Was für ein Buch dies ist

Der Band ist kein Erzählwerk, sondern eine kommentierte Textausgabe: Er versammelt jene Versdichtungen, in denen Tolkien in den 1920er und frühen 1930er Jahren zwei der großen Stoffe aus Beleriand ausarbeiten wollte. Den Umfang bestimmen zwei lange, unvollendete Gedichte — das stabreimende Lied von den Kindern Húrins und das in gereimten Paaren geschriebene Lied von Leithian. Daneben stehen kürzere Ansätze und Bruchstücke, die kaum über wenige hundert Zeilen hinauskamen. Christopher Tolkien gibt die Texte zeilennummeriert wieder und stellt ihnen Vorbemerkungen zur Seite, die Entstehungszeit, Handschriftenlage und Verhältnis zu den übrigen Fassungen klären.

Die Erzählhaltung des Bandes ist folglich die des Editors, nicht die des Dichters. Auf den Text folgt jeweils ein Kommentar, der abweichende Lesarten, gestrichene Passagen und Namensänderungen verzeichnet und benennt, wo eine Vorstellung erst hier auftaucht oder wieder verschwindet. Ungewöhnlich ist ein Abschnitt, in dem die kritischen Anmerkungen aufgenommen sind, die C. S. Lewis 1929 zum Lied von Leithian verfasste — in der Maske eines gelehrten Herausgebers, der über einen alten Text streitet — samt der Spuren, die Tolkiens Reaktion darauf in der Überarbeitung hinterließ. Der Ton bleibt durchweg nüchtern; wo die Belege nicht ausreichen, sagt der Herausgeber das und rät nicht.

Als Einstieg ist das Buch nicht gedacht. Es setzt voraus, dass die Geschichten in ihrer späteren Gestalt bekannt sind, und richtet sich an Leser, die wissen wollen, wie diese Gestalt zustande kam. Innerhalb des Legendariums markiert der Band den Umweg über die Dichtung: Tolkien versuchte hier, zwei Stoffe, die er selbst zu den wichtigsten seiner Sammlung zählte, nicht in Prosa, sondern im Vers auszuformen, und brach beide Anläufe ab. Was in ihnen erarbeitet wurde — Figurenzeichnung, Szenenfolge, Tonlage —, ging gleichwohl in die späteren Prosafassungen ein, sodass die Gedichte weniger als Sackgasse denn als Zwischenstufe zu lesen sind.

Entstehung und Veröffentlichung

Der ältere der beiden großen Texte des Bandes entstand in den Jahren, die Tolkien als Dozent in Leeds verbrachte, also zwischen 1920 und 1925. Das stabreimende Lied von den Kindern Húrins wuchs in dieser Zeit auf gut zweitausend Zeilen an, blieb aber Fragment; Tolkien setzte neu an und führte eine zweite, deutlich kürzere Fassung bis zu einem Punkt, der noch weit hinter dem Umfang der ersten zurückblieb. Christopher Tolkien druckt beide Anläufe vollständig ab und ordnet sie über Handschriften, Papiersorten und Namensformen zeitlich ein. Aus diesem Umkreis stammt auch die früheste zusammenhängende Prosaübersicht der Mythologie, die Tolkien 1926 für seinen ehemaligen Lehrer R. W. Reynolds niederschrieb, damit dieser den Hintergrund des Gedichts überhaupt beurteilen konnte.

Unmittelbar nach dem Abbruch der Húrin-Dichtung begann Tolkien im Sommer 1925 mit dem Lied von Leithian, das er nun nicht mehr im Stabreim, sondern in vierhebigen Reimpaaren anlegte. An diesem Gedicht arbeitete er, mit Unterbrechungen, bis in den September 1931; es gliedert sich in Gesänge, deren Zählung bis zum vierzehnten reicht, und bricht dort nach gut viertausend Zeilen mitten in der Handlung ab. Datierte Notizen auf den Manuskripten erlauben es dem Herausgeber, einzelne Abschnitte jahrgenau zuzuordnen — ein Glücksfall, der für die übrigen Texte des Bandes nicht gilt. Die kritische Lektüre durch C. S. Lewis fällt in dieses Jahrzehnt und ist an anderer Stelle des Bandes dokumentiert.

