Die Muttersprache Númenors

Adûnaisch ist die eine Sprache Númenors, die niemand lernen musste. Quenya kannten die Gelehrten und schrieben es in Urkunden; Sindarin sprach man im Nordwesten und in den großen Häusern; Adûnaisch aber war die angestammte Rede der Númenórer, die Zunge der Menschen, die sie aus Beleriand mitgebracht hatten. Außerhalb der sindarinsprachigen Gegenden war es schlicht das, was die Leute sagten, und fast jeder konnte daneben etwas Sindarin.

Ihre Abstammung reicht ins Erste Zeitalter zurück. Im Hause Hadors in Dor-lómin sprach man nur Elbisch, und doch blieb die eigene Sprache des Volkes erhalten — und aus ihr kam die Gemeinsprache Númenors. Die Zunge des Hauses Beor war verwandt, aber lautlich abweichend, und in einigen Westbezirken der Insel überlebte diese bëorische Spielart als Mundart. Zwei Wörter einer verwandten erstzeitlichen Rede sind überliefert, und sie genügen, um sie zu hören: Felagund hieß bei Beors Volk Nóm, Weisheit, und dieses Volk selbst Nómin, die Weisen; und Beor war überhaupt kein Eigenname, sondern ihr Wort für Vasall.

Die Sprache war nie ganz die eigene. Ihr Vorfahr war teilweise aus einer älteren Stufe des Elbischen abgeleitet, und es gab die für wahrscheinlich gehaltene Annahme, die Rede des führenden Atani-Verbandes sei in vorgeschichtlicher Zeit vom Khuzdul beeinflusst worden, der Zunge der Zwerge. Beide Fäden sind im Wortschatz sichtbar. Adûn in Adûnakhôr gehört zur elbischen Wurzel ndu, abwärts, von oben herab; Anadûnê selbst wird ausdrücklich ein Lehnwort aus dem Eldarin genannt. Selbst das trotzige Ar- der späteren Königsnamen ist auf den elbischen Stamm ar(a)- gebaut, hoch, edel, königlich. Die Könige, die die Elbensprachen abschafften, benannten sich mit elbischem Sprachstoff.

Zwei Namen für alles

Númenor war ein Ort, an dem die Dinge selbstverständlich zwei Namen hatten. Alle Herren der Númenórer trugen neben ihren eigenen auch eldarische Namen, und ebenso ihre Städte und Länder. Die Insel heißt elbisch Elenna und Númenórë und adûnaisch Anadûnê, Westernis. Earendils Schiff heißt elbisch Vingilot und adûnaisch Rothinzil, beides Schaumblume — und dieses Paar ist älter als Númenor, denn es ist schon vom Schiff selbst überliefert. Die amtlichen Ortsnamen der Insel waren Quenya, doch daneben standen örtliche Namen, meist gleicher Bedeutung, auf Sindarin oder Adûnaisch.

Von der Sprache selbst bewahrt die veröffentlichte Erzählung sehr wenig. Ein Gattungswort ist im Hauptwerk übersetzt: pharaz, Gold, das im Namen Ar-Pharazôn steckt. Die Schreibregeln des Anhangs E behandeln Adûnaisch mit Absicht als fremde Zunge — k und kh stehen in nicht-elbischen Namen, wobei kh denselben Laut bezeichnet wie ch, wie in Adûnakhôr; ph steht für f; und der Zirkumflex, der im Sindarin einen besonders gedehnten Vokal markiert, hat hier keine solche Kraft. Er kennzeichnet das Wort nur als einer anderen Sprache zugehörig, genau wie das k. Das Silmarillion fügt die schlichte Regel hinzu: Im Adûnaischen wie im Khuzdul bezeichnet der Zirkumflex einen langen Vokal und sonst nichts.

Als eine Sprache zur Politik wurde

Den größten Teil der Geschichte Númenors bestanden die beiden Zungen ohne Ärger nebeneinander: Das Volk gebrauchte seine eigene Sprache, Könige und Herren kannten daneben die elbische. Was sich änderte, waren nicht die Sprachen, sondern das, wofür man sie nahm. Der Umschwung lässt sich Schritt für Schritt datieren, und die Schritte sind klein.

