Name und Benennung

Der Name Andúnië ist Quenya, die Sprache, in der die Númenórer ihrer frühen Zeit Orte, Häfen und Ämter benannten. Er beschreibt keine Gründungsgeschichte, sondern eine Blickrichtung: Die Stadt hieß so, weil sie dem Sonnenuntergang zugewandt war. Darin steckt das Quenya-Wort andúnë, das den Sonnenuntergang und zugleich den Abend bezeichnet und darüber hinaus die Himmelsrichtung, in der die Sonne versinkt. Der Name ist deshalb ebenso eine Ortsangabe wie eine Deutung, denn der Westen war für die Menschen von Númenor nicht irgendeine Himmelsgegend.1

Das Motiv des Westens bestimmt auch die weitere Namenslandschaft der Insel. Die westliche Provinz Númenors, zu der Andúnië gehörte, hieß Andustar, also in etwa „Westland“. Hinter beiden Bildungen steht dieselbe Vorstellung von der Richtung, in der jenseits des Meeres Eressea und das Segensreich lagen. Die númenórische Volkssprache, das Adûnaische, kannte für den Westen ein eigenes Wort, adûn. Als die späteren Könige die Elbensprachen zurückdrängten, legte sich einer von ihnen einen adûnaischen Titel zu, der „Herr des Westens“ bedeutet. Andúnië behielt dagegen seine Quenya-Form. Der Name bewahrte so die ältere Sprachschicht der Insel, während sich die Königstitel von ihr abwandten.2

Über die Stadt hinaus wurde der Name zum Titel. Seit Valandil, dem Sohn der Königstochter Silmarien, führte eine Seitenlinie des Hauses Elros die Bezeichnung „Herr von Andúnië“. Sie leitete ihren Rang damit nicht von der Krone ab, sondern von einem Ort. Dieser Ort war aufs Meer und nach Westen hin ausgerichtet. In der Akallabeth erscheinen die Träger dieses Titels als Hüter der alten Freundschaft mit den Eldar, und Amandil wird ausdrücklich unter diesem Namen eingeführt. So verbindet die Bezeichnung einen Hafen an der Westküste mit einem Geschlecht, dessen Selbstverständnis sie in einem einzigen Wort mitträgt.3

  1. 1Das Silmarillion, Akallabêth; Das Silmarillion, Anhang: Elements in Quenya and Sindarin Names
  2. 2Nachrichten aus Mittelerde, Teil 2, I: A Description of Númenor; Das Silmarillion, Akallabêth
  3. 3Nachrichten aus Mittelerde, Teil 2, III: The Line of Elros: Kings of Númenor; Das Silmarillion, Akallabêth

Lage und Gestalt

Andúnië lag an der Westküste Númenors, etwa in deren Mitte, und war in der frühen Zeit der Insel ihr bedeutendster Hafen. Seine Lage bestimmte seine Rolle: Vor der Stadt öffnete sich das Meer in die Richtung, in der fern Eressea lag, und kein anderer Ort des Landes stand der Unsterblichen Insel näher. Deshalb liefen die Schiffe der Eldar, die aus dem Westen nach Númenor kamen, hier ein. Sie brachten Gaben und Kunde, und in ihnen lebte die Freundschaft fort, die man den Edain zugesagt hatte, als das Erste Zeitalter zu Ende ging. Andúnië war damit weniger ein Tor zur übrigen Welt als die Schwelle, an der Númenor den Westen berührte.1

Die Insel selbst hatte die Gestalt eines Sterns. Um ein Kernland in der Mitte, die Mittalmar, griffen fünf Vorgebirge ins Meer hinaus, und das westliche von ihnen war die Andustar, zu der Andúnië gehörte. Im Innern der Mittalmar stieg der Meneltarma auf, der heilige Berg des Landes. In seiner Nähe lag Armenelos, die Stadt der Könige. Andúnië befand sich also nicht im Herzen der Insel, sondern an ihrem äußersten, dem Meer zugewandten Rand. Ihr Gegenstück an der Ostküste war Rómenna, der Hafen, der nach Mittelerde hinüberwies.2

Diese Spannung zwischen West- und Osthafen wurde im Lauf der Geschichte Númenors zu mehr als einer geografischen Tatsache. Je stärker sich die Könige vom Bund mit den Valar abkehrten, desto mehr verlor der Westen der Insel an Gewicht, und die Besuche der Eldar wurden seltener, bis sie ganz ausblieben. Unter Ar-Gimilzôr wurden die Getreuen, die an der alten Freundschaft festhielten, aus den westlichen Gegenden in den Osten verwiesen. Auch die Herren von Andúnië mussten ihren Sitz verlassen und in Rómenna wohnen. So wurde die Stadt, die einmal der Hauptankerplatz des Landes gewesen war, zum Zeichen einer Blickrichtung, der die Mächtigen Númenors den Rücken gekehrt hatten.3

