Herkunft und Namen
Finarfin entstammte der zweiten Ehe Finwes, des ersten Hochkönigs der Noldor, mit Indis, einer Vanya aus dem Gefolge Ingwes. Als jüngerer der beiden Söhne aus dieser Verbindung war er der Vollbruder Fingolfins, während Feanor, der Sohn von Finwes erster Frau Míriel, beiden nur väterlicherseits verwandt war. Nach dem Brauch seines Volkes trug er neben dem im Erzähltext gebräuchlichen Namen Finarfin auch einen eigenen Vaternamen in der Sprache der Noldor, Arafinwë; wie die Namen seiner Brüder – Curufinwë für Feanor, Nolofinwë für Fingolfin – war auch dieser aus einem persönlichen Element und dem Namen des Vaters gebildet, ein in Finwes Haus geläufiges Muster. Beide Formen – der vertraute Name und der Vatername – sind nebeneinander überliefert.
Von seiner Mutter erbte er das goldene Haar der Vanyar, ein Zug, der unter den sonst dunkelhaarigen Noldor auffiel und ihn ebenso wie später seinen Sohn Finrod und seine Tochter Galadriel von den Häusern Feanors und Fingolfins äußerlich unterschied. An seiner Zugehörigkeit zum Volk der Noldor änderte diese Herkunft nichts: Nach dessen Ordnung, die dem Vater folgte, zählte er wie seine Brüder uneingeschränkt zu Finwes Volk, nicht zu dem seiner Mutter. Dieser Zug blieb charakteristisch für seine Linie und wurde in den Überlieferungen eigens vermerkt.
Von den drei Söhnen Finwes war er zugleich der einzige, der über die eigene Sippe hinaus heiratete: Earwen, die Tochter Olwes von Alqualonde, brachte telerisches Blut in sein Haus, während sowohl Nerdanel, Feanors Frau, als auch Anairë, Fingolfins Frau, Noldor waren. Dadurch vereinte sich in seiner Nachkommenschaft, einzigartig unter den Enkeln Finwes, das Erbe aller drei Stämme der Eldar.
Geschichte
In Tirion auf Túna wuchs Finarfins Haus heran: Earwen gebar ihm vier Söhne und eine Tochter. Finrod, der älteste, sollte später Nargothrond gründen; ihm folgten Angrod und Aegnor, die als Paar oft gemeinsam genannt werden, sowie Orodreth. Als Jüngstes und einziges Mädchen kam Galadriel zur Welt. Damit stand Finarfin, anders als seine beiden Brüder, einer Kinderschar vor, in der sich noldorisches und telerisches Erbe von Geburt an mischte.
Die Eintracht der Noldor zerbrach, als Melkor, aus der Acht der Valar entlassen, Zwietracht zwischen Feanor und Fingolfin säte und Finarfin zwischen seinen beiden Halbbrüdern zu vermitteln suchte. Nach der Verbannung Feanors aus Tirion und der Versöhnung vor Finwe wurde das Unheil nicht aufgehalten: Melkor und die Riesenspinne Ungoliant vernichteten die Bäume von Valinor, und bei der Verteidigung des Schatzhauses in Formenos wurde Finwe, Finarfins Vater, erschlagen und die Silmaril geraubt. Damit endete für die Noldor die Zeit des Friedens, in der Finarfins Kinder aufgewachsen waren.
Als Feanor die Noldor in Tirion zur Flucht aus Valinor aufrief, um Rache an Melkor – nun Morgoth genannt – zu nehmen und die Silmaril zurückzugewinnen, mahnte Finarfin in dieser aufgewühlten Versammlung zur Besonnenheit, während sein Bruder Fingolfin ihm mit schärferen Worten entgegentrat. Sein Rat vermochte den Sturm nicht zu brechen: Ein Großteil des Volkes, unter ihnen auch Finarfins eigene Söhne und seine Tochter Galadriel, schloss sich Feanors Aufbruch an. Aus Verbundenheit mit den Seinen und wohl auch, um sie auf dem gefährlichen Weg nicht allein zu lassen, führte schließlich auch Finarfin selbst einen Teil der Noldor auf den Marsch gen Norden.
