Herkunft und Namen

Die Sindar gehen auf die Teleri zurück, das dritte und zahlenmäßig größte der drei Elbenvölker, die beim Erwachen am Cuiviénen dem Ruf der Valar folgten und sich zum Zug in den äußersten Westen aufmachten. Unter der gemeinsamen Führung der Brüder Elwë und Olwe bildeten sie den Nachtrab dieses langen Weges und blieben, langsamer als die vorausziehenden Vanyar und Noldor, wiederholt zurück. Auf dem Marsch durch die Lande östlich des Meeres geriet ihr Zug schließlich in Beleriand ins Stocken, und dort trennte sich ihr weiteres Geschick von dem der Verwandten, die das Meer bereits erreicht hatten.

Während sie in den Wäldern Beleriands auf Nachricht von ihrem Anführer warteten, nannte sich dieses zurückgebliebene Volk in seiner eigenen Sprache Eglath, das „verlassene Volk“. Ein Teil von ihnen zog später doch noch unter Olwes Führung über das Meer weiter und wurde in Aman als Falmari, die Elben der Brandung, bekannt; wer aber in Beleriand ausharrte, wuchs zu einem eigenständigen Zweig der Eldar zusammen, der sich fortan von den überseeischen Teleri unterschied.

Der geläufigere Name Sindar gehört zu einer Wurzel mit der Bedeutung „grau“ und hängt mit dem Beinamen zusammen, den ihr König als Sindacollo oder Singollo, „Graumantel“, nach seinem grauen Gewand trug; von diesem Beinamen leitete sich die Bezeichnung für sein ganzes Volk her. Der Name markierte zugleich eine eigene Stellung unter den Eldar: weder zählten sie zu den Calaquendi, den Lichtelben, die das Licht der Bäume von Aman mit eigenen Augen gesehen hatten, noch schlicht zu den Moriquendi, den Dunkelelben, die den Zug in den Westen nie angetreten hatten. Als die aus Aman heimkehrenden Noldor im Ersten Zeitalter wieder auf sie trafen, war die Bezeichnung Grauelben oder Elben von Beleriand bei ihnen bereits geläufig, und auch in späteren Zeiten hielt sich unter den Verbannten diese Benennung ihrer zahlreicheren Gastgeber.

Geschichte

Elwë, der Anführer des zurückgebliebenen Zuges, geriet in den Wäldern von Nan Elmoth in den Bann der Maia Melian, an deren Seite er, wie es heißt, viele Jahre reglos verharrte, ehe er als Thingol, „Graumantel“, zu seinem wartenden Volk zurückkehrte. Mit Melian als Gemahlin begründete er in den Wäldern von Neldoreth und Region das Königreich Doriath und ließ tief unter der Erde die Hallen von Menegroth, die Tausend Höhlen, errichten, die zum Herzstück und zur Hauptstadt der Sindar wurden. Um Doriath legte Melian später einen unsichtbaren Bannkreis, den Gürtel von Melian, der das Reich lange vor dem Zugriff Morgoths schützte.

Nicht alle Sindar sammelten sich um Thingols Thron: Ein Teil des Volkes siedelte unter der Führung Círdans an der Küste des Falas und erbaute dort die Hafenstädte Brithombar und Eglarest, von wo aus Schiffbau betrieben wurde, während andere versprengte Gruppen in den Wäldern und Hügeln Beleriands verblieben, ohne sich je einem König zu unterstellen. Thingols Herrschaft erstreckte sich dem Namen nach über weite Teile des Landes, doch war sie außerhalb Doriaths meist lose, und manche Sindar lebten weiterhin eigenständig in Landstrichen wie Ossiriand.

