Name und Herkunft
Der Name Vanyar ist quenyarisch und gehört zum Wortstamm „vanya“, den das Verzeichnis der Namenselemente im „Silmarillion“ mit „hell, schön“ wiedergibt. Gemeint ist dabei weniger eine allgemeine Anmut als eine sichtbare Eigenart: Das Wort bezeichnet Schönheit in Farbe und Gestalt, und bei diesem Volk war es vor allem das lichte, goldfarbene Haar, das den Namen rechtfertigte. Im Deutschen hat sich daher neben der Quenya-Form die Umschreibung „Hellelben“ oder „schöne Elben“ als Erklärung eingebürgert, ohne je den eigentlichen Namen zu verdrängen. Die Einzahl lautet Vanya und wird gleichermaßen für einen einzelnen Angehörigen wie adjektivisch für die Herkunft einer Person gebraucht.1
Ihren Ursprung haben die Vanyar unter den Quendi, die am Wasser von Cuivienen im fernen Osten Mittelerdes erwachten. Als Orome sie dort fand und die Valar die Elben einluden, nach Westen zu ziehen, sandte man zunächst drei Botschafter nach Valinor, damit sie selbst sähen, wohin der Weg führte. Einer von ihnen war Ingwe; nach seiner Rückkehr riet er zum Aufbruch, und die Seinen folgten ihm als Erste und ohne Zögern. Aus dieser Bereitschaft erwuchs ihre Stellung: Sie bildeten die vorderste Schar des großen Zuges, und Ingwe galt fortan als Hoher König aller Elben.2
In der Ordnung der Elbenvölker stehen die Vanyar damit an mehreren Stellen zugleich. Sie zählen zu den Eldar, jenen Quendi, die den Ruf der Valar annahmen und die Wanderung wagten, im Unterschied zu den Avari, die am Ort ihres Erwachens blieben. Zusammen mit den Noldor und einem Teil der Teleri gehören sie außerdem zu den Lichtelben, den Calaquendi, weil sie das Licht der Zwei Bäume in Aman mit eigenen Augen sahen. Unter diesen drei Geschlechtern der Eldar sind sie das älteste in der Reihenfolge des Aufbruchs und zugleich das an Zahl geringste. Mit den Noldor, die ihnen dicht folgten, erreichten sie als Erste die Küste und wurden über das Meer in den Westen gebracht.3
- 1Das Silmarillion, Anhang, Elements in Quenya and Sindarin Names
- 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor
- 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië
Geschichte
Nach der Überfahrt auf der Insel, die Ulmo für die vorderen Scharen durch das Meer gezogen hatte, betraten die Vanyar gemeinsam mit den Noldor das Land Aman. Weil die Eldar trotz aller Herrlichkeit des Westens die Sterne nicht missen wollten, öffneten die Valar für sie einen Pass durch das Gebirge der Pelori, den Calacirya. In dieser Kluft, auf dem grünen Hügel Tuna, entstand Tirion, die weiße Stadt der Elben, und das Küstenland ringsum erhielt den Namen Eldamar. Vanyar und Noldor bewohnten die Stadt anfangs miteinander. Ihr höchster Bau war der Turm Ingwes, Mindon Eldalieva, dessen Lampe weit hinaus über das Meer schien.1
Diese Gemeinschaft blieb nicht von Dauer. Die Vanyar fanden am vollen Licht der Zwei Bäume mehr Gefallen als am Dämmer des Passes und verließen mit der Zeit Tirion, um in der Ebene von Valinor und an den Hängen des Taniquetil zu wohnen. Ingwe selbst ließ sich zu Füßen Manwes nieder und hat Mittelerde nie wieder betreten. Von allen Elben standen die Vanyar Manwe am nächsten, und von ihm, so heißt es, empfingen sie Dichtung und Gesang. Tirion wurde damit zur Stadt der Noldor, während die Vanyar sich von deren Handwerk und Wissbegier allmählich entfernten, ohne dass Ingwe seine Würde als Hoher König aller Elben verlor.2
