Was für ein Buch das ist
„Der Fall von Gondolin“ ist kein Roman, sondern eine kommentierte Textausgabe. Christopher Tolkien legte sie 2018 bei HarperCollins vor, mit Zeichnungen und farbigen Tafeln von Alan Lee; die deutsche Fassung von Helmut W. Pesch erschien im selben Jahr. Der Band schließt eine Reihe eigenständiger Einzelausgaben ab, die mit „Die Kinder Húrins“ begann und mit „Beren und Lúthien“ fortgesetzt wurde — jene drei Stoffe also, die schon der Vater als die großen, aus dem übrigen Sagenkreis herausgehobenen Erzählungen behandelt hatte. Im Vorwort bezeichnete der Herausgeber die Arbeit ausdrücklich als seine letzte.
Der Aufbau folgt nicht der erzählten Zeit, sondern der Entstehungszeit: Die Fassungen stehen in der Reihenfolge, in der sie geschrieben wurden, von der frühesten ausgeführten Prosaerzählung über knappe Zusammenfassungen und annalistische Auszüge bis zu dem spät begonnenen, weit ausholenden und unvollendet abgebrochenen Anlauf. Zwischen und hinter den Texten steht der Kommentar des Herausgebers, der datiert, Handschriften unterscheidet, Widersprüche benennt und in einem eigenen Abschnitt nachzeichnet, wie sich die Erzählung über Jahrzehnte verschob. Dazu treten ein Namensverzeichnis, Erläuterungen zu altertümlichem Wortgebrauch, Stammbäume und Karten. Die Haltung ist durchweg die des Philologen, nicht des Nacherzählers: Es wird nichts zu einer einzigen glatten Fassung verschmolzen, wie es die Bearbeitung des „Silmarillion“ getan hatte.
Damit richtet sich das Buch an Leser, die über die knappe Kapitelfassung des „Silmarillion“ hinauswollen, ohne die zwölf Bände der Entwurfsgeschichte durchzuarbeiten. Neu ist der Stoff nicht; die späteste Fassung, Tuors Weg zur verborgenen Stadt, war bereits in „Nachrichten aus Mittelerde“ gedruckt, die übrigen Zeugen lagen über mehrere Editionen verstreut. Der Gewinn liegt im Zusammenrücken: An einem Ort wird sichtbar, wie ein Erzählkern über ein halbes Jahrhundert wächst, sich strafft und schließlich unvollendet liegen bleibt. Innerhalb des Legendariums steht der Band im Ersten Zeitalter und beleuchtet jene Stelle, an der die Geschichte der Noldor und die Vorgeschichte der späteren Zeitalter ineinandergreifen.
Entstehung und Veröffentlichung
Der früheste Text des Bandes ist zugleich der älteste ausgeführte Prosatext des ganzen Sagenkreises. Tolkien schrieb ihn 1916/17 nieder, im Lazarett und in dem anschließenden Genesungsurlaub, nachdem ihn das Grabenfieber von der Somme nach England zurückgebracht hatte; er hat später festgehalten, die Erzählung sei ohne Vorlage und gleichsam aus dem Stand entstanden. Sie war damit die erste der „verschollenen Geschichten“, die er zu Ende führte, und sie brachte mit Tuor, Idril und Earendil Gestalten ins Spiel, an denen sich der weitere Bau der Mythologie ausrichtete. 1920 las Tolkien den Text vor dem Essay Club seines Oxforder College, Exeter — soweit bekannt der erste öffentliche Auftritt eines Stücks dieses Legendariums überhaupt. Damit steht am Anfang der Überlieferung nicht ein Entwurf, sondern eine bereits durchgearbeitete, breit ausgemalte Erzählung.
