Name und Benennung
Im „Herrn der Ringe“ steht der Name Tharbad ohne jede Erläuterung. Er begegnet im Prolog, wo er den Raum umreißt, in dem viele Stoor lange ansässig waren, und später in Boromirs Bericht von seiner Reise nach Norden: An der Furt von Tharbad, beim Übergang über die Grauflut, habe er sein Pferd verloren. Die Erzählung setzt voraus, dass der Name dem Leser wie den Figuren ohne Weiteres geläufig ist, und liefert weder eine Übersetzung noch eine gemeinsprachliche Nebenform. Auch die deutsche Übertragung lässt ihn unverändert, anders als manche sprechende Ortsnamen des Auenlands, die eingedeutscht wurden. Ein zweiter Name oder ein Beiname ist in den zu Lebzeiten veröffentlichten Texten nicht verzeichnet.1
Sprachlich gehört der Name dem Sindarin an, der Sprache, in der auch viele andere Orts- und Flussnamen Eriadors überliefert sind. In den posthum herausgegebenen Aufzeichnungen über den Hafen Lond Daer wird er als „Kreuzweg“ gedeutet und auf eine ältere, erschlossene Form zurückgeführt. Das erste Glied enthält den Stamm für „quer hinüber“, der auch sonst in Tolkiens Elbensprachen das Überqueren bezeichnet; das zweite steht für Weg oder Pfad. Der Name beschreibt damit keinen Gründer, kein Volk und keine Eigenschaft des Geländes, sondern eine Funktion: die Stelle, an der ein Weg den Fluss kreuzt.2
Diese Deutung passt zu dem, was dieselben Aufzeichnungen über die Lage berichten. Dort überquerte die große Straße, die die nördlichen und südlichen Länder der Dunedain verband, den Gwathlo, wie die Grauflut auf Sindarin heißt. Der Name hält also das fest, was den Ort überhaupt erst bedeutsam machte, und trägt auch dann noch, als von der Anlage selbst nicht mehr viel übrig war. Wer ihn zuerst gebrauchte, halten die Quellen nicht ausdrücklich fest; die Wahl der Elbensprache fügt sich jedoch in die Gewohnheit der Dunedain, ihre Bauten und Wege mit Sindarin-Namen zu belegen.3
Lage und Gestalt
Tharbad lag im Süden Eriadors an der Grauflut, dem Strom, zu dem sich weiter oben Weißquell und Lautwasser vereinen. Der Fluss trennt hier Minhiriath im Nordwesten von Enedwaith auf der anderen Seite, sodass die Stadt an einer Grenze zweier Landschaften stand und keiner von beiden ganz angehörte. Jenseits des Wassers, nach Süden und Osten hin, beginnen die Randgebiete von Dunland; der Prolog nutzt diese Nachbarschaft, um den Landstrich zu umreißen, in dem die Stoor auf ihrer Wanderung für lange Zeit sesshaft wurden. Die Zeittafel der Anhänge verzeichnet für das Jahr 2912 des Dritten Zeitalters schwere Überschwemmungen, die Enedwaith und Minhiriath heimsuchten; Tharbad wurde dabei zerstört und von seinen Bewohnern aufgegeben. Seither war der Ort vor allem eine Übergangsstelle, an der man den Fluss nur noch mit Mühe und auf eigene Gefahr durchqueren konnte.1
Die posthum veröffentlichten Aufzeichnungen über Lond Daer zeichnen das Bild der Anlage aus ihrer besseren Zeit genauer. Tharbad war danach ein befestigter Ort, der beide Ufer einnahm und durch eine Brücke verbunden war; unterhalten wurde er gemeinsam von den nördlichen und südlichen Reichen der Dunedain, da ihn beide für die Verbindung zwischen ihren Ländern brauchten. Zugleich diente er als Flusshafen, denn die Grauflut war von der Mündung her bis hierher schiffbar, und Tharbad bildete damit den Punkt, an dem der Weg zu Wasser und der Weg zu Lande zusammentrafen. Das Umland war niedrig und feucht, sodass die Straße die Stadt über erhöhte Dämme erreichte. Mit dem Niedergang beider Reiche verfiel die Pflege der Anlage allmählich, und was die Hochwasser schließlich übrig ließen, war kaum mehr als die Stätte eines einstigen Knotenpunkts.2
Geschichte
