Herkunft, Wesen und Namen

Ulmo gehört zu den Ainur, jenen Geistern, die aus dem Denken Ilúvatars hervorgingen, ehe die Welt bereitet war. In der Großen Musik lag sein Sinn vor allem bei den Wassern, und Ilúvatar selbst unterwies ihn tiefer als jeden anderen über die Tiefen und ihr Wesen. Als Melkors Missklang Kälte und übergroße Hitze in das Gefüge trug, wies Ilúvatar ihn darauf hin, dass gerade daraus Schnee, Reif, Wolke und Regen entstanden seien; Ulmo erkannte, dass das Wasser dadurch reicher geworden war, als sein eigenes Sinnen es hätte fassen können. Mit den übrigen Mächten stieg er danach in Eä hinab, um an ihrer Vollendung zu wirken. Unter den acht Hohen, die man die Aratar nennt, steht er an Macht nur Manwe nach, mit dem ihn eine alte Freundschaft verbindet.

Sein Name ist ein hochelbisches Wort und wird gedeutet als „der Gießende“ oder „der Regner“ — eine Benennung, die weniger sein Aussehen als sein Wirken bezeichnet. Geläufiger sind die Beinamen, unter denen ihn Elben und Menschen kennen: Herr der Wasser und König des Meeres, denn kein Strom, kein Quell und keine Tiefe liegt außerhalb seiner Aufmerksamkeit. Zu ihm gehören auch die Ulumúri, gewaltige Hörner aus weißer Muschelschale, die der Maia Salmar für ihn schuf; wer ihren Klang je vernommen hat, trägt ihn danach unauslöschlich im Herzen. Seine eigentliche Stimme aber ist die des Wassers selbst, eine tiefe Musik, die durch alle Adern der Welt läuft und noch dort zu hören ist, wo das Meer fern liegt.

Im Wesen unterscheidet Ulmo sich merklich von seinesgleichen. Er hat keine Gefährtin und bleibt allein; er verweilt nirgends lange, sondern bewegt sich nach eigenem Belieben durch die tiefen Wasser um die Erde und unter ihr, zumal in der Äußeren See. In Valinor besitzt er keine feste Wohnstatt, und zu den Ratsversammlungen der Mächte kommt er nur, wenn Schweres zu bedenken ist. Osse und Uinen sind ihm als Diener zugeordnet und walten in den küstennahen Meeren an seiner statt. Anders als die übrigen Valar liebt er es nicht, über Land zu gehen oder sich beständig in leibliche Gestalt zu kleiden; zeigt er sich aber jemandem, so wirkt sein Anblick furchterregend — eine Erscheinung von großer Höhe, gleich einer sich auftürmenden Woge, im Schuppenpanzer und im Mantel von dunklem Meergrün. Diese Zurückgezogenheit ist keine Gleichgültigkeit: Seine Zuneigung zu den Kindern Ilúvatars gilt als die beständigste unter den Valar.

Geschichte

Als die Mächte in die noch ungeformte Welt hinabstiegen, war Ulmo an ihrer Bereitung von Anfang an beteiligt, und die Wasser, die er ordnete, gehörten zu den ersten Werken, an denen Melkor sein Zerstörungswerk erprobte. In den Kämpfen um die Gestalt Ardas, im Zeitalter der beiden Leuchten und nach deren Sturz, verlor er seine Zuständigkeit nie: Auch nachdem die übrigen Mächte über das Meer nach Aman gewichen waren und ihr Reich hinter den Pelóri befestigt hatten, blieb er in der Äußeren See und in den Tiefen unter den Landen zurück. So behielt er, was kein anderer der Valar sich bewahrte, eine ununterbrochene Verbindung zu den Ländern der Mitte, denn kein Wasser dort war je von ihm abgeschnitten. Als Melkor nach drei Zeitaltern der Fesselung wieder freigelassen und in Valimar mit Milde aufgenommen wurde, blieb Ulmo als einer der wenigen im Zweifel; ihm und Tulkas erschien die zur Schau gestellte Reue niemals glaubhaft.

