Herkunft und Namen
Éomer ist ein Mensch der Rohirrim, jenes Reitervolks, das im Dritten Zeitalter die weiten Grasländer zwischen dem Weißen Gebirge und dem Wald von Fangorn bewohnte. Seine Vorfahren waren Nordmenschen aus den Tälern des Anduin, die sich als Éothéod weit im Norden nahe den Quellen des Stromes niedergelassen hatten und den Menschen von Thal und den Beorningern nahe verwandt waren; entfernter reicht ihre Abstammung zu denselben Geschlechtern zurück, aus denen im Ersten Zeitalter die Edain hervorgingen. Als Eorl der Junge das Volk nach Süden führte und für seine Hilfe die entvölkerte Provinz Calenardhon von den Truchsessen Gondors empfing, wurde daraus das Königreich, das die Rohirrim selbst schlicht die Mark nannten — in ihrer eigenen Sprache die Riddermark, das Land der Reiter. Der Name Rohirrim dagegen ist ein Wort aus dem Munde Gondors und bezeichnet sie als Pferdeherren.
Sein Vater war Éomund, ein Marschall der Ostmark, dessen Ländereien nahe der bedrohten Ostgrenze lagen und der bei der Verfolgung einer Orkschar im zerklüfteten Gelände der Emyn Muil den Tod fand. Seine Mutter Théodwyn war die jüngste Schwester Théodens und eine Tochter Thengels; sie überlebte den Mann nicht lange. Die verwaisten Geschwister — Éomer und die jüngere Éowyn — wurden darauf nach Edoras geholt, und der König nahm sie in Meduseld an Sohnes und Tochter statt auf. Von der Mutter her steht Éomer damit unmittelbar im Haus Eorls, und aus dieser Linie erwächst der Anspruch, der ihm später zufiel; von väterlicher Seite bringt er die Herkunft aus einem Grenzhaus mit, dem der Krieg gegen die Orks nichts Neues war.
Schicksal verhüllt — enthüllenSchicksal enthüllt — wieder verhüllenDieser Abschnitt verrät, wie es ausgeht.
Schicksal
Die Namen der Rohirrim erscheinen im Text durchgehend in altenglischer Gestalt, weil ihre Sprache nach der Übersetzungskonvention des Anhangs F durch das Altenglische wiedergegeben wird — sie sollen dem Leser ebenso altertümlich und doch verständlich klingen wie den Menschen Gondors die Rede der Mark. So trägt auch Éomers Name ein durchsichtiges Gepräge: Sein erstes Glied gehört zu dem Wort für „Pferd“, das in diesem Geschlecht immer wiederkehrt, bei Éomund, bei Éowyn und schon im Volksnamen Éothéod. Die Aussprache folgt den Regeln des Anhangs E: Das Akzentzeichen markiert einen langen, betonten Vokal, und die Folge é-o bleibt zweisilbig. Neben dem Eigennamen führen die Chroniken zwei weitere Bezeichnungen. Die eine ist ein Amtstitel — Dritter Marschall der Riddermark —, mit dem er sich Fremden vorstellt und der seine Stellung im Aufgebot des Reiches benennt. Die andere, Éadig, ist ein Beiname im Sinne von „der Gesegnete“ oder „der vom Glück Begünstigte“; sie stammt nicht aus seiner Jugend, sondern aus der rückblickenden Zählung der Könige.
Geschichte
Sein Amt band Éomer an den Osten der Mark, wo die Reiterscharen gegen Orktrupps standen, die über den Anduin kamen, und wo zugleich sichtbar wurde, dass die Kräfte Isengarts sich offen gegen Rohan wandten. Am 25. Februar 3019 D.Z. fiel Théodred, der einzige Sohn des Königs, in der Schlacht an den Furten des Isen; damit war das Haus Eorls ohne unmittelbaren Thronfolger, und die Erbfolge rückte an den Sohn Éomunds. Wenige Tage darauf erreichte Éomer die Kunde von einer starken Schar Orks, die westwärts über die Ebene zog, und er brach mit seiner Éored zur Verfolgung auf, obwohl der König ihm — dem Rat Gríma Schlangenzunges folgend — untersagt hatte, das Gebiet zu verlassen. Am letzten Tag des Februar stellte er die Schar unweit des Waldsaums von Fangorn und vernichtete sie bei Sonnenaufgang. Von den beiden Halblingen jedoch, die die Orks nach dem Zeugnis späterer Berichte mit sich geführt hatten, fand er keine Spur, und die Leichen wurden auf einem Haufen verbrannt.
