Name und Herkunft

Der Prolog zum „Herrn der Ringe“ teilt die Hobbits schon in ihren frühesten erinnerten Tagen in drei Zweige, die sich in Wuchs und Lebensweise etwas voneinander unterschieden: Harfüße, Starren und Falbhäute. Die Starren sind darin der Zweig, dessen Name und Eigenart am engsten mit dem Wasser verbunden bleiben. Die Scheidung reicht in die Zeit zurück, in der die Vorfahren aller Hobbits noch im Tal des Anduin lebten, zwischen dem Grünwald und dem Nebelgebirge. Eine eigene Überlieferung dieses Namens oder eine Deutung, wie die Starren sich selbst nannten, gibt der Prolog nicht; er führt ihn als festen Begriff, den die Hobbits des Auenlands für einen Teil ihrer eigenen Ahnen gebrauchten.1

Anders als die Harfüße, die früh nach Westen aufbrachen, verweilten die Starren lange an den Ufern des Großen Stromes. Erst nach jenen zogen auch sie über das Gebirge, folgten dann aber dem Lautwasser südwärts und blieben viele Generationen im Land zwischen Tharbad und den Grenzen Dunlands, ehe sie sich wieder nach Norden wandten. Aus dem Anduintal selbst stammte offenbar auch jenes kleine Volk, zu dem Gandalf Sméagol rechnet: Er vermutet, dessen Sippe sei mit den Vorvätern der Starren verwandt gewesen. Damit bindet die Erzählung den Zweig an eine Herkunft, die älter ist als jede Wanderung.2

Als eigenständige Gruppe blieben die Starren nicht erhalten. Im Westen vermischten sie sich mit den anderen Zweigen, und im Auenland war ihr Erbe später vor allem im Ostviertel und im Bockland zu erkennen, bei Familien, deren Vorfahren aus dem Süden zugewandert waren. Wer dort Stiefel trug, wenn der Boden aufgeweicht war, oder einen Anflug von Bart hatte, galt den übrigen Hobbits als Träger eines starrischen Einschlags. So lebte der Name weniger als Bezeichnung eines Volkes fort denn als Hinweis auf eine Abstammung, die man an Gewohnheiten und Aussehen ablesen konnte.3

  1. 1Der Herr der Ringe, Prolog, 1: Concerning Hobbits
  2. 2Der Herr der Ringe, Prolog, 1: Concerning Hobbits; Der Herr der Ringe, Buch I, Kap. 2
  3. 3Der Herr der Ringe, Prolog, 1: Concerning Hobbits

Geschichte

Die Zeittafel im Anhang des „Herrn der Ringe“ gibt der Wanderung der Hobbits ungefähre Daten im Dritten Zeitalter. Um das Jahr 1050 erscheinen die Harfüße als erste in Eriador, und erst mit ihrem Kommen tauchen die Periannath überhaupt in schriftlichen Aufzeichnungen auf. Etwa ein Jahrhundert später, um 1150, verzeichnet die Chronik zwei Bewegungen zugleich: Die Falbhäute betreten Eriador auf einem nördlicheren Weg, während die Starren das Nebelgebirge über den Pass am Rothorn überqueren. Jenseits des Gebirges teilten sie sich. Ein Teil ließ sich im Winkel nieder, dem Landstrich zwischen Weißquell und Lautwasser, ein anderer zog weiter nach Dunland.1

Der Winkel lag in einem Gebiet, das nach der Teilung des Nördlichen Königreichs zu Rhudaur gehörte, dem unruhigsten der drei Nachfolgereiche Arnors. Rhudaur geriet unter den Einfluss Angmars und lag mit seinen Nachbarn im Streit. Die Zeittafel vermerkt für das Jahr 1356, dass König Argeleb I. im Kampf gegen Rhudaur fiel. In dieselben Jahre setzt sie den Abzug der Starren aus dem Winkel. Ein Teil von ihnen kehrte dabei über das Gebirge ins Wilderland zurück, an den Großen Strom, den ihre Vorfahren einst verlassen hatten. Die Chronik nennt keinen Grund für diese Umkehr, stellt sie aber ausdrücklich in die Zeit der Kriege im Norden.2