Beim Erwachen der Elben an Cuiviénen trat Ulmo im Rat der Mächte gegen den Mehrheitsbeschluss auf. Er hielt es für richtiger, die Erstgeborenen in den Ländern ihrer Erweckung zu belassen, statt sie nach Westen zu berufen, und wurde überstimmt. Als die Wanderung dennoch beschlossen war, führte er sie aus: Er löste eine halb versunkene Insel aus dem Grund des Meeres und zog sie als Fähre über das große Wasser, zunächst mit den Vanyar und Noldor, danach mit dem Volk der Teler. Weil ein Teil der Teler am Ufer zurückgeblieben war und Osse sie zum Bleiben überredete, ließ Ulmo die Insel auf halbem Wege in der Bucht von Eldamar Wurzeln schlagen; aus ihr wurde Tol Eressea, und ein abgebrochenes östliches Stück blieb als Insel Balar weit hinter ihr zurück. Später gab er dem Bitten der Teler nach, ihnen den Weg über See zu öffnen, doch überließ er die Ausführung Osse, der sie stattdessen im Schiffsbau unterwies.

Nach der Verfinsterung Valinors, der Flucht der Noldor und dem Spruch des Mandos verschlossen sich die Mächte den Verbannten gegenüber; allein Ulmo hielt an ihnen fest. Über die Ströme Beleriands, vor allem über den Sirion und dessen Zuflüsse, trug er Kunde von den Geschehnissen in den Ländern der Mitte nach Westen, sodass die Valar unterrichtet blieben, obwohl sie sich abgewandt hatten. Das Sirion-Tal selbst stand unter seinem Schutz, und solange dieser Schutz wirkte, fand Morgoths Macht dort keinen festen Halt. Auch die Küsten und die Falas blieben lange über das Maß dessen hinaus gesichert, was die Kraft der Elben allein vermocht hätte.

In den ersten Jahrzehnten des Ersten Zeitalters griff er unmittelbar in die Pläne der Noldorfürsten ein. Als Turgon und Finrod am Ufer des Ivrin rasteten, sandte er ihnen Träume, die beide zur Suche nach einer verborgenen Zuflucht antrieben; daraus gingen Nargothrond und, nach dem Fund des umschlossenen Tales Tumladen, die Stadt Gondolin hervor. Turgon, der damals noch in Vinyamar am Meer in Nevrast saß, erschien Ulmo selbst und wies ihn an, den Bau zu beginnen und dabei größte Heimlichkeit zu wahren. Er warnte ihn zugleich, dass der Fluch des Nordens auch dieses Werk erreichen werde, und riet ihm, sein Herz nicht zu sehr an das eigene Werk zu hängen. Für eine ferne Stunde ließ er ihn Rüstung, Schild und Schwert in Vinyamar zurücklegen, an denen ein künftiger Bote erkannt werden sollte. Um das Jahr 116 des Ersten Zeitalters führte Turgon sein Volk endgültig in die verborgene Stadt.

Im Jahr 495, als Nargothrond unter Túrins Einfluss offene Kriegführung und eine steinerne Brücke über den Narog gewählt hatte, schickte Ulmo zwei Boten, Gelmir und Arminas, mit der dringenden Mahnung, die Brücke niederzureißen und die Tore zu schließen; der Rat wurde verworfen, und die Stadt fiel im selben Jahr. Im gleichen Jahr trat er Tuor an der verlassenen Küste von Nevrast entgegen, aus einem Sturm heraus in der Gestalt einer sich türmenden Woge. Er trug ihm auf, die in Vinyamar hinterlegten Waffen anzulegen und nach Gondolin zu gehen, um dort seine Worte zu sprechen: Turgon solle sich zum Krieg rüsten oder die Stadt räumen und dem Sirion zum Meer folgen. Den Elben Voronwe, den Einzigen aus Turgons sieben ausgesandten Schiffen, den die See verschont hatte, warf er als Wegführer an Land.

Turgon schlug die Warnung aus, und im Jahr 510 wurde Gondolin verraten und zerstört. Die Überlebenden, darunter Tuor, Idril und ihr Sohn Earendil, entkamen an die Mündungen des Sirion, wo sie sich unter dem letzten Rest von Ulmos Schutz behaupteten. Damit war eingetreten, worauf sein langes, verdecktes Wirken hinauslief: die Verbindung von Elben und Menschen und ein Bote, der den Weg nach Westen finden konnte. Als die Sache der Verbannten schließlich vor den Mächten verhandelt wurde, ergriff Ulmo für sie das Wort und widersprach dem Gedanken, die Kinder Ilúvatars ihrem selbstverschuldeten Untergang zu überlassen. Earendils Fahrt und der darauf folgende Krieg des Zorns, der Morgoths Reich beendete, gingen aus dieser Fürsprache hervor.