Unter Tar-Calmacil wurde der Königsname erstmals adûnaisch ausgesprochen: Die Königspartei nannte ihn Ar-Belzagar. Sein Nachfolger Tar-Ardamin hieß ebenso Ar-Abattârik. Keiner von beiden hatte das Zepter bereits unter adûnaischem Titel übernommen — das tat Ar-Adûnakhôr, der zwanzigste König, und sein gewählter Titel hieß Herr des Westens. Den Getreuen war das schlimmer als ein Bruch mit dem Brauch: Dieser Titel hatte einem der Valar gehört. Und doch hielt eine alte Scheu stand, und die Königsrolle verzeichnete seinen Namen dennoch in der Quenya-Form Herunúmen. Zwei Könige später verbot Ar-Gimilzôr den Gebrauch der Elbensprachen gänzlich und siedelte die Getreuen, die meist im Westen der Insel wohnten, zwangsweise in den Osten um. Die sprachliche Spaltung war eine geographische geworden.

Der letzte Gebrauch der Sprache in diesem Streit richtete sich gegen einen Menschen. Míriel, Tochter Tar-Palantirs und rechtmäßige Erbin, wurde von Ar-Pharazôn genommen und in Ar-Zimraphel umbenannt. Ein Name in der eigenen Sprache, jemandem aufgezwungen, der eine andere hatte. Und ganz am Ende gaben die Überlebenden an den Küsten Mittelerdes dem versunkenen Land einen Namen in derselben Zunge: Akallabêth, die Gestürzte — Atalantë in der elbischen Rede, dasselbe Wort zweimal. Es ist die eine Stelle der veröffentlichten Geschichtswerke, an der ein adûnaisches Wort von Menschen in der Erzählung gesprochen und nicht bloß verzeichnet wird.

Eine Karte, wer was sprach

Númenor lässt sich über seine Sprachen ebenso genau beschreiben wie über seine Küsten. Im Nordwesten, vorwiegend von Leuten bëorischer Abkunft besiedelt, die ihre eigene Zunge schon in Beleriand aufgegeben hatten, war Sindarin allgemein in Gebrauch; in Andúnië und den Westlanden sprachen es Hoch und Niedrig gleichermaßen. Überall sonst war Adûnaisch die Muttersprache des Volkes, wenn auch fast jeder etwas Sindarin konnte. Im Königshaus und in den meisten adligen und gelehrten Häusern war Sindarin bis in die Tage Tar-Atanamirs die gewöhnliche Wiegensprache. Quenya wurde nirgends gesprochen. Drei Sprachen, und nur eine davon gehörte der ganzen Insel.

Diese Karte erklärt die Politik, die folgte. Als die Königspartei sich gegen die Elbensprachen wandte, griff sie keine fremde Einfuhr an, sondern die Rede ihrer eigenen Oberschicht — und als Ar-Gimilzôr die Getreuen aus dem Westen der Insel in den Osten umsiedelte, verschob er die sindarinsprachigen Gegenden weg vom Seeweg nach Eressëa. Der Streit darüber, in welcher Sprache ein König benannt werden sollte, war im Grunde ein Streit darüber, welcher Hälfte Númenors der Thron gehörte.

Ein weiterer Name gehört auf diese Karte, und er liegt nicht in Gondor. Manche Namen des Reiches — Umbar, Arnach, Erech, Eilenach, Rimmon, Forlong — sind weder elbisch noch adûnaisch. Sie stammen aus der Zeit vor der Ankunft der Númenórer, und Anhang F sagt es unumwunden. Ein Land, dessen amtliche Namen Quenya sind, dessen Volk eine vom Adûnaischen abstammende Zunge sprach und dessen älteste Ortsnamen zu keinem von beiden gehören, ist keine saubere sprachliche Einheit. Es ist ein Ort, an dem drei Geschichten zugleich hörbar bleiben.

Was daraus wurde

Adûnaisch starb nicht mit der Insel. In Pelargir wurde es weiter gesprochen, und vermischt mit Wörtern geringerer Menschen wurde daraus die Gemeinsprache, die sich von dort die Küsten entlang unter allen ausbreitete, die mit Westernis zu tun hatten. Jede Zeile Dialog im Herrn der Ringe ist nach der Fiktion des Buches eine Übersetzung aus einer Sprache, die von der Zunge Númenors abstammt. Das in Gondor bewahrte Westron war von ernsterem und altertümlicherem Zuschnitt — ein Nachhall dieser Abkunft.