Zwischen den beiden Hauptstücken stehen kürzere Versdichtungen, die Tolkien in den 1920er Jahren begann und rasch liegen ließ: ein stabreimendes Gedicht über den Auszug der Noldor aus Valinor, ein Bruchstück über Eärendel und ein ebenfalls stabreimender Ansatz zum Fall von Gondolin, der über wenige hundert Zeilen nicht hinauskam. Sehr viel später, um 1950 und damit nach dem Abschluss des Herrn der Ringe, nahm Tolkien das Lied von Leithian noch einmal auf und begann eine vollständige Neufassung in einer merklich gestrafften, gereifteren Sprache. Auch dieser Versuch endete früh; erhalten sind der Anfang der Neudichtung und eine Reihe von Umarbeitungen einzelner Passagen der alten Fassung. Der Band druckt diese späte Schicht als eigenen Teil ab und macht so den Abstand von rund fünfundzwanzig Jahren zwischen erster und zweiter Bearbeitung sichtbar.

Zu Tolkiens Lebzeiten wurde von alledem nichts veröffentlicht. Er hat das Lied von Leithian dem Verlag Allen & Unwin nach dem Erfolg des Hobbit vorgelegt, zusammen mit dem damaligen Stand seiner Prosafassung der älteren Sagen; angenommen wurde keines der beiden Werke, und dass er die großen Stoffe seiner Sammlung überhaupt in Versen ausgearbeitet hatte, blieb der Öffentlichkeit unbekannt. Erst Christopher Tolkiens Edition machte die Texte zugänglich: The Lays of Beleriand erschien 1985 bei George Allen & Unwin in London und im selben Jahr bei Houghton Mifflin in Boston, als dritter Band der Reihe The History of Middle-earth. Spätere Auflagen betreute HarperCollins, teils als Einzelband, teils in Sammelausgaben mit den beiden vorangehenden Bänden; am edierten Text änderte sich dabei nichts. Eine deutsche Übersetzung liegt nicht vor — von der Reihe sind nur die beiden Bände des Buchs der verschollenen Geschichten übertragen worden —, weshalb der englische Titel auch im deutschen Sprachgebrauch die gültige Nennform ist.

Aufbau des Bandes

Der Band gliedert sich in vier Teile, denen ein knappes Vorwort des Herausgebers vorangeht; dieses ordnet die Sammlung in die Reihe ein und benennt die Grundsätze der Wiedergabe. Der erste Teil gehört dem stabreimenden Lied von den Kindern Húrins und ist zugleich der umfangreichste geschlossene Block: Auf einen einleitenden Abschnitt über Húrin und Morgoth folgen die Abschnitte über Túrins Aufwachsen in Doriath, über Beleg und über den Aufenthalt in Nargothrond, jeweils fortlaufend zeilennummeriert. Im Anschluss daran steht die zweite, kürzere Bearbeitung desselben Stoffes, wiederum mit eigener Zeilenzählung, sodass sich Vers gegen Vers vergleichen lässt. Die erläuternden Abschnitte sind nicht in den Text eingeschoben, sondern schließen sich den jeweiligen Textblöcken an.

Der zweite Teil sammelt unter einer eigenen Überschrift die früh liegen gebliebenen Versuche und ist der kürzeste des Bandes. Er enthält das stabreimende Gedicht über den Auszug der Noldoli aus Valinor, das Bruchstück einer Dichtung über Eärendel und den stabreimenden Anfang zum Fall von Gondolin; jedes Stück steht für sich, mit knapper Vorbemerkung und anschließender Erläuterung. Der dritte Teil ist dem Lied von Leithian gewidmet und anders gebaut als der erste: Hier folgt auf jeden einzelnen Gesang unmittelbar der zugehörige Kommentar, sodass Text und Erörterung im Wechsel stehen und der Leser einen bestimmten Gesang samt seiner Erläuterung an einer Stelle findet. Die durchlaufende Zeilenzählung reicht über alle Gesänge hinweg und ist der eigentliche Zugriffsweg auf den Text; die Kommentare verweisen mit ihr, nicht mit Seitenzahlen. Am Ende dieses Teils stehen die angehängten Stücke — die Anmerkungen von C. S. Lewis und die Notiz zur Einreichung des Gedichts beim Verlag.