  1. 1Das Silmarillion, Akallabeth
  2. 2Nachrichten aus Mittelerde, Teil 2, I: A Description of Númenor; Das Silmarillion, Akallabeth
  3. 3Das Silmarillion, Akallabeth

Geschichte

Ein Gründungsjahr Andúnië ist nirgends überliefert. Fest steht nur der äußere Rahmen: Im Jahr 32 des Zweiten Zeitalters erreichten die Edain die Insel, die ihnen die Valar aus dem Meer gehoben hatten, und Elros nahm als erster König das Zepter. Die Akallabeth nennt Andúnië für diese frühe Zeit die vornehmste Stadt des Landes. Königssitz war die Stadt aber nicht, denn die Könige residierten in Armenelos im Innern der Insel. Die Bedeutung Andúnië beruhte also nicht auf der Krone, sondern auf dem Meer und auf dem Verkehr mit dem Westen, von dem schon die Rede war.1

Ihr eigentliches Profil erhielt die Stadt durch das Geschlecht, das sich nach ihr benannte. Silmarien war das älteste Kind des vierten Königs, Tar-Elendil, doch nach dem damals geltenden Gesetz ging das Zepter nur an Söhne, und so folgte ihr jüngerer Bruder Meneldur auf den Thron. Silmariens Sohn Valandil wurde zum ersten Herrn von Andúnië. Seine Nachkommen standen der Königslinie an Rang kaum nach und blieben ihr über Jahrhunderte verbunden, zugleich aber den Eldar und den Valar treu. Aus diesem Haus gingen am Ende Elendil und seine Söhne hervor, die Gründer der Reiche im Exil.2

Mit der Abkehr der Könige vom alten Bund verlor die Stadt ihren Rang. Im Jahr 2899 nahm Ar-Adûnakhôr das Zepter, und von da an rückten die Elbensprachen und alles, wofür der Westen stand, in den Ruch der Illoyalität. Die Vertreibung der Getreuen unter Ar-Gimilzôr traf auch die Herren von Andúnië; ihr Titel überdauerte jedoch den Verlust des Sitzes. Die Verbindung des Hauses zum Thron riss dabei nicht ab. Die Gemahlin Ar-Gimilzôrs, Inzilbêth, stammte selbst aus dem Geschlecht von Andúnië: Ihre Mutter Lindórie war eine Schwester des Herrn Earendur. Im Verborgenen hielt Inzilbêth an der Gesinnung der Getreuen fest und gab sie an ihren älteren Sohn Inziladûn weiter.3

Inziladûn bestieg als Tar-Palantír den Thron, und die Zeitrechnung verzeichnet für das Jahr 3175 seine Umkehr, verbunden mit einem Bürgerkrieg auf der Insel. Er nahm wieder einen Königsnamen in Quenya an und suchte die verlassenen Bräuche zu erneuern. Auf dem Hügel Oromet nahe Andúnië stand ein alter Turm des Königs Tar-Minyatur. Dorthin stieg Tar-Palantír wiederholt hinauf und hielt Ausschau nach Westen, ob sich ein Schiff der Eldar zeige. Es kam keines mehr, und seine Umkehr blieb folgenlos. Nach seinem Tod riss Pharazôn im Jahr 3255 das Zepter an sich, indem er Tar-Palantírs Tochter Míriel gegen ihren Willen zur Frau nahm.4

Der letzte Herr von Andúnië war Amandil, in seiner Jugend ein Vertrauter Ar-Pharazôns, dann aber von ihm entfremdet, als Sauron am Hof Einfluss gewann. Als der König seine große Flotte gegen die Valar rüstete, fuhr Amandil heimlich nach Westen, um für sein Volk Gnade zu erbitten. Er kehrte nicht zurück. Im Jahr 3319 ging Númenor unter, und mit der Insel versank auch Andúnië, ohne dass die Quellen ein eigenes Schicksal der Stadt berichten. Elendil und seine Söhne entkamen mit neun Schiffen nach Mittelerde. Was das Haus von Andúnië an Überlieferung besaß, lebte fortan in Arnor und Gondor weiter, nicht mehr an der Küste, nach der es benannt war.5

  1. 1Das Silmarillion, Akallabeth; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
  2. 2Nachrichten aus Mittelerde, Teil 2, Kap. 3, The Line of Elros; Der Herr der Ringe, Anhang A, I (i) Númenor
  3. 3Nachrichten aus Mittelerde, Teil 2, Kap. 3, The Line of Elros; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Das Silmarillion, Akallabeth
  4. 4Das Silmarillion, Akallabeth; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
  5. 5Das Silmarillion, Akallabeth; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years

