Herkunft und Namen
Die Tochter Elronds wird in den Quellen unter zwei Namen geführt. Arwen ist ihr Eigenname und gehört dem Sindarin an, der Sprache, die im Dritten Zeitalter unter den Elben Mittelerdes im täglichen Gebrauch stand. Hinzu tritt Undómiel, ein Beiname aus dem Quenya, den die Anhänge zum Herrn der Ringe mit „Abendstern“ wiedergeben und den ihr Volk ihr zulegte, weil sie ihm eben dieser Abendstern war. Beide Formen stehen in der Erzählung nebeneinander, teils verbunden zu Arwen Undómiel. Bemerkenswert ist dabei das Verfahren der Überlieferung selbst: Der Beiname erscheint übersetzt, der Eigenname unübersetzt, denn elbische Namen wurden in der Gemeinsprache nicht übertragen, wohl aber die Beiwörter, die man ihren Trägern gab. Die deutsche Nomenklatur folgt darin dem englischen Vorbild und lässt „Arwen“ unangetastet.
Die Bestandteile beider Namen lassen sich aus dem Verzeichnis elbischer Wortelemente erschließen, das dem Silmarillion beigegeben ist. Dort steht ar(a)- für „hoch, edel, königlich“, wie es auch in Arnor und Aragorn begegnet, während -wen ein Mädchen oder eine Jungfrau bezeichnet und in Namen wie Earwen oder Morwen wiederkehrt; Arwen wäre demnach ungefähr als „edle Jungfrau“ zu deuten. Im Beinamen ist das zweite Glied el, „Stern“, gut gesichert, dasselbe Element, das in Elentári oder Elbereth erscheint. Das erste Glied wird auf ein Quenya-Wort für die Abenddämmerung bezogen, sodass Undómiel den Stern der einbrechenden Dämmerung meint — genau jene Deutung, die die Anhänge mit ihrer Wiedergabe stillschweigend bestätigen.
Ihrer Art nach zählt Arwen zu den Eldar, doch ihre Abstammung führt in das Geschlecht der Halbelben zurück, das sich in Earendil und Elwing vereinigte: Deren Sohn Elrond ist ihr Vater, und die Wahl, die den Halbelben freistand, hatte ihn dem Volk der Erstgeborenen zugewiesen. Über Elwing reicht diese Linie weiter zurück bis zu Lúthien und Beren. Ihre Mutter Celebrían ist die Tochter Celeborns und Galadriels, womit Arwen mütterlicherseits dem Herrscherhaus von Lórien verbunden ist. Zwei ältere Brüder gehen ihr voraus, die Zwillinge Elladan und Elrohir. Ihre Geburt verzeichnet die Jahrestafel der Anhänge für das Jahr 241 des Dritten Zeitalters; aufgewachsen ist sie in Bruchtal, doch verbrachte sie immer wieder lange Zeiträume im Goldenen Wald bei der Sippe ihrer Mutter.
Geschichte
Das erste Ereignis, das nach ihrer Geburt datiert in ihr Leben eingreift, betrifft ihre Mutter. Im Jahr 2509 des Dritten Zeitalters wurde Celebrían auf dem Weg über das Gebirge nach Lórien am Pass unterhalb des Caradhras von Orks überfallen und verschleppt; ihre Söhne fanden und befreiten sie, doch die Wunde und die erlittene Qual blieben. Im Jahr darauf verließ sie Mittelerde und ging über das Meer. Die Jahrestafel verzeichnet beides mit wenigen Worten und ohne jede Ausschmückung; über Arwens Anteil daran schweigt sie. Erst rund vier Jahrhunderte später tritt die Tochter selbst wieder in die Überlieferung ein.
Im Jahr 2951 kehrte sie aus Lórien nach Bruchtal zurück, und dort begegnete ihr Aragorn, der damals zwanzig Jahre zählte. Elrond hatte ihm eben erst seinen wahren Namen und seine Abkunft eröffnet und ihm die Erbstücke seines Hauses übergeben. In den Wäldern des Tales sang der junge Mann von Lúthien, sah Arwen zwischen den Birken gehen und sprach sie in seiner Verwirrung mit dem Namen jener längst vergangenen Frau an. Elrond klärte ihn noch am selben Tag darüber auf, wen er gesehen hatte: seine eigene Tochter, die ihm an Alter und Herkunft weit voraus sei; ein schweres Geschick liege auf ihm, und er möge seine Augen nicht dorthin richten.