Trotz der räumlichen Trennung blieben beide Völker durch Verwandtschaft verbunden, und diese Verbindung hatte weitreichende Folgen. Nachdem Miriel, die Mutter Feanors, aus dem Leben geschieden war, nahm Finwe eine zweite Frau: Indis, eine Vanya aus der nahen Verwandtschaft Ingwes. Ihre Söhne waren Fingolfin und Finarfin. Feanor sah diese Ehe und die Halbbrüder, die aus ihr hervorgingen, mit Missgunst, und die Spannungen im Haus Finwes, die später so viel Unheil nach sich zogen, nahmen hier einen ihrer Ausgangspunkte.3
Am Aufruhr, der Valinor erschütterte, hatten die Vanyar keinen Anteil. Als Melkor mit Ungoliant die Zwei Bäume vernichtete, verloren sie jedoch eben das Licht, dem zuliebe sie einst aus Tirion fortgezogen waren. Aus ihren Reihen stammte Elemmire, die das Klagelied über den Tod der Bäume schuf, das unter dem Namen Aldudenie allen Eldar bekannt wurde. Als Feanor die Noldor zum Auszug nach Mittelerde aufrief, blieben die Vanyar in Aman und hielten den Valar die Treue; weder am Sippenmord von Alqualonde noch an der Flucht der Noldor waren sie beteiligt.4
Erst am Ende des Ersten Zeitalters zog ein Heer der Vanyar noch einmal ostwärts. Nachdem Earendil die Valar um Beistand für Elben und Menschen gebeten hatte, sandten sie ihre Streitmacht gegen Morgoth aus. Die Vanyar marschierten darin unter den Bannern Ingwions, des Sohnes Ingwes; an ihrer Seite standen unter Finarfin jene Noldor, die in Valinor geblieben waren. In diesem Krieg des Zorns wurde Morgoth niedergeworfen und Beleriand ging in den Wogen unter.5
Nach dem Sieg kehrten die Vanyar in den Westen zurück. Anders als Noldor und Teleri gründeten sie in Mittelerde weder Reich noch Siedlung, und in der Geschichte der späteren Zeitalter spielen sie keine Rolle mehr. Ihr Fortbestand ist deshalb nicht von Niedergang geprägt, sondern von Beständigkeit: Sie blieben das Volk, das sich am weitesten von den Schicksalen Mittelerdes entfernt hatte und in der Nähe der Valar verharrte.6
- 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië
- 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië; Das Silmarillion, Valaquenta
- 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Of Fëanor and the Unchaining of Melkor
- 4Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Of the Darkening of Valinor; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Of the Flight of the Noldor
- 5Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Of the Voyage of Eärendil and the War of Wrath
- 6Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Of the Voyage of Eärendil and the War of Wrath; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor
Lebensweise und Eigenart
Schon äußerlich hoben sich die Vanyar von den übrigen Eldar ab: Ihr Haar war golden, und diese Färbung galt als ihr sichtbarstes Kennzeichen. Über Indis gelangte sie in das Haus Finwes, wo sie bei Finarfin und dessen Nachkommen wieder hervortrat; noch Galadriels Haar wird auf dieses Erbe ihrer Großmutter zurückgeführt. Auch im Wesen unterschieden sie sich von ihren nächsten Verwandten. Während die Noldor die Freunde Aules wurden und ihr Glück im Forschen, Formen und Erfinden fanden, richtete sich das Verlangen der Vanyar weniger auf das Werk der Hände als auf das Licht und die Nähe der Valar. Ihr Rang in Valinor beruhte nicht auf Kunstfertigkeit, sondern auf Anhänglichkeit und Vertrauen.1
Ihre Sprache war das Quenya, die alte Rede, die allen Elben in Valinor gemeinsam war. Die Noldor trugen sie später als Sprache der Überlieferung ins Exil, wo sie im Alltag bald dem Sindarin wich; die Vanyar dagegen blieben in dem Land, in dem diese Sprache lebendig war. Ihr gemeinschaftliches Leben war eng an die Feste und den Umgang mit den Valar gebunden. Als Manwe auf dem Taniquetil zu dem großen Fest lud, an dem die Eintracht Valinors erneuert werden sollte, waren die Vanyar selbstverständlich zugegen, anders als die Teleri, die an ihrer Küste blieben.2
