Was für ein Buch das ist
Bei „Beren und Lúthien“ handelt es sich nicht um ein nachgelassenes Werk J. R. R. Tolkiens im engeren Sinne, sondern um einen Editionsband: ein schmales, von Alan Lee illustriertes Buch, das Christopher Tolkien 2017 vorlegte und im Vorwort ausdrücklich als seine letzte Arbeit bezeichnete. Es gehört zu jener Reihe von Einzelausgaben, in denen die großen Erzählungen des Ersten Zeitalters aus dem Verbund des Silmarillion herausgelöst und je für sich vorgestellt wurden; „Die Kinder Húrins“ war zehn Jahre zuvor erschienen. Die deutsche Fassung besorgten Helmut W. Pesch und Hans-Ulrich Möhring, noch im Jahr der englischen Erstausgabe.
Der Aufbau folgt nicht der Handlung, sondern der Entstehung. Die abgedruckten Stücke stehen in der Reihenfolge, in der sie geschrieben wurden, und der Herausgeber tritt zwischen ihnen offen in der ersten Person auf: Er datiert, ordnet ein, erklärt, was sich von einer Fassung zur nächsten verschoben hat, und überbrückt Auslassungen durch knappe eigene Zusammenfassungen. Prosa und Verse wechseln dabei unvermittelt, weil die Erzählung selbst in beiden Formen vorliegt. Anders als bei den „Kindern Húrins“, wo aus verstreuten Handschriften ein fortlaufender Text gefügt wurde, unterbleibt hier jeder Versuch, die Stufen zu einer einzigen glatten Erzählung zu vereinheitlichen — sichtbar bleiben soll gerade die Bewegung, nicht das Ergebnis.
Damit richtet sich der Band an Leser, denen das entsprechende Kapitel des Silmarillion vertraut ist, die aber vor den zwölf Bänden der Entwurfsedition zurückschrecken: Er wirkt als Zugang zu diesem Material, ohne es zu ersetzen, denn neue kanonische Texte enthält er nicht. Im Legendarium steht er folglich nicht neben der Erzählung, sondern hinter ihr — als Werkstattbericht zu einer Geschichte, die Tolkien selbst zu den tragenden Stücken seiner Mythologie zählte und über Jahrzehnte immer wieder aufnahm. Hinzu kommt eine persönliche Schicht, die der Herausgeber nicht verschweigt: Die beiden Namen stehen auf dem gemeinsamen Grabstein der Eltern, und Tolkien hat den Bezug auf seine Frau Edith brieflich erläutert. Das Buch ist deshalb ebenso sehr eine editorische Rechenschaft wie eine familiäre Schlussnotiz.
Entstehung und Veröffentlichung
Der älteste im Band wiedergegebene Text entstand 1917. Tolkien, damals fünfundzwanzig, schrieb „The Tale of Tinúviel“ während der langen Genesungszeit, die auf seinen Fronteinsatz an der Somme und die daraus folgende Erkrankung an Grabenfieber gefolgt war; die Erzählung gehört zu jener Gruppe früher Stücke, die später unter dem Titel „The Book of Lost Tales“ zusammengefasst wurden. Erhalten ist allerdings nicht die erste Niederschrift: Der ursprüngliche Bleistifttext wurde weitgehend getilgt und überschrieben, sodass bereits die früheste greifbare Fassung eine Überarbeitung aus der Zeit um 1920 ist. Der Handlungsbogen steht darin schon fest, das Personal jedoch weicht erheblich ab — die Rolle des Gegenspielers, die später Sauron zufällt, hat hier ein Katzenfürst namens Tevildo inne.