Die Starren im Süden, zwischen Tharbad und Dunland, hatten an der Gründung des Auenlands keinen Anteil. Diese ging von den Brüdern Marcho und Blanco aus, die im Jahr 1601 mit einer Schar Hobbits aus Bree den Baranduin überschritten und das Land vom König in Fornost zum Lehen erhielten. Die Zeittafel hält aber fest, dass im Jahr 1630 Starren aus Dunland zu den Siedlern stießen. Damit erhält die Rückkehr nach Norden, von der der Prolog nur allgemein spricht, ein ungefähres Datum. Mit diesem Zuzug endet die Geschichte der Starren als eines wandernden Zweigs im Westen. Was danach von ihnen zu berichten ist, gehört zur Geschichte des Auenlands selbst.3

Anders verlief das Schicksal derer, die an den Anduin zurückgekehrt waren. Sie lebten am Fluss, nahe den Schwertelfeldern, und kannten sich mit Booten und Fischfang aus. Gandalf erzählt Frodo von einer angesehenen Sippe dieses Volkes, die von einer Großmutter streng geführt wurde. Um 2463 fand Déagol, den die Zeittafel ausdrücklich als Starren bezeichnet, beim Fischen im Strom den Einen Ring. Sein Verwandter Sméagol verlangte den Fund als Geburtstagsgeschenk und tötete ihn, als er ihn nicht bekam. Einige Jahre später wurde Sméagol von den Seinen verstoßen und verschwand um 2470 im Nebelgebirge. So kam der Ring über die Flusshobbits am Anduin aus seiner Verborgenheit.4

Über das spätere Leben der Flusshobbits schweigen die Quellen. Sie verloren sich, ohne dass ein Ende überliefert wäre. Die Aufzeichnungen zur Jagd nach dem Ring zeigen jedoch, dass sich Sauron an sie erinnerte. Was er von Gollum erfahren hatte, lenkte die Suche der Nazgûl im Jahr 3018 zunächst in das Tal des Anduin und zu den Schwertelfeldern. Dort fanden die Ringgeister die alten Wohnstätten der Starren seit Langem verlassen und erfuhren nichts, was sie weiterbrachte. Erst danach wandten sie sich nach Westen und suchten nach dem Land, das Gollum „Beutlin“ und „Auenland“ genannt hatte. Am Großen Strom war zu dieser Zeit von dem Volk nichts mehr übrig. Fortbestand hatte nur sein Erbe unter den Hobbits des Auenlands.5

  1. 1Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Der Herr der Ringe, Prolog, 1: Concerning Hobbits
  2. 2Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Der Herr der Ringe, Anhang A, I (iii) Eriador, Arnor, and the Heirs of Isildur
  3. 3Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years; Der Herr der Ringe, Prolog, 1: Concerning Hobbits
  4. 4Der Herr der Ringe, Buch I, Kap. 2; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years
  5. 5Nachrichten aus Mittelerde, Teil 3, IV: The Hunt for the Ring

Lebensweise und Eigenart

Schon im Körperbau hoben sich die Starren von den übrigen Hobbits ab. Der Prolog beschreibt sie als breiter und kräftiger gebaut, mit größeren Händen und Füßen als ihre Verwandten. Diesem Wuchs entsprach ihre Wahl der Landschaft. Während die Harfüße das Hügelland und die Hänge bevorzugten und die Falbhäute die Wälder, suchten die Starren ebenes Gelände und die Nähe von Flüssen. Ihre Wanderungen folgten deshalb weniger den Pässen und Höhen als den Strömen, und wo sie sich niederließen, lag fast immer Wasser in Reichweite.1

Im Umgang mit anderen Völkern galten die Starren als die am wenigsten scheuen unter den Hobbits. Der Prolog betont, dass sie sich vor den Menschen weniger zurückzogen als die anderen Zweige. Dazu passt ihre lange Zeit im Süden Eriadors, wo sie in der Nachbarschaft menschlicher Völker lebten. Der Anhang über die Sprachen führt manche eigentümlichen Namen, die sich später in den Gegenden am Brandywein hielten, auf diesen Aufenthalt zurück. Auch ihr Verhältnis zum Wasser blieb ungewöhnlich: Die Hobbits des Auenlands mieden Flüsse und Boote gewöhnlich, die Bewohner des Bocklands dagegen fuhren auf dem Brandywein und konnten zum Teil sogar schwimmen. Im Auenland betrachtete man das mit Befremden, wie das Gerede im Wirtshaus über die Brandybocks und ihre Bootsfahrten zeigt.2