Am folgenden Tag traf Éomer auf dem Rückweg nach Süden drei Fremde mitten in der Ebene an: einen Menschen, einen Elben und einen Zwerg, die ohne Erlaubnis im Land der Mark unterwegs waren. Der Zusammenstoß verlief scharf, denn sein Auftrag verpflichtete ihn, Unbekannte anzuhalten, und die Rede von einem Zauberer, einer Herrin des Goldenen Waldes und einem wiedergeschmiedeten Schwert klang in seinen Ohren nach alten Liedern und nicht nach Kriegsbericht. Als Aragorn sich nannte und die Klinge zeigte, entschied Éomer gegen den Buchstaben seiner Weisung: Er ließ die drei ziehen, lieh ihnen zwei Pferde, Hasufel und Arod, und nahm ihnen das Versprechen ab, danach nach Edoras zu kommen und sich dem König zu stellen. Er warnte sie zugleich vor dem alten Wald, dessen Ruf in der Mark böse war. Diese Begegnung, aus einem einzelnen Ermessensakt geboren, wurde zur Grundlage seiner späteren Verbindung mit Aragorn.
In Edoras trug ihm der eigenmächtige Ausritt Haft ein; auf Betreiben Grímas wurde ihm das Schwert genommen, und er blieb bis zur Ankunft Gandalfs am 2. März gefangen. Erst als der Zauberer den König aus der Umklammerung seines Ratgebers löste, erhielt Éomer Freiheit und Waffen zurück und ritt an Théodens Seite nach Westen. In der Nacht vom 3. auf den 4. März stand er in der Schlacht um die Hornburg, wo er die Verteidigung des Tores mit Aragorn teilte und im Morgengrauen den Ausfall der Reiter mitführte, der zusammen mit Gandalfs Rückkehr und dem Heer Erkenbrands die Belagerer zerbrach. Vom Schlachtfeld zog er mit dem König weiter nach Isengart, dessen Ringmauer die Ents niedergelegt hatten. Dort fand er die beiden Halblinge wieder, deren Spur er in der Ebene verloren hatte, und hörte, wie Saruman aus seinem Turm heraus vergeblich um sein Ansehen verhandelte.
Vor dem Aufbruch nach Gondor bestätigte Théoden ihn ausdrücklich als seinen Erben. Bei der Musterung in Dunharg sammelten sich die Scharen der Mark, und am 10. März begann der Ritt der Rohirrim, den ein Weg durch die Wälder des Drúadan-Waldes und die Führung durch die Wildmenschen an den Sperren des Feindes vorbeibrachte. Am Morgen des 15. März traf das Heer auf den Pelennor-Feldern ein und warf die Belagerer von Minas Tirith zurück. Als der König unter seinem stürzenden Pferd erschlagen wurde, übergab er dem herbeieilenden Éomer sterbend das Reich, und die Reiter riefen ihn auf dem Feld zum König aus. Kurz darauf fand er die reglose Gestalt seiner Schwester, die niemand im Heer unter den Waffen vermutet hatte; in dem Zorn, der ihn darauf ergriff, führte er einen Angriff, der eher Untergang als Sieg suchte. Als die schwarzen Schiffe stromauf erschienen, ordnete er die Reste seiner Reiter zum letzten Stand, bis das entfaltete Banner Aragorns die Ankömmlinge als Verbündete auswies.
Im Rat der Hauptleute nach der Schlacht stimmte Éomer dem Plan zu, mit einem kleinen Heer gegen das Schwarze Tor zu ziehen und den Blick des Feindes von seinem eigenen Land abzuwenden. Er führte jene Reiter der Mark, die noch kampffähig waren, und stand am 25. März auf den Schlackenhügeln vor dem Morannon, als das Heer eingeschlossen wurde; der Untergang des Rings beendete die Schlacht, ehe sie entschieden war. Er war zugegen, als Aragorn in Minas Tirith zum König gekrönt wurde, und blieb bis zum Sommer im Süden. Im August 3019 geleitete er den Leichnam Théodens heim und bestattete ihn in einem neuen Hügel vor den Toren von Edoras. Beim Totenfest bekräftigte er das Bündnis mit Gondor und erneuerte den Eid, den Eorl einst dem Truchsess Cirion geleistet hatte; bei derselben Gelegenheit wurde die Verlobung seiner Schwester mit dem Truchsess Faramir bekanntgegeben, der Éomer zustimmte.