Die Verwandtschaft reicht weiter nach Norden als Gondor. Die Sprachen der Beorninge, der Waldmenschen, der Männer von Dale und der Rohirrim sind mit dem Adûnaischen verwandt, weil ihre Sprecher von den Edain oder deren nahen Verwandten abstammen. Was auf der Karte wie eine Streuung unverbundener Völker aussieht, ist in der Sprache eine Familie.

In den späten Schriften kommt eine bittere Wendung. Bei den Getreuen, die die Küstenlande von Lune bis Pelargir beherrschten, stand das alte Adûnaisch nicht mehr in Ehren — gerade weil die Königspartei es zur Sprache des Elbisch-Verbots gemacht hatte. Man überließ es ungehemmtem Wandel und Verderb, und es sank zur Alltagsrede und einzigen Zunge der Ungelehrten herab, während alle Hochgeborenen Sindarin gebrauchten. Die Sprache der Aufsässigen verlor ihren Rang im Sieg ihrer Gegner.

Zwei Überbleibsel verdienen es, genannt zu werden. Imrahil und Adrahil, die Fürsten von Dol Amroth, tragen númenórische, also adûnaische Namen, und Anhang E vermerkt Imrahil eigens, weil sein ch nicht der sindarischen Regel folgt. Und der Fluss Gwathló ist einer der ganz wenigen geographischen Namen Mittelerdes, die in Númenor allgemein bekannt wurden und eine adûnaische Übersetzung erhielten: Agathurush. Im gesamten veröffentlichten Bestand ist er beinahe der einzige adûnaische Ortsname außerhalb der Insel.

Die Wörter selbst

Eine Sprache, die man vor allem durch Namen kennt, gibt trotzdem einen Wortschatz her, weil die Namen durchsichtig sind. Azra ist das Meer, und es gibt Earendil seinen adûnaischen Namen Azrubel, Meerliebender. Adûn ist der Westen; nimir ist ein Elb, sodass Nimruzir, Elendils Name in dieser Zunge, Elbenfreund heißt, genau wie der elbische. Zigûr ist ein Zauberer — das Wort erscheint als Gattungswort in den Deklinationstafeln und als Name Saurons. Yozayan, das Land der Gabe, antwortet dem Quenya Andórë. Pharaz ist Gold, und es steht im Namen des Königs, der die Flotte nach Westen führte.

Die Deklinationstafeln geben die Gestalt eines gewöhnlichen Hauptworts. Zadan, ein Haus, wird zu zadān, zadun, zadnat und so fort durch Einzahl, Zweizahl und Mehrzahl; azra, das Meer, gibt azrā, azru, azrāt, azrī. Zwei starke Klassen und eine schwache decken die Nomina ab, und der Vokal der Basis dehnt oder verschiebt sich, statt dass einfach eine Endung anträte. Es ist der Unterschied zwischen einer Sprache, die zusammensetzt, und einer, die umformt — und dafür ist das dreikonsonantige Gerüst da.

Die Königsnamen bilden eine Reihe, die sich in einem Zug lesen lässt, denn fast jeder hat einen Quenya-Zwilling: Ar-Adûnakhôr neben Tar-Herunúmen, Ar-Zimrathôn neben Tar-Hostamir, Ar-Sakalthôr neben Tar-Falassion, Ar-Gimilzôr neben Tar-Telemnar, Ar-Inziladûn neben Tar-Palantir. Nur wenige sind in den Quellen übersetzt; die übrigen behalten ihre Bedeutung für sich. Die Königin Inzilbêth, heimlich eine der Getreuen, und Gimilkhâd, der jüngere Sohn und Vater Ar-Pharazôns, gehören zum selben Wortbestand — die Hausnamen einer Dynastie, die mit sich selbst darüber stritt, welcher Sprache sie angehörte.

Wie die Sprache gebaut ist

Fast alles, was über die Grammatik bekannt ist, stammt aus einem einzigen unvollendeten Typoskript, und das gehört gesagt, bevor irgendetwas davon weitergegeben wird: Lowdhams Bericht über die adûnaische Sprache behandelt Lautlehre und Wortbildung ausführlich und bricht dann mitten im Verb ab. Was folgt, ist deshalb beim Nomen vollständig und schweigt dort, wo ein Leser am meisten Einzelheiten wünscht.

