Herkunft und Namen

Tar-Míriel entstammte dem Königshaus von Númenor, jener Linie, die auf Elros Tar-Minyatur zurückging, den ersten Herrscher der Insel und Bruder Elronds, in dem sich die halbelbische Abkunft von Earendil und Elwing fortsetzte. Als Tochter Tar-Palantírs gehörte sie damit zu den Dúnedain, dem Zweig der Menschen, dem die Valar nach dem Sieg über Morgoth die Insel Elenna zum Wohnsitz gegeben hatten, und stand in ununterbrochener Erbfolge seit den Tagen des ersten Königs.

Ihr Name folgte der in Númenor seit Elros gepflegten Sitte, den Königskindern Namen in der Hochsprache Quenya zu geben; als Herrscherin hätte sie überdies den Titel „Tar-“ getragen, mit dem sich seit Elros Tar-Minyatur die rechtmäßigen Zepterträger der Insel auswiesen. Dass ihr als Frau überhaupt der Anspruch auf das Zepter zustand, verdankte sich einer Änderung des Erbrechts, die einige Generationen zuvor unter Tar-Aldarion eingeführt worden war: Seither konnte, sofern kein Sohn vorhanden war, auch das älteste Kind gleich welchen Geschlechts die Herrschaft erben.

Am Hof Númenors hatte sich jedoch unter den sogenannten Königsleuten, die sich zunehmend von den elbenfreundlichen Bräuchen abwandten, die Gewohnheit durchgesetzt, statt der Quenya-Namen die heimische Sprache Adûnaic zu gebrauchen und dabei das elbische „Tar-“ durch das einheimische „Ar-“ zu ersetzen – ein Brauch, den zuerst Ar-Adûnakhôr eingeführt hatte. In dieser Form wurde Míriel an Ar-Pharazôns Hof als Ar-Zimraphel angesprochen, ein zweiter, adûnaischer Name neben ihrem angestammten Quenya-Namen.

Geschichte

Nach dem Tod Tar-Palantírs im Jahr 3255 des Zweiten Zeitalters stand Míriel als dessen einziges Kind die Herrschaft über Númenor von Rechts wegen zu. Doch ihr Vetter Ar-Pharazôn, Sohn von Tar-Palantírs Bruder Gimilkhâd und Wortführer der sogenannten Königsleute, nutzte die Schwäche der Krone, riss das Zepter an sich und zwang Míriel gegen ihren Willen zur Heirat – ein Verstoß gegen das Gesetz Númenors, das eine Verbindung zwischen so nahen Verwandten untersagte. Als seine Gemahlin trug sie fortan zwar den Königinnentitel, doch die tatsächliche Macht lag allein bei Ar-Pharazôn.

In den ersten Jahren seiner Herrschaft führte Ar-Pharazôn eine gewaltige Streitmacht nach Mittelerde, um Saurons wachsender Macht entgegenzutreten; Sauron unterwarf sich scheinbar und wurde als Geisel mit nach Númenor genommen. Dort gewann er rasch das Vertrauen des Königs und stieg zu dessen engstem Berater auf. Míriel erlebte an der Seite ihres Gemahls, wie der einst mächtigste Diener Morgoths im Herzen ihres eigenen Hofes Einfluss und Ansehen gewann, ohne dass ihr als entmachteter Königin Mittel geblieben wären, dem entgegenzuwirken.

Unter Saurons Einfluss wandte sich der Hof offen dem Kult Melkors zu; auf sein Betreiben wurde in Armenelos ein Tempel errichtet, in dem bald auch Menschen geopfert wurden, während die Elbenfreunde, die dem alten Glauben und der Freundschaft mit den Valar treu blieben, verfolgt wurden. Über diese Jahre der zunehmenden Verdunkelung Númenors, in denen die überlieferten Sitten der Insel zusehends verdrängt wurden, ist von Míriel selbst kaum mehr bezeugt, als dass sie als Königin ohne Macht dieser Entwicklung beiwohnte, ohne sie aufhalten zu können.

Im Jahr 3319 des Zweiten Zeitalters ließ sich Ar-Pharazôn, von Sauron aufgestachelt und im Wahn, dem Tod durch einen Angriff auf das Reich der Valar selbst entrinnen zu können, zum offenen Bruch mit dem Verbot der Valar hinreißen: Er ließ eine gewaltige Flotte rüsten und stach nach Westen in Richtung Aman in See. Míriel blieb währenddessen auf Númenor zurück, während ihr Gemahl mit dem Kern der Streitmacht der Insel dem Untergang entgegensegelte.

Als Antwort auf den Frevel wurde die Gestalt der Welt gewandelt und Númenor durch Feuer, Beben und eine hereinbrechende Flutwelle vernichtet. In der Stunde des Untergangs versuchte Míriel, den heiligen Berg Meneltarma zu erreichen, jenen Ort, den die Königsleute unter Saurons Herrschaft den Getreuen längst verwehrt hatten, um dort Zuflucht zu suchen. Die Woge überholte sie jedoch, ehe sie den Gipfel erreichen konnte, und riss sie mit sich fort; mit ihrem Tod im selben Jahr 3319 erlosch die rechtmäßige Linie der Herrscher Númenors auf der versinkenden Insel selbst.