Als die aus Aman zurückkehrenden Noldor am Ende ihrer Verbannungsfahrt in Beleriand eintrafen, wies Thingol ihnen Land zur Ansiedlung zu, verwehrte den Fremden aber, in Doriath selbst zu wohnen; erschüttert von den Nachrichten über die Kinsmorde von Alqualonde und den Fluch, der auf den Noldor lag, verbot er zudem, dass in seinem Reich Quenya gesprochen würde. So wurde Sindarin, die Sprache seines eigenen zahlreicheren Volkes, zur Sprache, die auch die heimkehrenden Noldor im Alltag annahmen, während Quenya zur Sprache der Gelehrten und Lieder herabsank.

In den Kriegen gegen Morgoth, die sich über Jahrhunderte hinzogen, hielten sich die Sindar Doriaths unter Thingols vorsichtiger Führung meist zurück, während die Küstensiedlungen des Falas und die versprengten Sindar in den offenen Landen die volle Wucht der Angriffe trugen. Nach der Dagor Bragollach, der Schlacht des Jähen Feuers, fielen Brithombar und Eglarest in Morgoths Hand, und Círdan führte die Überlebenden auf die Insel Balar und an die Mündung des Sirion. In der folgenden Nírnaeth Arnoediad, der Schlacht der ungezählten Tränen, kämpften und fielen auch Sindar unter den verbündeten Heeren der Eldar und Edain.

Nach Thingols Tod durch die Hand zwergischer Handwerker aus Nogrod, mit denen er über einen Silmaril in Streit geraten war, wurde Menegroth zunächst von den Zwergen geplündert und bald darauf von den Söhnen Feanors überfallen, die den Edelstein für sich beanspruchten; Doriath zerfiel, und viele seiner Bewohner kamen um oder flohen in alle Richtungen. Elwing, Thingols Enkelin, rettete den Silmaril an die Mündung des Sirion, wo sich versprengte Sindar und Noldor zu einer letzten Siedlung sammelten, ehe auch diese von einem weiteren Angriff der Feanor-Söhne heimgesucht wurde.

Am Ende des Ersten Zeitalters, nach dem Krieg des Zorns und dem Untergang Beleriands unter den Fluten des Meeres, siedelten die überlebenden Sindar neu: Unter Gil-galad und Círdan entstand im verbliebenen Lindon jenseits der Ered Luin ein letztes Sindar-Reich, während andere sich mit den Noldor in Eregion oder, unter Celeborn und später Galadriel, im waldigen Lothlórien niederließen. Auch im Düsterwald bewahrte ein sindarinsprechendes Volk unter Königen wie Thranduil bis ins Dritte Zeitalter eine eigene Gemeinschaft, und Sindarin selbst blieb, wie sich noch am Ende des Dritten Zeitalters zeigte, die im ganzen Mittelerde verbreitete Elbensprache. Mit dem Ende des Ringkrieges und dem Abschied vieler Elbenherrscher über das Meer aus den Grauen Anfurten ging auch die eigenständige Geschichte der Sindar in Mittelerde ihrem Abschluss entgegen.

Lebensweise und Werke

Die Sindar blieben, anders als Noldor und Vanyar, ihr ganzes Dasein über an Mittelerde gebunden und hatten das Licht der Bäume von Aman nie mit eigenen Augen gesehen; aus dieser Herkunft erwuchs eine tiefe Zuneigung zum Wald, zur Nacht und zum Verborgenen. Sie siedelten bevorzugt in Wäldern und unterirdischen Zufluchtsorten statt in offenem Land, wofür schon die Anlage von Menegroth zeugte, das tief unter der Erde angelegt war. Jagd, Fährtenkunde und die genaue Kenntnis von Wald und Wildbahn galten unter ihnen als besonders geachtete Fertigkeiten, und obgleich ihnen als Elben grundsätzlich offenstand, über das Meer nach Aman zu gehen, verblieb die Mehrzahl zeitlebens in dem Land, das sie seit ihrem Erwachen nie wirklich verlassen hatten.

