Herkunft und Namen

Míriel entstammte dem Volk der Noldor, jenem Zweig der Eldar, der in der Frühzeit Valinors am Hofe seines Königs Finwe lebte. Unter den Noldor, die schon für sich als kunstfertigstes der elbischen Völker galten, nahm sie durch eine besondere Gabe eine herausragende Stellung ein: Keine andere Hand vermochte in Stickerei, Weberei und feiner Nadelarbeit solche Vollendung zu erreichen wie die ihre. Nach dieser Fertigkeit wurde sie Serindë genannt, „die Stickerin“ – ein Beiname, unter dem sie neben ihrem eigentlichen Namen Míriel ebenso bekannt war. Was ihre Hände webten und stickten, so wird berichtet, war von solcher Feinheit, dass Blumen und Vögel darin dem Betrachter fast lebendig erschienen. Dieser Ruf verband sich untrennbar mit ihrem Namen und machte sie zu einer der angesehensten Gestalten unter den Kunstfertigen ihres Volkes, noch bevor sie durch ihre Ehe in die Geschichte der Noldor eintrat.

Ihr Wesen wird als zart und von schmaler Gestalt beschrieben, zugleich als flink an Hand und Geist – Eigenschaften, die sich unmittelbar in der Feinheit ihrer Arbeiten spiegelten. Als Gemahlin Finwes, des Königs der Noldor, gehörte sie zu den frühen Ehen ihres Volkes im Land Aman; aus dieser Verbindung ging jener Sohn hervor, dessen Name in der Geschichte der Noldor bald alle anderen überstrahlen sollte. In der Überlieferung ihres Volkes verbindet sich mit ihrem Namen von Beginn an diese doppelte Bedeutung: die Gemahlin des Königs und zugleich die Meisterin, deren Nadelarbeit ihresgleichen suchte.

Geschichte

Die Geburt Feanors erwies sich für Míriel als so kräftezehrend, dass sie sich davon nicht mehr erholte. Ihr Sohn wuchs rascher heran, als es unter den Eldar sonst üblich war, und schien schon in seiner Wesensart die ganze Kraft seiner Mutter in sich aufgenommen zu haben – Kraft, die Míriel selbst fortan fehlte. An Leib und Geist erschöpft, verlor sie die Freude am Leben und die Lust, ihr Werk fortzuführen, und sie sprach zu Finwe den Wunsch aus, von ihrer Mühsal ausruhen zu dürfen.

Finwe gewährte ihr diese Ruhe, und Míriel begab sich in die Gärten Lóriens, jenes Ortes in Valinor, der den Müden und Erschöpften zur Erholung diente. Dort legte sie sich zum Schlaf nieder, doch aus diesem Schlaf erwachte sie nicht wieder: Ihr Fëa, ihr Geist, löste sich von ihrem Leib und ging fort zu den Hallen Mandos', während der Körper selbst unversehrt und unverändert in Lórien zurückblieb, ohne zu welken oder zu vergehen.

So geschah unter den Noldor zum ersten Mal, dass eine der Unsterblichen sich vom Leben abwandte, obgleich ihr Leib nicht zerstört noch durch Gewalt oder Alter gebrochen war. Mandos rief sie zur Rückkehr, doch Míriel weigerte sich, in ihren Körper heimzukehren, und blieb fortan in den Hallen der Wartenden. Finwe suchte sie in seinem Kummer oft in den Gärten Lóriens auf und setzte sich neben ihren schlafenden Leib, den er dort viele Jahre unverändert liegen sah.

Da Míriel weder zurückkehren wollte noch, solange sie in den Hallen Mandos' verweilte, ihm als Gemahlin je wieder zur Seite stehen konnte, wandte sich Finwe nach langer Zeit der Einsamkeit an die Valar und bat um die Erlaubnis, eine zweite Ehe einzugehen. Diese Bitte war unter den Eldar ohne Vorbild, doch sie wurde ihm schließlich gewährt, und Finwe nahm Indis von den Vanyar, eine Schwester Ingwes, zur Frau.

