Herkunft und Namen
Tuor stammte aus dem Haus Hadors, dem dritten und jüngsten der drei Häuser der Edain, das nach seinem frühen Führer auch das Volk Marachs genannt wird und dem im Ersten Zeitalter Dor-lómin in Hithlum zu Lehen gegeben war. Sein Vater Huor war der Sohn Galdors des Langen und Enkel Hadors Goldhaupt; der ältere Bruder des Vaters war Húrin, der Herr von Dor-lómin. Über seine Mutter Rían, die Tochter Belegunds, war Tuor zugleich dem Haus Beors verbunden, dem ältesten der drei und dem Geschlecht Barahirs und Berens; Rían und Morwen, Túrins Mutter, waren Basen. In Tuor liefen mithin die beiden Linien zusammen, aus denen die Überlieferung die maßgeblichen Menschengeschlechter Beleriands ableitet, ohne dass ihm daraus zu Lebzeiten ein Erbe oder ein Anspruch zugefallen wäre.
Geboren wurde er im Jahr der Nirnaeth Arnoediad, 472 des Ersten Zeitalters, in der Wildnis am See Mithrim. Huor war zu diesem Zeitpunkt bereits gefallen, und Rían, die vergeblich nach Nachricht von ihm gesucht hatte, brachte das Kind unter dem Schutz der dort verbliebenen Grauelben zur Welt. Ihr wird die Namensgebung zugeschrieben; mehr hat sie ihrem Sohn nicht mitgeben können, denn sie übergab ihn den Elben und verließ ihn noch als Säugling, um zum Hügel der Erschlagenen auf dem Schlachtfeld des Nordens zu gehen. Tuor wuchs damit von Anfang an außerhalb seines eigenen Volkes und außerhalb des Landes auf, das dem Haus Hadors gehört hatte.
Der Name selbst wird in den Quellen ohne Deutung überliefert: Weder das veröffentlichte Werk noch die nachgelassenen Erzählungen geben ihm eine Bedeutung, und anders als bei vielen Elbennamen fehlt jede Zergliederung in Bestandteile. Zur Aussprache hält Anhang E fest, dass u und o hier getrennte Silben bilden und keinen Zwielaut ergeben — der Name ist zweisilbig zu lesen. In den Texten erscheint er fast durchweg mit dem Vatersnamen als „Tuor, Sohn Huors“ oder mit der Herkunftsangabe „aus dem Haus Hadors“; einen elbischen Beinamen, wie ihn andere Sterbliche des Ersten Zeitalters tragen, hat er nicht erhalten. Im Herrn der Ringe wird er nur ein einziges Mal genannt, und zwar in den Stammtafeln der númenórischen Könige, wo er als Vater Earendils und Angehöriger des Hauses Hador erscheint. Die spätere Überlieferung kennt ihn also weniger unter einem eigenen Titel als über seine Verwandtschaft: als Sohn eines Gefallenen und als Glied einer Abstammung.
Geschichte
In Tuors sechzehntem Lebensjahr entschlossen sich Annael und die letzten Grauelben von Mithrim, das Land zu verlassen und über die geheimen Wege nach Süden zu den Häfen an der Sirionmündung zu ziehen. Der Aufbruch misslang: Orks und Ostlinge stellten die kleine Schar in den Bergen, die Gefährten wurden zersprengt, und Tuor geriet in Gefangenschaft. Drei Jahre lang war er Knecht Lorgans, des Anführers der Ostlinge, die Hithlum nach der Nirnaeth Arnoediad unterworfen hatten. Danach entkam er und lebte vier weitere Jahre als Geächteter in den Höhlen von Androth, allein, von Häschern gesucht und mit einem Preis auf seinem Kopf, während er den Fremden im Land der Väter nach Kräften schadete. Von der Sippe seines Vaters war zu dieser Zeit in Hithlum nichts mehr übrig, das ihn hätte aufnehmen können.