In Menegroth erreichten sie unter der Führung Melians, die als Maia über uralte Weisheit verfügte, eine Gelehrsamkeit, die sie von anderen Moriquendi abhob, auch wenn sie den Noldor an Handwerkskunst zunächst nachstanden. Am Hof Thingols wirkte Daeron, sein Meistersänger und Loremeister, der die Cirth ersann, ein Runenalphabet zur schriftlichen Aufzeichnung des Sindarin, das später auch von Zwergen und, in gewandelter Form, von Noldor übernommen wurde. In Metall- und Steinarbeit lernten die Sindar zudem viel von den Naugrim aus Nogrod und Belegost, mit denen sie in Doriath Handel trieben und Wissen austauschten, lange bevor die aus Aman heimkehrenden Noldor eigene, weiterentwickelte Fertigkeiten nach Beleriand brachten.

Das Sindarin selbst blieb, anders als das in Aman gepflegte Quenya, eine im täglichen Gebrauch lebendige Sprache, die sich mit den Jahrhunderten wandelte, ähnlich den Sprachen sterblicher Völker, während Quenya von den Exilanten bereits als feste, gelehrte Form mitgebracht und kaum noch verändert wurde. Diese Beweglichkeit spiegelte das Verhältnis der Sindar zur Zeit: Sie lebten, anders als die Noldor mit ihrer Erinnerung an ein unveränderliches Aman, ganz im Fluss der Geschehnisse Mittelerdes, ohne eine ferne, unveränderte Heimat, an der sie ihre Sprache und Sitten hätten festmachen können.

Stämme, Sippen und Anführer

Innerhalb der Sindar bildeten die Bewohner der Meeresküste eine eigens benannte, deutlich unterschiedene Gruppe: Sie wurden die Falathrim, die Elben der Anfurten, genannt und standen unter Círdan als ihrem Fürsten. Anders als die waldbewohnenden Sindar des Binnenlandes lebten sie am offenen Meer, entwickelten dort eine eigene, auf Schiffsbau und Seefahrt ausgerichtete Lebensweise und bewahrten, auch wenn sie Thingols Oberhoheit dem Namen nach anerkannten, eine weitgehend eigenständige Ordnung fernab von Menegroth.

Eine andere, im Ursprung nicht zu den Sindar gehörige Gruppe waren die Laiquendi, die Grünelben von Ossiriand. Sie entstammten den Nandor, jenem Teil der Teleri, der sich schon früher vom Hauptzug getrennt hatte, und wurden von Denethor, dem Sohn Lenwes, über die Ered Luin nach Ossiriand zurückgeführt. In der Ersten Schlacht von Beleriand kämpften sie an Thingols Seite gegen Morgoths Diener, doch Denethor selbst fiel in diesem Kampf; die überlebenden Grünelben zogen sich danach in die Wälder Ossiriands zurück und lebten dort zurückgezogen, ohne von den Erzählern ohne weiteres zu den eigentlichen Sindar gerechnet zu werden.

Die drei Gruppen unterschieden sich dabei auch in ihrer inneren Ordnung. Während Thingol als anerkannter König über Doriath und, dem Namen nach, über weite Teile Beleriands herrschte und Círdan als Fürst der Falathrim ein kleineres, aber vergleichbar geordnetes Gemeinwesen führte, verloren die Laiquendi mit Denethors Tod ihren eigenen Anführer und lebten fortan ohne König in locker verbundenen Sippen, die sich Thingol nur nominell unterstellten, ohne von ihm unmittelbar regiert zu werden.

Die Rolle im Erzählwerk

Innerhalb der Erzählung des „Silmarillion“ bilden die Sindar nicht bloß den historischen Hintergrund, sondern den Schauplatz, auf dem sich das zentrale Liebes- und Schicksalsmotiv des Buches entfaltet: In Menegroth, an Thingols Hof, nimmt die Geschichte von Beren und Lúthien ihren Ausgang, jene Erzählung von sterblichem Menschen und unsterblicher Elbin, die Tolkien selbst als Kern des ganzen Werkes betrachtete. Über Lúthiens Linie fließt Sindar-Blut in die späteren Geschlechter der Halbelben und damit in die großen Herrscherhäuser der folgenden Zeitalter ein, sodass die zunächst zurückgebliebenen, „unbedeutenderen“ Elben rückblickend zu Ahnherren der wichtigsten Gestalten der gesamten Legende werden. Die stille, erdverbundene Weisheit der Sindar tritt darin in ein erzählerisches Spannungsverhältnis zum feurigen Tatendrang der aus Aman heimkehrenden Noldor.

