und der geplante zweite Teil, der die Ausfahrt hätte zeigen können, kam nie zustande. So bleibt Tol Eressea in allen bekannten Fassungen, was sie schon im Herrn der Ringe ist: ein benannter oder bloß angedeuteter Fluchtpunkt, niemals eine gezeigte Landschaft.2

  1. 1Der Herr der Ringe (Filmtrilogie), 2001–2003
  2. 2Der Herr der Ringe (Hörspiel 1981), 1981; Der Herr der Ringe (Film 1978), 1978