Bewohner und Herrschaft

Wer in Andúnië lebte, gehörte zum Volk der Edain, den Nachfahren jener drei Häuser der Menschen, die im Ersten Zeitalter an der Seite der Eldar gegen Morgoth gestanden hatten und zum Lohn die Insel erhielten. Die Überlieferung unterscheidet innerhalb dieses Volkes nicht nach Landschaften, wohl aber nach Gesinnung, und hier fällt der Westen auf. Die Elbenfreunde, die sich später selbst die Getreuen nannten, waren vor allem in den westlichen Gegenden zu Hause. Sie pflegten die Elbensprachen weiter, als diese im übrigen Land aus dem Gebrauch kamen. Die Eldar von Eressea kamen als Gäste mit ihren Schiffen, doch von einer elbischen Ansiedlung in der Stadt berichten die Quellen nichts.1

Politisch unterstand Andúnië wie die ganze Insel der Krone in Armenelos. Eine eigene Herrschaft im Sinn eines Teilreichs gab es nicht. Die Herren von Andúnië führten einen erblichen Titel und galten nach dem Königshaus als das vornehmste Geschlecht des Landes, doch ihre Stellung war die von Großen des Reiches, nicht von Fürsten neben dem König. Ihr Gewicht beruhte auf Abstammung und Ansehen, und es wirkte über den Hof: Die Herren gehörten zum Umkreis der Könige, berieten sie und waren durch Heirat mehrfach mit ihnen verschwägert. Die Genealogie des Hauses ist in den Unvollendeten Geschichten zusammen mit der Königsliste überliefert, nicht als eigene Chronik der Stadt.2

Das Verhältnis zu den übrigen Númenórern war lange ungetrübt und wurde erst durch die Spaltung des Volkes belastet. Seit den Tagen Tar-Ancalimons standen sich die Königstreuen, die das Verbot der Valar als Fessel empfanden, und die Elbenfreunde gegenüber. Die Parteien trennte keine Grenze, sondern eine Haltung, und der Westen der Insel wurde dabei zur Heimat der Minderheit. Aus der Sicht des Hofes rückten die Getreuen in die Nähe des Verdachts, sie hielten es heimlich mit den Valar und den Eldar. Auf die Umsiedlung nach Osten, von der schon die Rede war, folgte unter Ar-Pharazôn Schlimmeres: Als Sauron am Hof herrschte, wurden Getreue verfolgt, und manche kamen im Tempel von Armenelos als Opfer um. Die Herren von Andúnië blieben in dieser Zeit die Wortführer einer bedrängten Gemeinschaft, nicht mehr die Herren eines Hafens.3

  1. 1Das Silmarillion, Akallabeth
  2. 2Nachrichten aus Mittelerde, Teil 2, Kap. 3, The Line of Elros: Kings of Númenor; Das Silmarillion, Akallabeth
  3. 3Das Silmarillion, Akallabeth

Rolle in der Erzählung

In der Akallabeth ist Andúnië weniger ein Schauplatz als ein Standort des Blicks. Die Erzählung rückt die Stadt an jenen Rand, an dem das Verbot der Valar greifbar wird: Die Númenórer durften nicht so weit nach Westen segeln, dass ihre eigene Küste hinter ihnen außer Sicht geriet. Andúnië liegt genau an dieser Grenze, dem Westen so nah, wie es erlaubt war, und doch von ihm geschieden. Damit trägt die Stadt von Beginn an die Spannung, aus der das Buch seine Tragödie entwickelt, nämlich das Verlangen nach einem Land, das man ahnen, aber nicht betreten darf.1

Auffällig ist, wie selten die Stadt selbst in Erscheinung tritt. Die Akallabeth beschreibt weder Straßen noch Hallen, und keine der entscheidenden Unterredungen spielt in ihren Mauern; Entschlüsse fallen in Armenelos oder in Rómenna. Andúnië begleitet die Handelnden vor allem als Herkunft und als verlorene Heimat, deren Name sie weitertragen. Am deutlichsten zeigt sich das bei Amandil. Er beruft sich auf Earendil, der einst als Bittsteller über das Meer gefahren war, und will dessen Weg noch einmal gehen. Heimlich legt er ab, hält zunächst nach Osten, als wolle er nach Mittelerde, und wendet dann nach Westen. So wiederholt das Haus, das sich nach dem Westhafen nennt, am Ende die Geste seines Ahnherrn, doch die Erzählung lässt offen, ob sie gehört wurde.2

Nach dem Untergang überdauert Andúnië nicht als Ort, sondern als Haltung. Im Herrn der Ringe begegnet sie als Brauch: Faramir und seine Männer wenden sich vor dem Mahl schweigend nach Westen, zu dem versunkenen Númenor, darüber hinaus zum Land der Elben und zu dem, was jenseits davon für immer besteht. Die Stadt wird dabei nicht genannt, doch die Blickrichtung, für die ihr Name stand, ist in Gondor zur stillen Gewohnheit geworden. Lesern beider Werke erscheint Andúnië so im Rückblick als Ursprung einer Treue, die den Verlust ihres Hafens überlebt hat.3

  1. 1Das Silmarillion, Akallabeth
  2. 2Das Silmarillion, Akallabeth
  3. 3Der Herr der Ringe, Buch IV, Kap. 5