Ein Gründungsjahr für Tharbad ist nicht überliefert, und auch ein Erbauer wird nirgends genannt. Die Geschichte Eriadors beginnt an der Grauflut früher als die Stadt: Schon im Zweiten Zeitalter befuhren Seeleute aus Numenor den Strom von seiner Mündung aus und nutzten ihn als Weg ins waldreiche Binnenland. Die posthum veröffentlichten Aufzeichnungen über Lond Daer zeigen Tharbad dagegen als Bestandteil einer späteren, festeren Ordnung, getragen von den beiden Reichen der Dunedain, die eine sichere Landverbindung zwischen Nord und Süd brauchten. Wann innerhalb dieser Zeit die Befestigung am Übergang entstand, lassen die Texte offen; sicher ist nur, dass ihr Bestand an das Fortbestehen beider Reiche gebunden war.1
Die Zeittafel verzeichnet für das Jahr 861 des Dritten Zeitalters die Teilung des Nordreichs Arnor in drei Teilreiche, Arthedain, Cardolan und Rhudaur. Damit verlor die Straße über den Gwathlo ihren einheitlichen Herrn im Norden, auch wenn sie weiterhin gebraucht wurde. Knapp drei Jahrhunderte später, um 1150, kamen die Stoor über den Rothornpass nach Eriador; ein Teil von ihnen wandte sich nach Süden in die Gegend von Dunland. Der Prolog hält fest, dass sich viele von ihnen für lange Zeit im Raum zwischen Tharbad und dem dunländischen Grenzland niederließen, ehe sie abermals nach Norden aufbrachen. Tharbad dient in dieser Überlieferung als Orientierungspunkt, der damals offenbar noch als fester Ort bestand.2
Ein schwerer Einschnitt für den ganzen Süden Eriadors war die Große Pest des Jahres 1636, die zugleich in Gondor König Telemnar und seine Kinder dahinraffte. Nach den Anhängen drang die Seuche aus dem Südosten nach Eriador vor, und der größte Teil der Bevölkerung von Cardolan kam um, besonders in Minhiriath, also auf der nördlichen Seite des Flusses, an dem Tharbad lag. Was die Pest in der Stadt selbst anrichtete, wird nicht eigens berichtet. Deutlich ist jedoch, dass das Hinterland, das einen solchen Übergang mit Menschen und Versorgung trug, in dieser Zeit schwer ausgedünnt wurde.3
Mit dem Untergang von Arthedain im Jahr 1974 endete das Nordreich der Dunedain endgültig, und von den beiden Mächten, die den Übergang gemeinsam unterhalten hatten, blieb nur das ferne Gondor, das selbst an Kraft verlor. Die Aufzeichnungen über Lond Daer beschreiben den anschließenden Verfall als langsamen Vorgang, in dem Befestigung, Brücke und Dämme ohne Pflege blieben. Den Schlusspunkt setzten die bereits erwähnten Hochwasser von 2912, nach denen der Ort verlassen war. Übrig blieb eine Furt, die sich aus den Trümmern der alten Brücke gebildet hatte und nur unter Gefahr zu durchqueren war.4
In dieser Gestalt tritt Tharbad noch einmal in die Ereignisse am Ende des Dritten Zeitalters ein. Boromir brach im Sommer 3018 aus Minas Tirith auf, um den Weg nach Bruchtal zu suchen, und nahm dabei die alte Nord-Süd-Verbindung, die ihn über die Grauflut führte. Beim Übergang an der verfallenen Furt kam ihm sein Pferd abhanden, was er später in Bruchtal im Gespräch über die möglichen Wege nach Süden erwähnte. Die Episode zeigt, dass die Strecke auch Jahrzehnte nach der Aufgabe der Stadt noch benutzt wurde, aber kaum mehr gesichert war. Von einem Wiederaufbau im Vierten Zeitalter berichten die Quellen nichts.5
- 1Nachrichten aus Mittelerde, Teil 2, Kap. 4, The History of Galadriel and Celeborn, Anhang D: The Port of Lond Daer; Nachrichten aus Mittelerde, Teil 2, Kap. 2, Aldarion and Erendis
- 2Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Der Herr der Ringe, Prolog, Concerning Hobbits
- 3Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iii), Eriador, Arnor, and the Heirs of Isildur; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
- 4Nachrichten aus Mittelerde, Teil 2, Kap. 4, The History of Galadriel and Celeborn, Anhang D: The Port of Lond Daer; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
- 5Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 3; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
Bewohner und Herrschaft
