Was für ein Buch das ist

Der Band ist die zehnte Nummer einer zwölfbändigen Reihe, in der Christopher Tolkien den schriftlichen Nachlass seines Vaters in chronologischer Folge zugänglich gemacht hat. Er erschien 1993 und umfasst gut vierhundert Seiten. Anders als die früheren Bände der Reihe, die zumeist eine einzelne Werkstufe oder eine Werkgruppe abschließen, bildet er die erste Hälfte einer zweiteiligen Ausgabe: Das späte, nach der Vollendung des „Herrn der Ringe“ entstandene Material zum „Silmarillion“ war zu umfangreich für einen Band und wurde nach Stoffgebieten getrennt, wobei das Geschehen in Valinor und die Vorgeschichte der Noldor hier stehen, die Ereignisse in Beleriand dagegen im Folgeband von 1994.

Es handelt sich um eine Textausgabe, nicht um ein Erzählwerk. Der Band gliedert sich in fünf Teile, deren jeder eine Textgruppe in ihren erhaltenen Fassungen vorlegt; die Handschriften und Typoskripte werden dabei nicht zu einer glatten Lesefassung verschmolzen, sondern als aufeinanderfolgende Arbeitsstufen sichtbar gemacht. Die Stimme, die durch das Buch führt, ist die des Herausgebers: Er datiert die Papiere, ordnet sie zueinander, verzeichnet Varianten und Randnotizen und benennt offen, wo die Überlieferung lückenhaft oder die Reihenfolge unsicher bleibt. Erzählprosa und Kommentar wechseln daher fortwährend, und der Kommentar hat mitunter mehr Raum als der edierte Text selbst.

Damit richtet sich das Buch nicht an Erstleser. Es setzt die Kenntnis der 1977 veröffentlichten Ausgabe voraus und lässt sich am ehesten als deren Werkstattbericht lesen — es zeigt, welche Fassungen dem Herausgeber vorlagen, als er jenes Buch zusammenstellte, und wie weit die späten Überlegungen des Verfassers von der dort gedruckten Gestalt abwichen. Der Titel greift einen Gedanken aus dem letzten Teil auf: Morgoth habe seine Kraft nicht in einen einzelnen Gegenstand gelegt, sondern in den Stoff der Welt selbst gestreut, sodass Arda ihm gegenüber dieselbe Rolle einnimmt wie der Eine Ring gegenüber Sauron. Innerhalb des Legendariums steht der Band folglich nicht als eigene Erzählung, sondern als Dokumentation eines Werkes im Fluss.

Entstehung und Veröffentlichung

Das im Band vorgelegte Material stammt fast durchweg aus der Zeit nach dem Abschluss des „Herrn der Ringe“. Nachdem die Erzählung 1949 im Wesentlichen fertig war, wandte sich der Verfasser wieder den älteren Stoffen zu, die seit den späten dreißiger Jahren geruht hatten, und arbeitete um 1951 an zwei großen Vorhaben zugleich: an einer neuen annalistischen Darstellung der Vorzeit, den „Annals of Aman“, die die früheren Annalen von Valinor ablösten, und an einer durchgreifenden Überarbeitung der Quenta Silmarillion von 1937. Diese Überarbeitung geschah in zwei deutlich getrennten Schüben — einem frühen um 1951 und einem späteren gegen Ende der fünfziger Jahre —, die der Herausgeber anhand von Papier, Schrift und Tinte voneinander scheidet. Der Band macht die beiden Arbeitsphasen als eigene Schichten kenntlich, statt sie zu einem einzigen Textstand zusammenzuziehen.

Anlass dieser Rückkehr war zunächst ein äußerer. Um 1950 und 1951 verfolgte Tolkien den Plan, das Silmarillion und den „Herrn der Ringe“ gemeinsam als ein einziges, zusammenhängendes Werk herauszubringen, und legte einem Verlagslektor in einem sehr ausführlichen Brief den Aufbau und die Absicht des ganzen Sagenkreises dar. Der Plan zerschlug sich; der „Herr der Ringe“ erschien allein, und die älteren Stoffe blieben ungedruckt. Die Arbeit ging dennoch weiter, nun ohne absehbare Druckperspektive, und sie wandte sich mit den Jahren immer stärker von der Erzählung ab und der Frage zu, welche Voraussetzungen die Welt selbst besitzen müsse.