Das deutlichste Bild vom Alltag der Flusshobbits am Anduin gibt Gandalfs Bericht an Frodo. Er schildert sie als geschicktes, stilles Volk, das am Ufer wohnte, sich in Böschungen eingrub und aus kleinen Booten fischte. Einige unter ihnen richteten ihre Neugier auf das Verborgene: auf Wurzeln, auf den Grund von Tümpeln, auf das, was unter Hügeln liegt. Gandalf selbst zieht aus Gollums Rätselspiel mit Bilbo den Schluss, dass zwischen beiden eine alte Verwandtschaft im Denken bestand, denn die Rätsel des einen waren dem anderen vertraut. So erscheinen die Starren am Großen Strom nicht als fremdes Volk, sondern als Hobbits, deren Gewohnheiten sich unter anderen Umständen entwickelt hatten.3

  1. 1Der Herr der Ringe, Prolog, 1: Concerning Hobbits
  2. 2Der Herr der Ringe, Prolog, 1: Concerning Hobbits; Der Herr der Ringe, Anhang F, I: The Languages and Peoples of the Third Age; Der Herr der Ringe, Buch I, Kap. 1
  3. 3Der Herr der Ringe, Buch I, Kap. 2

Zweige und Familien

Eigene Häuser, Sippen oder Anführer der Starren nennt der Prolog nicht. Die einzige Untergliederung, die er ausdrücklich trifft, ist die räumliche Trennung nach dem Übergang über das Gebirge, von der schon die Rede war. Führung fanden die Starren offenbar eher bei ihren Verwandten. Der Prolog vermerkt, dass Falbhäute unter den Harfüßen und Starren häufig als Anführer oder Häuptlinge auftraten. Ein namentlich bekannter Starre in einer solchen Rolle ist nicht überliefert.1

Im Auenland mischten sich beide Linien gerade dort, wo das starrische Erbe am stärksten blieb. Die Familien, die in Bockland den Ton angaben, gingen auf die Altböcke zurück, die das Amt des Thain innehatten, bevor es an die Tuks überging. Gorhendad Altbock setzte über den Brandywein, ließ das Brandyschloss errichten und nahm den Namen Brandybock an. Seine Nachkommen führten als Herren von Bockland ein Gebiet, dessen Bevölkerung deutlich starrisch geprägt war. Zugleich rechnet der Prolog gerade die Tuks und die Herren von Bockland zu den Familien mit merklichem falbhäutigem Einschlag. Die starrische Abstammung wirkte in Bockland also weniger in einem eigenen Geschlecht fort als in der breiten Bevölkerung unter einer Führung gemischter Herkunft.2

Für die Flusshobbits am Anduin ist nur eine einzelne Familie greifbar, jene, der Sméagol angehörte. Einen Namen gibt ihr die Überlieferung nicht, und ob sie sich selbst als Starren verstand, bleibt offen. Die Zeittafel ist an dieser Stelle genauer als Gandalfs Erzählung: Sie bezeichnet Déagol ausdrücklich als Starren und ordnet damit wenigstens einen Einzelnen dieses Volkes dem Zweig zu. Über weitere Sippen oder ihre Oberhäupter am Großen Strom schweigen die Quellen.3

  1. 1Der Herr der Ringe, Prolog, 1: Concerning Hobbits
  2. 2Der Herr der Ringe, Prolog, 1: Concerning Hobbits; Der Herr der Ringe, Prolog, 3: Of the Ordering of the Shire; Der Herr der Ringe, Buch I, Kap. 5
  3. 3Der Herr der Ringe, Buch I, Kap. 2; Der Herr der Ringe, Anhang B, The Tale of Years

Rolle in der Erzählung

Im „Herrn der Ringe“ treten die Starren nie als lebendes Volk auf. Wenn von ihnen die Rede ist, gehören sie schon der Vergangenheit an. Ihr erzählerisches Gewicht liegt fast ganz in dem Gespräch, in dem Gandalf Frodo die Herkunft Gollums offenlegt. Dass der Ring einst einem Angehörigen dieses Zweigs zufiel, macht aus dem Geschöpf in den Höhlen des Gebirges einen entfernten Verwandten der Hobbits. Frodo sträubt sich gegen diesen Gedanken, Gandalf aber hält daran fest. Damit wird die Macht des Rings, die einen solchen Verwandten zugrunde richten konnte, zu einer Gefahr, die auch Frodo selbst betrifft, und das Mitleid, das Gandalf ihm nahelegt, bekommt einen festen Grund.1