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Schicksal
Mit Éomer beginnt in den Königslisten der Mark die dritte Linie des Hauses Eorls. Er nahm Lothíriel, die Tochter Imrahils von Dol Amroth, zur Frau; ihr Sohn Elfwine der Schöne folgte ihm auf dem Thron. Seine Regierung fiel ganz in die Zeit des wiedererrichteten Königtums in Gondor, und der erneuerte Eid blieb kein Wort: Éomer ritt in späteren Jahren mehrfach mit den Heeren Elessars in den Osten und Süden, so dass die Mark unter ihm an Bevölkerung, Pferden und Ansehen zunahm wie selten zuvor. Er starb hochbetagt im Vierten Zeitalter; in seinem letzten Lebensjahr kamen Meriadoc und Peregrin noch einmal in die Mark, und Meriadoc war bei ihm, als er starb. Erst dieser lange Ausgang seines Lebens gab dem Beinamen seinen Grund, unter dem ihn die Chronisten führen.
Rolle und Fähigkeiten
Éomers Stellung im Legendarium ist die eines Amtsträgers, nicht die eines Trägers besonderer Gaben. Das Marschallamt der Mark ist nach den späteren Erläuterungen zum Heerwesen der Rohirrim eine abgestufte Befehlsgewalt: Der König führt das Aufgebot des Reiches, die Marschälle befehligen die Reiterscharen einzelner Landesteile und dürfen im Namen des Königs handeln, solange dessen Wille sie deckt. Genau hier liegt die erste und schärfste Grenze seiner Macht — sie ist geliehen und widerruflich, wie sich zeigte, als ein eigenmächtiger Ritt genügte, um ihn seines Schwertes und seiner Freiheit zu berauben. Auch die Truppe, über die er verfügte, war begrenzt: eine Éored zählte keine feststehende Zahl von Reitern, und über die Mittel, den Feind an mehreren Stellen zugleich zu binden, gebot er nicht.
Seine Fähigkeiten sind durchweg die eines sterblichen Menschen und eines geübten Kriegers: Reiterei, Schwertkampf — seine Klinge trug den Namen Gúthwinë —, das Führen einer Schar im Feld und ein rasches Urteil über Gelände und Gegner. Nichts an ihm ist übernatürlich; er verfügt über keine Zauberkunst, keine ungewöhnliche Lebensspanne und keine Vorausschau, und wo Kräfte solcher Art in die Handlung greifen, ist er auf andere angewiesen. Die Stärke der Rohirrim entfaltet sich im offenen Grasland; an der Hornburg kämpfte Éomer zu Fuß am Tor, und der Entsatz kam nicht aus seiner Hand, sondern von außen. Ebenso brachte weder Tapferkeit noch Reiterkunst das Heer der Mark an den Sperren des Feindes vorbei — dazu bedurfte es fremder Führer und unbekannter Pfade —, und auf dem Pelennor wandte allein die Ankunft der Flotte eine Lage, die er mit seinen Reitern nicht mehr zu wenden vermochte.
Erzählerisch trägt Éomer die Perspektive der Mark in ein Geschehen, das weit über sie hinausreicht, und seine Beschränkung ist zugleich seine Funktion: Halblinge hält er zunächst für ein Wesen der Kinderlieder, dem Goldenen Wald begegnet er mit dem Argwohn seines Volkes, und was ihm an Kenntnis der älteren Geschichte fehlt, ersetzt kein Mut. Was ihn auszeichnet, ist die Bereitschaft, ein einmal gefälltes Urteil zu berichtigen, wenn die Wirklichkeit es widerlegt — gegenüber den Fremden in der Ebene ebenso wie gegenüber dem Zwerg, mit dem er über die Herrin von Lórien gestritten hatte. Seine Macht als König blieb die eines sterblichen Verbündeten unter dem wiedererrichteten Königtum Gondors: keine Herrschaft über Ereignisse, wohl aber die Verlässlichkeit, mit der ein gegebenes Wort eingelöst wird.
Beziehungen
Die beiden Bindungen, die Éomer im Ringkrieg tragen, sind Verwandtschaftsbindungen, und beide werden im Text weniger durch Zuneigungsbekundungen als durch Belastungsproben kenntlich. Théoden gegenüber blieb er auch dann anhänglich, als der König ihn nicht mehr hören wollte: Die Entfremdung zwischen Onkel und Neffe war fremdes Werk, betrieben von einem Ratgeber, dem der Marschall die einzige Stimme in Meduseld war, die dessen Einfluss offen entgegentrat. Zu Éowyn dagegen zeigt der Text eine bezeichnende Lücke. Éomer wusste, dass seine Schwester litt, ohne zu erkennen, woran; Gandalf musste ihm in Minas Tirith vorhalten, dass er, ganz mit Pferden und Waffen beschäftigt, nicht gesehen hatte, was sie in der Halle des alternden Königs Tag um Tag ertrug. Die Nähe der Geschwister ist damit keine Verstehensnähe, und die Verzweiflung der Schwester bleibt dem Bruder bis zur Schlacht verborgen.