Aus dieser späteren Zeit stammen die beiden letzten Teile. Gegen Ende der fünfziger Jahre entstand das Gespräch zwischen Finrod und der Menschenfrau Andreth über Tod und Sterblichkeit, dem der Verfasser einen ausgedehnten eigenen Kommentar und eine kurze Überlieferung aus dem Munde Adanels beigab; der Text wurde in diesem Band erstmals gedruckt. Daneben stehen die Aufzeichnungen und Essays der späten fünfziger und der sechziger Jahre, in denen die überlieferte Kosmologie neu bedacht wird: Sonne und Mond als Gestirne von Anbeginn, eine von jeher kugelförmige Erde, dazu wiederholte Anläufe zur Herkunft der Orks. Zu dieser Schicht gehört auch eine Fassung der Ainulindale, die die runde Welt voraussetzt und neben der älteren, flachen Gestalt des Textes abgedruckt ist. Vieles davon blieb Notiz, Entwurf oder Abbruch und wurde nie in eine erzählende Form überführt.

Die Ausgabe selbst erschien 1993, in Großbritannien bei HarperCollins in London, in den Vereinigten Staaten bei Houghton Mifflin in Boston. Sie trägt den erklärenden Nebentitel „The Later Silmarillion, Part One: The Legends of Aman“, der die Zweiteilung des Stoffes und die Fortsetzung im Jahr darauf bereits ankündigt. Eine spätere Umarbeitung durch den Herausgeber hat es nicht gegeben; die Nachauflagen folgen dem Text von 1993, und die Reihe wurde in dieser Gestalt auch in Taschenbuch- und Sammelausgaben weitergeführt. Ins Deutsche ist der Band nicht übersetzt worden — von der Reihe liegen nur die beiden Bände des „Buchs der verschollenen Geschichten“ auf Deutsch vor —, sodass der englische Titel auch im deutschen Sprachgebrauch die übliche Nennform geblieben ist.

Aufbau und Inhalt

Die Anordnung der fünf Teile folgt nicht der Entstehungszeit der Papiere, sondern der inneren Zeitfolge der erzählten Welt. Voran steht ein Vorwort, in dem der Herausgeber die Teilung des späten Materials begründet und angibt, wo der zweite Halbband einsetzt. Der erste Teil legt die Ainulindale vor, und zwar mehrere Fassungen nebeneinander, die mit Buchstaben unterschieden werden, sodass der Leser die flache und die runde Weltgestalt unmittelbar vergleichen kann. Der zweite Teil bringt die „Annals of Aman“, eine nach Jahren der Bäume geordnete Chronik, deren Text in durchgezählte Abschnitte gegliedert ist; der Kommentar steht nicht in Fußnoten, sondern in eigenen Blöcken hinter den Textstrecken und verweist über die Abschnittsziffern zurück. Wer eine bestimmte Begebenheit sucht, findet sie hier zweimal — einmal als knappen Annaleneintrag, einmal als ausgeführte Erzählung im folgenden Teil.

Den größten Raum nimmt der dritte Teil ein, die späte Überarbeitung der Quenta Silmarillion. Er zerfällt in zwei Abschnitte, die den beiden Arbeitsschüben entsprechen: Der erste bietet die kapitelweise durchgesehene Erzählung von den Valar bis zu dem Punkt, an dem die Noldor Valinor verlassen; hier endet der Band nach dem Stoff, denn die Geschichte Beleriands ist dem Folgeband vorbehalten. Der zweite Abschnitt ist kein fortlaufender Text mehr, sondern eine Reihe teils selbstständiger Stücke, die aus der Umarbeitung herauswuchsen: die Valaquenta, die Abhandlung über Sitte und Recht der Eldar mit den Bestimmungen über Ehe, Tod und Wiedergeburt, dazu die mehrfach angesetzte Erzählung von Finwe und Míriel, deren Fassungen der Herausgeber durchnummeriert und gegeneinanderstellt. Diese Anordnung macht sichtbar, wie das Kapitelwerk an einer einzigen Frage stecken blieb.