Am Ende dieser Jahre trieb ihn ein Drang fort, den die Überlieferung Ulmo zuschreibt. Tuor verließ die Höhlen und fand die Pforte der Noldor, jenen verborgenen Eingang, den Turgons Leute einst in den Bergen angelegt hatten; durch einen langen unterirdischen Gang und die tiefe Schlucht Cirith Ninniach gelangte er an die Küste von Nevrast und erblickte als erster Mensch das Große Meer. Sieben Schwäne wiesen ihm den Weg zu der verlassenen Halle von Vinyamar, wo Turgon vor seinem Fortzug nach Gondolin auf Geheiß Ulmos Schild, Panzerhemd, Schwert und Helm zurückgelassen hatte, bestimmt für den, der einst kommen würde. Tuor legte die Waffen an. Bei Sonnenuntergang erschien ihm Ulmo selbst inmitten eines aufziehenden Sturms, trug ihm den Auftrag an Turgon auf und gab ihm einen Mantel, der ihn den Blicken der Feinde entzog.
Als Führer wurde ihm Voronwe zugewiesen, der einzige Überlebende der Schiffe, die Turgon nach Westen gesandt hatte und die alle im Meer verdarben; Ulmo hatte ihn an die Küste von Nevrast getragen. Gemeinsam zogen die beiden im schwersten Winter, den Beleriand seit langem erlebt hatte, ostwärts durch verschneite und feindliche Landstriche. An den zerstörten Quellen des Ivrin, die der Drache Glaurung verunreinigt hatte, sahen sie von ferne einen hochgewachsenen Mann nach Norden eilen, ohne ihn anzusprechen: es war Túrin auf dem Weg von Nargothrond, der einzige Augenblick, in dem sich die Wege der beiden Vettern berührten. Zuletzt führte Voronwe ihn durch das Bett des Trockenen Flusses und die Reihe der bewachten Tore in den verborgenen Kessel von Tumladen.
Vor Turgon richtete Tuor Ulmos Warnung aus: Die Stadt könne dem Zorn Morgoths nicht dauerhaft standhalten, der König solle sie aufgeben und mit seinem Volk zum Meer hinabziehen. Turgon erwog den Rat, doch die Liebe zu seinem Werk und der Widerspruch aus seinem Rat, vor allem Maeglins, gaben den Ausschlag; die Tore wurden fester verschlossen als zuvor. Tuor selbst blieb, denn Ulmos Bote zu sein hatte ihn nicht zum Fremden gemacht: Er wurde in Gondolin geachtet, lernte die Kunde der Noldor und wurde Turgons Tochter Idril zugetan. Ihre Vermählung war erst die zweite Verbindung zwischen Menschen und Elben, und die Stadt feierte sie mit Freude; nur Maeglin, der Idril lange begehrt hatte, wandte sich in Hass ab. Aus der Ehe ging Earendil hervor.
Idril traute dem Frieden nicht und ließ heimlich einen Gang anlegen, der unter der Ebene hindurch bis ins Gebirge im Norden führte. Ihre Vorsicht bewährte sich, als Maeglin, außerhalb der Berge gefangen genommen, Morgoth die Lage der Stadt verriet und dafür Idril zum Lohn erbat. Der Angriff kam beim Sommerfest, als die Wachen die Mauern verlassen hatten und das Heer der Orks, Balrogs und Drachen bereits über die umschließenden Höhen stieg. Tuor kämpfte um sein Haus, entriss Maeglin Frau und Sohn und warf den Verräter von den Mauern des Amon Gwareth. Danach sammelte er die Überlebenden und führte sie durch Idrils Gang aus der brennenden Stadt. Am Pass der Adler stellte sich ihnen ein Hinterhalt entgegen; Glorfindel starb dort im Zweikampf mit einem Balrog, und Thorondor trug seinen Leichnam empor.
Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.