Aus dieser zweiten Verbindung gingen Fingolfin und Finarfin sowie zwei Töchter hervor, und mit ihnen begann jenes Zerwürfnis, das die Geschichte der Noldor fortan begleiten sollte: Feanor, aufgewachsen im Schatten des Verlustes seiner Mutter, begegnete seinen Halbbrüdern und ihrer Mutter Indis mit anhaltendem Misstrauen. Was mit Míriels Weggang in Lórien begann, wirkte so, den Überlieferungen der Noldor zufolge, weit über ihr eigenes Schicksal hinaus in die spätere Zwietracht ihres Hauses fort.

Rolle und Fähigkeiten

Innerhalb der frühen Geschichte der Noldor in Aman nimmt Míriel eine ungewöhnliche Stellung ein: Sie tritt nicht als Herrscherin, Kriegerin oder Weise hervor, sondern einzig als Meisterin einer Kunst, die unter ihrem Volk sonst kaum eigenständig gewürdigt wird. Während andere führende Gestalten der frühen Noldor durch Rat, Handwerk in Metall und Stein oder durch Wissen um Sprache und Überlieferung hervortreten, verkörpert Míriel als Gemahlin Finwes eine rein künstlerische Form von Ansehen, die neben dem Königtum ihres Gatten Bestand hat, ohne von ihm abzuleiten. Diese Stellung als anerkannte Künstlerin an der Seite des Königs, nicht als Mitregentin, kennzeichnet ihre Rolle im Gefüge des frühen Valinor.

Die Überlieferung stellt Míriels Fertigkeit nicht als bloß erlerntes Handwerk dar, sondern als Ausdruck einer ungewöhnlich lebendigen und kraftvollen Fëa, deren Regsamkeit sich in der Feinheit ihrer Arbeiten zeigte. Ebendiese innere Kraft war es, die nach dem Bericht des Silmarillion bei der Hervorbringung Feanors so vollständig aufgezehrt wurde, dass Míriels Geschick und ihre spätere Erschöpfung als zwei Seiten derselben Eigenschaft erscheinen: Was ihre Hände an Feinheit hervorbrachten, entsprang derselben Quelle, die ihr im Übermaß an ihren Sohn abverlangt wurde. Ihre Macht war somit nie eine Macht über andere oder über die Welt, sondern allein über Stoff, Faden und Form – eine Gabe von hoher Vollendung, doch ohne Reichweite über den eigenen Wirkbereich hinaus.

Die Grenzen dieser Stellung treten ebenso deutlich hervor wie ihre Kunstfertigkeit selbst. Míriel wird nirgends ein Wissen um Heilkunst, Sprachlehre oder die metallene und edelsteinerne Schmiedekunst zugeschrieben, in der sich die Noldor später auszeichneten, noch besaß sie Einfluss auf Rat oder Führung ihres Volkes. Vor allem aber zeigte sich die Grenze ihrer Kraft an ihr selbst: Über die eigene Erschöpfung des Geistes besaß sie so wenig Macht wie später über die eigene Rückkehr, und selbst der Ruf aus den Hallen Mandos' vermochte an ihrem einmal gefassten Willen nichts zu ändern. So bleibt Míriel im Gefüge des Legendariums eine Gestalt begrenzter, aber vollkommener Wirkung – meisterhaft in einem einzigen, eng umgrenzten Bereich, und ohne Macht, dem eigenen Schicksal jenseits dieses Bereichs zu widerstehen.

Beziehungen

In Finwes Leben nahm Míriel eine Stellung ein, die später niemand mehr für sich beanspruchen konnte: Sie war die Gemahlin, mit der er als junger König der Noldor in vollständiger ehelicher Gemeinschaft lebte, ehe ihr Weggang diese Bindung auf eine Weise veränderte, die unter den Eldar ohne Beispiel blieb. Anders als in vielen Ehen ihres Volkes ruhte diese Verbindung auf einer Gleichrangigkeit zweier eigenständiger Formen von Ansehen: Finwes Herrschaft über sein Volk stand neben Míriels unangefochtenem Rang als Meisterin ihrer Kunst, und beide verliehen, jeder auf eigene Weise, dem jungen Königshof in Tirion Glanz. Diese Gleichrangigkeit überdauerte in Finwes Erinnerung auch den Rückzug seiner Gemahlin; seine Zuneigung blieb an sie gebunden in einem Maß, das die eigentliche Tiefe der ersten Ehe erst im Nachhinein erkennbar machte.