Fast dreißig Jahre vergingen, ehe sie sich wiedersahen. Im Jahr 2980, nach langen Wanderungen und Kriegsdiensten in fremden Ländern, kam Aragorn nach Lothlórien, wo Galadriel ihn neu einkleidete; Arwen hielt sich zu dieser Zeit ebenfalls im Goldenen Wald auf. Zur Mittsommerzeit trafen sie einander auf dem Hügel Cerin Amroth und gaben einander dort das Wort. Damit entschied Arwen zugleich über ihre eigene Art: Sie nahm das Geschick der Menschen an und gab die Unsterblichkeit ihres Volkes preis, wie es vor ihr Lúthien getan hatte. Elrond willigte ein, doch unter einer Bedingung, die einer Absage nahekam — sie solle keinen Geringeren heiraten als den König von Gondor und Arnor zugleich.
Im Hauptstrang des Herrn der Ringe tritt Arwen nur selten in Erscheinung. Frodo sieht sie im Herbst 3018 in der Halle von Bruchtal mittig unter einem Baldachin sitzen, an dem Abend, ehe die Beratung über den Ring gehalten wird; am Zug der Gemeinschaft hat sie keinen Anteil. Ihr eigentliches Eingreifen erfolgt aus der Ferne. Im März 3019 brachte Halbarad, der mit der Grauen Schar aus dem Norden zu Aragorn stieß, ein zusammengerolltes Banner mit, das Arwen gewebt hatte, dazu die knappe Botschaft, die Zeit sei kurz und es entscheide sich nun alles. Dieses Banner ließ Aragorn auf den Schiffen von Pelargir und dann auf dem Pelennor entfalten; es trug den Weißen Baum, sieben Sterne und die Krone.
Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.
Schicksal
Nach der Krönung Elessars ritt Elrond mit seiner Tochter nach Süden, seine Söhne zogen mit Éomer nach Rohan; zur Mittsommerzeit des Jahres 3019 kam Arwen nach Minas Tirith, und am Mittsommertag wurde die Ehe geschlossen, nachdem Elrond dem Bräutigam das Zepter von Annúminas übergeben hatte. Beim Abschied der Gefährten im Herbst desselben Jahres wandte sie sich an Frodo: Sie schenkte ihm einen weißen Stein an einer Kette gegen die Erinnerung an seine Wunden und trat ihm den Platz ab, der ihr auf den Schiffen in den Westen zugestanden hätte, da sie ihn nicht mehr beanspruchen konnte. Zwei Jahre später, im September 3021, ging Elrond zu den Grauen Anfurten; Vater und Tochter schieden voneinander in dem Wissen, dass es kein Wiedersehen diesseits des Weltendes geben werde.
Über die folgenden hundertzwanzig Jahre ihrer Königinnenzeit berichten die Anhänge wenig. Genannt werden ein Sohn, Eldarion, der die Herrschaft erbte, und mehrere Töchter, deren Namen die Überlieferung nicht bewahrt hat. Im Jahr 120 des Vierten Zeitalters legte Aragorn im Haus der Könige aus freiem Willen sein Leben nieder; Arwen bat ihn vergeblich, noch zu bleiben, und erfuhr in dieser Stunde, was die Sterblichkeit, die sie gewählt hatte, tatsächlich bedeutete. Danach verließ sie Minas Tirith und ging nach Lórien, das nun leer stand, denn Galadriel war fortgezogen und auch Celeborn nicht mehr dort. Unter den verblassenden Bäumen blieb sie allein, bis der Winter kam; im Jahr darauf legte sie sich auf Cerin Amroth nieder, wo sie einst das Wort gegeben hatte, und starb. Ihr Grab liegt dort, und mit ihr endete das Geschlecht, in dem sich Elben und Menschen ein zweites Mal verbunden hatten.
Rolle und Fähigkeiten
Im Erzählgefüge des Herrn der Ringe lässt sich Arwens Stellung nicht an der Zahl ihrer Auftritte ablesen. Im Haupttext erscheint sie beinahe nur als Gesehene: In der Halle von Bruchtal wird ihre Erscheinung beschrieben, nicht ihr Handeln, und sie spricht dort kein Wort. Ihr Gewicht liegt in dem Anhang, der ihre Geschichte gesondert führt, und dieses Gewicht ist ein strukturelles. Mit ihr verbindet sich zum zweiten Mal das Geschlecht der Eldar mit dem der Menschen, und die Überlieferung stellt diesen Vorgang ausdrücklich neben den älteren Fall, indem sie in ihr die Ähnlichkeit Lúthiens wiederkehren sieht. Der Beiname, den ihr Volk ihr gab, benennt dabei zugleich eine Zeitstelle: Sie steht am Abend der Elben in Mittelerde, nicht an ihrem Morgen.