Wie alle Elben sind die Vanyar an das Dasein der Welt gebunden: Sie sterben nicht an Alter, sondern allein durch Gewalt oder Kummer, und auch dann gehen ihre Geister in die Hallen des Mandos und verlassen Arda nicht. Was sie von Noldor und Teleri trennt, ist, dass sie diese Grenze kaum je erfahren mussten. Außer bei dem einen Heerzug gegen Morgoth kannten sie weder Krieg noch Verbannung, und das Heimweh, das die Exilanten in Mittelerde begleitete, blieb ihnen fremd. Tolkien selbst hat das Verlangen der Elben beschrieben, das Geliebte zu bewahren und dem Wandel der Zeit Einhalt zu gebieten. Bei den Vanyar, die im Segensreich verharrten, erscheint diese Neigung gleichsam ungebrochen, ohne den Schatten, den sie bei den Noldor warf.3
- 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië; Nachrichten aus Mittelerde, Teil 2, Kap. IV, The History of Galadriel and Celeborn
- 2Das Silmarillion, Index of Names, Quenya; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Of the Darkening of Valinor
- 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Of Men; Briefe, Letter 131
Geschlechter und Häuser
Anders als bei den beiden anderen Geschlechtern der Eldar unterscheidet die Überlieferung bei den Vanyar keine inneren Stämme oder Teilvölker. Die Teleri zogen unter zwei Königen, Elwe und Olwe, und zerfielen auf der Wanderung in getrennte Gruppen. Die Noldor gliederten sich später nach den Häusern der Söhne Finwes. Von den Vanyar wird nichts Vergleichbares berichtet: Sie treten in allen Erzählungen als geschlossene Schar unter einem einzigen Herrscher auf, und ihr Name bezeichnet das ganze Volk, nicht eine Sippe innerhalb davon.1
Die einzige Linie, die der Text ausdrücklich benennt, ist das Haus Ingwes selbst. Neben dem König tritt nur sein Sohn Ingwion namentlich hervor, und zwar als Bannerträger jenes Heerzugs, von dem oben die Rede war. Zu Ingwes naher Verwandtschaft zählte auch Indis, deren Ehe mit Finwe bereits geschildert wurde. Genealogisch ist diese Verbindung das eigentliche Gewicht des vanyarischen Königshauses in der Überlieferung: Über sie ist die Linie Fingolfins und Finarfins mit dem Haus Ingwes verschwägert, sodass zwei der Fürstenhäuser der Noldor mütterlicherseits auf vanyarische Vorfahren zurückgehen.2
Außerhalb des Königshauses sind nur einzelne Vanyar mit Namen bekannt, und keiner von ihnen wird einer bestimmten Sippe zugeordnet. Amarie war die Geliebte Finrods, des ältesten Sohnes Finarfins; sie blieb in Valinor, als er ins Exil ging, und er nahm deshalb in Mittelerde keine Frau. Neben ihr steht Elemmire, die Dichterin der Klage um die Bäume. Über ihre Herkunft im Einzelnen schweigt der Text, und so bleibt das Bild eines Volkes, das die Quellen allein als Gesamtheit und durch sein Herrscherhaus fassen.3
- 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Of the Coming of the Elves and the Captivity of Melkor
- 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Of Finwë and Míriel; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Of the Voyage of Eärendil and the War of Wrath
- 3Das Silmarillion, Index of Names, Amarië; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Of the Noldor in Beleriand
Rolle in der Erzählung