Zugleich dient der starrische Einschlag dem Prolog als Erklärung für das Eigentümliche im Auenland selbst, und diese Erklärung wirkt später in die Handlung hinein. Frodo wuchs nach dem Tod seiner Eltern eine Zeit lang im Brandyschloss auf und galt in Hobbingen deshalb als etwas sonderbar. Als er aufbricht, führt sein Weg über die Bockenburger Fähre nach Bockland, wo Merry und die anderen Freunde die Flucht längst vorbereitet haben. Dass Hobbits dort mit Fluss und Boot umzugehen wissen, ist so keine bloße Randbemerkung zur Abstammung, sondern ein Umstand, der den ersten Schritt der Reise möglich macht.2

Im weiteren Verlauf führt die Erzählung die Hobbits an den Anduin zurück, an den Strom, an dem die Starren einst gelebt hatten. Die Gefährten aus dem Auenland sind dort Fremde auf dem Wasser. Als Sam am Parth Galen Frodo nachspringt, versinkt er sofort und muss ins Boot gezogen werden. Ohne dass der Text eigens darauf hinweist, entsteht so ein Gegenbild zu dem Flussvolk des Prologs. Die Starren stehen im Buch für eine Seite der Hobbits, die älter und weniger behütet ist als das Leben im Auenland: kräftiger, beweglicher, den Flüssen und der Welt jenseits der Grenzen näher.3

  1. 1Der Herr der Ringe, Buch I, Kap. 2
  2. 2Der Herr der Ringe, Prolog, 1: Concerning Hobbits; Der Herr der Ringe, Buch I, Kap. 1; Der Herr der Ringe, Buch I, Kap. 5
  3. 3Der Herr der Ringe, Buch II, Kap. 10; Der Herr der Ringe, Prolog, 1: Concerning Hobbits

Verfilmungen und Hörspiele

Als Volk mit eigenem Namen treten die Starren in keiner der bekannten Verfilmungen deutlich hervor. Sichtbar werden sie dort allein über die Geschichte vom Fund des Rings im Großen Strom. Peter Jacksons Trilogie verlegt diese Episode an den Beginn des dritten Films, „Die Rückkehr des Königs“, der 2003 erschien. Déagol wird darin von Thomas Robins gespielt. Sméagol spielt Andy Serkis, der zugleich die Bewegungen und die Stimme der computeranimierten Gollum-Figur lieferte; in dieser Rückblende tritt er ausnahmsweise selbst vor die Kamera, als der Flusshobbit, der Gollum einmal war. Die wichtigste Abweichung liegt in der Form der Erzählung. Im Buch erfährt der Leser vom Mord am Fluss nur aus Gandalfs Bericht in Beutelsend, eingebettet in das Gespräch, das Frodo die Verwandtschaft zwischen Gollum und den Hobbits vor Augen führt. Der Film löst die Episode aus diesem Rahmen und stellt sie als eigenständigen Auftakt vor den letzten Teil. Die Einteilung der Hobbits in drei Zweige, auf der die Zuordnung Déagols im Buch beruht, spielt in den Filmen keine erkennbare Rolle.1

Schon Ralph Bakshis Zeichentrickfilm von 1978 hatte den Fund des Rings aus Gandalfs Erzählung herausgelöst. Er stellt ihn in den Prolog, der dem eigentlichen Geschehen vorausgeht und die Vorgeschichte des Rings bis zu Bilbo im Zeitraffer zusammenfasst. Auch hier erscheinen Déagol und Sméagol als Einzelne, nicht als Angehörige eines benannten Hobbitzweigs. Das Flussvolk, dem sie entstammten, erhält so in beiden Filmfassungen keine Kontur. Übrig bleibt nur die Szene, in der ein Einzelner den Ring aus dem Wasser holt. Über das Wanderungsgeschehen, das Leben am Anduin oder das starrische Erbe in Bockland berichten die Filme nichts. Dieser Teil der Überlieferung ist bislang dem Prolog und den Anhängen des Buches vorbehalten geblieben.2

  1. 1Der Herr der Ringe (Filmtrilogie), 2001–2003
  2. 2Der Herr der Ringe (Film 1978), 1978