Im „Herrn der Ringe“ tritt das sindarische Erbe vor allem mittelbar in Erscheinung: Sindarin ist die Sprache, in der Frodo und seine Gefährten den Elben zuerst begegnen, die Sprache der Inschriften und Lieder, die den Reisenden Mittelerdes ältere, kaum noch verstandene Schichten der Vergangenheit spürbar machen. Legolas, als Sindar-Elb unter Waldelben aufgewachsen, verkörpert innerhalb der Gefährten diese Verbindung zwischen dem verlorenen Beleriand und der Gegenwart des Ringkrieges, während Elrond und Galadriel, beide selbst mit sindarischer Abstammung und Sprache verwoben, als Träger einer Erinnerung erscheinen, die weiter zurückreicht als jede andere Figur der Geschichte.

Gerade der Name der Grauelben trägt dabei eine erzählerische Bedeutung, die über die bloße Herkunftsgeschichte hinausweist: Grau als Farbe des Zwielichts, weder Licht noch Dunkel, passt zu einem Volk, das in der Erzählung stets zwischen den Zeitaltern und zwischen den strahlenderen Mächten Amans und dem sterblichen Mittelerde steht. Diese Zwischenstellung verleiht den Sindar ihren eigentümlich elegischen Grundton: Sie sind, mehr als Vanyar oder Noldor, das Volk des Abschieds, dessen Geschichte von Doriaths Untergang bis zur letzten Ausfahrt über das Meer aus den Grauen Anfurten von Verlust und Vergehen erzählt und damit einen der tragenden Töne des gesamten Werkes trägt.

Entwürfe und Frühfassungen

In den frühesten Fassungen der Mythologie, den „Verschollenen Geschichten“, gab es die Sindar in ihrer späteren Gestalt noch nicht: Elwe, der spätere Thingol, trat unter dem Namen Tinwelint auf, seine Gemahlin – die spätere Melian – hieß Gwendeling, und ihr Waldreich, aus dem später Doriath wurde, trug den Namen Artanor. Als übergreifende Bezeichnung für alle Elben, die den Zug in den äußersten Westen nicht vollendet oder Kor nie erreicht hatten, verwendete Tolkien in diesen frühen Texten und noch in „Die Gestaltung Mittelerdes“ den Sammelbegriff Ilkorindi beziehungsweise Ilkorins – eine weiter gefasste Kategorie, die neben Tinwelints Volk auch andere im Osten verbliebene Gruppen wie die späteren Grünelben umfasste, ohne die klare begriffliche Trennung, wie sie das spätere Werk mit Sindar und Laiquendi einführte.

Auch die Bezeichnung ihrer Sprache schwankte über Jahrzehnte: In frühen Sprachentwürfen wie der „Lhammas“ trug das, was später als Sindarin galt, noch den Namen Noldorin und war ursprünglich der Sprache der in Beleriand verbliebenen Noldoli, der Gnomen, zugeordnet, nicht den Grauelben selbst. Erst spätere Überarbeitungen, im Zuge derer die Noldor endgültig zu Verbannten aus Aman umgestaltet wurden, lösten diese Sprache von den Noldor und ordneten sie den einheimischen Grauelben zu, wodurch sie den heute bekannten Namen Sindarin erhielt. Erst mit dieser Umschichtung festigte sich auch der Name Sindar selbst als feste Bezeichnung für Thingols Volk; in älteren Entwürfen finden sich für dasselbe Volk noch wechselnde Benennungen wie Elben von Artanor oder schlicht Ilkorindi, ehe sich die aus dem „Silmarillion“ bekannte Dreiteilung und Terminologie endgültig durchsetzte.