Im „Silmarillion“ sind die Vanyar weniger Handelnde als Maßstab. Die Erzählung folgt fast durchweg den Noldor, ihrem Verlangen, ihrem Aufbegehren und ihrem Exil, und die Vanyar bilden dazu den ruhenden Hintergrund. Sie treten selten mit eigenen Reden oder Entschlüssen hervor, und gerade diese Zurückhaltung bestimmt ihre Aufgabe im Gefüge des Buches. An ihnen lässt sich ablesen, welchen Weg die Eldar hätten nehmen können, wenn sie nicht nach Besitz und eigener Herrschaft gestrebt hätten. Wo die Noldor Werke schaffen, von denen sie nicht mehr lassen können, genügt den Vanyar das Licht selbst.1
Diese Stellung hat eine erzählerische Folge, auf die der Text selbst aufmerksam macht. Die Überlieferung der Ältesten Tage ist im Kern die der Verbannten und derer, die mit ihnen in Mittelerde gelitten haben. Vom Marsch des Heeres aus Valinor in den Norden wird deshalb am Ende der Quenta nur wenig berichtet, weil keiner der Elben, die jene Geschichten aufzeichneten, dabei gewesen war. Die Vanyar erscheinen so stets von außen betrachtet: als ein Volk, das man aus der Ferne kennt, nicht als eines, dessen Blick die Erzählung übernimmt.2
Ihr Gewicht zeigt sich vor allem an den Wendepunkten, an denen sie fehlen oder wiederkehren. Dass sie beim Aufbruch der Noldor in Aman zurückbleiben, macht sichtbar, dass die Auflehnung gegen die Valar nicht Sache aller Eldar war, sondern eine Entscheidung, die sich hätte vermeiden lassen. Ihr Erscheinen im Heer des Westens schließt dagegen einen Bogen: Gerade jene, die Mittelerde am entschiedensten hinter sich gelassen hatten, ziehen noch einmal hinüber, um die Folgen einer Schuld abzuwenden, an der sie keinen Anteil trugen. Danach treten sie aus dem Blickfeld der Erzählung, und auch dieses Zurücktreten gehört zu ihrer Bedeutung, denn ihre Geschichte ist mit der Treue zu den Valar gleichsam an ihr Ziel gelangt.3
- 1Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Of Eldamar and the Princes of the Eldalië
- 2Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Of the Voyage of Eärendil and the War of Wrath
- 3Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Of the Flight of the Noldor; Das Silmarillion, Quenta Silmarillion, Of the Voyage of Eärendil and the War of Wrath
Entwürfe und Varianten
Das Volk, das später Vanyar heißt, ist in Tolkiens Entwürfen von Anfang an vorhanden, doch sein Name hat mehrfach gewechselt. In den frühen „Verschollenen Geschichten“ steht es bereits an der Spitze der Wanderung und wird von Inwe geführt, einer frühen Gestalt des späteren Ingwe. Es trägt dort jedoch den Namen Teleri, der in der ausgearbeiteten Mythologie einem ganz anderen Volk gehört. Die zweite Schar bilden die Noldoli unter Noleme, die dritte die Solosimpi, die Uferpfeifer, aus denen die späteren Teleri hervorgingen. Die Reihenfolge der drei Geschlechter und die besondere Nähe des ersten zu den Valar stehen also früh fest, während ihre Benennung noch offen bleibt.1
In den Fassungen der späten 1920er und frühen 1930er Jahre, der Skizze der Mythologie und dem „Quenta Noldorinwa“, heißt das erste Geschlecht Quendi und wird als Lichtelben den Gnomen und den Seeelben gegenübergestellt; Quendi ist hier also noch nicht der Name aller Elben. Im „Quenta Silmarillion“ der späten 1930er Jahre erhält es den Namen Lindar, und erst bei der Überarbeitung nach dem „Herrn der Ringe“ setzt sich Vanyar durch. Der aufgegebene Name wanderte danach weiter: In den späten sprachgeschichtlichen Schriften erscheint Lindar als Selbstbezeichnung der Teleri, die sich damit als Sänger verstanden. So hat Tolkien zweimal einen Namen des ersten Geschlechts dem dritten überlassen, während Gestalt und Rolle des Volkes selbst weitgehend unverändert blieben.2