Ein eigenes Herrscherhaus von Tharbad ist nicht überliefert, ebenso wenig ein Statthalter oder Burgvogt mit Namen. Den politischen Rahmen geben die Anhänge nur mittelbar vor: Bei der Teilung Arnors fiel der Süden an Cardolan, dessen Gebiet sie durch den Baranduin, die Grauflut und die Große Oststraße begrenzt sehen. Damit lag der Übergang am äußersten Saum dieses Teilreichs, während das Land jenseits des Stroms zu keinem der drei nördlichen Reiche gehörte. Die gemeinsame Zuständigkeit der beiden großen Dunedain-Reiche, von der bereits die Rede war, erscheint vor diesem Hintergrund weniger als Herrschaft über einen Ort denn als Sicherung einer Grenzstelle, an der kein einzelner Machthaber allein verantwortlich war.1
Unter den Völkern, die in der Umgebung ansässig wurden, nennt der Prolog vor allem die Stoor. Er beschreibt sie als den Hobbitstamm, der Menschen gegenüber am wenigsten scheu war, breiter gebaut als die übrigen und mit einer Vorliebe für flaches Land und Flussufer. Diese Neigung macht verständlich, weshalb gerade sie sich in der feuchten Niederung am Unterlauf für längere Zeit niederließen. Wie sie mit den Menschen am Übergang verkehrten, ob sie Handel trieben oder unter deren Schutz lebten, berichtet der Text nicht; er bezeugt nur die räumliche Nähe.2
Schwieriger war das Verhältnis zu den älteren Bewohnern der Gegend. Nach den posthum veröffentlichten Aufzeichnungen über Lond Daer lebten in Minhiriath und Enedwaith ursprünglich Menschen, die mit den späteren Dunländern verwandt waren. Die Rodungen der Numenorer, die das Holz der Flusswälder für ihre Schiffe schlugen, machten diese Leute zu erbitterten Feinden der Seefahrer; viele von ihnen wichen in die Hügel des Ostens zurück. Aus dieser alten Feindschaft erklärt sich zum Teil die Abneigung gegen die Dunedain, die die Dunländer auch in späteren Zeitaltern bewahrten. Die Nachbarschaft zu Dunland, auf die der Prolog verweist, war daher nie die eines verbündeten Hinterlands, sondern die eines Landes mit eigener, fremd gebliebener Bevölkerung.3
Tharbad in der Erzählung
Im „Herrn der Ringe“ ist Tharbad ein Ort, über den gesprochen wird, den aber niemand betritt, während der Leser zusieht. Keine Szene spielt dort, und keine der Hauptfiguren kommt im Verlauf der Handlung vorbei. Der Name taucht vor allem in dem Kapitel auf, in dem die Gemeinschaft ihren Aufbruch aus Bruchtal vorbereitet. Elrond hat zuvor Späher in alle Richtungen ausgesandt, um nach den Schwarzen Reitern zu suchen, und einige von ihnen sind nach Süden bis an die Grauflut gelangt. Sie kehren mit der Auskunft zurück, dass die alte Nordstraße den Fluss dort bei einer verfallenen Stadt überquert, und bringen sonst keine Nachricht. So erreicht Tharbad die Erzählung als Meldung aus zweiter Hand, eingebettet in die Suche nach einem Feind, der sich nicht mehr zeigt.1
Dieselbe Beratung über den Weg nach Süden gibt dem Ort seine eigentliche erzählerische Aufgabe. Die Gemeinschaft wägt ab, ob sie den Pass über das Nebelgebirge wagen oder den weiten Umweg um dessen Südende nehmen soll, und Boromirs knapper Rückblick auf seine Reise, auf den schon hingewiesen wurde, liefert dafür den Maßstab. Er zeigt, dass der alte Weg zwischen Gondor und dem Norden zwar noch gangbar ist, aber Mühe und Verlust kostet. Tharbad steht in diesem Gespräch für die lange, ungesicherte Strecke, die der Gemeinschaft erspart bleiben soll, und trägt damit dazu bei, dass die Wahl zunächst auf den Caradhras fällt.2
Über diese Einzelstellen hinaus gehört Tharbad zu jenen Namen, mit denen das Buch Tiefe schafft, ohne sie auszuerzählen. Im Prolog dient er als Merkpunkt einer weit zurückliegenden Hobbitwanderung, in Bruchtal als Wegmarke eines Landes, das sich geleert hat. In beiden Fällen deutet er auf eine Ordnung, die einmal Straßen und Übergänge unterhielt und nun nur noch in Trümmern und Ortsnamen gegenwärtig ist. Der Leser erfährt nicht, wie die Stadt aussah; er begreift nur, dass es sie gab und dass sie nicht mehr gebraucht wird. Gerade dieses beiläufige Erwähnen macht Tharbad zu einem stillen Zeugen dafür, wie sehr die Welt des Dritten Zeitalters bereits an ihren Rändern zerfallen ist.3