Der vierte Teil steht für sich: auf den zweisprachig überschriebenen Dialog folgen der ausgedehnte Kommentar des Verfassers, dessen eigene Anmerkungen dazu und ein Anhang mit zwei kurzen Nebenstücken, darunter der bei den Menschen überlieferten Erzählung. Der fünfte Teil sammelt unter dem Titel „Myths Transformed“ ein gutes Dutzend römisch gezählter Einzeltexte, die nur lose zusammenhängen und vom Herausgeber nach Sachgruppen geordnet wurden — Kosmologie, Herkunft der Orks, Wesen und Macht Melkors; aus einem von ihnen stammt die Wendung, die dem Band seinen Namen gab. Beschlossen wird das Buch von einem ausführlichen Namenregister, das die einzige zuverlässige Sucheinrichtung darstellt, weil viele Personen und Begriffe in mehreren Teilen unter wechselnden Formen auftreten. Karten enthält der Band nicht; das geographische Material gehört zum Stoffgebiet des zweiten Halbbandes.

Stellung im Legendarium

Der Band steht zu der 1977 gedruckten Ausgabe des „Silmarillion“ in einem sehr unmittelbaren Verhältnis: Er enthält im Wesentlichen jene Textstufe, aus der deren erste Hälfte gearbeitet wurde. Der Schöpfungsbericht, die Übersicht über die Valar, die Kapitel von den Zwei Bäumen, vom Erwachen der Elben, von Feanor und den Silmaril, von der Verdunkelung Valinors und vom Auszug der Noldor beruhen nicht auf den Fassungen der zwanziger und dreißiger Jahre, sondern auf den hier vorgelegten späten. Wer die veröffentlichte Ausgabe kennt, liest also Vertrautes in ungeglätteter Gestalt — mit Zusätzen, die dort gestrichen sind, und mit Fragen, die dort entschieden erscheinen. Besonders deutlich wird das an Míriel und Finwe: Was im gedruckten Buch ein knapper Bericht innerhalb des Kapitels über Feanor ist, erweist sich hier als der Punkt, an dem die Überarbeitung des ganzen Werkes hängen blieb.

Zugleich enthält der Band Überlegungen, die dem gedruckten Buch offen widersprechen. Dieses erzählt, dass Sonne und Mond erst nach dem Tod der Bäume aus deren letzter Frucht und letzter Blüte geschaffen wurden und dass die Welt bis zum Untergang Númenors flach lag und erst danach ihre Rundung erhielt. Die späten Aufzeichnungen verwerfen beides und setzen ein von Anfang an astronomisch geordnetes Weltbild an, in dem die Sonne älter ist als die Elben — eine Änderung, die den überlieferten Erzählungen von Valinor die Voraussetzung entzogen hätte. Ähnlich verhält es sich mit der Herkunft der Orks: Das veröffentlichte Werk führt sie auf gefangene und verderbte Elben zurück, während hier mehrere einander ausschließende Erklärungen nebeneinander erwogen werden. Dass Tolkien diese Frage als ungelöst empfand, bezeugen auch seine Briefe, in denen er die Orks als vernunftbegabte Geschöpfe und eben darum als theologische Schwierigkeit behandelt.

Anderes hat im veröffentlichten Werk überhaupt kein Gegenstück. Weder Ehe und Namengebung der Eldar noch ihr Tod, das Weiterbestehen der körperlosen Geister und ihre Wiederverkörperung sind dort behandelt; ebenso fehlt jede Erörterung der Frage, ob die Sterblichkeit der Menschen ursprüngliche Gabe oder Folge eines frühen Abfalls sei. Für diese Gegenstände ist der Band die einzige Quelle, und er trägt damit einen erheblichen Teil dessen bei, was später als Lehrgehalt des Legendariums zitiert wird — obwohl es sich um Arbeitspapiere handelt, die zu Lebzeiten nichts veröffentlichten. Genau hierin liegt seine Kanon-Schicht: Er dokumentiert Absichten, nicht Ergebnisse. Wo seine Texte den gedruckten Werken widersprechen, bleiben diese maßgeblich; wo sie über sie hinausgehen, füllen sie Lücken, die der Verfasser selbst nie geschlossen hat. Dass Tod und Unsterblichkeit für ihn das eigentliche Thema des ganzen Sagenkreises waren, hat er in seinen Briefen ausdrücklich festgehalten — der Band zeigt, wie weit er dieses Thema in den letzten Jahrzehnten noch getrieben hat.