In den folgenden Jahrzehnten kehrte Tolkien nicht zu einer neuen Vollfassung zurück, sondern raffte. 1926 fasste er den Zusammenhang der Mythologie in einem knappen Abriss zusammen, der für einen früheren Lehrer bestimmt war und dem Untergang der Stadt nur wenige Absätze widmete; um 1930 entstand eine ausführlichere, aber immer noch stark verkürzte Gesamtdarstellung derselben Art. Ein Versuch, den Stoff in alliterierende Verse zu bringen, brach früh ab. In den frühen 1950er Jahren trat ein annalistischer Bericht hinzu, der die Ereignisse jahrweise ordnet und dabei eher registriert als erzählt. Keiner dieser Texte holte die Fülle des Erstlings ein; sie belegen vielmehr, wie die Erzählung in dem Maß schrumpfte, in dem sie sich in ein immer größeres Ganzes einfügen musste.
Erst nach Abschluss des „Herrn der Ringe“ setzte Tolkien um 1951 zu einer wirklich neuen Ausarbeitung an. Dieser späte Anlauf beginnt weit vor der Stadt, bei Tuors Aufbruch und seinem Weg unter Führung des Elben Voronwe durch das winterliche Land, und er erzählt in einer Ausführlichkeit, die dem Ton des vollendeten Romans näher steht als der Sprache von 1917. Der Text bricht jedoch ab, kurz nachdem Tuor die verborgene Stadt erreicht hat — von ihrem Fall, dem eigentlichen Gegenstand, ist darin nichts mehr erzählt. Christopher Tolkien druckte dieses Fragment bereits 1980 in „Nachrichten aus Mittelerde“ und bezeichnete das Abbrechen dort als einen der schmerzlichsten Verluste des unvollendeten Werks; warum sein Vater die Arbeit liegen ließ, ist nicht überliefert.
Die Zusammenführung all dieser Zeugen in einem eigenen Buch erfolgte erst spät. Der Band erschien am 30. August 2018 und schloss eine Reihe ab, die 2007 begonnen und 2017 fortgesetzt worden war; zwischen der Entstehung des ersten Textes und dieser Ausgabe liegen rund hundert Jahre. Die abgedruckten Fassungen folgen einander in der Reihenfolge ihrer Niederschrift, von 1916/17 über die Verkürzungen der Zwischenjahre bis zum Fragment von 1951, sodass sich die Geschichte des Stoffes beim Lesen von selbst ergibt. Neue, bis dahin unveröffentlichte Erzähltexte enthält der Band nicht; neu sind die Zusammenstellung, der durchlaufende Kommentar und der abschließende Abschnitt über die Wandlungen der Erzählung. Eine spätere Überarbeitung durch den Herausgeber hat es nicht gegeben — die Ausgabe von 2018 blieb in der Gestalt bestehen, in der sie vorgelegt wurde.
Aufbau des Bandes
Vor den Texten stehen ein knappes Vorwort des Herausgebers und ein Prolog, der in den Zusammenhang des Ersten Zeitalters einführt und erklärt, warum die Stadt überhaupt verborgen lag. Der Hauptteil ist als Folge einzeln überschriebener Zeugen angelegt: zuerst „Die ursprüngliche Erzählung“, die einzige ausgeführte Vollfassung, danach ein abgebrochener Neuansatz von wenigen Seiten, in dem Tuor noch einen anderen Namen trägt; es folgen der knappe Abriss der Mythologie, die entsprechende Partie der „Quenta Noldorinwa“, ein Auszug aus den annalistischen Aufzeichnungen und zuletzt die unvollendete späte Ausarbeitung. Jeder dieser Texte ist vollständig abgedruckt und nicht bloß in Auszügen referiert; wer eine bestimmte Fassung sucht, findet sie geschlossen an einer Stelle. Angehängt an die Einzeltexte sind jeweils Anmerkungen, die Lesarten der Handschriften verzeichnen und den Text gegen die übrigen Zeugen abgrenzen.