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Schicksal
Von Fähigkeiten im engeren Sinn berichten die Quellen bei ihr nichts. Anders als ihr Vater und ihre Großmutter hütet sie keinen der Drei Ringe, sie verfügt über kein Gerät der Schau, sie heilt nicht, und in keiner Beratung tritt sie als Stimme auf. Was sie bewirkt, bewirkt sie durch die Arbeit ihrer Hände und durch Gaben, und zwar aus der Ferne: Das Banner, das sie in langer Heimlichkeit webte und durch die Graue Schar nach Süden schickte, steht für ihren Anspruch, ehe sie selbst am Ort ist. Ebenso liegt in dem Stein, den sie Frodo mitgibt, keine Heilkraft; er soll die Erinnerung an eine Wunde mildern, die niemand mehr schließen kann. Das Bedeutendste, was sie zu geben hat, ist am Ende ein Platz auf einem Schiff, den sie selbst nicht mehr betreten darf.
Auch ihre Königswürde ist keine Machtstellung im Sinne von Herrschaft. Sie ist Königin an der Seite Elessars; Krone, Zepter und Entscheidungen liegen bei ihm, und die Jahrestafel verzeichnet aus den zwölf Jahrzehnten dieser Ehe keine Handlung, die von ihr ausginge. Die einzige Entscheidung von Rang, die die Überlieferung ihr zuschreibt, betrifft sie selbst, und gerade diese ist unwiderruflich. Als sie den König zu halten versucht, hat sie kein Mittel dazu; die Sterblichkeit, die sie angenommen hatte, erweist sich nicht als etwas, worüber sie verfügt, sondern als etwas, das sie zu tragen hat. Die Anhänge halten das ohne Trost fest: Was diese Wahl bedeutete, wurde ihr erst kenntlich, als sie längst nicht mehr rückgängig zu machen war.
Verwandtschaft, Bindung und der Zuschnitt ihres Kreises
Die bestimmende Bindung ihres Lebens ist die zum Vater, und sie ist deshalb so schwer zu lösen, weil Elrond zugleich der Zieh- und Pflegevater dessen war, den sie wählte: Aragorn wuchs in seinem Haus auf, ehe er sie überhaupt sah. Die Bedingung, die Elrond an die Ehe knüpfte, richtete sich damit an einen Mann, den er selbst erzogen hatte, und sie ist weniger Verbot als Preisforderung — er versagt der Tochter nichts, er setzt den Einsatz so hoch, dass er kaum einlösbar scheint. Dass Vater und Bräutigam einander schon lange kannten, verschiebt den Charakter des ganzen Vorgangs: Es geht nicht um Fremdheit zwischen zwei Häusern, sondern darum, was ein Vater fordern darf, wenn er weiß, dass jede Erfüllung seiner Forderung ihn die Tochter endgültig kostet.
Die mütterliche Seite ihrer Verwandtschaft ist in der Überlieferung früh weniger eine Person als ein Ort. Nach dem Fortgang Celebríans bleibt von ihr der Goldene Wald und die Sippe, die dort herrscht, Celeborn und Galadriel, zu denen Arwen immer wieder zurückkehrt; die Bindung an die Mutter überlebt gleichsam als Landschaft. Ihre beiden Brüder stehen ihr darin am nächsten, und doch trennt sie eine Entscheidung: Elladan und Elrohir ritten mit der Grauen Schar nach Süden und standen im Krieg an der Seite des Mannes, den ihre Schwester gewählt hatte, blieben aber nach dem Aufbruch des Vaters in Bruchtal zurück, und wie ihre eigene Wahl zwischen den Geschlechtern ausfiel, sagen die Anhänge nicht. Gerade diese Offenheit lässt erkennen, wie scharf umrissen ihre Lage im Vergleich ist.
Außerhalb der Verwandtschaft ist ihr Kreis auffällig eng. Der einzige Mensch, dem sie in den Büchern selbst zugewandt begegnet und für den sie eine eigene Entscheidung trifft, ist Frodo — eine Begegnung von wenigen Sätzen, die dennoch mehr Gewicht hat als jede andere außerhalb ihres Hauses. Einen Gegenspieler führt die Überlieferung für sie überhaupt nicht: Kein Feind trägt ihr gegenüber einen Namen, und selbst das Unrecht, das ihrer Mutter angetan wurde, hinterlässt bei ihr keine verzeichnete Feindschaft. Was ihr an Widerstand entgegensteht, ist nicht Bosheit, sondern Zeit und Trennung. Ihr Beziehungsgefüge ist deshalb nicht durch Parteien geordnet, sondern durch Herkunft und Verlust: Fast jede Bindung, die sie eingeht, endet damit, dass die Gegenseite einen Weg nimmt, den sie nicht mitgehen kann.