Rolle und Macht

Ulmos Amt bezeichnet keinen Ort, sondern ein Element. Ihm untersteht alles Wasser Ardas: die Äußere See ebenso wie die Meere, die Ströme, Seen und Quellen, dazu Brunnen, Tau und Regen; die Elben sagen darum, sein Geist laufe in allen Adern der Welt. Aus dieser Zuständigkeit erwächst ihm ein Wissen, das kein anderer der Mächte in gleicher Weise besitzt: Wohin Wasser fließt, dringt auch Kunde zu ihm, und er bedarf keiner Boten, um zu erfahren, was in den Ländern der Mitte vorgeht. Weil sein Bereich keine Marken hat, die man befestigen müsste, reicht sein Einfluss noch dorthin, wohin sich die übrigen Valar nach ihrem Rückzug nicht mehr wandten. Innerhalb der Aratar bleibt er gleichwohl der Oberhoheit Manwes zugeordnet.

Seine Wirkungsweise ist die des Rates, nicht des Zwanges. Er legt Gedanken in die Herzen, sendet Träume und redet durch die Musik des fließenden Wassers, häufig so, dass die Empfänger den Antrieb für ihren eigenen halten. Wo er unmittelbar spricht, geschieht es an Küsten und Flussläufen und stets an Einzelne, die er zu Werkzeugen eines längeren Plans macht; die Ausführung überlässt er ihnen. In den Kriegen Beleriands tritt er nirgends als Kämpfer in Erscheinung, und er führt kein Heer. Diese Verdecktheit ist zum Teil erzwungen: Da sich die Mächte den Verbannten gegenüber verschlossen hatten, konnte er ihnen nur unter Umgehung des gemeinsamen Beschlusses beistehen, ohne ihn förmlich aufzuheben.

Ebenso deutlich sind die Grenzen. Ulmos Macht hängt am Wasser und dünnt aus, wo Morgoths Herrschaft über das Land und seine Quellen sich verdichtete; in den Höhen des Nordens und fern der Ströme vermochte er wenig, und selbst der Schutz über dem Sirion war zeitlich befristet. Den Spruch des Mandos kann er nicht widerrufen, und was aus Melkors Eingriff in das Gefüge der Welt geworden ist, lässt sich nicht rückgängig machen. Vor allem aber bindet ihn der freie Entschluss derer, die er warnt: Seine Mahnungen sind Angebote, die ausgeschlagen werden können, und sie wurden mehrfach ausgeschlagen. Was ihm bleibt, ist Beharrlichkeit — die Wahl des richtigen Augenblicks, ein Wink, eine hinterlegte Rüstung, ein an Land geworfener Steuermann. Sein Erfolg misst sich daher nicht an Machtentfaltung, sondern daran, dass am Ende ein Bote den Weg nach Westen fand.

Beziehungen

Unter den Mächten ist Ulmos Verhältnis zu Manwe das einzige, das man ein Bündnis nennen kann, und es zeigt sich weniger im Rat als im Werk: Was aus den Meeren aufsteigt, gehört den Lüften, und was die Winde als Regen über die Länder tragen, kehrt in die Ströme zurück. So greifen die beiden Bereiche ineinander, ohne dass einer dem anderen untergeordnet wäre — eine Zusammenarbeit, die ohne Absprache auskommt, weil sie im Bau der Welt selbst angelegt ist. Zu Aule besteht ein Verhältnis anderer Art: Als dessen Werke durch die Aufruhr der Meere bedroht waren, wandte er sich nicht an Ulmo, sondern an Uinen, und fand bei ihr Gehör. Auffällig bleibt, dass Ulmo mit keinem der Valar in Streit liegt und doch mit keinem außer Manwe vertraut ist; sein Einvernehmen mit Tulkas beschränkte sich auf ein gemeinsames Urteil über Melkor.

