Name und Benennung

Der Name Lindon reicht weiter zurück, als der Anlass seiner heutigen Bekanntheit vermuten lässt: Schon vor dem Untergang Beleriands, als jenes Grenzland am Fuß des Ered Luin noch mit dem übrigen Beleriand verbunden war, hatten die Noldor es so genannt. Als am Ende des Ersten Zeitalters das Meer durch die Senke der Berge brach und der größte Teil dieses Landes in den Fluten verschwand, wurde der Küstenstreifen, der westlich der Berge verschont blieb, nicht neu benannt. Man führte den alten Namen einfach fort, sodass Lindon nach der Katastrophe ein weit kleineres Gebiet bezeichnete als zuvor, ohne dass sich der Name selbst geändert hätte.

Innerhalb dieses verbliebenen Landes unterschied man zwei Teile nach ihrer Lage zum Golf von Lhûn: Forlindon im Norden und Harlindon im Süden, benannt nach den sindarischen Vorsilben for- und har-, die andernorts in Mittelerde ebenfalls Nord und Süd bezeichnen. Harlindon wird in den Überlieferungen ausdrücklich als Wohnsitz genannt, während Forlindon vor allem auf den Karten und in knappen chronikalischen Hinweisen erscheint, ohne dass ihm eine eigene Geschichte zugeschrieben wird. Der Name Lindon selbst blieb daneben als übergeordnete Bezeichnung für das ganze Küstenland in Gebrauch, sodass die Unterteilung ihn nicht verdrängte, sondern lediglich ergänzte.

Bemerkenswert ist außerdem, wie unverändert der Name durch die Zeitalter hindurch überliefert ist: In den knappen Aufzeichnungen zum Zweiten Zeitalter, die vieles aus jener Zeit nur andeuten, taucht Lindon durchweg unter derselben Form auf, ohne Beinamen oder Übersetzung, wie sie manche andere Gegenden Mittelerdes im Lauf der Zeit erhielten. Es gehört damit zu den wenigen Ortsnamen, die eine ungebrochene Linie von den Tagen Beleriands bis in die späten Aufzeichnungen der Chronisten ziehen, ohne je durch eine jüngere Bezeichnung ersetzt worden zu sein.

Land und Lage

Lindon liegt am äußersten Westrand von Mittelerde, dort, wo das Land unmittelbar an das Meer grenzt. Im Osten schließt sich das Ered Luin, das Blaue Gebirge, an, das die Grenze zu den weiter landeinwärts gelegenen Gebieten bildet; Lindon selbst umfasst nur den schmalen Küstensaum, der sich zwischen diesem Gebirgszug und der See erstreckt. Diese Lage macht das Land zu einer Randzone in doppeltem Sinn: geografisch am Rand des bewohnten Festlandes, und zugleich als letztes Stück Mittelerde, von dem aus der Blick unmittelbar auf das offene Wasser fällt.

Geprägt wird die Landschaft vom Golf von Lhûn, der tief zwischen die beiden Landteile einschneidet und das Gebirge selbst durchbricht. Wo einst durchgehendes Bergland stand, öffnete sich hier eine breite Bucht, in die der Fluss Lhûn mündet und die das Land in zwei Hälften teilt, welche nur über das Wasser oder über die Küste hinweg miteinander verbunden sind. Diese Bucht ist zugleich der bestimmende Zugang zum Meer: An ihr liegt der Hafen, von dem aus die Schiffe auslaufen, sodass der Golf nicht nur eine geografische Zäsur, sondern auch die eigentliche Pforte des Landes zur See bildet.

Was Lindon von den meisten anderen Landschaften Mittelerdes unterscheidet, ist gerade dieser Charakter als Übergangsort zwischen Festland und Meer. Es ist kein Land, das für sich besteht wie Waldland oder Gebirgstal, sondern eines, dessen Bedeutung sich aus seiner Stellung an der Schwelle ergibt: hinter ihm das weite, wandelbare Mittelerde, vor ihm das Meer, das zu den unsterblichen Landen im Westen führt. Diese Randlage verleiht dem Küstenstreifen eine Ruhe, die sich von der Geschichte der übrigen Gebiete jenseits des Gebirges deutlich abhebt.

Geschichte

Nach dem Untergang Beleriands und der Umformung der Küste zu Beginn des Zweiten Zeitalters wurde der schmale Landstrich westlich des Ered Luin zur letzten Heimstatt jener Eldar, die nicht über das Meer gingen. Unter der Führung Gil-galads, der sich als König der Noldor in der Verbannung erwies, ließen sie sich dort nieder, während der Schiffsbaumeister Círdan an der Küste Mithlond, die Grauen Anfurten, gründete. Von diesem Ort aus hielt man über Zeitalter hinweg die Verbindung zu den unsterblichen Landen aufrecht.