Hinter der Textfolge stehen zwei ausgreifende Abschnitte des Herausgebers. Der erste, „Die Entwicklung der Erzählung“, geht die Fassungen noch einmal der Reihe nach durch und verfolgt einzelne Züge quer durch alle Stufen — etwa die Rolle Ulmos, die Zahl und Natur der feindlichen Heerscharen oder die Frage, auf welchem Weg die Flüchtenden entkommen. Wer wissen will, worin sich zwei Fassungen an einem bestimmten Punkt unterscheiden, wird hier eher fündig als in den Anmerkungen zu den Einzeltexten. Der zweite Abschnitt schließt die Handlung nach vorn ab: Er führt über den Untergang hinaus zu den Überlebenden an den Mündungen des Sirion und weiter zu Earendil, und stützt sich dafür auf Texte, die nicht mehr zum Gondolin-Stoff im engeren Sinne gehören.
Der Schlussteil dient dem Nachschlagen. Das Verzeichnis der Namen umfasst sämtliche Fassungen zugleich und macht dadurch sichtbar, wie stark die Formen wanderten: Zu vielen Gestalten und Orten sind mehrere, teils weit auseinanderliegende Benennungen aufgeführt, mit Verweis darauf, in welchem Text welche gilt. Daneben stehen ergänzende Notizen zu Einzelfragen, die den laufenden Kommentar gesprengt hätten, sowie ein kurzes Glossar, das veraltete oder ungebräuchliche Wörter des Originals erklärt — ein Zugeständnis an den betont altertümlichen Ton gerade der frühen Erzählung. Den Abschluss bilden Stammtafeln zu den Häusern der Noldor und der Menschen, eine Karte des nördlichen Beleriand, die Gondolins Lage zwischen den umliegenden Reichen zeigt, und ein Verzeichnis der Tafeln. Für die erste Lektüre bietet sich der Prolog als Einstieg an, für den Vergleich der Fassungen der Abschnitt über ihre Entwicklung, für Einzelbelege das Namensverzeichnis.
Stellung im Legendarium
Erzählerisch liegt der Stoff an der Stelle, an der das Erste Zeitalter zu seinem Ende kippt. Gondolin ist das letzte der verborgenen Reiche der Noldor; mit seinem Untergang bleibt im Norden kein befestigter Ort mehr, und was danach folgt, spielt an den Mündungen des Sirion, wohin sich die Überlebenden retten. Von dort führt die Linie zu Earendil, dessen Fahrt in den Westen den Beistand der Mächte erwirkt und damit den Sturz Morgoths einleitet. Der Band setzt voraus, was andernorts erzählt wird: die Rückkehr der Noldor nach Mittelerde, die Niederlage der Nirnaeth Arnoediad, die Turgons Reich vollends abschnitt, und Ulmos Rat, der zur Gründung der Stadt geführt hatte. Für sich gelesen bietet er eine Katastrophe ohne ihre Voraussetzungen.
Als abgeschlossene Erzählung liegt der Untergang sonst nur in einem knappen Kapitel des „Silmarillion“ vor. Dieses Kapitel stützt sich, da der Vater den Stoff nie erneut zu Ende führte, im Wesentlichen auf ältere, stark zusammengezogene Vorlagen; die späteste Ausarbeitung, in „Nachrichten aus Mittelerde“ gedruckt, endet bereits vor dem Angriff. Das eigentliche Geschehen in den Straßen der Stadt — der Ansturm, die Verteidigung der einzelnen Häuser, der Rückzug der Flüchtenden — ist ausgeführt allein in der frühesten Fassung erzählt. Genau darin liegt der besondere Ort des Bandes: Er stellt neben die geltende Kurzform jene ausführliche Schilderung, aus der sie mittelbar hervorging, ohne die eine durch die andere zu ersetzen.