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Schicksal
Seine Verbündeten gewinnt Éomer sämtlich im Feld, und zwar in der Reihenfolge von Misstrauen, Zugeständnis und Eid. Aus dem Fremden, den er in der Ebene gegen seine Weisung hatte ziehen lassen, wurde der König, dem er später auf dem Schlachtfeld Freundschaft schwor und an dessen Feldzügen er noch als alter Mann teilnahm. Mit Gimli hatte er sich beim ersten Zusammentreffen über die Herrin des Goldenen Waldes bis an den Rand der Waffen zerstritten; die Beilegung dieses Streits nahmen beide vor dem Marsch zum Schwarzen Tor wieder auf, und Éomer zog seine Worte zurück, ohne sein Urteil zu verleugnen. Imrahil von Dol Amroth war es, der auf dem Pelennor bemerkte, dass Éowyn noch atmete — eine Verbindung, die sich Jahre später durch die Ehe fortsetzte. Und Meriadoc, den er zunächst für ein Wesen aus Kinderliedern gehalten hatte, führte in der Mark fortan einen eigenen Namen und wurde dort als Ehrengast geführt.
Einen persönlichen Gegenspieler hat Éomer nur einen: Gríma Schlangenzunge, dessen Feindschaft ihm galt, weil er als Erbe des Hauses und als offener Verächter des Ratgebers zugleich im Weg stand — und weil Gríma nach der Schwester verlangte, deren Bruder er entwaffnen ließ. Saruman und Sauron begegnen ihm dagegen nie als Personen, sondern als Heere und als Bedrohung eines Landes; im Turm von Orthanc hörte er den einen reden und blieb ihm gegenüber wortlos. Diese Verteilung ist aufschlussreich: Éomer ist im Gefüge der Erzählung kein Gegenspieler von Mächten, sondern ein Mann, dessen Verhältnisse durch Treue, Amt und Verwandtschaft bestimmt sind.
In Verfilmungen und Hörspielen
In Peter Jacksons Filmtrilogie wird Éomer von Karl Urban dargestellt; die Figur tritt im zweiten und dritten Teil auf. Die auffälligste Abweichung betrifft seine Entfernung vom Hof: Statt nach dem eigenmächtigen Ausritt in Edoras festgesetzt zu werden, wird er auf Betreiben Grímas aus der Mark verbannt und sammelt außerhalb des Landes eine eigene Reiterschar. Daraus folgt eine zweite Umstellung — er befindet sich während der Schlacht um die Hornburg nicht in der Festung, sondern führt jene Reiter an, die im Morgengrauen an Gandalfs Seite eintreffen; die Rolle, die im Buch einem anderen Anführer der Westfold zufällt, geht damit an ihn über. Auch auf den Pelennor-Feldern verschiebt der Film die Zuständigkeiten: Nicht der Fürst von Dol Amroth, sondern Éomer selbst entdeckt die verwundete Schwester. Die förmliche Übergabe des Reiches durch den sterbenden König und die Ausrufung Éomers auf dem Schlachtfeld werden im Kino nicht gezeigt; ebenso bleiben seine spätere Ehe und seine Regierungszeit außerhalb der Erzählung.
Die älteren Bearbeitungen behandeln die Figur sehr unterschiedlich. Ralph Bakshis Zeichentrickfilm bricht nach der Schlacht an der Hornburg ab, weil der geplante zweite Teil nie entstand; alles, was Éomer im Buch danach zufällt — die Musterung, der Ritt nach Gondor, die Königswürde —, fehlt dort folglich vollständig, und er bleibt auf die Rolle des Marschalls im Krieg gegen Isengart beschränkt. Die BBC-Hörspielfassung in sechsundzwanzig halbstündigen Teilen gilt dagegen als die buchnächste der frühen Bearbeitungen und ist die einzige unter ihnen, die seinen Weg vom ersten Zusammentreffen in der Ebene bis zur Nachfolge auf dem Thron der Mark im Zusammenhang wiedergibt. Der Rankin/Bass-Zeichentrickfilm zum „Hobbit“ liegt zeitlich weit vor Éomers Lebenszeit und berührt ihn nicht.