Die zweite große Stufe ist eine Versdichtung. „The Lay of Leithian“ begann Tolkien 1925, in den Jahren seiner Rückkehr nach Oxford, und arbeitete mit Unterbrechungen bis in den September 1931 daran. Das Gedicht wuchs auf mehrere tausend Zeilen an und blieb dennoch unvollendet: Es bricht kurz vor dem Abschluss der Erzählung ab, an der Stelle, an der der Wolf Carcharoth Beren die Hand mit dem Silmaril abbeißt. Weil die Arbeit über sechs Jahre lief, sind mehrere Schichten von Korrekturen und Neuansätzen erhalten, die der Herausgeber im Anhang eigens behandelt. Der Band druckt daraus Ausschnitte, nicht das ganze Gedicht.
Zwischen und nach diesen beiden Polen liegen die knappen Prosafassungen, mit denen Tolkien die Gesamtmythologie fortschrieb: der „Sketch of the Mythology“ von 1926 und die „Quenta Noldorinwa“ von 1930, in denen die Geschichte jeweils auf wenige Seiten zusammengezogen erscheint, sowie spätere Ausarbeitungen der dreißiger Jahre. Um 1950 nahm Tolkien das Gedicht noch einmal auf und begann es von vorn — eine Neufassung, die abermals nach kurzer Strecke liegen blieb. Auf dieser Schichtung beruht am Ende auch das neunzehnte Kapitel des Silmarillion, das die Erzählung in der Form gibt, in der sie den meisten Lesern zuerst begegnet.
Die Zusammenstellung selbst fällt in die Jahre 2016 und 2017. Christopher Tolkien, damals zweiundneunzig Jahre alt, griff dabei ganz überwiegend auf Texte zurück, die er zwischen 1983 und 1996 bereits in der zwölfbändigen Entwurfsedition veröffentlicht hatte; neu ist nicht das Material, sondern die Auswahl, die Anordnung und ein durchgehend neu geschriebener Kommentar. Hinzu kamen die eigens für diesen Band angefertigten Illustrationen. Die englische Erstausgabe erschien im Juni 2017 bei HarperCollins in London und bei Houghton Mifflin Harcourt in Boston, hundert Jahre nach der ersten Niederschrift der Erzählung — eine Datierung, die der Verlag ausdrücklich herausstellte. Parallel kam eine limitierte Ausstattungsausgabe im Schuber heraus.
Die deutsche Ausgabe folgte noch im selben Jahr bei Klett-Cotta, dem seit den siebziger Jahren für Tolkien zuständigen Verlag; die Übertragung, einschließlich der Versauszüge, besorgten Helmut W. Pesch und Hans-Ulrich Möhring. Eine überarbeitete Auflage hat es bislang weder in England noch in Deutschland gegeben: Die späteren Nachdrucke und Taschenbuchausgaben geben den Text von 2017 unverändert wieder. Die im Vorwort ausgesprochene Ankündigung, es handle sich um seine letzte Arbeit, erwies sich allerdings als verfrüht — schon 2018 legte Christopher Tolkien mit „The Fall of Gondolin“ einen nach demselben Muster gebauten Band nach, der die dritte der großen Erzählungen des Ersten Zeitalters in ihren Entwicklungsstufen vorführt. Erst dieser blieb tatsächlich der letzte.
Aufbau und Gliederung
Der Band öffnet mit einem Vorwort, in dem der Herausgeber Anlass, Auswahlprinzip und Verfahren darlegt, und schiebt danach eine knappe Einführung in die Ältere Zeit ein, die dem Leser das Nötigste an die Hand gibt: Morgoth und die geraubten Silmaril, die Lage der elbischen Reiche in Beleriand, die Stellung von Doriath. Erst darauf folgt der Hauptteil, und der ist bemerkenswert unaufgeräumt gebaut. Er trägt weder Kapitelzählung noch Überschriften nach Handlungsabschnitten, sondern läuft als eine einzige durchgehende Folge von Textstücken und Zwischenreden, wobei der Kommentar typografisch abgesetzt ist und jede neue Fassung mit Titel und Datierung angekündigt wird. Wer eine bestimmte Stelle sucht, orientiert sich also an den Namen der Quellen, nicht an einem Handlungsregister.