Der Bau ist es, der dem Adûnaischen sein eigenes Gepräge gibt. Die meisten Wortbasen sind dreikonsonantig, die Bedeutung trägt ein Gerüst aus drei Konsonanten — das Muster, das man aus den semitischen Sprachen kennt —, doch etliche sind zweikonsonantig, etwa NAKH, kommen, und BITH, sagen. Jede Basis hat einen charakteristischen Vokal, der gewöhnlich zwischen den ersten und den zweiten Konsonanten tritt. Ursprünglich besaß die Sprache nur drei Grundvokale, A, I und U, dazu die Diphthonge AI und AU. Die Nomina unterscheiden drei Numeri — Einzahl, Mehrzahl und einen Dual, der vor allem natürlichen Paaren gilt — und drei Kasus, genannt Normal, Subjektiv und Objektiv. Ein Genus im strengen Sinn gibt es nicht, doch der Subjektiv unterscheidet männliche, weibliche, gemeinsame und sächliche Formen.

Eine Einzelheit der Fiktion übersieht man leicht, und man behält sie gern: Innerhalb der Erzählung brachten die Númenórer keine Schrift mit. Die adûnaische Schrift wurde erst erfunden, nachdem sie schon einige Zeit auf der Insel gewohnt hatten.

Eine Sprache, im Traum gehört

Adûnaisch ist die jüngste von Tolkiens großen erfundenen Sprachen und eine der letzten. Sie entstand 1945 und 1946 im Umkreis der Notion Club Papers, jener unvollendeten Zeitreise-Erzählung, die er schrieb, während der Herr der Ringe unvollendet daneben lag; die zugehörige neue Fassung vom Untergang Númenors, The Drowning of Anadûnê, trägt durchweg adûnaische Namen.

Der Rahmen dieser Erzählung lohnt die Kenntnis, denn dort bekommt die Sprache ihren Namen. Der neuzeitliche Engländer Lowdham hört Bruchstücke zweier alter Zungen in Traum und wachem Gesicht und benennt sie: A ist Avallonisch, eine Frühform des Quenya, und B ist Adûnaisch. Er beschreibt B als der gewöhnlichen Erde näher klingend als A, und Tolkiens erklärtes Ziel dafür war ein schwach semitischer Beiklang. Dieses Ziel erklärt die dreikonsonantigen Wurzeln — und es ist die einzige seiner großen Sprachen, die auf einem außereuropäischen Vorbild ruht.

Was Lowdham hört, ist keine Wortliste, sondern zusammenhängende Rede, und die Bruchstücke tragen den Untergang Númenors in der eigenen Sprache: Schiffe, die nach Osten fuhren, Berge, die sich überneigen, ein gerader Weg nach Westen, der danach krumm war. Eine Zeile bekommt an Ort und Stelle eine Übersetzung, und sie ist der einzige adûnaische Satz überhaupt, dem ein Leser bereits erklärt begegnet — Narika 'nBari 'nAdun yanakhim, die Adler der Herren des Westens sind nahe. Weil die Rahmenerzählung im neuzeitlichen Oxford spielt, wird dieser Satz in einem College-Zimmer laut gesprochen, was Adûnaisch zur einzigen dieser Sprachen macht, in deren erfindenden Text eine Szene ihres eigenen Gebrauchs eingebaut ist.

Weil es oft anders angenommen wird, gehört es klar gesagt: Die bekannten Vorbilder gelten hier nicht. Hinter Quenya steht das Finnische und hinter Sindarin das Walisische; Adûnaisch hat weder das eine noch das andere. Auch sein Platz in der Geschichte war nie ganz entschieden. Tolkien blieb unschlüssig, ob die Rede der Menschen Númenors von der ursprünglichen Menschensprache abstammt oder vom Elbischen, und auf einer früheren Stufe der Konzeption sprachen die Númenórer Quenya, und es war Sauron — der alles Elbische hasste —, der sie die alte Menschensprache lehrte, die sie selbst vergessen hatten. Die Sprache, die wir haben, behielt ihre Gestalt; die Geschichte ihrer Herkunft wurde mehr als einmal neu geschrieben.