Den Schluss bildet der vierte, deutlich kürzere Teil mit der späten Neubearbeitung des Lieds von Leithian. Er bringt zunächst den Anfang der Neudichtung im Zusammenhang und danach die überarbeiteten Einzelstellen der alten Fassung, die nach der Zeilenzählung des ursprünglichen Gedichts eingeordnet sind — wer eine Passage der Frühfassung nachschlägt, findet über diese Zählung auch deren spätere Gestalt. Zur Ausstattung gehört ein ausführliches Register, das die Namen aus Texten und Kommentaren gleichermaßen erfasst und dabei die aufgegebenen Namensformen mitführt; es ist neben der Zeilenzählung das zweite Hilfsmittel für den gezielten Zugriff. Karten, Stammtafeln oder Bildtafeln enthält der Band nicht, was der Sache entspricht: Die Orientierung erfolgt hier über Verse und Handschriften, nicht über die Geographie Beleriands.

Stellung im Legendarium

Der Ort dieser Texte im Legendarium ist ein doppelter. Innerhalb der erzählten Welt sind die beiden großen Gedichte keine Vorstufen, sondern überlieferte Lieder: Das veröffentlichte Silmarillion beruft sich im Kapitel über Beren und Lúthien ausdrücklich auf das Lied von Leithian und gibt die eigene Darstellung als gekürzte Wiedergabe eines weit längeren Gesangs aus, und das Kapitel über Túrin verweist ebenso auf die Erzählung von den Kindern Húrins als das längste der Lieder Beleriands. Die Prosa des Silmarillion tritt dort also selbst als Auszug auf und setzt Dichtungen voraus, die es nicht mitliefert. Die Wendung, die dem Band seinen Titel gibt, stammt somit aus dem Werk, das er erläutert; wer die Gedichte liest, findet die wirklichen Texte hinter einer Fiktion, die das spätere Prosawerk nur behauptet hatte.

Zu Lebzeiten hat Tolkien von diesem Stoff nur einen schmalen Ausschnitt in Umlauf gebracht, und zwar an unauffälliger Stelle: Streicher trägt seinen Gefährten auf der Wetterspitze eine knappe Fassung der Geschichte von Beren und Lúthien vor und erklärt dabei, es handle sich um die unvollkommene Wiedergabe eines langen Liedes in einem elbischen Versmaß, das sich in der gemeinsamen Sprache kaum nachbilden lasse. Der Anhang stellt denselben Stoff überdies in eine unmittelbare Beziehung zur Verbindung Aragorns mit Arwen und verankert ihn so im Ausgang des Ringkriegs. Der Rahmen — dass hinter der kurzen Erzählung ein großes, nicht mitgeteiltes Lied steht — war damit lange vor der Edition gesetzt; die Leser des Herrn der Ringe kannten die Behauptung, nicht aber den Text, auf den sie zielte.

Für die verbindliche Erzählform blieben gleichwohl die Prosafassungen zuständig. Die ausführliche Túrin-Erzählung der Unfinished Tales und die 2007 daraus gewonnene fortlaufende Einzelausgabe geben den Stoff in einer Gestalt, die jünger ist als die Verse und in Namensformen, Reihenfolge der Auftritte und Gewicht einzelner Szenen von ihnen abweicht; Entsprechendes gilt für den Beren-Stoff, den ein späterer Sammelband abschnittweise durch die Stufen seiner Bearbeitung hindurch verfolgt und dabei Verspartien neben Prosa stellt. Daraus ergibt sich der Gebrauchswert des Bandes: Er ist keine Erzählquelle, aus der sich Auskünfte über Beleriand entnehmen ließen, sondern das Zeugnis einer Arbeitsstufe, gegen die die späteren Fassungen zu halten sind. Dass Tolkien beide Stoffe selbst zu den Hauptsträngen seiner Sammlung rechnete, erklärt, warum er ihnen die Mühe der Versform überhaupt zumutete — und warum ihr Abbruch für die Gesamtanlage folgenreicher war als das Liegenbleiben der kürzeren Ansätze.