In Alqualonde verlangte Feanors Schar von den Teleri die Schiffe, mit denen sie über das Meer setzen wollten, und als Olwes Volk sich weigerte, kam es zum Kampf, in dem viele Teleri erschlagen wurden. Für Finarfin traf dieses Blutvergießen doppelt: Die Getöteten waren die Verwandten seiner eigenen Frau Earwen, und seine Söhne und seine Tochter waren, wenn auch nicht als Täter, in den Zug verstrickt, der es hervorgerufen hatte. Kurz darauf erging vor dem versammelten Volk der Fluch von Mandos, der den heimkehrenden Noldor Unheil, Verrat und ein Leben fern der Gnade der Valar verhieß, sollten sie an ihrem Vorhaben festhalten.
Erschüttert durch den Kinsmord und die Warnung des Boten der Valar wandte sich Finarfin mit einem Teil des Volkes vom weiteren Marsch ab und kehrte nach Valinor zurück, während seine Kinder mit Feanor und Fingolfin weiterzogen und sich der Verbannung nicht mehr entzogen. Die Valar erkannten die Umkehrenden als unbeteiligt am Kinsmord an und verziehen ihnen; Finarfin wurde daraufhin über die in Aman verbliebenen Noldor gesetzt und regierte fortan von Tirion aus, wo er, während draußen in Mittelerde die langen Kriege gegen Morgoth tobten, dem Rest seines einst geeinten Volkes vorstand.
Erst als am Ende des Ersten Zeitalters Earendil vor den Valar für die Not der Bewohner von Mittelerde bat, brach das Heer Valinors auf, um Morgoth zu stürzen. Finarfin führte die Noldor, die in Aman geblieben waren, in diesen Krieg des Zorns, an dessen Ende Morgoth besiegt und aus der Welt vertrieben wurde. Damit trat er, der Jahrzehnte zuvor vom Aufbruch seines Volkes umgekehrt war, doch noch an dessen Spitze in den entscheidenden Kampf gegen den Feind, der einst seinen Vater erschlagen hatte.
Rolle und Macht
Mit der Umkehr nach dem Fluch von Mandos spaltete sich die Königswürde des Hauses Finwes in zwei getrennte Linien. Unter den Verbannten in Mittelerde wurde, nachdem Feanor gefallen war, Fingolfin zum Hochkönig der Noldor erhoben, obgleich ein großer Teil des Volkes weiterhin Feanors Söhnen anhing; Finarfin dagegen erhielt die Herrschaft über jenen kleineren Rest, der mit ihm nach Tirion zurückgekehrt war. Bemerkenswert ist, dass ihm diese Würde nicht durch Geburtsrang zufiel – als drittem Sohn Finwes hätte sie ihm der Ordnung nach nicht zugestanden –, sondern allein dadurch, dass er unter den Söhnen Finwes der einzige war, der in Aman blieb und über wen zu herrschen war. Seine Königsmacht war also nicht erstritten, sondern ihm von den Umständen und der Gnade der Valar zugewiesen.
Anders als Feanor, dem die Erschaffung der Silmaril und meisterliche Schmiedekunst zugeschrieben werden, oder Fingolfin, dessen Kraft sich im Zweikampf mit Morgoth vor den Toren Angbands zeigte, wird Finarfin keine eigene Fertigkeit, kein Handwerk und keine besondere Stärke der Waffen zugesprochen. Die Überlieferung schweigt zu persönlichen Taten seiner Hand; seine Bedeutung liegt nicht in individuellem Können, sondern in seiner Stellung als Bewahrer der in Aman verbliebenen Noldor, während draußen in Mittelerde die Kriege gegen Morgoth tobten. Seine Autorität war damit vor allem ordnender, nicht schöpferischer oder kämpferischer Natur – eine Macht des Amtes, nicht der Tat.
Auch in seinem einzigen belegten aktiven Auftreten in der Geschichte Mittelerdes, dem Zug ins Heer Valinors am Ende des Ersten Zeitalters, wird ihm kein persönlicher Kampf oder besonderes Ausnahmehandeln zugeschrieben, wie es etwa von Earendils Kampf gegen Ancalagon berichtet wird. Der Text nennt ihn als Führer des Heeres der Noldor Valinors, ohne von Einzeltaten in der Schlacht zu erzählen; seine Rolle bleibt die eines Anführers eines Verbandes, nicht die eines Einzelkämpfers. Über dieses eine Ereignis hinaus wird von keiner weiteren aktiven Unternehmung Finarfins berichtet.