Als Sauron im Verlauf des Zweiten Zeitalters sein Herrschaftswerk in Mittelerde vorantrieb und schließlich offen gegen die Elben vorging, wurde auch Lindon in Bedrängnis gebracht: Nach dem Fall Eregions drangen seine Heere weit nach Westen vor und belagerten die Reste des elbischen Reiches an der Küste. Erst das Eingreifen einer Flotte aus Númenor unter Tar-Minastir wendete das Blatt und zwang Sauron zum Rückzug aus Eriador. Lindon blieb dadurch als letzte gesicherte Zuflucht der Eldar auf dem Festland erhalten.

Gegen Ende des Zweiten Zeitalters, nach dem Untergang Númenors, erreichten die Schiffe Elendils und seiner Söhne die Küste Lindons und wurden dort von Gil-galad aufgenommen. Aus dieser Begegnung erwuchs ein enges Bündnis zwischen den verbliebenen Noldor und den geretteten Getreuen Númenors, das die politische Ordnung der folgenden Zeit in Eriador entscheidend prägte, ehe Elendil und seine Söhne ihre eigenen Reiche im Exil begründeten.

Als Sauron offen zum Krieg gegen die freien Völker rüstete, zog Gil-galad mit dem Heer Lindons aus, um sich mit Elendil zum Letzten Bündnis von Elben und Menschen zu verbinden. Der gemeinsame Feldzug führte über Jahre hinweg bis zur Belagerung von Barad-dûr, in deren Verlauf sowohl Gil-galad als auch Elendil den Tod fanden, wenngleich Sauron selbst gestürzt wurde. Mit Gil-galads Fall im Jahr 3441 des Zweiten Zeitalters endete die Zeit der Könige in Lindon, und kein Nachfolger trat an seine Stelle.

In den folgenden Jahrhunderten des Dritten Zeitalters blieb Lindon ohne eigene Krone; die Führung der verbliebenen Eldar an der Küste fiel an Círdan, der die Anfurten hütete, während Elrond, einst Gil-galads Herold, sich mit vielen der Seinen ins Bruchtal jenseits des Nebelgebirges zurückzog. Als die Istari zu Beginn des Dritten Zeitalters in Mittelerde landeten, war es Círdan, der dem grauen Wanderer Gandalf heimlich einen der Drei Ringe der Elben anvertraute, ein Umstand, der lange verborgen blieb. Über die Jahrhunderte hinweg dünnte sich die Bevölkerung Lindons zusehends aus, da immer wieder Elbengruppen von den Anfurten aus über das Meer nach Westen segelten.

Am Ende des Dritten Zeitalters wurde Mithlond noch einmal Schauplatz eines bedeutsamen Abschieds: Nach dem Sturz Saurons brachen Bilbo und Frodo Beutlin, Gandalf sowie Galadriel und schließlich auch Elrond von den Grauen Anfurten aus über das Meer auf. Mit ihrer Abfahrt im Jahr 3021 des Dritten Zeitalters ging eine der letzten großen Auswanderungen der Eldar aus Mittelerde einher, während Círdan als einer der wenigen an der Küste zurückblieb.

Volk und Herrschaft

Wer sich nach dem Krieg des Zorns westlich des Ered Luin niederließ, war keine einheitliche Gruppe, sondern eine Versammlung geretteter Völker: Noldor, die dem Untergang Beleriands entkommen waren, siedelten neben Sindar und den Grünelben aus Ossiriand, die ihre angestammte Heimat verloren hatten. Auch Galadriel und Celeborn gehörten zu jenen, die zunächst dort Zuflucht fanden; der Überlieferung nach hielten sie sich eine Weile in Harlindon auf, ehe sie weiter ostwärts zogen und sich in anderen Landen niederließen. Círdan, der schon vor dem Untergang Beleriands über die Sindar der Küste geboten hatte, blieb dagegen mit den Seinen an den Anfurten, sodass sich in Lindon Zweige mehrerer elbischer Völker unter verschiedenen, älteren Führern wiederfanden, ehe sie sich Gil-galads Königtum unterstellten.

Gil-galads Königtum blieb nicht auf Lindon selbst beschränkt: Auch die Noldor, die unter Celebrimbor das Land Eregion jenseits des Nebelgebirges besiedelten, erkannten ihn eine Zeitlang als obersten Herrn an, ohne dass Celebrimbor sich selbst zum König erklärt hätte. Innerhalb Lindons selbst blieb die Herrschaft gleichwohl geteilt: Gil-galad hielt seinen Hof im Landesinneren, während Círdan an den Anfurten über Werft, Hafen und die Schiffe verfügte, sodass beide Ämter nebeneinander bestanden, ohne sich zu überschneiden. Trotz der Zweiteilung des Landes in Forlindon und Harlindon ist von eigenen Fürsten für die beiden Landesteile nirgends die Rede; beide standen unter derselben Königsherrschaft, und nur die Anfurten am Golf traten als eigenständiges Zentrum unter Círdan hervor.