Schicksal
Die Flüchtlinge kamen nach Nan-tathren, dem Weidenland an der Mündung des Narog, wo sie sich erholten, und zogen dann weiter zu den Häfen an der Sirionmündung, wo sich später auch die Überlebenden von Doriath einfanden. Dort erwachte in Tuor die Sehnsucht nach dem Meer, die ihn seit Nevrast nicht mehr verlassen hatte und mit dem Alter stärker wurde. Er baute ein Schiff, dem er den Namen Earráme gab, und fuhr mit Idril in den Westen; die Überlieferungen berichten nichts weiter über ihre Fahrt. In den Liedern der Elben aber heißt es, dass Tuor als einziger Sterblicher zu den Erstgeborenen gezählt und dem Geschick der Noldor verbunden wurde, wodurch er von der Menschen gemeinsamem Los ausgenommen blieb. Die Führung der Menschen an der Sirionmündung ging auf Earendil über.
Rolle und Fähigkeiten
Unter den Menschen des Ersten Zeitalters nimmt Tuor die Stellung eines Boten ein: Er ist der einzige Sterbliche, den ein Vala unmittelbar zu seinem Werkzeug erwählte. Ulmos Eingreifen war dabei selbst begrenzt. Die Valar hatten sich von den Ländern diesseits des Meeres weitgehend zurückgezogen, und Ulmo wirkte am Rand dessen, was ihm zugestanden war — durch Wasser, Träume und Winke, nicht durch offene Macht. Entsprechend eng war Tuors Auftrag gefasst: Er sollte überbringen, nicht entscheiden. Ulmo sagte ihm voraus, dass ihm vor dem König Worte gegeben würden, die nicht die seinen seien; die Botschaft blieb Ulmos Sache, Tuor lieh ihr allein die Stimme.
Von Fähigkeiten übermenschlicher Art berichten die Texte nichts. Tuor war ein kräftiger Kämpfer, durch die Jahre der Ächtung im Verborgenen und im Hinterhalt geübt, doch was ihn heraushob, war geliehen: die Rüstung aus Vinyamar, die einem anderen bestimmt worden war, und der Mantel Ulmos, der ihn den Blicken der Feinde entzog, ihn aber nicht unverwundbar machte. Auch seine Stellung in Gondolin beruhte weder auf Herkunft noch auf einem Amt, sondern auf dem Auftrag und auf der Gunst des Königs; er konnte raten, nicht befehlen. Eben hier liegt die Grenze am deutlichsten zutage: Die Warnung wurde ausgerichtet und verstanden — und blieb doch ohne Folge. Ulmos Vorsorge wandte den Untergang nicht ab, sie bewahrte nur einen Rest.
Sein Gewicht im Legendarium liegt darum weniger in dem, was er selbst vermochte, als in dem, was durch ihn möglich wurde. Aus seiner Ehe ging die Linie hervor, die über Earendil zu Elros und Elrond führt und an der die Königsgeschlechter Númenors wie die Herren der späteren Zeitalter hängen; die Bitte um Beistand, die auszusprechen Tuor nicht gegeben war, trug am Ende sein Sohn über das Meer. Auch das Vorrecht, das die Überlieferung ihm zuschreibt, steht außerhalb des Berichteten: Es wird als Kunde aus den Liedern der Elben mitgeteilt, nicht als gesicherte Nachricht, und über sein Ende schweigen die Quellen. Was ihm an Macht zugerechnet werden kann, ist mithin die eines Werkzeugs, das zur rechten Zeit bereitstand.
Sippe, Gefährten und Gegner
Bemerkenswert an Tuors Beziehungsgefüge ist, dass keine einzige seiner prägenden Bindungen ererbt war. Von seiner Blutsverwandtschaft hat er niemanden gekannt: Was er über Huor wusste, war ihm erzählt worden, und zwar von einem Elben. Annael trat an die Stelle des Vaters, und aus dieser Pflegschaft erwuchs die eigentümliche Lage, dass Tuor die Sprache, die Lieder und die Umgangsformen der Erstgeborenen früher beherrschte als die seines eigenen Volkes — eine Vertrautheit, die ihm später in Gondolin zugutekam und die ihn zugleich von den Menschen entfremdete, unter denen er aufwuchs. Die Überlieferung stellt ihm darin Túrin gegenüber, den anderen Waisen des Hauses Hador, der ebenfalls bei Elben erzogen wurde und dessen Weg gleichwohl in die entgegengesetzte Richtung führte; dass die beiden Vettern einander nur einmal von ferne sahen, ohne es zu wissen, gehört zu den bewusst gesetzten Gegenüberstellungen der Erzählungen des Ersten Zeitalters.