Beziehungen
Feanors Misstrauen gegenüber seinen Halbbrüdern reichte, wie überliefert, weiter zurück als Melkors Einflüsterungen: Er sah in den Söhnen der zweiten Frau seines Vaters mögliche Rivalen um Finwes Erbe und wandte sich mit offener Schärfe vor allem gegen Fingolfin, den er einst sogar mit gezogenem Schwert bedrohte. Finarfin, der Jüngste der drei Brüder, blieb von einer solch unmittelbaren Feindschaft eher verschont; sein Verhältnis zu Feanor war das losere und distanziertere der beiden Bruderbeziehungen, während ihn mit dem Vollbruder Fingolfin, mit dem er Mutter und Kindheit teilte, eine engere, lebenslange Verbundenheit einte. Diese Stellung zwischen einem fernen und einem nahen Bruder prägte ihn als jemand, der zwischen den Extremen des Hauses Finwes vermitteln konnte, ohne selbst zu einer der beiden Rivalitäten zu zählen.
Seine Ehe mit Earwen von Alqualonde war zugleich die einzige eheliche Verbindung zwischen den Herrscherhäusern zweier verschiedener Völker der Eldar in Aman. Sie machte Finarfin zum Schwiegersohn Olwes, des Königs der Teleri, und band sein Haus enger an die Seefahrer des Ufers als jedes andere der Noldor. Diese doppelte Zugehörigkeit – Fürst der Noldor und zugleich Schwiegersohn des Teleri-Königs – erklärt, weshalb der spätere Bruch zwischen beiden Völkern ihn persönlicher berührte als jeden anderen Fürsten seines Volkes.
Während Finarfin selbst in Tirion blieb, gingen seine Kinder eigene Wege, die sich seiner Herrschaft gänzlich entzogen. Finrod erhielt zunächst Land im Norden, gründete jedoch bald sein eigenes verborgenes Reich Nargothrond und band sich später durch einen selbst geleisteten Eid an das Haus Beors, dem er schließlich das Leben opferte – eine Bindung, die aus Finrods eigenem Wesen erwuchs, nicht aus väterlichem Erbe. Angrod und Aegnor, die in den Quellen stets als Paar auftreten, hielten gemeinsam die Grenzlande von Dorthonion und fielen auch gemeinsam, als Morgoth den Belagerungsring durchbrach. Orodreth, der dritte Sohn, übernahm nach Finrods Tod die Herrschaft über Nargothrond und führte damit fort, was sein Bruder begonnen hatte. Galadriel schließlich, als einziges Mädchen unter den Brüdern aufgewachsen, verfolgte von Beginn an eigene Ziele, die sie über Doriath in eine eigenständige Stellung in Mittelerde führten; mit ihrem Vater verband sie fortan kein gemeinsames Wirken mehr, sondern nur noch die ferne, nie aufgekündigte Zugehörigkeit zum selben Haus.
Entwürfe und Fassungen
In den frühen Fassungen der Silmarillion-Überlieferung, die bis in die vierziger Jahre reichen, trug der dritte Sohn Finwes nicht den Namen Finarfin, sondern hieß selbst Finrod; sein ältester Sohn, der spätere Gründer Nargothronds, wurde dagegen Inglor oder Inglor Felagund genannt. Erst während der Arbeit an den Anhängen zum Herrn der Ringe in den fünfziger Jahren tauschte Tolkien diese Namen: Der Vater erhielt den neuen Namen Finarfin mit der Vaternamen-Form Arafinwë, während der Beiname „Finrod“ auf den Sohn überging, der fortan als Finrod Felagund erscheint, wobei „Felagund“ als Beiname erhalten blieb. Wer die Erzähltexte in ihrer endgültigen Gestalt kennt, muss diesen Namenstausch also mitdenken, sobald er auf ältere Entwurfsstufen der Geschichte stößt.
Der Vatername Arafinwë selbst gehört zu jenem geordneten Namensschema, das Curufinwë für Feanor und Nolofinwë für Fingolfin neben den vertrauten Namen ihrer Brüder stellt; ausgeführt und begründet wurde dieses Schema erst spät, in einem Essay, der sich eigentlich mit Feanors eigenem Namen befasst. In den älteren Entwürfen war eine solche durchgängige Systematik der Vaternamen noch nicht ausgearbeitet, so dass die Umbenennung des dritten Finwe-Sohnes zugleich mit der nachträglichen Einpassung seiner Figur in ein erst spät durchdachtes Namensgefüge des Hauses Finwes einherging.