Dass die Fassungen einander widersprechen, verschweigt die Ausgabe nicht, sondern macht es zu ihrem Gegenstand. In der frühen Erzählung ist Tuor der Sohn eines Mannes, der später keine Rolle mehr spielt; erst in der ausgebildeten Überlieferung wird er zum Sohn Huors und damit zum Neffen Húrins, wodurch die beiden großen Erzählungen verwandtschaftlich zusammenrücken. Auch das Bild der Angreifer wandelt sich: Wo die erste Fassung eiserne und eherne Ungetüme kennt, in deren Bäuchen Orks sitzen, und Balrogs in großer Zahl auftreten lässt, hat die spätere Vorstellung diese Kriegsmaschinen fallen gelassen und die Feuergeister auf wenige, ungleich furchtbarere Wesen zusammengezogen. Der Herausgeber stellt solche Abweichungen nebeneinander, statt sich für eine Lesart zu entscheiden.
Nach vorn reicht der Stoff bis in die von Tolkien selbst veröffentlichten Bücher, dort allerdings nur als Erinnerung. Die Klingen, die im Trollhort gefunden und in Bruchtal als Arbeit der Elben von Gondolin erkannt werden, stammen aus der untergegangenen Stadt; Elrond führt seine Abstammung über Earendil auf Tuor und Idril zurück, und in Bruchtal wird von Earendils Fahrt noch im Dritten Zeitalter gesungen. Diese Bezüge stehen fest und werden von keinem der abgedruckten Texte berührt. Die Kanon-Schicht des Bandes ist demnach die posthum edierte: Er versammelt Zeugen unterschiedlichen Alters und Rangs, erhebt aber keinen davon zur maßgeblichen Fassung, sodass für die Frage, was geschah, weiterhin das Kapitel des „Silmarillion“ die Bezugsgröße bleibt.
Aufnahme und Wirkung
Die Ausgabe kam gleichzeitig in London und in Boston heraus. Neben der gebundenen Normalausgabe legte der Verlag eine limitierte Vorzugsausgabe im Schuber vor, wie sie schon die beiden vorangegangenen Erzählungen begleitet hatte; im selben Jahr erschien überdies eine gesprochene Fassung. Die äußere Gestalt folgt bei allen drei Einzelausgaben demselben Muster — gleiches Format, derselbe Illustrator, derselbe Aufbau aus Text, laufendem Kommentar und Anhangteil —, so dass die Bände als zusammengehörige Reihe erkennbar sind und später auch gemeinsam in einer Kassette angeboten wurden. Die farbigen Tafeln und die Federzeichnungen Alan Lees wurden in die Lizenzausgaben übernommen und gehören seither fest zum Erscheinungsbild des Buches.
Die deutsche Übertragung folgte noch im Erscheinungsjahr und übernahm mit „Der Fall von Gondolin“ die im deutschen Sprachraum bereits eingeführte Titelform; Übersetzungen in weitere Sprachen schlossen sich an. Für den Übersetzer stellte sich dabei eine Schwierigkeit, die im Original angelegt ist: Der Band druckt Fassungen aus mehr als drei Jahrzehnten nebeneinander, deren Sprachstand sich merklich unterscheidet, und er verzeichnet zu vielen Namen mehrere, teils stark abweichende Formen. Die Namenschreibung richtet sich daher nach dem jeweils abgedruckten Zeugen und nicht nach einer vereinheitlichten Liste.
Die im Vorwort ausgesprochene Ankündigung, es handle sich um die letzte Arbeit des Herausgebers, behielt recht: Christopher Tolkien starb am 16. Januar 2020, ohne eine weitere Edition vorgelegt oder diese überarbeitet zu haben. Damit ist der Band zugleich der Abschluss einer editorischen Tätigkeit, die 1977 mit der Bearbeitung des „Silmarillion“ begonnen hatte und über die Sammelbände der unfertigen Texte bis zur mehrbändigen Entwurfsgeschichte reichte. Spätere Veröffentlichungen aus dem Nachlass gingen von anderen Herausgebern aus. Innerhalb der Nachschlagepraxis hat sich der Band als der Ort etabliert, an dem sämtliche Zeugen zum Untergang der Stadt gesammelt einzusehen sind, ohne dass er den bis dahin geltenden Zugriff über die einzelnen Vorgängerausgaben ersetzt hätte.