Die Beziehung zwischen Míriel und ihrem Sohn Feanor bestand von Beginn an fast nur als Abwesenheit: Er kannte seine Mutter nie als lebendige Gefährtin, sondern einzig durch das, was sie ihm bei seiner Geburt mitgegeben hatte. Der Überlieferung nach ging die Kraft ihres Geistes so vollständig in ihn über, dass seine spätere Unbeugsamkeit und sein Ungestüm als unmittelbares Erbe dieser Mutter galten, an deren Hervorbringung sie selbst erschöpfte. So blieb Feanor mit Míriel durch ein Band verknüpft, das nicht auf gemeinsamer Erinnerung, sondern auf dieser einmaligen, restlosen Übertragung von Wesen und Begabung gründete – eine Bindung, die ihn zeitlebens prägte, ohne dass er sie je persönlich erfahren hätte.

Zu Indis, die später an ihrer Stelle Finwes Gemahlin wurde, unterhielt Míriel selbst keine Beziehung im eigentlichen Sinn; beide Frauen standen einander nie als Rivalinnen gegenüber, da ihre Wege durch Míriels Weggang endgültig getrennt waren, ehe Indis überhaupt in Finwes Leben trat. Die Verbindung, an der sich Míriels Eigenart am deutlichsten zeigte, bestand vielmehr zu Mandos und den Hallen der Wartenden: Als einzige unter den Noldor widersetzte sie sich dort dem Ruf zur Rückkehr in den eigenen Leib und behauptete damit gegenüber der Ordnung der Valar eine Eigenständigkeit, die sonst niemandem zugestanden wurde. In dieser Weigerung, nicht in einer fortgesetzten Bindung an Gemahl oder Sohn, zeigt sich der eigentliche Kern von Míriels Verhältnis zu den Mächten, die ihr Schicksal umgaben.

Entwürfe und Fassungen

In „The Shibboleth of Feanor“, einem spät entstandenen Essay, der sich vor allem den Namensformen Feanors widmet, kommt Tolkien am Rande auch auf Míriels Beinamen zu sprechen. Dort erscheint neben der geläufigeren Form Serindë auch die Schreibung Þerindë, und Tolkien begründet diesen Wechsel mit lautgeschichtlichen Überlegungen zur Quenya-Sprache: Ein ursprüngliches þ war in bestimmten Stellungen bei den Noldor zu s geworden, während es bei den Vanyar erhalten blieb, sodass die Form des Beinamens von solchen sich wandelnden Annahmen über die Lautentwicklung des Quenya abhängt und nicht von einer erzählerisch begründeten Umbenennung. Derselbe Essay erörtert ausführlicher als jeder veröffentlichte Text die Noldor-Sitte, wonach ein Kind neben dem vom Vater gegebenen Namen einen zweiten, von der Mutter gewählten Namen erhielt – eine Praxis, in deren Licht auch Míriels eigener Beiname als Ausdruck ihrer Kunstfertigkeit erscheint.

Weit ausführlicher als im veröffentlichten Silmarillion behandelt der Essay „Laws and Customs among the Eldar“ Míriels Schicksal als Ausgangspunkt einer eigenen Rechtsordnung der Eldar. Der Text entwickelt darin das sogenannte „Statute of Finwe and Míriel“, ein von den Valar gefälltes Urteil, das die Bedingungen erneuter Vermählung nach dem Tod eines Gemahls regelt und ausdrücklich auf den Fall Finwes und Míriels zurückgeht. Eingebettet ist diese Regelung in eine breitere Erörterung von Fëa und Hröa, also Geist und Leib, in der Míriels Weigerung, aus den Hallen Mandos' zurückzukehren, als grundlegender Präzedenzfall für die Frage dient, inwieweit ein elbischer Geist sich dauerhaft von seinem Körper lösen kann. Diese juristisch-philosophische Durchdringung ihres Falles, samt der Debatte der Valar über Recht und Schuld in der Angelegenheit, bleibt ein Merkmal der Entwürfe und findet sich in dieser Ausführlichkeit in keiner zu Lebzeiten oder posthum als Erzähltext veröffentlichten Fassung des Silmarillion.