Innerhalb dieser Folge sind die Gewichte ungleich verteilt. Den größten zusammenhängenden Block bildet die früheste Prosaerzählung, die nahezu vollständig wiedergegeben ist; die kurzen mythologischen Abrisse dienen eher als Scharniere und stehen jeweils nur wenige Seiten. Aus der Versdichtung sind längere Passagen ausgewählt, die dort einsetzen, wo das Gedicht mehr bietet als die Prosa, und die durch erzählende Zusammenfassungen des Herausgebers verbunden werden, sodass auch ein Leser, der die Verse überschlägt, den Faden behält. Weil dieselben Ereignisse mehrfach in verschiedenen Fassungen erscheinen, ist der Band nicht von vorn nach hinten als Geschichte lesbar, sondern als Reihe von Anläufen auf denselben Stoff.
Der Schlussteil überschreitet die eigentliche Erzählung. Statt mit dem Ende der beiden Titelfiguren abzubrechen, verfolgt der Band weiter, was aus dem gewonnenen Silmarill wird: die Geschichte des Halsbands der Zwerge, den Untergang von Doriath und schließlich den Übergang des Steins an Elwing, womit die Linie zu Earendil und zum weiteren Verlauf des Ersten Zeitalters gezogen ist. Der Herausgeber begründet diese Verlängerung damit, dass die Erzählung im Legendarium nicht abgeschlossen ist, sondern in einen größeren Zusammenhang mündet — dieselbe Bewegung, die im Silmarillion die Kapitel um Doriath und Earendil trägt.
Den Beschluss bildet ein schmaler Apparat. Ein Anhang stellt die späte Neubearbeitung der Verse den älteren Zeilen gegenüber, ein Namensverzeichnis erklärt, welche Bezeichnungen von Fassung zu Fassung ersetzt oder umbesetzt wurden, und ein Glossar erschließt die altertümlichen Wörter, die vor allem in der Dichtung begegnen. Fußnoten im Stil der wissenschaftlichen Entwurfsedition, Textvarianten in Kleindruck und ein Sachregister fehlen bewusst. Die Illustrationen Alan Lees sind teils als ganzseitige Farbtafeln eingebunden, teils als Bleistiftzeichnungen in den Satz gestellt; einen Kartenteil führt der Band nicht, die geografische Orientierung leistet allein die einleitende Übersicht.
Stellung im Legendarium
Eine eigene Kanonstufe begründet der Band nicht. Was er bringt, ist durchweg älter als er selbst, und die Geltung bleibt bei den Texten, aus denen er schöpft: Verbindlich ist für die Erzählung nach wie vor das Silmarillion-Kapitel, das die Geschichte in der Form gibt, auf die sich Verweise gewöhnlich beziehen. Der Sammelband steht daneben als Beleglage, nicht als Erzählung mit Autorität — er zeigt, worauf jenes Kapitel beruht, ohne es zu korrigieren. Dass die Sache dieses Gewicht hat, ist keine Erfindung der Herausgeberarbeit: Tolkien selbst hat in der ausführlichen Werkbeschreibung an seinen Verleger die Geschichte von Beren und Lúthien als die zentrale unter den Erzählungen des Silmarillion bezeichnet und ihre Verknüpfung mit dem übrigen Stoff eigens hervorgehoben.
Vorausgesetzt wird entsprechend viel. Wer den Band aufschlägt, muss wissen, was ein Silmaril ist, wer Morgoth war und weshalb ein sterblicher Mann in Doriath nichts zu suchen hat; die einleitende Übersicht deckt davon nur das Nötigste ab und ersetzt weder das Kapitel über die Ankunft der Noldor in Beleriand noch das über die verlorene Schlacht, die den Untergang der elbischen Reiche einleitet. Umgekehrt setzt der Band die Entwurfsedition gerade nicht voraus, obwohl er fast vollständig aus ihr schöpft. Er ist damit auf eine Zwischenlage angelegt, die es sonst nicht gibt: mehr Text, als das Silmarillion bietet, weniger Apparat, als die Handschriftenbände verlangen.