Rolle und Macht

Innerhalb des Legendariums verkörpert Tar-Míriel keine Macht im Sinne magischer oder kriegerischer Fähigkeiten, sondern eine Rechtsstellung: die einer rechtmäßigen Herrscherin, der die Ausübung ihres Amtes verwehrt blieb. Ihre eigentliche Bedeutung liegt darin, dass sie als von Rechts wegen erbberechtigte Königin greifbar macht, wie tief das Vertrauen in die überkommene Ordnung Númenors bereits erschüttert war, als ein Zweig des Königshauses bereit war, Erbfolge und Eherecht zugunsten der eigenen Machtergreifung zu missachten. Als Figur steht sie damit weniger für Handlungsmacht als für deren Entzug, für die Kluft zwischen dem, was ihr nach dem Gesetz der Insel zustand, und dem, was ihr tatsächlich zu vollziehen möglich war.

Über persönliche Fähigkeiten oder Neigungen Míriels berichten die Quellen nichts Nennenswertes; weder werden ihr besondere Weisheit noch Schwäche, weder Widerstand noch Zustimmung gegenüber Ar-Pharazôns Herrschaft ausdrücklich zugeschrieben. Diese Zurückhaltung der Überlieferung ist selbst bezeichnend: Anders als etwa Amandil oder Elendil, deren Widerstand gegen den Kurs der Krone eigens festgehalten ist, erscheint Míriel in den erhaltenen Texten nicht als Handelnde, sondern als stumme Randfigur eines Hofes, den sie nicht mehr lenkte. Damit bleibt offen, ob sie sich dem Treiben ihres Gemahls innerlich widersetzte oder sich in ihr Schicksal fügte; die Quellen legen sich hierauf nicht fest.

Auch am Ende ihres Lebens zeigt sich diese Machtlosigkeit: Der Versuch, den Meneltarma zu erreichen, war kein Akt eigener Stärke, sondern der letzte, vergebliche Griff nach einem Zufluchtsort, der den Getreuen lange vor ihr genommen worden war. Dass gerade sie, die eigentliche Herrscherin, in dieser Stunde ohne Gefolge und ohne Mittel dastand, unterstreicht rückblickend, in welchem Ausmaß ihr die Ausübung der ihr zustehenden Krone während der gesamten Regierungszeit Ar-Pharazôns entzogen geblieben war.

Beziehungen

Von den Bindungen, die Tar-Míriels Leben bestimmten, ist die zu Ar-Pharazôn die einzige, über die die Quellen überhaupt Auskunft geben, und sie ist von vornherein durch ein Unrecht geprägt: Als Vetter zweiten Grades stand er ihr nach numenórischem Recht bereits zu nahe, als dass die Verbindung ohne Bruch der überlieferten Ordnung hätte geschlossen werden dürfen. Dass Ar-Pharazôn dennoch auf dieser Ehe bestand, diente erkennbar weniger persönlicher Zuneigung als der Absicherung seiner Herrschaft, denn eine Vermählung mit der rechtmäßigen Erbin verlieh dem an sich gerissenen Zepter wenigstens den äußeren Anschein von Rechtmäßigkeit. So blieb die Ehe Zeit ihres Bestehens ein Mittel der Macht und nicht ihr Ausdruck; als Gemahlin des Königs trug Míriel zwar den Titel der Herrin an seiner Seite, doch ohne dass daraus ein Einfluss auf sein Handeln erwachsen wäre.

Zu Sauron, der in den Jahren ihrer Ehe zur eigentlich bestimmenden Figur am Hof aufstieg, verband Míriel nichts, was über die bloße Anwesenheit am selben Hof hinausging; anders als Ar-Pharazôn, der sich ihm willig unterordnete, wird ihr keinerlei Nähe zu ihm zugeschrieben. Gerade dieses Fehlen einer erzählten Beziehung ist bezeichnend: Während Sauron den König Schritt für Schritt an sich band, blieb die eigentliche Herrin des Hauses Elros für ihn offenbar bedeutungslos, ein Umstand, der ihre Entmachtung noch schärfer hervortreten lässt als jede ausdrückliche Feindschaft es könnte.

Zu den Getreuen um Amandil und Elendil, die dem alten Glauben und der Freundschaft mit den Valar die Treue hielten, wird keinerlei Verbindung Míriels berichtet, weder Nähe noch Distanz; sie erscheint in der Überlieferung nicht als Teil ihres Kreises, ebenso wenig wie als dessen Gegnerin. Diese Leerstelle unterscheidet sie von den handelnden Figuren beider Lager und bestätigt aus einer anderen Richtung, was schon ihre Ehe nahelegt: Míriels Beziehungen wurden ihr aufgezwungen, nicht von ihr geknüpft, und so bleibt sie in den Quellen eine Frau, die man an den Rand ihres eigenen Hofes gedrängt hatte.