Sein eigenes Gefolge regiert er mit auffallender Nachsicht. Osse, der die küstennahen Wasser hält und die Tiefen meidet, ließ sich in der frühen Zeit von Melkor gewinnen und erregte Stürme, die Land und Meer zugleich verheerten; Uinen, seine Gefährtin, deren Haar durch alle Gewässer geht, bändigte ihn und führte ihn zur Treue zurück. Ulmo nahm ihn wieder an, ohne ihm seine Wildheit zu nehmen, und Osse blieb launisch bis in späte Tage. Dass die Seefahrer und die Teler eher zu diesen beiden beten als zum Herrn der Wasser selbst, gehört zum Bild: Ulmo überlässt ihnen die Nähe zu den Küstenvölkern und behält die Tiefe. Auch die Zuwendung, die die Teler von Osse empfingen, ging gegen seinen ursprünglichen Willen aus und wurde von ihm doch geduldet.

Zu den Kindern Ilúvatars sind seine Bindungen einseitig und immer persönlich. Er wählt Einzelne, nicht Völker, und die Erwählten erfahren meist erst spät, wem sie folgen; keiner von ihnen konnte ihn suchen. Turgon, dem er zweimal begegnete und dessen Ungehorsam er hinnahm, ohne ihn fallen zu lassen, und Tuor, den er auf einem langen Weg begleitete und dem er die freundlichste Zuwendung erwies, die je einem Menschen von den Mächten zuteilwurde, stehen für dieses Verhältnis. Zu Morgoth wiederum verhält er sich wie zu einem Gegner, den er nie stellt: Die beiden treten einander in keiner Schlacht gegenüber, und ihr Streit wird an Dritten ausgetragen — an Osse, den Melkor abwarb, und an den Fürsten Beleriands, deren Entschlüsse beide zu lenken suchten. Gerade darin liegt die Eigenart seiner Beziehungen: Sie beruhen nicht auf Gefolgschaft oder Bündnis, sondern auf Zutrauen, das er gewährt, ehe es erwidert werden kann.

Entwürfe und Varianten

Die ältesten Fassungen, die Tolkien in den Verschollenen Geschichten niederschrieb, zeichnen Ulmo greifbarer und ortsgebundener, als es das ausgearbeitete Bild zulässt. Dort heißt der äußere Ozean Vai, und darin bewohnt Ulmo eine Halle namens Ulmonan — ein fester Wohnsitz also, den ihm die spätere Überlieferung ausdrücklich abspricht. Auch bewegt er sich nicht allein durch die Tiefen: Als die Insel über das große Wasser gezogen wurde, geschah es durch Uin, den größten der Wale, der auf sein Geheiß handelte, während die reife Erzählung diese Fahrt ihm selbst zuschreibt. Salmar, der Schöpfer seiner Hörner, führt in dieser Schicht den Nebennamen Noldorin und tritt darin noch eigenständig handelnd hervor. Schärfer gefasst ist überdies sein Widerspruch gegen die Beschlüsse der übrigen Mächte: Als Valinor verborgen wurde, war er der Einzige, der offen dagegen sprach, weil ihm an den Ländern jenseits des Meeres gelegen war.

Neben der hochelbischen Form steht in den mittleren Entwürfen durchgehend Ylmir, die Entsprechung derselben Wurzel in der Sprache der Noldoli; die Etymologien führen beide auf einen Stamm mit der Bedeutung „gießen, strömen“ zurück. In den Stabreimversen über die Kinder Húrins erscheint fast ausschließlich diese Namensform, was den Eindruck erzeugt, es handle sich um eine andere Gestalt. Am deutlichsten verschoben hat sich die Begegnung mit Tuor. In der frühesten Erzählung vom Fall von Gondolin tritt Ulmo ihm nicht an der verlassenen Küste von Nevrast entgegen, sondern weit landeinwärts im Land der Weiden am unteren Sirion, wohin er stromaufwärts gelangt; der Auftrag ist dort bereits vorhanden, nicht aber der Umweg über die hinterlegten Waffen. Tuors Begleiter trägt in dieser Fassung die gnomische Namensform Bronweg. Die späteren Umarbeitungen verlegen den Auftritt an die See und binden ihn enger an Turgons Vorgeschichte.