In den zu Lebzeiten veröffentlichten Büchern ist die Erzählung nur in Andeutungen greifbar. Streicher gibt sie auf der Wetterspitze in verkürzter Gestalt wieder, und der Anhang über Aragorn und Arwen stellt die Verbindung des sterblichen Mannes mit der Elbenfrau ausdrücklich als Wiederholung eines älteren Falls dar, bis hin zur Abstammung Elronds und Arwens aus eben dieser Ehe. Was dort als bekannter Hintergrund vorausgesetzt wird, füllt der Band aus. Seine Stellung im Gefüge ist daher weniger die einer Ergänzung des Ersten Zeitalters als die eines Unterbaus für eine Linie, die bis in den Ringkrieg reicht.
Widersprüche löst der Band nicht auf, er stellt sie aus. Wer die Fassungen nebeneinander liest, sieht, dass Namen, Rollen und ganze Motivketten von Stufe zu Stufe ausgetauscht wurden und dass es eine letzte, vom Verfasser gebilligte Gestalt der Erzählung nie gegeben hat: Die Versdichtung blieb stecken, der späte Neuansatz ebenfalls, und die knappen Prosafassungen waren als Bestandsaufnahmen der Gesamtmythologie gedacht, nicht als Ausführung. Besonders deutlich wird das im weiterführenden Schlussteil, denn für den Untergang von Doriath und den Weg des Steins zu Elwing hinterließ Tolkien keine späte, durchgehende Darstellung mehr. Das gedruckte Silmarillion erscheint von hier aus als editorische Entscheidung über ein offenes Feld — und der Band als Nachweis dafür, wie breit dieses Feld war.
Aufnahme und Wirkung
Verlegerisch wurde der Band von Anfang an als Publikumsausgabe geführt und nicht als Fachedition: Auf die gebundene Erstausgabe folgte im nächsten Jahr eine broschierte Ausgabe, dazu kam eine gelesene Fassung als Hörbuch; der Wortlaut blieb dabei jeweils derselbe. Übersetzungen setzten rasch ein — die deutsche noch im Erscheinungsjahr, weitere europäische Sprachen in den beiden Jahren danach. Literarische Auszeichnungen sind für das Buch nicht verzeichnet; belastbare Zahlen zur Verbreitung hat der Verlag nicht öffentlich gemacht.
Für den deutschen Sprachraum hatte die Ausgabe eine Nebenwirkung, die im englischen kaum eine Rolle spielte. Die zwölfbändige Entwurfsedition liegt auf Deutsch nur teilweise vor, sodass große Teile der frühen Bearbeitungsstufen hier bis dahin gar nicht zugänglich waren. Mit diesem Band standen die ausgewählten Abschnitte der Versdichtung erstmals in deutscher Übertragung zur Verfügung, und zwar in gebundener Rede statt in erläuternder Prosa. Der schmale Band übernimmt damit im Deutschen eine Aufgabe, die er im Original nicht hat: Er ist dort für einen Teil des Materials nicht die bequemere, sondern die einzige Zugangsmöglichkeit.
In der Rückschau wird der Band selten für sich betrachtet, sondern als mittleres Stück einer Dreiergruppe: Die drei großen Erzählungen des Ersten Zeitalters erschienen zwischen 2007 und 2018 nach vergleichbarem Zuschnitt, von demselben Künstler ausgestattet und in denselben Sprachen verbreitet. Christopher Tolkiens Tod im Januar 2020 hat diesen Zusammenhang festgeschrieben; die drei Bände gelten seither als Abschluss einer Herausgeberarbeit, die ein halbes Jahrhundert umfasste. Die dauerhafteste Folge ist unauffälliger Art: Wer sich auf die Geschichte von Beren und Lúthien bezieht, verweist seither häufig auf ein Buch dieses Titels und nicht mehr allein auf ein Kapitel innerhalb einer größeren Sammlung.