Zu den Nachbarn Lindons zählten vor allem die Zwerge, die jenseits des Ered Luin lebten: Im späteren Dritten Zeitalter ließ sich ein Teil des vertriebenen Volkes Durins, das nach dem Fall Erebors keine Heimat mehr hatte, in eben jenem Gebirge nieder, sodass Zwerge und die Elben Lindons fortan denselben Gebirgszug von je einer Seite besiedelten. Von Konflikten zwischen beiden Völkern berichten die Überlieferungen nichts. Nach Süden und Osten grenzte Lindon an das Reich Arnor, das die Nachkommen Elendils aus den Trümmern Númenors errichteten; die Freundschaft, die sich schon bei ihrer Ankunft gezeigt hatte, prägte auch später die Beziehungen zwischen den Nachfolgereichen Arnors und den Elben von Lindon, während Könige und Fürstentümer im Lauf des Dritten Zeitalters wechselten.

Lindon in der Erzählung

Innerhalb der Handlung selbst bleibt Lindon fast durchweg im Hintergrund: Es ist ein Land, von dem erzählt wird, nicht eines, das die Gefährten durchqueren. Weder Frodo noch seine Begleiter setzen während der eigentlichen Reise einen Fuß dorthin; die Küste hinter dem Blauen Gebirge bleibt eine ferne Richtung, in die Schiffe verschwinden und aus der gelegentlich ein Name auftaucht, ohne dass der Ort selbst Gestalt annimmt. Diese Zurückhaltung ist erzählerisch genutzt: Das Meer im Westen wird zu einem stillen Fluchtpunkt der Geschichte, auf den einzelne Figuren – allen voran Bilbo – schon lange vor jedem Abschied mit einer Sehnsucht blicken, die im Text nie ganz erklärt, aber immer wieder angedeutet wird.

Erst im allerletzten Kapitel des Werkes wird Lindon zum tatsächlichen Schauplatz. Dorthin reiten Frodo, Sam, Merry und Pippin gemeinsam mit Gandalf, um in Mithlond auf Bilbo, Elrond und Galadriel zu treffen, die sich zur Ausfahrt rüsten. Der Abschied am Hafen bündelt die Fäden mehrerer Figuren, deren Wege sich hier zum letzten Mal kreuzen: Wer an Bord des weißen Schiffes geht, verlässt die Geschichte endgültig, während die zurückbleibenden Gefährten – voran Sam – noch einmal am Ufer stehen und dem Schiff nachsehen, ehe sie ins Auenland heimkehren. Damit schließt sich ein Bogen, der beim Aufbruch aus dem heimatlichen Beutelsend begonnen hatte, und Lindon liefert für diesen Schluss die einzige passende Kulisse: einen Ort, an dem der Weg der Geschichte buchstäblich ins Wasser und aus der erzählten Welt hinausführt.

Für die Erzählung steht Lindon damit weniger für ein Reich als für eine Schwelle: den Punkt, an dem sich entscheidet, wer in Mittelerde bleibt und wer es verlässt. Frodos Wunden, die im Verlauf des Buches wiederholt als unheilbar in Mittelerde beschrieben werden, finden hier ihre einzige angedeutete Antwort, da nur die Fahrt über See eine Aussicht auf Genesung eröffnet. Zugleich markiert der Ort den Unterschied zwischen jenen, deren Geschichte mit der Ankunft der Menschen endet, und jenen, die im Land bleiben und es neu gestalten müssen – ein Gegensatz, den das Buch gerade an dieser letzten Station besonders scharf zeichnet, ohne ihn an anderer Stelle so deutlich zu wiederholen.

Frühe Entwürfe und Namensentwicklung

In der Etymologien-Sammlung, die Tolkien in den 1930er Jahren als sprachgeschichtliches Arbeitsmaterial zu seinem Legendarium anlegte, führte er den Namen Lindon auf eine Wurzel zurück, die mit „singen“ oder „Musik“ zu tun hat. Dort war der Name ursprünglich nicht an das Küstenland nach dem Untergang Beleriands gebunden, sondern an Ossiriand selbst, das Land der sieben Flüsse im noch ungeteilten Beleriand, dessen Grünelben für ihren Gesang bekannt waren. Erst im Zuge der weiteren Ausarbeitung der Geschichte verschob sich der Name von diesem binnenländischen Gebiet auf den schmalen Küstenstreifen, der nach der Überflutung als einziger Rest übrig blieb, sodass der ursprüngliche musikalische Sinn des Namens im späteren, geographisch gemeinten Gebrauch kaum noch erkennbar war.

Auch die Gestalt der Küste selbst war in den frühen Fassungen des Legendariums noch nicht festgelegt. In den kosmologischen und geographischen Entwürfen, die Tolkien unter dem Titel Ambarkanta mit begleitenden Karten verfasste, erscheinen Umriss und Ausdehnung des westlichen Randlandes jenseits der Berge noch in Formen, die von der späteren, im Silmarillion veröffentlichten Küstenlinie mit dem tief eingeschnittenen Golf von Lhûn abweichen. Erst durch wiederholte Überarbeitung der Annalen und Karten näherte sich die Darstellung jener Form an, die schließlich als endgültige Geographie Lindons in die späteren Fassungen der Erzählung einging.