Die Aufnahme in Gondolin verdankte Tuor nicht allein Ulmos Auftrag. Turgon hatte Huor und Húrin als Knaben in seiner Stadt beherbergt, und beim Abschied hatte Huor ihm vorausgesagt, dass aus seinem Haus und dem des Königs dereinst ein neuer Hoffnungsstern hervorgehen werde; als der Sohn vor ihm stand, erkannte Turgon den Vater in seinem Gesicht wieder. So traf Tuor auf eine Erwartung, von der er selbst nichts wusste. Voronwe wiederum war ihm kein Diener, sondern der einzige Gefährte auf gleicher Höhe, den die Texte ihm zugestehen — beide waren von Ulmo bestimmt, beide Übriggebliebene gescheiterter Aufbrüche. Und Idril, die ihn nicht bloß empfing, sondern ihm an Weitsicht überlegen war, hielt an ihrem Misstrauen fest, als der König längst beruhigt war.
Einen großen Widersacher hat Tuor nie gehabt. Morgoth trat ihm niemals gegenüber, und Lorgan war eine Feindschaft des Zwangs, keine der Person. Allein Maeglin wird zum Gegenspieler im eigentlichen Sinn, und auch das nicht aus Grundsatz, sondern weil beide dasselbe wollten: Der Neffe des Königs war durch die Sitte der Eldar von Idril geschieden, der zugewanderte Sterbliche nicht. Dass Tuor ihn schließlich mit eigener Hand fällte, ist der einzige Zweikampf, den die Berichte ihm zuschreiben — kein Heldenstück gegen die Mächte des Nordens, sondern die Abrechnung um Frau und Kind.
Entwürfe und Varianten
Tuors Geschichte ist die älteste ausgearbeitete Erzählung des Legendariums: „Der Fall von Gondolin“ entstand als erste der Verschollenen Geschichten, und die Gestalt trägt dort bereits ihren endgültigen Namen, doch fast nichts von ihrer späteren Verwandtschaft. Tuor ist der Sohn Pelegs und gehört keinem der drei Häuser der Edain an; eine Beziehung zu Húrin oder Túrin besteht nicht, ebenso wenig das Motiv des Vetternpaares, das die beiden großen Stoffe des Ersten Zeitalters später aneinanderbindet. Sein Führer heißt Bronweg, woraus erst danach Voronwe wurde, und die Bewohner der verborgenen Stadt werden Gondothlim genannt. In Gondolin steht Tuor an der Spitze einer eigenen Schar, des Volkes des Flügels, dessen Zeichen der Schwanenflügel ist. Der Untergang selbst wird mit eisernen Ungetümen erzählt, feuerspeienden Maschinen, in deren Innerem Orks an die Mauern getragen werden — ein Bild, das in allen späteren Bearbeitungen fortfiel.
Mit der knappen Zusammenfassung der Mythologie und der daraus erwachsenen Quenta rückte Tuor an den Platz, den ihm die veröffentlichten Bücher geben: Sohn Huors, Angehöriger des Hauses Hador, Vetter Túrins. Zu einer neuen ausführlichen Erzählung kehrte Tolkien erst um 1951 zurück, und diese späte Fassung bricht in dem Augenblick ab, in dem Tuor die verborgene Stadt zum ersten Mal vor sich sieht; der Fall Gondolins wurde nie wieder ausgeschrieben. Der zusammenhängende Bericht, den die posthumen Ausgaben bieten, ruht deshalb im Kern auf den Fassungen der dreißiger Jahre und gehört zu den schwierigsten Stellen der Herausgeberarbeit, weil zwischen der ältesten und der jüngsten Schicht mehr als drei Jahrzehnte und zwei einander widersprechende Erzählweisen liegen.