Die Figur in Tolkiens Entwürfen
Arwen gehört zu den späten Zugängen der Erzählung. In den Entwurfsfassungen der Bruchtal-Kapitel, die Christopher Tolkien in „The Return of the Shadow“ abdruckt, gibt es keine Tochter Elronds: Das Haus wird von Elrond selbst, von Glorfindel und von Bilbo bestimmt, und die Beratung über den Ring kommt ohne eine solche Gestalt aus. Dass eine Verbindung zwischen ihr und dem Erben Isildurs überhaupt denkbar werden konnte, hing an einer ganz anderen Entscheidung. Der Wanderer, dem die Hobbits in Bree begegnen, war über lange Strecken der Arbeit selbst ein Hobbit — ein Wesen namens Trotter, kenntlich an seinen hölzernen Schuhen. Erst als Tolkien ihn zu einem Mann von númenórischer Abkunft umbildete und ihm im Zuge weiterer Umarbeitungen die Namen Streicher und schließlich Aragorn gab, entstand der Raum, in dem die Geschichte einer zweiten Verbindung von Elben und Menschen erzählt werden konnte.
Selbst danach stand die Sache lange nicht fest, denn Tolkien erwog für den künftigen König eine andere Gefährtin. In Notizen und vorausblickenden Handlungsskizzen aus der Zeit, in der Rohan Gestalt annahm, ist wiederholt daran gedacht, dass Éowyn, die Schwester Éomers, ihm zufallen und mit ihm vermählt werden solle; daneben stehen Entwürfe, in denen sie im Kampf umkommt, um Théoden zu rächen. Diese Möglichkeiten schließen die Tochter Elronds naturgemäß aus, und erst mit ihrem Verwerfen wurde der Weg für die endgültige Lösung frei — die Éowyn dann an Faramir wies. Die zusammenhängende Erzählung von Aragorn und Arwen selbst entstand noch später, im Rahmen der Arbeit an den Anhängen; ihre Vorstufen hat Christopher Tolkien in „The Peoples of Middle-earth“ veröffentlicht. Das erklärt zugleich die eigentümliche Stellung der Figur im fertigen Werk: Was im Hauptstrang nur angedeutet ist, wurde nachträglich und gesondert ausgearbeitet.
Die Figur in Film und Hörspiel
In der Filmtrilogie Peter Jacksons wird Arwen von Liv Tyler gespielt, und keine andere Fassung hat die Figur so weitgehend umgebaut. Was im Roman in die Anhänge ausgelagert ist, wandert dort in den Hauptstrang: Die Liebesgeschichte wird in eingeschobenen Szenen erzählt und bis in den dritten Teil hinein fortgesetzt. Am auffälligsten ist die Umbesetzung im ersten Film, wo Arwen die Rolle Glorfindels übernimmt — sie findet die Reisenden vor Bruchtal, nimmt den verwundeten Frodo auf ihr Pferd und reitet mit ihm vor den Neun her zur Furt. Auch das Schwert Elendils wird anders geführt: Es bleibt zunächst zerbrochen und wird erst spät neu geschmiedet, worauf Elrond es Aragorn im Lager unterhalb des Gebirges überbringt; das gewebte Banner und die Graue Schar, mit der es im Buch nach Süden kommt, entfallen ersatzlos. Hinzu tritt eine Erfindung ohne Vorbild in der Vorlage: Arwens Kräfte schwinden im dritten Teil in dem Maß, wie Saurons Macht wächst, sodass ihr Leben an den Ausgang des Krieges gebunden erscheint.
In den älteren Bearbeitungen ist die Figur dagegen kaum oder gar nicht vorhanden. Ralph Bakshis Zeichentrickfilm bricht nach der Schlacht um Helms Klamm ab und behandelt die Bruchtal-Kapitel im Wesentlichen als Vorlauf zur Ratsversammlung; Arwen tritt darin nicht auf. Das Hörspiel des BBC in sechsundzwanzig Teilen gilt als die vorlagentreueste der frühen Fassungen und behält gerade darum auch den Zuschnitt des Romans bei: Da die zusammenhängende Erzählung von Aragorn und Arwen im Anhang steht und nicht im Haupttext, bleibt ihr Anteil auch hier randständig.